Der kafkaeske Philosophie­professor

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Adornos Philosophieren ist der Versuch, am deutschen Denken Rache für Auschwitz zu nehmen. Adorno erhebt Auschwitz zum kategorischen Imperativ: „Hitler hat den Menschen… einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen. Ihn diskursiv zu behandeln, wäre Frevel.“1

Adornos Meinung, praktisch ein Denkverbot, ist eine verständliche und entschuldbare Reaktion jenes desperaten Fragments des jüdischen Volksgeistes, das nach Auschwitz und nach Gründung des Staates Israel ausgerechnet in Deutschland, dem falschesten aller falschen Orte, sich festkrallt. Es ist die wildgewordene Diaspora, die kein historisches Existenzrecht mehr hat.

Für Adorno war Auschwitz das Unsägliche, das die Unvernunft der Geschichte beweisen soll, das man nicht begreifen soll. Für ihn „hat Auschwitz das Mißlingen der Kultur unwiderleglich bewiesen.2 Hätte Adorno recht, wären Gott und die Welt absurde Veranstaltungen, die Weltgeschichte kein gerechtes Weltgericht und der Weltmarkt keine erfolgreiche Weltrevolution – kurz, die deutschen Meisterdenker befänden sich allesamt im Irrtum.

Selbstverständlich ist das Gegenteil wahr und Auschwitz insbesondere belegt, daß die Vernunft in der Geschichte keine hilflose Phrase geblieben ist, sondern schärfster Voll­streckungs­mittel sich bedient hat. Die blutig-ernste Arbeit der geschichtlichen Vernunft besteht darin, die machthabenden Begriffe zu universeller Herrschaft zu bringen, und zwar in der durch ihr System designierten Folge.

Schon Hannah Arendt hat ausgeführt3, daß die Existenz­grundlage der Juden in Europa prekär wurde, seit die Staaten von den Dynastien an die Völker übergegangen sind und die Volks­souveränität zur herrschenden Kategorie geworden war.

Auschwitz war der Proto­typ des kafkaesken Gerichts. Das kafkaeske Gericht ist der Volksgeist, vornehmlich der Geist des niederen Volkes. Sein Urteil ist die historische Gerechtigkeit selber, daher immer unerbittlich. Das Schicksal des kafkaesken Individuums in den Mühlen dieser Art Gerichtsbarkeit ist immer das des lächerlichen Strebers und tragischen Ignoranten, der dem historischen Gesetz glaubt entkommen zu können, indem er sich den vermuteten Machthabern aufdrängt; dies Benehmen aber verrät Respekt­losigkeit und beschleunigt den Untergang. Das kafkaeske Individuum entlarvt sich als Verächter der Theorie, der meint, daß beeinflußbare Menschen über ihn herrschten, statt nichtmanipulierbare Kategorien.

Die Schuld des Bank­prokuristen Josef K. ist die Schuld des Versicherungs­juristen Franz Kafka: sein Dasein. Das Dasein in Prag war historische Schuld gegenüber dem Zionismus, also dem Nationalismus des Judentums, es war Respekt­losigkeit gegen den tschechischen und deutschen Nationalismus. Seit Beginn der zionistischen Bewegung war das Dasein eines jeden Juden, welches kein Dortsein in Palästina war, historische Schuld. Josef K. wird rechtens hingerichtet, weil er am falschen Ort ist: am Gerichtsort.

Auch Adorno ahnt, daß Auschwitz Vollzug historischer Gerechtigkeit war und der Verurteilte, der seinen Hinrichtungs­termin versäumte, nach Auschwitz nicht weiterleben dürfte wie bisher: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre: drastische Schuld des Verschonten. Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim wie der, daß er gar nicht mehr lebte, sondern 1944 vergast worden wäre, und seine ganze Existenz danach lediglich in der Einbildung führte, Emanation des irren Wunsches eines vor zwanzig Jahren Umgebrachten.“4

Wie der Tod allgemein so ist die Todesmetapher Auschwitz in besonderer Weise identitätsbildend: für das vorzionistische Judentum der Diaspora die Bestätigung, Gottes auserwähltes Volk zu sein, denn auserwählt ist das Opfer. Der Tod, ein Meister aus Deutschland (Celan), vollendet Identität nicht nur bei den Opfern, denen er die Auserwähltheit bestätigt, sondern auch bei den Tätern: nur der Tod aus Deutschland ist ein Meisterwerk, jede der vielen schlechten Auschwitz-Kopien seit dem zweiten Weltkrieg zeigt das.

Adornos Philosophieren bleibt rein destruktiv, in Hegels Sinne abstrakte statt bestimmte Negation; das Negative ist ihm das bloß Negative, nie auch das Positive. Adorno schreibt kein schlechtes Deutsch, aber ein grausames. Er bedient sich der deutschen Sprache, ohne ihr auch zu dienen. Sein philosophischer Angriff gilt dem Identitäts- und Systemdenken, also dem Geist der deutschen Sprache, dem das Ganze das Wahre ist. Adorno hingegen hält das Ganze für das Falsche, seine Philosopheme sind allesamt Kafka, in Gedanken gefaßt. Adornos Deutsch ist gefoltertes Deutsch. Solche Sprache kann nur noch leiden, aber nichts mehr leisten. Die systematische Leistung von Sprache überhaupt ist unter Anklage gesetzt und damit das Deutsche insbesondere schwer beschuldigt.

Verglichen mit Hegels „Logik“ und Marxens „Kapital“ ist Adornos „Negative Dialektik“ eine theoretische Nullität, die auf Auschwitz sich zu berufen nötig hat. Kein wissenschaftliches Problem, auch nicht das kleinste, wird darin gelöst. Keinen einzigen seiner großen Begriffe – Bewußtsein, Ideologie, Herrschaft etc. – kann Adorno theoretisch ableiten.

Adorno und Kafka schreiben ein Deutsch, aber denken und dichten jüdisch. Die Merkwürdigkeit, daß dieser Denker und dieser Dichter nach 1945 derart tief das deutsche Bewußtsein penetrieren konnten, erklärt sich von selbst, blickt man nur einmal auf die militärstrategische Lage Deutschlands. Das deutsche Volk ist ein Josef K., der kein Palästina, wohin er verschwinden könnte, im Hintergrund hat. Das deutsche Volk ist nach dem zweiten Weltkrieg in die Traditionsrolle des jüdischen Volkes gezwungen worden: die Auserwähltheit des Opfers, – wenn auch nicht als Gottes, so doch zumindest als des Kriegsgottes eigenes Volk. „The Germans to the front!“ braucht dabei garnicht mehr kommandiert zu werden – die Deutschen selber sind die Front.

Adornos alttestamentarische Vergeltung, sein Versuch, an der deutschen Philosophie Rache für Auschwitz zu nehmen, ist nur Vorzeichen der wirklichen Rache für Auschwitz, die den Deutschen von den Juden droht, deren Hand (von Kissinger bis Weinberger) stets mit am roten Telefon liegt. – Damit ist freilich die sensibelste Tabuzone des deutschen Bewußtseins berührt.

Bemerkenswerterweise gibt es eine (publizistisch hochgerüstete) Spielart des deutschen Rechtsnationalismus, die als Philosemitismus auftritt. Mit dem weitgehenden Verlust des Antisemitismus als gemeinschaftlichem Ressentiment der europäischen Völker gegen die orientalische Welt ist eine Schwächung des europäischen Selbstwertgefühls einhergegangen. Die Ächtung der wohlunterschiedenen Vorurteile zwischen Völkern und Kulturkreisen hat jegliche Art von Urteil rar werden lassen; es herrscht nur noch das eine und absolute Vorurteil, daß man keine Vorurteile haben soll. Unsere Klassiker hatten da freilich eine ganz andere und natürlich richtige Auffassung: „So jede zwo Nationen, deren Neigungen und Kreise der Glückseligkeit sich stoßen – man nennt’s Vorurteil! Pöbelei! eingeschränkten Nationalism! Das Vorurteil ist gut, zu seiner Zeit: denn es macht glücklich. Es drängt Völker zu ihrem Mittel-Punkte zusammen, macht sie fester auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger und also auch glückseliger in ihren Neigungen und Zwecken. Die unwissendste, vorurteilendste Nation ist in solchem Betracht oft die erste: das Zeitalter fremder Wunschwanderungen und ausländischer Hoffnungsfahrten ist schon Krankheit, Blähung, ungesunde Fülle, Ahnung des Todes!“5

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  1. Th.W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/M 1966, S. 356.
  2. AaO S. 357.
  3. H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/M 1955, passim.
  4. Adorno aa0 S. 353 f.
  5. J.G. Herder, Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, ed. Gadamer, Frankfurt/M 1967, S. 46.
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