Das Gesetz des Nomadentums

ro Ergänzungsschriften, Lehre vom Gemeinwesen, Schulungsschriften, Viertes Reich Kommentiere

Das Ge­setz, nach wel­chem die Moderne auf­ge­stie­gen und wie­der ab­ge­stie­gen ist, folgt der Lo­gik des No­ma­den­tums. Die­se Lo­gik – die No­ma­do­lo­gie – ist ei­ne Lo­gik der Ge­gen­ge­schich­te, ei­ne An­ti­his­to­rik. Die letz­te, sich stolz als ihr ei­ge­nes Pro­jekt pro­kla­mie­ren­de Mo­der­ne war ein Sieg des No­ma­den­tums über das Bau­ern­tum. Die­ser Zu­sam­men­hang, im Prin­zip seit ei­nem Jahr­hun­dert be­kannt, wird seit 1945 tot­ge­schwie­gen, weil ihn als ers­ter Adolf Wahr­mund, ein Klas­si­ker der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, in sei­nem Buch „Das Ge­setz des No­ma­den­th­ums und die heu­ti­ge Ju­den­herr­schaft“ von 1887 über­zeu­gend dar­ge­legt hat. Wahr­mund lie­fert dar­in ei­ne weit­hin plau­si­ble Er­schei­nungs­leh­re des No­ma­dis­mus in po­li­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und li­te­ra­ri­scher Hin­sicht. Sei­ne Schrift steht über dem Durch­schnitt der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, weil der Au­tor sein Schwer­ge­wicht auf den Be­griff des No­ma­dis­mus statt auf den des Se­mi­tis­mus oder Ju­da­is­mus legt. Das an­ti­se­mi­ti­sche Schrift­tum be­trach­tet in der Re­gel die mo­ra­li­sche Ver­werf­lich­keit der Ju­den vom Stand­punkt christ­li­cher und an­de­rer se­ßhaf­ter Völker, gibt aber kei­ne Dar­stel­lung der in­ne­ren Da­seins­rä­son ei­nes glo­bal um­her­schwei­fen­den ori­en­ta­li­schen No­ma­den­vol­kes aus den Ge­ge­ben­hei­ten die­ser Le­bens­wei­se.

Nomadismus und Moderne sind verschwistert. Modern ist alles, was beweglicher als früher ist ­kleiner, handlicher, leichter transportierbar. Die turanischen Viehnoma­den haben noch bis zum 13. Jahrhundert ihre Jurten auf Ochsenkarren gesetzt und befördert; danach wurde die leicht zerlegbare Scherengitter-Jurte eingeführt, deren Teile auf Zaumtiere gebunden werden und die den Ochsenkarren bäuerlicher Her­kunft überflüssig macht. Dadurch wurde der nomadisierende Stamm moderner, seine Bewegungen also leichter und schneller, die militärische Schlag­und Flieh­kraft größer. Die Literaturlage zum Problem des Viehnomadismus besagt, daß er eine bloße Sekundärerscheinung ist und keine eigene Entwicklungsstufe. Den Über­gang vom Jäger­und Sammlerdasein zum seßhaften Ackerbau nennt man neolithi­sche Revolution. Das Verhältnis des Nomadismus zum Ackerbau wäre folglich als „anti-neolithische Konterrevolution“ zu kennzeichnen. Als Jäger und Sammler sind die Menschen vorgeschichtlich, als Ackerbauern geschichtlich und als Nomaden ge­gengeschichtlich.

Die vor kurzem abgeschlagene Moderne dachte von 1789 und 1917 her endge­schichtlich und daher ebenfalls antihistorisch; sie war nicht der erste Nomaden­sturm, den Europa auszuhalten hatte, und sie wird nicht der letzte gewesen sein. Die symbolische Liquidierung von 2000 Jahren abendländischer Geschichte durch Wiedererrichtung des Judenstaates in Palästina war die größte Gegengeschichte, die die Welt gesehen hat. Bis zuletzt hat der Judenstaat versucht, den wiederaufge­nommenen Gang der Geschichte zu stoppen und die Einheit von West- und Mittel­deutschland zu verhindern. Die unmittelbare Aufgabe, vor der Europa jetzt wieder einmal steht, ist die Entsteppung und Entwüstung seiner alten Kulturlandschaften und die Auflösung der Massengesellschaft, d.h. die Rückverwandlung von Bevölke­rung in Volk.

Lo­gi­scher Ge­halt der jung­stein­zeit­li­chen Re­vo­lu­ti­on ist die Um­keh­rung ei­nes we­­sent­li­chen Ver­hält­nis­ses zwi­schen Mensch und Er­de. We­sent­li­ches Ver­hält­nis zwi­­schen Mensch und Er­de ist das Ar­beits­ver­hält­nis. Die Er­de als Gan­ze ist dem Men­­schen im­mer Her­stel­lungs­mit­tel. Im Ver­hält­nis zur mensch­li­chen Ar­beit kön­nen die Her­stel­lungs­mit­tel ent­we­der Ar­beits­ge­gen­stän­de oder Ar­beits­mit­tel sein. Die Er­d­o­ber­flä­che ist für den Jä­ger und Samm­ler Ar­beits­ge­gen­stand, dem er, als Er­geb­nis sei­nes Tuns, Beu­te und Fund ent­rei­ßt. Die Ar­beit liegt im Zer­tren­nen ei­nes na­tur­ge­­ge­be­nen Zu­sam­men­hangs, er ist ihr Ge­gen­stand. Die­ser Zu­sam­men­hang, die Er­de als Ar­beits­ge­gen­stand, be­steht für den Fi­scher wie für den Berg­mann. In der Jun­g­stein­zeit kehrt sich das Ver­hält­nis um, das mensch­li­che Ar­beit und Erd­ober­flä­che zu­ein­an­der ha­ben: Es voll­zieht sich die Ver­wand­lung der Er­de aus ei­nem Ar­beits­ge­­gen­stand in ein Ar­beits­mit­tel. Ih­re Lauf­bahn als Ar­beits­mit­tel be­ginnt die Er­de aber nicht in der Ge­stalt ei­nes ge­hand­hab­ten Werk­zeu­ges, son­dern als be­dien­te Ma­schi­­ne, als ein vor­ge­fun­de­ner und zu­nächst kaum ver­stan­de­ner Wirk­zu­sam­men­hang. Die neo­li­thi­sche Re­vo­lu­ti­on mün­det da­her auf zwang­lo­se Wei­se in die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, wel­che es end­lich schafft, im­mer mehr vor­han­de­ne Ma­schi­nen zu be­grei­fen und in zu­han­de­nen Ma­schi­nen ab­zu­bil­den.

Das Mittel, hat Hegel gesagt, ist würdiger als die endlichen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung es dient. Die Erde als Sammel-, Jagd­und Fischgrund sowie als mon­taner Ausbeutungsgegenstand ist schnell wieder vergessen, als Ackerboden hinge­gen gewinnt sie Wert und Würde. Der Acker ist der Boden der Geschichte und der Technik. In der Technik tritt uns die Geschichtsmächtigkeit des Ackers in frei be­weglicher Gestalt entgegen. Technik ist freie, zum Selbstzweck gewordene und da­her zum Leben erweckte Mittelhaftigkeit, sie ist die Würde des neuzeitlichen Men­schen. Technik ist das Gestelle, das die vorhandene Welt verstellt und eine dem Menschen zuhandene Welt erstellt. Technik ist nicht Natur, sondern nützliches Kunstwerk und damit Naturalform; sie ist naturalisierte Geschichte und humanisier­te Natur.

Technik und Macht sind eng verwandt. Als humanisierte Natur (Naturalform) ist Technik dinglich verwirklichte oder zeichenhaft dokumentierte Macht des Mittels, d.h. etwas Willenloses, das zu menschlichem Walten einlädt. Die Gewalt überhaupt ist Mittel schlechthin, weil niemand sie als Zweck setzt. Die Gewalt ist Gewalt und nicht Technik, weil sie durch den Zweck absolut vergewaltigt ist. Die Gewalt ist da­her völlig unfrei. Ferner ist die Gewalt gänzlich machtlos und zudem willenlos wie die Technik. Diese Unfreiheit und Machtlosigkeit der Gewalt ist eine Folge ihrer ab­soluten Zweckunterworfenheit, die nicht für die Technik gilt. In der Technik wird das Mittel frei, also Selbstzweck und damit lebendig. Leben als Selbstzweck ist aber schon der Acker, die vorhandene Maschine der neolithischen Revolution, dem die Technik entsprang.

Wille, Gewalt und Macht sind so verschwistert wie Technik und Macht. Wille ist set­zende Gewalt, Gewalt ist durchsetzender Wille, Macht ist durchgesetzter Wille und damit auch festgesetzte (sistierte) Gewalt. Macht ist nicht Besitz, sondern mögli­cher Besitz. Wer Macht besitzen will, will Möglichkeiten besitzen. In der Technik ha­ben die Menschen das zum Selbstzweck befreite Mittel schlechthin. Weil die Tech­nik, anders als die Gewalt, nicht bloßes Mittel ist, sondern das lebendige, freie Mit­tel, ist der technische Wille ein solcher zur reinen, willenlosen Macht, die sich durchsetzt mittels höherer, gewaltloser Gewalt: dem Zwang, der von den Sachen ausgeht.

Modernisierung ist Mobilisierung und daher Nomadisierung. Entnomadisierung ist Demobilisierung und neue, nachmoderne Verwurzelung. Wer neu verwurzeln will, muß die Methoden der Entwurzelung durchschaut haben. Adolf Wahrmund glaubte sie in den kapitalistischen Methoden der Mobilisierung allen Eigentums, besonders des Grundeigentums, zu erkennen. Er schlug dagegen ein Heimstättengesetz zum Schutze des Bauernstandes sowie „Sicherstellung eines eisernen Bestandtheiles des immobilen und mobilen Besitzes gegen Pfändung und Exekution“ (S.243) vor. Da es in den heutigen, spätkapitalistischen Ländern mehr Arbeitslose als Bauern gibt (und sogar mehr Studenten), sind alle Überlegungen zur Sicherstellung eines herkömmli­chen Standes vom Nomadensturm der Kapitalisierung überrollt. Vom Tiefpunkt der vollendeten Individualisierung aus kann der Neuaufbau einer ständischen Volksge­meinschaft nur radikal atomistisch beginnen und vom Personenstand des Einzelnen ausgehen. Der alte Ständestaat hat der modernen Entwurzelung nicht wehren kön­nen; der neue Ständestaat muß jeden Einzelnen in den Stand des unveräußerlichen Grundbesitzes setzen und die alten Geburtsstände in lebensgeschichtlich durchlau­fene Aufgabenstände verwandeln. So wie es vom berufsständischen Denken her immer noch selbstverständlich ist, daß ein Geselle über dem Lehrling steht, so muß wieder erkannt werden, daß ein Rekrut vom Aufgabenstand her einen höheren Rang hat als ein Wirtschaftsführer oder Reserveleutnant. Und wie der Kriegerstand über dem Wirtschaftsstand steht, so der geistige Mensch über dem Krieger. Der wirkliche Mensch kommt in die Lage, sich ernähren, verteidigen und ausrichten zu müssen; gelingt ihm das, gewinnt er in jeder dieser Lagen seinen Stand. Reine Wirtschaftsmenschen sind existentielle Krüppel wie bloße Intellektuelle oder Politi­ker.

Weide­und Viehwirtschaft ist die organische Ergänzung des seßhaften Ackerbaus. Der Hirt kann nur der Knecht des Bauern sein. Ein reaktionärer Umsturz („an­ti-neolithische Konterrevolution“) führt zur Freiheit des Knechtes, der aus seiner ei­genen Domestikation zusammen mit dem domestizierten Vieh, das er dem Bauern gestohlen hat, in die Verwilderung des Nomadenlebens flieht. Das Herr-Knecht-Verhältnis ist aufgehoben und durch das Hirt-Vieh-Verhältnis ersetzt, wobei Viehhaftigkeit nicht nur Tieren, sondern auch Menschen zukommt, von denen Hirten leben. Der Nomade steht nicht in einem menschlichen Verhältnis zur Natur, sondern in einem tierischen (symbiotischen) Verhältnis zum Vieh. Der Hirt lebt fast arbeitslos von seiner Herde (daher meist flötenspielend dargestellt), er ist angeeig­netes Organ der Herde: ihr Großhirn. Die Vermenschung der Herde ist nur um den Preis der Entmenschung der Erde zu haben. Dem Nomaden ist die Erde nicht mehr Mittel menschlicher Arbeit, nicht mehr vorhandene Maschine, die in Ehrfurcht und mit Sorgfalt bedient wird, sondern bloßer Gegenstand der Abweidung durch Freßau­tomaten, also durch Vieh. Die Erde ist dem Nomaden aber auch nicht Arbeitsge­genstand, sondern bloßer Energieträger, Viehfutter eben.

Der zum Nomaden emanzipierte Bauernknecht steht sittlich nicht nur tief unter dem Ackerbauern, sondern auch deutlich unter dem vorgeschichtlichen Menschen, dem Jäger, Sammler, Fischer und Bergmann. Weil der Nomadismus eine gegenge­schichtliche Bewegung, ist der scheinbare Aufstieg des Viehnomaden zum militä­risch-politischen Völkernomaden, der seßhafte Ackerbauern überfällt und ausraubt oder auf Dauer sich zu ihrem (theokratischen) Hirten aufschwingt, in Wahrheit der 1502weitere sittliche Abstieg des nomadisierenden Menschen. Der Völkernomade ist vom Viehhirten zum Vieh abgesunken. Denn die Völker, von denen er lebt, sind die Steppe, auf der er reitet, und die Früchte der Seßhaften, die er verzehrt, sind das Gras, das er frißt. Die nomadische Unterwerfung bäuerlicher Völker macht den sieg­reichen Nomaden zum Vieh, das abgrast. Diese Völkernomaden mögen sich Golde­ne Horde nennen oder auserwähltes Volk, ihre Selbstverviehung ist durch ihr ab­grasendes Verhalten in allen Lebensbereichen der heimgesuchten Völker gegeben, die dadurch versteppt und letztlich verwüstet werden, denn „einen Vorzug des Men­schen vor dem Vieh gibt es nicht“ (Pred. 3,19).

Der Hir­ten­stab Abra­hams und des Bi­schofs von Rom sind no­ma­di­sches Ur­sym­bol und ein­zi­ges, äu­ßerst pri­mi­ti­ves Ar­beits­mit­tel des Hir­ten. Die­ser Ste­cken und Stab des Vieh­hir­ten wie des See­len­hir­ten ist Macht­sym­bol der No­ma­den­herr­schaft, zu­gleich ein In­diz für die Staats­theo­rie des ara­bi­schen Ge­schichts­schrei­bers Ibn Khal­dun (1332­1406), der die Rei­che aus no­ma­di­scher Er­obe­rung ent­ste­hen sah. Die Mas­sen­me­di­en sind die mo­der­nen Hir­ten­stä­be elek­tro­nisch ge­steu­er­ter Men­­schen­her­den. Nicht nur die Hir­ten­stä­be ent­wi­ckel­ten sich seit dem bau­ern­feind­li­chen Um­sturz der an­ti-neo­li­thi­schen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on, auch die ideo­lo­gi­sche Rech­t­­fer­ti­gung der no­ma­di­schen Welt­zer­stö­rung hat sich mo­der­ni­siert. Mu­ß­te man einst noch die Uhr im Pra­ger Ju­den­ghet­to rück­wärts lau­fen las­sen, um das ge­gen­ge­­schicht­li­che Ziel des No­ma­dis­mus, das in der Tat ort­los, al­so uto­pisch ist, zu ver­an­­schau­li­chen, so hat der Pro­fes­sor Ein­stein mit sei­ner Re­la­ti­vi­tät von Raum und Zeit die­ses Ideo­lo­gem in ei­ne viel ele­gan­te­re For­mel ge­bracht, und der Pro­fes­sor Freud hat gar das Un­be­wu­ß­te dem Reich der No­ma­den un­ter­wor­fen, in­dem er den Va­ter­­mord (= Bau­ern­mord) der re­bel­li­schen Brü­der­hor­de (= Hü­te­jun­gen) als ge­mein­­men­sch­li­ches Ver­hal­ten be­haup­te­te.

Das „lie­be Vieh“ des Bau­ern, das do­mes­ti­ziert ist, ver­wil­dert un­ter dem Ste­cken und Stab des No­ma­den, der es ent­do­mes­ti­ziert und ver­her­det. Die Ent­wick­lung des No­ma­dis­mus ist nicht nur Mo­der­ni­sie­rung von Hir­ten­stab und Hir­ten­ideo­lo­gie, son­­dern auch die Her­den wer­den im­mer be­weg­li­cher: erst dum­mes Vieh, dann klu­ge un­glück­li­che Völ­ker, schlie­ß­lich Wa­ren­mas­sen, Geld­her­den, Ka­pi­tal­strö­me, Ar­beits­­mi­gran­ten und In­for­ma­ti­ons­flu­ten. Ka­pi­ta­lis­mus ist Ver­her­dung des Ka­pi­tals, und So­zia­lis­mus ist Ver­her­dung der Ar­beits­kräf­te; bei­de Sys­te­me be­ha­gen dem No­ma­­den. Und in bei­den Sys­te­men hat die Fi­gur des Kopf­no­ma­den bes­te Aus­brei­tungs­­­mög­lich­kei­ten. Der Kopf des Men­schen wird von sei­nem Kör­per, auf dem er thront, er­nährt. Je­des ent­wi­ckel­te Volk leis­tet sich für sei­ne all­ge­mei­nen An­ge­le­gen­hei­ten ei­ne be­stimm­te Zahl von Köp­fen in Ge­stalt be­son­ders qua­li­fi­zier­ter Fach­und Füh­­rungs­kräf­te. Die Ab­wei­dung die­ser lei­ten­den Stel­lun­gen durch In­tel­li­genz­no­ma­den fremd­völ­ki­scher Her­kunft wirkt auf das heim­ge­such­te Volk wie ein Hirn­tu­mor. Ra­ti­o­na­lis­mus und Auf­klä­rung sind das Le­bens­ele­ment des In­tel­li­genz­no­ma­den, die Ver­vie­hung des Wis­sens und die Ver­her­dung der Wis­sen­schaft­ler im Wis­sen­schafts­­­be­trieb der Mo­der­ne, die­ser geis­ti­gen Wüs­te, sind das Er­geb­nis des kopf­no­ma­di­­schen Be­falls.

Häu­fig wird die Fra­ge ge­stellt: Wo­her stammt der mo­der­ne Dua­lis­mus, der die ob­jek­ti­ve Na­tur und die mensch­li­chen Din­ge von­ein­an­der trennt? Die Ant­wort lau­tet, daß die­ser Dua­lis­mus aus der Mo­der­ne stammt, und die­se aus dem Tri­umph des No­ma­den. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist we­ni­ger als ein blo­ßer Ge­gen­stand der Er­kennt­nis, denn das ist sie schon dem vor­ge­schicht­li­chen Men­­schen. Die wis­sen­schaft­lich-mo­der­ni­sier­te Na­tur ist nicht ob­jek­ti­viert, son­dern res­­sour­ci­siert. Sie ist Fut­ter­re­ser­voir von in­for­ma­ti­ons­fres­sen­den Wis­sen­schaft­ler­her­­den ge­wor­den, die Schaft­ler­wis­sen aus­schei­den. Die­se mo­der­ne Na­tur ist ent­­­menscht, weil der Mensch kein mensch­li­ches Ver­hält­nis, kein Her­r­-K­necht-Ver­hält­nis zu ihr hat, nicht mehr ihr Knecht ist, der sie be­dient, son­dern der No­ma­de, der sie raz­zi­iert. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist nicht Ge­­gen­stand der Er­kennt­nis, son­dern Roh­stoff in­for­ma­ti­ons­fres­sen­der Au­to­ma­ten. We­­der der Hirt noch sei­ne Her­de kann je­mals Herr der Na­tur wer­den; ein mensch­li­ches und da­her hilf­rei­ches Ver­hält­nis kann die Na­tur nur zu ih­rem Knecht ge­win­nen, der weiß, daß sie im­mer ei­ne vor­han­de­ne Ma­schi­ne blei­ben wird, die in De­mut zu be­­die­nen ist.

Der christ­li­che Glau­be hat der Ge­fähr­dung des Abend­lan­des durch das No­ma­den­­tum zwei Jahr­tau­sen­de lang Vor­schub ge­leis­tet. Im Chris­ten­tum sind die Sym­bo­lik der Macht­in­si­gni­en, die Me­ta­pho­rik der Spra­che und die Fak­ti­zi­tä­ten der Of­fen­ba­­rung bis heu­te no­ma­disch. Die Bi­bel war die gro­ße Pro­pa­gan­da­schrift der no­ma­di­­schen Le­bens­wei­se, aber die Evan­ge­li­en ent­hal­ten die Be­schrei­bung ei­nes be­deu­­ten­den Pro­tes­tes ge­gen die Mo­ral des No­ma­dis­mus. Die­ses Auf­be­geh­ren bleibt, wie je­der Pro­tes­tan­tis­mus, zu­gleich ge­bun­den an den Ge­gen­stand sei­ner Ab­scheu. Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Hes­sen und Nas­sau be­kennt sich so­gar aus­drück­lich zum Ju­­da­is­mus. „Um­kehr und neue Ein­sicht ver­pflich­ten die Kir­che zu be­zeu­gen, daß die blei­ben­de Er­wäh­lung der Ju­den und Got­tes Bund mit ih­nen Wur­zel des christ­li­chen Glau­bens ist.“ (FR, 23.5.91) Die Bi­bel pro­pa­giert den No­ma­dis­mus und ist zu­gleich das un­über­trof­fe­ne Lehr­buch des An­ti­se­mi­tis­mus für al­le se­ßhaf­ten, bäu­er­lich ge­­präg­ten Völ­ker.

Es beginnt mit dem Sündenfall. Zum Essen vom Baume der Erkenntnis werden die ersten Menschen durch ein Tier verlockt, das auf der Erde kriecht. Danach fangen sie sofort zu produzieren an, naheliegenderweise Kleidung. Vom Nomadengott Jah­we (Herrn Zebaoth) wird die arme Schlange daraufhin „verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde“ (Gen 3,14). Der Acker wird verflucht, soll dem ar­men Bauern Mühsal bereiten sein Leben lang und trotzdem nur Dornen und Disteln tragen (Gen 3,17). Kain, Evas Erstgeborener, wird Ackermann, Kains jüngerer Bru­der (und damit sein Knecht) Abel dagegen Schäfer, also Kains Hirtenjunge. Was von nomadenfreundlichen Theologen als Kains Brudermord gelesen wird, ist vom bäuerlichen Standpunkt aus Abels Rebellion und Hinrichtung. Der Schäfer Abel durchbricht das Vorrecht des Bauern Kain, Gott zu opfern von den Früchten des Feldes, mit dem blutigen Opfer eines seinem Bruder und Vorgesetzten gestohlenen Tieres, wobei die Nomadenbibel nun sogleich auch noch behauptet, daß dieses Die­besgut ein gottgefälligeres Opfer sei als die im Schweiße von Kains Angesicht er­zeugten Feldfrüchte. Abels Hinrichtung ist Vorwand zur erneuten Verfluchung des Bauern und seines Ackers durch den Nomadengott Jahwe. Die Vertreibung und Flucht des Bauern wird angekündigt und wahr gemacht (Gen 4,11-16). Gleichwohl wird in Genesis 4,20-21 attestiert, daß Viehnomaden und Flötenspieler Kains Nach­kommen sind.

Ur­vä­ter des jü­di­schen No­ma­den­vol­kes sind Abra­ham, Isaak, Ja­kob und Jo­seph. Von Abra­ham an ha­ben sie nicht nur Vieh­no­ma­dis­mus ge­trie­ben, son­dern im gro­ßen Um­fang or­ga­ni­sier­tes Ver­bre­chen. Der Pa­te ist Jah­we. Als Abra­ham in des­sen Or­ga­­ni­sa­ti­on, den „Bun­d“, auf­ge­nom­men wird, in­dem er be­weist, daß er für den Chef sei­nen ein­zi­gen Sohn Isaak schlach­ten wür­de (Gen 22,2-17), ist Abra­ham schon be­währ­ter (be­trü­ge­ri­scher) Zu­häl­ter sei­ner Frau Sa­rah und er­folg­rei­cher Er­pres­ser von Kö­ni­gen (Gen 12,10-20; Gen 20). Jah­we ver­hei­ßt Abra­ham (ali­as Ab­ram) nicht nur ein­fach das ge­lob­te Land zwi­schen Nil und Eu­phrat als Vieh­wei­de, son­dern als Völ­ker­step­pe mit zehn na­ment­lich ge­nann­ten Völ­kern zur Ab­wei­dung (Gen 15, 18-21). Der jü­di­sche Fried­hof schlie­ß­lich, den Abra­ham im Land Ka­na­an er­wirbt, dient nicht, wie die arg­lo­sen He­thi­ter mei­nen, der Pie­tät für sei­ne ver­stor­be­ne Frau Sa­rah, son­dern als Ziel­mar­kie­rung der künf­ti­gen Er­obe­rung Ka­na­ans (Gen 23). Da­her kommt es, daß ra­bia­te An­ti­se­mi­ten so gern jü­di­sche Fried­hö­fe zer­stö­ren.

Bei Isaaks beiden Söhnen Esau und Jakob, den Enkeln des Zuhälters Abraham, wird die Familiengeschichte theologisch wieder interessant, denn der Nomadengott Jah­we kündigt Isaaks Frau Rebekka an: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweier­lei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen über­legen sein, und der Ältere wird dem jüngeren dienen.“ (Gen 25,23) Esau, der Erst­geborene, wird Jäger, Jakob, der Nachgeborene, „blieb bei den Zelten“ (Gen 25,27) und damit Nomade. Jakob (das bedeutet: der Hinterlistige) stiehlt seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen (Gen 27,36), der auch besser als zum rauhen Jäger Esau zu dem glatten Nomaden Jakob paßt, dem segensreich verheißen wird: „Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.“ (Gen 27,29) Dies ist das Ausbeutungsgebot des Völkernomaden.

Inzwischen war Isaak zu Abimelech, dem König der Philister, gezogen und betrog ihn auf die gleiche Weise wie sein Vater Abraham: er gab seine Frau als seine Schwester aus; Zuhälterei mit anschließender moralischer Erpressung bleibt also Spezialität der Familie, die auf diese Weise reich und mächtig wird, so mächtig, daß die Philister sie schließlich ausweisen und König Abimelech danach noch einen Rückversicherungsvertrag mit dem Nomadenstamm für ratsam hält (Gen 26).

Stammhalter Jakob betrügt seinen Schwiegervater, den Aramäer Laban, und wird „über die Maßen reich“ (Gen 30.31). Nach geglückter Flucht empfiehlt sich ein neu­er Name. „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel“, sagt der oberste, diesmal inkognito bleibende Chef der Organisation, bevor Israel (alias Jakob) als sein bester Mann von dannen humpelt (Gen 32,29-33), um mit seiner Mischpoche das Blutbad von Sichem (Gen 34) anzurichten. Nicht umsonst sieht bäuerliche Vor­stellung den Teufel als hinkendes Mischwesen aus Ziegenbock und Mensch.

In den Jahren 1730 bis 1580 v. Chr. halten semitische Stämme aus Syrien und Pa­lästina Ägypten besetzt. Sie nennen sich Hyksos, Beherrscher fremder Länder. In dieser Zeit der Fremdherrschaft wird Josef, Jakobs Lieblingssohn, von seinen Brü­dern nach Ägypten verkauft, wo er zum höchsten Funktionär des Fremdherrschers aufsteigt. Josef wird der erste jüdische Kommunist: er erfindet die Zentralverwal­tungswirtschaft und damit die allgemeine reale Staatssklaverei, also die Gesamt­enteignung des Volkes von Geld, Vieh, Land und Leib mittels mehrjähriger Hun­gersnot (Gen 47,13-26). Aus der Befreiung Ägyptens von Fremdherrschaft folgt der Exodus des jüdischen Hilfsvolkes.

Im fünften Buch Moses, dem Deuteronomium, offenbart sich die ganze Wahrheit des Nomadismus in ihrer strengsten Konsequenz: dem Völkermordgebot. So wie der Viehnomade seine Böcke und Schafe nicht nur friedlich-flötenspielend hütet, sondern ­alles hat seine Zeit ­auch melkt, schert und schlachtet, so darf selbst­verständlich auch der Völkerhirt die ihm anheimgegebenen Völker schlachten, also jeden Mann, jede Frau und jedes Kind töten: dies ist der „Bann“ der Nomadenbibel, das Völkermordgebot1 das gelegentlich, wenn Völkerherden den Viehherden bloß Platz machen müssen, damit Acker in Viehweide verwandelt werden kann, zum Ver­treibungsgebot2 abgemildert ist.

Die religiöse Verehrung des Völkermordes ist die niederste Form des Absoluten, nämlich das absolute Böse in einem realmetaphysischen Sinne. Es existiert in der Geschichte als geschichtszerstörende Kraft. Diese Kraft ist bei Kant „das radikal Bö­se in der menschlichen Natur“ als Freiheit, die sich vom kategorischen Imperativ emanzipiert hat. Zu Kants Zeiten war das absolute Böse als deuteronomistisches Völkermordgebot der mosaischen Religion, das damals sich in Frankreich im terreur austobte, bekannter als heute, weil man noch die Bibel las; heute ist das Absolute Böse in passiver Form als Holocaust-Kult im Umlauf, der seine Glaubwürdigkeit beim auserwählten Volk aus dem Wissen um die Grundform des aktiven Völker­mordgebotes bezieht, das im fünften Buch Moses nur gelegentlich zum Vertrei­bungsgebot abgemildert ist.

Das Böseste, das wir uns vorstellen können, ist Völkermord. Aber das absolute Böse geht darüber noch hinaus: es ist jenes Böse, das böser nicht gedacht werden kann. Und Böseres als das mosaische Völkermordgebot, das bei Mitleid oder sonstiger un­vollständiger Ausführung sein auserwähltes Volk selber mit Vertreibung und Völ­kermord bedroht3, kann von Menschen nicht erdacht werden.

Vor diesem geistigen Hintergrund ist alle Judenverfolgung tätige Beihilfe zur mosai­schen Religionspropaganda, der sich Adolf Hitler (als Vierteljude verdächtigt) zwei­felsfrei schuldig gemacht hat. Die Judenfrage zum Rasseproblem zu erklären, ver­harmlost das absolut Böse, eine Erscheinung der Freiheit des menschlichen Geistes, zum biotechnisch lösbaren Problem. Viel grundsätzlicher ist in seiner berühmten Abhandlung „Zur Judenfrage“ von 1843 der reinrassige Semit Karl Marx das Prob­lem angegangen, in der er die Verschacherung der Welt durch die bürgerliche Ge­sellschaft als Selbstverjudung der Christen anprangert. Die Judenfrage ist hier Kritik des verabsolutierten Gesellschaftsprinzips, also der Moderne schlechthin, und an­sonsten eine unreife Fassung der Kapitalismus-Frage.

Das Absolute Böse ist der Beitrag des Nomadentums zur Geistesgeschichte der Menschheit. Damit ist auch das Urteil über die Sittlichkeit der Moderne als dem Sys­tem der Beweglichkeit gefällt, denn das Absolute Böse ist nichts anderes als die ab­solute Beweglichkeit in allen ethischen Fragen.

* * *

aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618

Zeige 3 Fußnoten

  1. Da nahmen wir … alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrigbleiben. Nur das Vieh raubten wir für uns …. “ (5. Mose 2,34) „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er aus­rottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Je­busiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir da­hingibt, daß du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben …. “ (7,1-2) „Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird.“ (7,16) „Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander.“ (7,22)
  2. „Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übriglaßt, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Lande, in dem ihr wohnt.“ (4. Mose 33,55)
  3. „Und nur wenige werden übrigbleiben von euch, die ihr zuvor zahlreich gewesen seid wie die Sterne am Himmel, weil du nicht gehorcht hast der Stimme des HERRN, deines Gottes. Und wie sich der HERR zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen, und ihr werdet herausgerissen werden aus dem Lande, in das du jetzt ziehst, es einzunehmen. (5. Mose 28,62-63
image_pdfimage_print
FavoriteLoadingZur Leseliste hinzufügen