Die Wertrevolution des Kapitals

  1. Das kapitalistische System ist von Beginn an ein Revolutionssystem. Jede Revolution ist die Umkehrung wesentlicher Verhältnisse im Gemeinwesen derart, daß neue und höherstehende Verhältnisse wesensbestimmend werden. Führt die Umkehrung zu alten und tieferstehenden sozialen Verhältnissen, dann liegt eine Konterrevolution vor. Es geschieht aber auch, daß Kräfte, die sich als Revolutionäre verstehen und versuchen, eine Revolution zustande zu bringen, aufgrund der ideologischen Verkürzungen ihrer Theorie und der Primitivität der vorhandenen materiellen Bedingungen nur eine Konterrevolution bewerkstelligen. Dies passierte den russischen Bolschewisten.
  2. Revolutionen im Kapitalismus betreffen die naturale oder die soziable Seite des Gemeinwesens, sie sind technischer oder sozialer Natur. Die ganze reelle Unterordnung der Produktion unter das Kapitalverhältnis besteht aus einer Reihe von technischen Revolutionen der Produktionsprozesse – ausgehend von einfacher Kooperation angeheuerter Massen von Arbeitern über deren Formen von Arbeitsteilung (heterogene und organische), Ausdifferenzierung der Werkzeuge, deren Kombination in der Werkzeugmaschine, die Weiterentwicklung der Werkzeugmaschine zur Kraft- und zur Kraftübertragungsmaschine, eine Geschichte technischer Revolutionen, die gegenwärtig bei der vollautomatisierten (arbeitsersetzenden) Fabrik als Normalform der Produktion angelangt ist und in die Robotik (den Arbeiterersatz) und in die Miniaturisierung bis zur Nanotechnik weiterläuft. Alle diese Prozeßinnovationen waren von Produktneuerungen begleitet, viele davon sog. Killerapplikationen, die sozialstrukturelle Umwälzungen zur Folge hatten und ganze Industrien verschwinden ließen. Diese sozialen Umkehrungen als Folge von technischen Revolutionen waren Revolutionen im Kapitalismus, aber keine Revolution gegen den Kapitalismus und über ihn hinaus.
  3. Auch die Verwertungskrisen des Kapitals, die periodisch auftreten und insgesamt zu Wertrevolutionen von Waren, Geldern und Kapitalien führen, sind Krisen im Kapitalismus und keine gegen ihn. Sie wirken wie Verjüngungskuren des Kapitals: ein großes gesellschaftliches Gesamtkapital wird mehr oder weniger stark verkleinert. Diese Verkleinerung ist dann zugleich eine Verjüngung, wenn die Profitmasse innerhalb gewisser Toleranzen gleich bleibt. Folglich fällt die konstante gesellschaftliche Masse des Gesamtprofits auf ein verkleinertes Gesamtkapital mit der Folge einer vergrößerten Rate des Profits. Das gesellschaftliche Gesamtkapital ist nicht nur verkleinert worden, sondern findet sich wahrhaft verjüngt wieder, weil es auch profitabler wurde und am Markt ein jugendliches Verhalten zeigt, lebhafter und unternehmungslustiger agiert.
  4. Für seine wiedergewonnene Wertabschöpfungskraft muß das gesellschaftliche Gesamtkapital den Preis einer teilweisen Selbstvernichtung entrichten. Dieses war in der Weltwirtschaftskrise von 1929-33 so und ist in der Globalwirtschaftskrise von 2008 ff. nicht anders. Der Unterschied ist nur, daß es damals noch mehr Welthaltigkeit und weniger Globalität gab. Der unmittelbare Auslöser der Wertrevolution des Kapitals ist selbstverständlich der Fall der allgemeinen Profitrate, der aus einer immer vorhandenen Tendenz zu einer akuten Realität wird. Diese Verwertungskrise des Kapitals ist die Eröffnungsphase seiner Wertrevolution. Zu den unmittelbarsten Folgen des Krisenbeginns gehört die sog. Deflation, also der Wertverfall und damit die Preissenkung der Waren und Dienstleistungen. Dies entfernt eine Reihe von Produzenten aus dem Markt und das führt zur sog. Inflation, also erneuten Preissteigerungen, die um so dramatischer ausfallen, je rabiater der Schnitt am gesellschaftlichen Gesamtkapital war. Der Konkurrenzkampf der Kapitalien in der Krise wird in erster Linie darum geführt, welche Einzelkapitalien mit der Vernichtung ihrer Existenz die Verkleinerung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals bewirken müssen.
  5. Ein Unterschied der Weltwirtschaftskrise 1929 von der Globalwirtschaftskrise 2008 besteht in Hinsicht auf die Modalabteilungen des Gesamtkapitals darin, daß die Krise damals als Börsenkrise, also im Handel mit Aktien, mit Anteilen an Realkapitalien, begann, diesmal aber mit dem Zusammenbruch oder der Verstaatlichung von Immobilienbanken eröffnete, die mit Fiktivkapitalien, also mit den bloß vorgestellten Marktwerten von Grundstücken, handeln. Darin spiegelt sich der Geist der Globalisierung als totalitäre Zerstörung der Welt und des Weltmarktes wider und von der technischen Seite her die Virtualität, auf die das globalisierende Wirtschaften als totalitäre Verabsolutierung der Freihandelsdoktrin sich stützt.
  6. Der ununterbrochene Strom der Einwanderung von Arbeitskräften war die Grundbedingung für die riesige Immobilien-Spekulationsblase, deren schließliches Platzen die gegenwärtige Globalkrise ausgelöst hat. Ein aggressiver Immigrationismus der Herrschenden, der jede Fremdenfeindlichkeit der Einheimischen streng unterdrückt hat, um als Folge der Einwanderung die permanenten Steigerungen der Immobilienpreise aufrechtzuerhalten, bildete die Grundlage der ganzen Kreditaufblähung. Die ging so weit, daß sie selbst Konsumkredite für eigenkapitallose amerikanische Hauserwerber einschloß. Alle Staaten, die zu den Gewinnern der Globalisierung gehören wollten, stützten ihre Konjunkturförderung auf das Fiktivkapital der ständig steigenden Immobilienpreise. Deren Kehrseite ist aber
    • der nachhaltige Kaufkraft- und Wohlstandsverlust für die proletarischen und subproletarischen Schichten einschließlich der mittleren Einkommensschichten dank steigender Wohnungsmieten und Hauspreise und
    • die Lohnsenkungen an den Immigrations-Arbeitsmärkten wegen ständig steigendem Arbeitskräfte-Angebot.

    Beide Folgen der durch Fiktivkapital gestützten Kreditüberdehnung beschleunigen die Tendenz zur Verelendung im Kapitalismus ungemein. Das Spekulantentum, die Wechselreiterei und der altbekannt Leibhaftige, der schachert und wuchert bis zum Pogrom, machen die kapitalistische Produktionsweise elend und schießen sie sturmreif. Zusammen verstärken sie die grundlegende Ursache aller kapitalistischen Krisen, nämlich den Gegensatz zwischen der gewachsenen Produktivkraft und der Konsumbeschränkung der Massen. Das Produktionsverhältnis wird von seinen irregulären Zirkulationsverhältnissen zunehmend gedrosselt und irgendwann auch erdrosselt.

  7. Es gibt kein Marktversagen. Die Krise ist der Beweis, daß der Markt funktioniert. Gleichwohl gibt es ein großes Verbrechen der Marktideologen, die Wirtschaft überhaupt als Marktwirtschaft zu bestimmen oder deren vollständige Durchsetzung in der sozialen Wirklichkeit zu verlangen, denn das ist die Aufforderung zum Selbstmord der Völker. Völker an sich sind schon immer eine Eigenwirtschaft und werden es bleiben. Den Markt, so sehr er sich auch marktschreierisch in den Vordergrund drängen mag, brauchen die Völker und ihre Eigenwirtschaften nur zur Ausgleichung von Überschüssen und Unterschüssen. Der Kern jeder Wirtschaft ist Eigenwirtschaft, die eine Marktwirtschaft als Hülle oder Rand oder Spielbein betreibt. Die gegenwärtige Globalwirtschaftskrise ist auch eine globale Ideologiekrise, die die falschen Begriffe der liberalistischen Vulgärökonomen zum Vorschein bringt.
  8. Der Finanzsektor ist keine Finanzindustrie, denn er produziert nichts. Daher kann es auch keine Finanzprodukte geben. Eine allgemeine Verteuerung der Waren und Dienstleistungen ist keine Inflation und ein Nachgeben der Preise auf breiter Front keine Deflation. Inflation ist die Vermehrung einer nicht goldgedeckten Währung bei gleichbleibendem Umfang der marktwirtschaftlichen Produktionen und Zirkulationen, Deflation ihre Verminderung. Eine Kapitalsammelstelle ist keine Investmentbank, weil keine Bank. Ein Bankkapital ist die Vereinigung von Geldhandlungskapital mit zinstragendem Kapital, seine Kernoperation die Verwandlung von zur Aufbewahrung eingesammeltem Geld in ausleihbares Kapital. Vereinigt sich diese Metamorphose von Geld in Kapital mit industriellem Kapital, kann man von Finanzkapital sprechen. Die Verschmelzung von Finanzkapital mit dem fiktiven Immobilkapital oder dem ebenso fiktiven Kapital, das im Preis von Staatsschuldpapieren steckt, bringt ein echtes Monopolkapital hervor, das auch im großen Stil Krieg führen kann, z.B. in Afghanistan oder im Irak.
  9. Die Globalwirtschaftskrise wird sich zur globalen Politik- und Ideologiekrise ausweiten. In deren Gefolge wird es den Völkern als den Subjekten der Geschichte und insbesondere der Revolutionen hoffentlich gelingen, den Kapitalismus und alle anderen Ausbeutungssysteme zu überwinden. Wünschenswert wäre die rasche vollständige Zerschlagung der totalitären Ideologie der Globalisierung und die Rückkehr zur Welthaltigkeit der sozialen Systeme. Die Weltwirtschaft ist das organische System der Nationalökonomien aller Völker.
  10. Es gibt im Gange der ökonomischen Gesellschaftsformationen keine plötzliche Gesamtbeseitigung der veralteten Gestalt durch die neue, sondern nur die schubweise Marginalisierung der antiquierten Form. Die Wertrevolutionen des Kapitals sind nicht die endgültige Weltrevolution gegen das Kapital. Letztere ist bei ihrem ersten unreifen Versuch von 1933-45 der vereinigten militärischen Konterrevolution der kapitalistischen und kommunistischen Mächte zum Opfer gefallen. Aber solch grundstürzende Revolution muß wiederholt werden, damit die Menschheit nicht den falschen Eindruck behält, dies sei bloß ein historischer Zufall gewesen.




Arbeitslose Einkommen

Ein Gemein­wesen, in welchem kapital­istische Pro­duktions­weise herrscht, ist um so entwickelter und der Selbst­entmachtung des Kapitals näher, je geringer der Anteil der produktiven Be­völkerung an der Gesamt­bevölkerung. In der BRD gibt es noch ca. 10,5 Millionen Be­schäftigte im produzierenden Ge­werbe, also der güter­herstel­lenden Industrie. Im Deutschen Volke bildet die Klasse der produktiven Lohn­arbeiter nicht mehr die Mehr­heit. Mit der Arbeiter­klasse allein läßt sich sowenig eine Mehr­heit erringen wie mit der Kapitalisten­klasse, die sich ihrerseits mehr­heitlich von Unternehmer­kapitalisten in reine Geld­kapitalisten und Aktionäre, letztere wieder mehrheitlich in Derivat­spekulanten verwandelt hat. War schon der Gewinn der Unter­nehmer (nicht zu ver­wechseln mit der einfachen Ent­lohnung von Leitungs­tätigkeiten) und der Kapital­zins der Geld­kapitalisten arbeits­loses Ein­kommen, so ist dies erst recht der Spe­kulations­gewinn des Aktien- und Derivat­spekulanten.

Der Unternehmer als Leitungsarbeiter ist Lohnarbeiter, der Unternehmer als Kapitalist (Kapitaleigner) ist Arbeitsloser und bezieht arbeitsloses Einkommen in Gestalt des Mehrwertes, bezogen auf das Gesamtkapital den Profit. Alle Einkommen, die sich aus dem Profit ableiten – Gewinne, Zinsen, Dividenden, Grundrenten, Bodenpreise, Bank- und Einlegerzinsen, Monopolprofite –, sind arbeitslose Einkommen. Kapitalisten wie Grundeigentümer als solche sind Arbeitslose. Arbeiter als produktive, als Wert- und Mehrwertschöpfer, sind einerseits die produktionsmittellosen Lohnarbeiter des Kapitals und andrerseits der Mittelstand, also die produktionsmittelbesitzenden Arbeiter. Im Mittelstand sind Lohnarbeiter (auch Lohnunternehmer oder Dienstleister) und einfache Warenproduzenten zu unterscheiden. Der Lohnarbeiter als Knecht des Kapitals ist nur ein scheinbarer, dem eben nicht seine Arbeit, sondern nur seine Arbeitskraft bezahlt wird, um unbezahlte Mehrarbeit als Grundlage von Mehrwert, Profit, Zins usw. und damit den ganzen kapitalistischen Verwertungsprozeß zu ermöglichen.

Kapitalist und Grundeigentümer können nur Pleite machen, aber nicht arbeitslos werden, weil sie bereits arbeitslos waren und arbeitsloses Einkommen bezogen. Die Pleite ist nur der Wegfall eines Einkommens, und wenn keine andere Einkommensquelle existiert, macht die Pleite den Pleitier einkommenslos. Mittelständler werden mit der Pleite einkommens- und arbeitslos. Die proletarischen Lohnarbeiter des Kapitals hingegen können auch ohne Pleite des Arbeitgebers arbeitslos werden und sind – insofern im Gemeinwesen entsprechende Fürsorge besteht – mit arbeitslosem Einkommen zu versorgen. Sie sind dann der lebende Widerspruch des arbeitslosen Arbeiters, der die Formel Arbeiter minus Arbeit gleich Arbeitskraft erfüllt. Diese Art Arbeitskraft ist nicht mehr wie beim Mittelständler oder auch beim Unternehmer in substantieller Einheit mit den Bedingungen und Mitteln ihrer Verausgabung vorhanden, auch nicht mehr in einer vertraglichen Symbiose mit fremden Produktionsmitteln wie der proletarische Arbeiter, der in Lohn und Brot steht, sondern ist Arbeitskraft an und für sich. Ihr historisches Wesen ist postkapitalistisch und nachproletarisch zugleich.

Die nackte, entproletarisierte Arbeitskraft, emanzipiert aus dem Verhältnis der Ausbeutung, ist die Elementarform des sozialistischen Gemeinwesens, nicht im Sinne der antikapitalistischen Konterrevolution Lenins, der die asiatische Produktionsweise auf großindustrieller Basis wiedererrichtet hatte, sondern im Sinne des regierenden Faktors (qua Nichtproduktionsfaktors) unter der nicht mehr sozialdemokratisch-gewerkschaftlich einzufangenden Bedingung der arbeitslosen Produktion, unter der die vollautomatische Fabrik zur Regel in der Güterherstellung wie in der Zirkulation geworden ist. Die organische Zusammensetzung des Kapitals geht gegen eins, es wird hauptsächlich Sachkapital und nur noch wenig Humankapital benötigt. Die Mehrheitsklasse in der bürgerlichen Gesellschaft des Deutschen Volkes bilden heute schon die arbeitslosen Arbeitskräfte. Sie sind die Entsprechung zur arbeitslosen Produktion und Zirkulation in den automatischen Fabriken und Verkaufshallen. Produktionsmittellose Arbeit ist die vorläufige Beschäftigung der aus der arbeitslosen Produktion freigesetzten Arbeitskraft. Ihre erste allgemeine Forderung als neue, zur Macht drängende Mehrheitsklasse geht auf ein Grundeinkommen als Naturalsteuer auf das Gesamtprodukt der Vollautomation im Reiche der Notwendigkeit. Ihre zweite allgemeine Forderung wird lauten: Recht auf Arbeit im Reiche der Freiheit, denn auch die Arbeitslosigkeit der nachproletarischen Arbeitskraft führt auf Dauer zur Affenwerdung des Menschen.

Am Ende der kapitalistischen Epoche wird die Automation in den Produktionsprozessen herrschend und bewirkt Wertrevolutionen nach unten. Güterinnovationen erübrigen ganze Prozeßzweige. Der Versuch, den Weltmarkt der Nationalökonomien zu einem globalen Einheitsmarkt (Globalisierung) unter Freihandelsdiktat zu vereinheitlichen, wird bald als Irrweg, der allein den jeweiligen Marktführern nützt, erkannt und von kurzer Dauer sein. Die verzögernden Momente im fortschreitenden Prozeß der Automation sind stagnierende oder gar sinkende Löhne; die gleiche, den industriellen Fortschritt hemmende Wirkung hat die Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer. Beide Maßnahmen sind aber nur kurze Zeit in der Lage, mit automatischen Produktionsprozessen, deren Wertbildung gegen Null tendiert, zu konkurrieren. Im geordneten Weltmarkt nationaler Ökonomien mit je eigenem Durchschnitt von Produktivität und Intensität der nationalen Arbeit gilt im Außenhandel das Gesetz, daß die produktivere Arbeit gegen intensivere Arbeit getauscht und also Wertgrößen (folglich Arbeitszeiten) in die produktivere Nationalökonomie übertragen werden. Im globalen Einheitsmarkt findet dieselbe Übertragung von Arbeitszeit statt, geht aber unmittelbar in die Bestimmung der Durchschnittsproduktivität des Globalwertes einer Ware ein, ohne vorher ihren Nationalwert gebildet zu haben. Der Globalmarkt ist nur ein Fluchtversuch des nach profitabler Anlage gierenden Kapitals vor dem von Nationen überwachten Weltmarkt in die Primitivität des Einheitsmarktes, der bald scheitert. Langfristig läuft die Entwicklung auf eine technische und soziale Miniaturisierung der Produktion hinaus, so daß sie nahe den Verbrauchern und unter ihrem Gemeinschaftswillen ein zwar notwendiges, aber auch selbstverständliches Dasein fristet, dem keine erhöhte Aufmerksamkeit zuteil wird.

Nicht nur die Sättigung von Warenmärkten, sondern auch die Rationalisierung der menschlichen Lebensweise, läßt Konsumgüterindustrien schrumpfen oder absterben. Die Verkürzung der konsumtiven Arbeitszeiten durch Automation von Konsumgerätschaften bewirkt einen fortwährenden Tauschwertverfall der Arbeitskraft bei stetiger Zunahme ihres Gebrauchswertes. Es schrumpfen sowohl die Wertgrößen der in die Herstellung der Volksarbeitskraft als Produktionsmittel eingehenden Konsumtionsmittel als auch die Wertbildung in der pädagogischen, arbeitskraftproduzierenden Arbeit selber, die mit dem menschlichen Leben in eins fällt. Die Betriebspolitik der Arbeitskräfte in ihrer Eigenherstellung muß aus Eigeninteresse stets gegen die von der konsumistischen Reklame angestachelte Betriebskostenausweitung gerichtet sein. Die Arbeitskrafterzeuger sind als proletarische Lohnarbeiter einfache Warenproduzenten, als nachproletarische Eigenproduzenten aber Güterhersteller, die für Eigen- und Gemeinschaftsbedarf produzieren, nicht aber für die kapitalistische Gesellschaft. Der Wert der Arbeitskraft erschöpft sich nicht, anders als Marx nahelegte, in den Kosten ihrer Konsumtionsmittel, deren Umfang sowohl natürlich als auch historisch und moralisch bestimmt ist. Als Warenproduzent ist der proletarische Arbeitskrafthersteller durchaus der Mehrarbeit und des Mehrprodukts fähig, dessen Mehrwert er unter günstigen Umständen im Mietpreis seiner Arbeitskraft realisieren kann.

Rationalisierung der menschlichen Lebensprozesse und damit Wertrevolution in der arbeitskraftproduzierenden Abteilung der gesellschaftlichen Gesamtnutzung ist nicht nur eine ökonomische Tätigkeit, sondern eine der praktischen Philosophie. Sie ist Vernunfttätigkeit, denn Vernunft ist das bewußt gewordene Selbstbewußtsein. Zuwachs der Volksarbeitskraft ist der letztendliche Nutzen im Gemeinwesen, der den technischen Verstand zur pädagogischen Vernunft bringt und das kapitalistische Selbstbewußtsein des eindimensionalen Geldes in den vielen Dimensionen des endlichen Geistes, der obersten Instanz der menschlichen Arbeitskraft, bricht.

Im Ausgang des kapitalistischen Zeitalters fällt den Ideologen des Kapitals nichts Neues mehr ein. Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, äußert in einem Interview, in dem er die Notwendigkeit des arbeitslosen Grundeinkommens zu begründen versucht, die folgende Begriff- und Gedankenlosigkeit: „Früher haben Arbeit und Kapital den Mehrwert erwirtschaftet. Heute sind es Maschinen, die durch Automation dafür sorgen, daß es vorangeht. Eigentlich prima. Aber unsere offenbar einzige Sorge ist: Wie können die Menschen wieder sinnvoll am Produktionsprozeß teilnehmen?“ – Der Wert wie der Mehrwert sind natürlich nicht das Resultat von Kapital und auch nicht von Arbeit überhaupt, sondern ausschließlich von gesellschaftlich notwendiger Zeit konkreter Arbeit, somit von abstrakter Arbeit. Maschinen, wenn ihre Anwendung allgemein geworden ist, schaffen überhaupt keinen (Tausch-)Wert, wohl aber Gebrauchswert, denn Maschinen (und erst recht Automaten) sind keine Arbeit und auch keine Arbeitsmittel, sondern Arbeitsersatzmittel, also zur Gänze Sachkapital und nicht Humankapital. Die Naturalform des Humankapitals ist zunächst die des Geldes, das sich mit dem sog. Arbeitsvertrag (einem Mietvertrag mit dem Arbeitskraft-Eigner) in die Naturalform der Arbeitskraft verwandelt, aus der, wenn sie verausgabt und somit zu Arbeit wird, ausschließlich der Wert und der Mehrwert entspringt.

Für ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung, meint Straubhaar, gebe es heute schon keine Möglichkeit mehr, in den kapitalistischen Produktionsprozeß eingegliedert zu werden. Für dieses Drittel fordert Staubhaar das arbeitslose Grundeinkommen, und zwar zu folgendem einzigen Zweck: „Es dient dazu, daß der Gutverdienende und Kapitalist in Ruhe seine Arbeit machen kann.“ Bei der FDP heißt das Bürgergeld. Es dient der Aneignung von Billigarbeitskraft durch „Gutverdienende und Kapitalisten“, es ist ein neues Dienstmädchen- und Kammerdiener-Privileg der Reichen. Gleichwohl ist es der erste Schritt zur Marginalisierung der „Gutverdienenden und Kapitalisten“, zur Herabsetzung des kapitalistischen Systems zum sozialen Subsystem. Zugleich zeigt es in einer geschichtlichen Lage, in der die Mehrheit unseres Volkes nicht mehr zur proletarischen Klasse gehört, die Proletarisierung und Subproletarisierung der Kapitalisten selber an. Die Liberalen fordern ein Bürgergeld oder arbeitsloses Grundeinkommen, auch als Negativsteuer konzipiert, um ihren Kapitalistenstatus mit subventionierten Lohnarbeitern zu erhalten, die dann von ihnen noch ausgebeutet werden können, aber für deren Lebensunterhalt, den vollen Preis der Arbeitskraft, der Ausbeuter nicht mehr zur Gänze aufkommen muß. Geht der Kapitalist dann selber pleite und wird akut einkommenslos, und hat er sich zudem rechtzeitig arm gerechnet und sein Vermögen anderen Bedarfsgemeinschaften seiner Sippe oder Strohmännern zugeordnet, bezieht der gescheiterte Kapitalist selber Stütze oder Negativsteuer, die arbeitslose Einkommensart des Subproletariats. Auf diese und andere Weise ist das berüchtigte Hartz IV zur Sprengbombe gegen die BRD-Finanzen geworden.

Im 20. Jahrhundert hat man den Leuten noch erzählt, die Dienstleistungen seien der Ausweg aus der kapitalistischen Beschäftigungskrise, nachdem erst die Landwirtschaft und dann die Industrie durch Automation neun Zehntel ihrer Beschäftigten freigesetzt hätten. Die technische Entwicklung geht vom Arbeitsmittel (Werkzeug) über das Arbeitsersatzmittel (Maschine) zum arbeitslosen Verbund eines Satzes von Arbeitsersatzmitteln, also dem Arbeitsersatzmittelsatz (Automation), und zum Arbeiterersatz (Roboter). Mit letzterem Produktionsmittel lassen sich auch die Dienste an der Person von Arbeitskräften befreien und durch Arbeiterersatz erledigen. Die soziale Entwicklung geht aus vom Bauern, Handwerker und Ritter, der jeweils der Hauptarbeiter in anbauender, herstellender und kämpfender Tätigkeit ist, führt weiter zum Agrarier, Kapitalisten und Offizier, der nicht mehr anbaut, herstellt und kämpft, sondern nur noch den Landarbeitern, Industriearbeitern und Soldaten befiehlt und endet heute beim Disponenten von Maschinerien aller Art, beim Besteller des Gestelles, der nur noch als Organisator des Reiches der Notwendigkeit von Belang und kaum noch als soziale Tatsache von Interesse ist.

Zum anstehenden Ende des Kapitalismus ist entscheidend die richtige Lehre von den zwei Reichen. Zwar beginnt das nachkapitalistische Produktionsverhältnis mit dem arbeitslosen Grundeinkommen der entproletarisierten Arbeitskräfte, aber diese Leistung ist allein eine des Reiches der Notwendigkeit, also der materiellen Produktion. Die zwei Reiche bedürfen des rechten Zusammenspiels. Das Reich der Notwendigkeit muß weiterentwickelt werden und stets gut organisiert sein, wird aber, nicht zuletzt dank der Marktmechanismen, weiterhin schrumpfen. In diesem Reich kommt es zu einem Wettkampf der Systeme zwischen eigenwirtschaftlicher und marktwirtschaftlicher Versorgung des Volkes mit allem Nötigen. Der Staatsarbeitsdienst, die Eigenwirtschaftsorganisation des Gesamtvolkes, wird aber, ebenso wie die auf kleinere Gemeinschaften basierten Eigenwirtschaften, nicht nur im Reiche der Notwendigkeit, sondern auch in dem der Freiheit tätig sein, ähnlich der Marktwirtschaft, die mit ihrem Luxusgütersektor im Reich der Freiheit agiert.

Kunst und Religion, Wissenschaft und Philosophie, theoretisches Leben und Bildung um ihrer selbst willen sind die Ureinwohner des Reiches der Freiheit. Das aber stand in der Vergangenheit nur einer Minderheit im Volke offen. Neu ist an der sich immer deutlicher herausbildenden Lage die allgemeine Voraussetzung der arbeitslosen Produktion und der arbeitslosen Einkommen; dadurch ist für eine absolute Mehrheit des Deutschen Volkes die Bedingung gegeben, die für eine Teilnahme am Reich der Freiheit unerläßlich. Natürlich ruft die derzeitige Problemlage nach Neuordnung der verschiedenen Arten arbeitslosen Einkommens: Abdeckelung der arbeitslosen Kapital- und Aufsockelung der arbeitslosen Sozialeinkommen. Die entscheidende Hürde ist aber der subjektive Faktor. Individuen, die aus der einsamen Masse kommen, gehen nur schwer von sich aus in das Reich der Freiheit. Daher wird – nach der ideologischen, politischen und ökonomischen Entmachtung des Kapitals – die Organisation des Reiches der Freiheit zur Hauptaufgabe.

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Zur Lehre vom Gemeinwesen

Es kann nicht im Interesse des deutschen Geistes sein, sich in den Kampf, der zwischen den Ideologen der Gesellschaft und denen der Gemeinschaft tobt, hineinziehen und von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Ganz im Gegenteil muß uns daran gelegen sein, diesen Kampf zu beenden und die Kombattanten zur geordneten Gefolgschaft zu zwingen, indem sie zu einer systematischen Lehre vom Gemeinwesen vereinigt werden. Zeigt sich die reichsbildende Kraft einer Nation darin, daß sie die benachbarten Völker dazu anhalten kann, untereinander Frieden zu halten, so zeigt sich das geistige Reich dieser Nation in ihrer Fähigkeit, den Fanatismus inhaltlicher und methodischer Einseitigkeiten zu vermeiden und entgegengesetzte Standpunkte als bloße Momente des größeren Ganzen zu erkennen. Ein reichsbildendes Volk ist ein ordnungsbildendes Volk.

Die deutsche Ordnung wiederherzustellen und einen Neuen Deutschen Idealismus als Weltphilosophie neu zu gründen, sei die Lehre vom Gemeinwesen ein Beitrag. In diesem Kapitel wird der Begriff der Gemeinde als Baustein der Gemeinwesen analysiert und (I) als weltliche, (II) als geistliche und (III) als übergreifende Gemeinde skizziert. Erst die übergreifende Gemeinde ist die wirkliche Gemeinde, die das Weltliche ins Geistige und das Geistige ins Weltliche transzendiert. Die Gemeinde ist zunächst ein ganz irdisches Verhältnis der Menschen; dann aber zeigt sich, daß in der Gemeinde der Geist gegenwärtig ist, der sich als Geist Gottes offenbart. Gott ist das Gemeinwesen. Gott ist das wirkende Wesen, das die Gemeinden zusammenhält.

I

Alle Gemeinwesen sind eine Ansammlung von Gemeinden, die zur Teilung einer Gesamtaufgabe und zur Verteilung von Teilaufgaben, somit zu einem Lebenszusammenhang, gefunden haben. Auch bei hochbesonderter Aufgabenteilung bleibt der Baustein des Gemeinwesens die Gemeinde. Das Gemeinwesen ist immer Gesellschaft und Gemeinschaft zugleich, in reiferen Zuständen auch vergesellschaftete Gemeinschaft und vergemeinschaftete Gesellschaft. Die Gemeinde als Elementarform jedes Gemeinwesens ist Dorf und Stadt, später dann verstädtertes Dorf und verdörflichte Stadt, samt Gemarkung. Die Gemeinde ist nur eine solche, wenn sie sich versammelt. Der Gemeindeort ist zunächst bloß Versammlungsort, z.B. als Thingplatz. Erst das Zusammenwohnen macht den Gemeindeort zur Gemeindesiedlung. Der Gemeindeort, ob nun Ansiedlung oder bloße Stätte der Begegnung, sei es einzelner Gemeindemitglieder oder der versammelten Gemeinde als ganzer, ist Kern des Gemeindegebiets. Die Gemeinde ist also nicht nur ein Versammlungsort, sondern zugleich ein Versammlungsgebiet. Die Versammlung selber begründet einen Personenverband aus den Ansässigen eines bestimmten Gebietes: eine Gebietskörperscbaft. Ein Gemeinwesen ist, räumlich betrachtet, ein Verbund von Gebietskörperschaften, also ein Gemeindeverband, inhaltlich aber eine Versammlung von Versammlungen. So wie jede regelmäßige Versammlung etwas ist, das die Versammelten zu tun pflegen, ist die Versammlung selber eine Pflege: ein Kult. Die Versammlung von Versammlungen ist dann ein Kultverband. Mit ihm bildet und pflegt das Gemeinwesen das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Gemeinden, sein praktischer Zweck ist der Krieg.

An den Grenzen der Gemeinden bilden sich Stätten ihrer Begegnung, die sich einerseits zu Kultstätten des Kultverbandes, andererseits zu Austauschstätten entwickeln. Aus den Stätten entsteht Gemeinschaft und Gesellschaft, entsteht Staat und Stadt. Die Kultstätte, der religiös-militärische Platz, ist Keim des Staates; die Austauschstätte, der Marktplatz, kann sich zur Stadt entwickeln.

Die europäische Stadt ist eine Marktansiedlung. Burg- oder Kirchenansiedlungen wurden nur zu Städten, wenn sie zugleich Austauschstätten waren und Marktrechte erhielten. Das Dorf hingegen ist eine Ansiedlung im Herstellungsraum, eine Produktionsansiedlung. Moderne Gemeinden sind Gebietskörperschaften, in denen der alte prägende Gegensatz von Stadt, Land und Dorf zur Regionalstruktur eingeebnet erscheint. Gleichwohl bleibt jede Regionalstruktur ein Geflecht aus Gemeinden und jede Gemeinde aus ihren Bestimmungen her analysierbar-. Versammlungsgebiet mit Versammlungsort, der bloße Stätte, aber auch Ansiedlung sein kann, die entweder an der Austauschstätte oder im Herstellungsraum liegt. Die moderne Gemeindeansiedlung ist immer eine dörflichstädtische Mischsiedlung (D,S). Als Gebietskörperschaft ist die moderne Gemeinde Kommune und insoweit Einheit von gemischter Ansiedlung und unbesiedeltem Land (D,S,L), eine Dorf-Stadt-Land-Triade, die sich zur Dyade von Ansiedlung und Nicht-Siedlung vereinfacht. In einem dreistufigen Verwaltungsaufbau vereinen sich alle Kommunen r in allen Regionen q aller Staaten p (als den souveränen Gebietskörperschaften) zur Formel des Gemeinwesens p(D,S;L)q,r.

Siedlung ist die Bewohnung eines Raumes in der Zeit. Insoweit ist der Begriff der Siedlung von dem des Versammlungsraumes und daher des Gemeindegebietes ununterschieden. Ansiedlung ist die Bewohnung eines Ortes, also einer Konkretion von Raum und Zeit, worin Raum gezeitigt und Zeit eingeräumt ist. Ist Siedlung die noch nicht unterschiedene Einheit von Dorf, Stadt und Land, so Ansiedlung entweder Dorf oder Stadt oder beides in bestimmtem Verhältnisse, niemals aber Land als Nicht-Siedlung. Unter einem Wohnsitz sei verstanden die Einzelniederlassung einer Arbeitskraft-Produktionsstätte, sei es die bloße Reproduktionsstätte eines Einzelnen oder die vollständige Herstellungs-, Versorgungs- und Entsorgungseinheit für menschliche Arbeitskraft, wie das eine mindestens drei Generationen umfassende Großfamilie darstellt. Wohnsitze sind somit über den besiedelten Raum eines Gemeindegebietes verstreut oder in Ansiedlungen gehäuft.

Dem Mythos ist das Dorf eine Gründung der Frau, die Stadt eine des Mannes. Das Dorf als Ansiedlung, als Bewohnung eines Ortes, liegt in oder an einem Herstellungsraum, ist aber auch schon in sich selber eine Produktionsstätte, die Menschen erzeugt; das Dorf vereinigt in sich Zeugung, Aufziehung und Züchtigung, also Leben und Arbeiten, Tun und Handeln, Brauch und Gebrauch, Mühe und Freude, Fasten und Feiern. Ein Bauerndorf liegt in seiner Gemarkung, im agrarischen Herstellungsraum; ein Fischerdorf an dem Gewässer, das den Gegenstand seiner extraktiven Tätigkeit bildet. Traditionelle europäische Dörfer sind diese doppelten Herstellungsräume, nämlich in sich selbst die Produktionsstätte der menschlichen Arbeitskraft, die in oder an einem Produktionsraum liegt, in welchem die Produktionsmittel für diese Arbeitskraft, also die Lebensmittel oder Konsumgüter, hergestellt werden. Die Stadt als Marktansiedlung beginnt sich zu verdörflichen mit der Ansiedlung selber, die ja stets innerer Herstellungsraum des Menschen ist. Gleichwohl bleibt der Markt als ständige Austauschstätte und Keim der Vergesellschaftung mehrerer Gemeinden der eigentliche Anlaß und ständige Bestimmungsgrund für die menschliche Ansiedlung an diesem Ort. – Das Bauerndorf dagegen beginnt zu verstädtern und die dörfliche Gemeinschaft sich zu vergesellschaften, sobald der erste Handwerker oder Arzt oder Krämer sich im Dorf niederläßt und Anlässe für Austauschakte schafft. Ambulante Händler oder wandernde Handwerker allerdings haben noch nicht diese Wirkung, die beginnende Verstädterung des Dorfes hängt an der dauerhaften Niederlassung der Fremden.

Mit den oben gesetzten kommunalwissenschaftlichen Kategorien betrachtet ist eine Fabrik die Gemarkung eines Arbeiterdorfes (oder mehrerer). Städtische Wohnviertel sind dann pädagogische Dörfer, d.h. sie produzieren Arbeitskraft, die teils städtisch, also in Austauschstätten, und teils dörflich, also in Herstellungsräumen, verbraucht wird.

Bei den kommunalen Verkehrswegen für Güter, Menschen und Nachrichten ist zwischen Marktstraßen, Dorfstraßen und Feldwegen zu unterscheiden. Marktstraßen führen zu Austauschstätten, Feldwege zu Produktionsstätten und in Dorfstraßen enden beide. Städtische Dorfstraßen, die Wege in Wohnsiedlungen, sind darüber hinaus die Feldwege der pädagogischen Gemarkung und die Marktstraßen für die Ware Arbeitskraft wie für jene Waren, die ihr als Produktionsmittel dienen. Die wirklichen Verkehrswege sind selbstredend alles zugleich, denn der Weg durchs 1448Feld dient dem Spaziergänger als Dorfstraße, dem Feldbebauer als Feldweg und dem Erntewagen als Marktstraße, falls die Feldfrüchte unmittelbar vermarktet und nicht weiterverarbeitet werden. Ein herkömmliches Handwerkerhaus hat nicht nur alle drei Verkehrswege unter seinem Dach, sondern vereint auch den Herstellungsraum der Güter mit dem Lebensraum der Hersteller und der Austauschstätte für ihre Kunden.

Felder sind Herstellungsgebiete in einem Herstellungsraum und durch Feldwege verbunden. Feldweg ist ein Lastenaufzug in einem Fabrikationsgebäude. Die Gasse ist eine Feldwegansiedlung. Eine Handwerkergasse oder eine reine Wohngasse verdorft eine Stadt, aber verstädtert kein Dorf. Die Umgassung von Marktansiedlungen ist die Fortführung jeder städtischen Siedlungsgeschichte in die Verdorfung. Die ursprünglichen Handwerkerhäuser in den Gassen sind deutlich als ackerlose Kleingehöfte zu erkennen. Kirchhofansiedlungen sind im Unterschied zu Städten keine Ansiedlungen an einem leeren und immer wieder zu leerenden Marktplatz, sondern Feldrandsiedlungen am zentralen Anbaugebiet des Gemeinschaftsbewußtseins mit seinem Bewußtseinsgehöft (der Kirche) in der Mitten. Kirch- und Klostergassen, die zu Kirchhöfen und Klöstern führen, ändern nichts am dörflichen Charakter dieser Ansiedlungen.

Gott ist Geist. Der Geist ist das Absolute, das in sich Vollkommene und daher außer sich allmächtig. Der Geist vermag alles das außer sich zu vollbringen, was er in sich zuvor vollendet hat. Schafft er aber dies allseitig und absolut Vollendete, das er selber ist, so schafft er nichts außer sich selber. Aus seiner inneren Vollkommenheit folgt die äußere Allmacht; sie ist seine einzige Unvollkommenheit. Denn der Geist, der Geist bleibt, also absolut vollkommen bleibt, ist weltunfähig. Als Vollkommener ist er natürlich fähig, sich in dieser Unvollkommenheit festzuhalten: in seiner Weltunfähigkeit. Denn könnte er sich nicht in dieser Unfähigkeit festhalten, gäbe es nicht die immanente Entwicklung des Geistes, seine vorweltliche Logik. Dann wäre der Geist vor der Erschaffung der Welt auch unfähig gewesen, sich Gedanken zu machen.

Der Geist ist das In-sich-Vollkommene. Wie aber vollbringt er Taten? Wie schöpft er die Welt? Indem er von seiner Absolutheit abstrahiert, von einer seiner Vollkommenheiten absieht. Der Geist erschafft die Welt durch Absehen von sich selbst. Da der Geist das In-sich-Vollkommene ist, jedes Vollkommene aber ein Vollendetes, macht sich jedes Beginnen, jedes Schöpfen nur aus Entvollung des Kommenden, aus Entvollkommnung. Wer die reine Vollkommenheit wahrnehmen könnte, sähe in der Welt nur den Geist, hinter dem sie selber verschwände. Der Geist als Einer ist ein Einzelner, der handelt, indem er denkt. Denkt der Geist nur Vollkommenes, denkt der Geist nur sich selbst. Sein Gedanke ist dann logisch. Der logische Gedanke kann nur andere logische Gedanken hervorbringen, aber kei1449ne Welt schöpfen. Die Logik ist die Gedankenwelt ohne die Weltgedanken. Das System der Weltgedanken ist unlogisch, aber schöpferisch. Es schöpft aus unlogischen Logiken, aus der jeweils eigenen Logik der Sache selber. In den Sachen west ein Stück Welt, das durch die bestimmte Art von Entvollkommnung, von Selbstabsehung des Geistes, geschöpft wurde.

Der Geist als der Eine, der handelt, indem er denkt, ob nun logischmetaphysisch oder unlogisch-weltschöpferisch, wird herkömmlich als Gott benannt. Sicher ist Gott Geist, aber nicht jeder Geist schon Gott. Der Geist weht wo er will. Der Geist ist der absolute Stoff, die Substanz Gottes, seine Natur“, aber nicht er selbst. Gott ist aller Geist als eigenvergemeinschafteter Besitzer seiner selbst. Gott ist Eigentümer allen Geistes, er ist aller Geist und besitzt nichts anderes. Geist ist die Substanz der Person Gottes; kein ungeistiger Besitz an ihm ist denkbar. Der Geist als der Vollkommene und Allmächtige bleibt der absolut Arme; auch nachdem er die Welt geschöpft hat besitzt er nichts von ihr außer sich selber, nichts außer Geist. Insofern die Menschen allen Geist als Besitz Gottes, als einziges Material und Leben seiner Person anerkennen, ist Gott Eigentümer des Geistes, sein rechtmäßiger Besitzer. Wer Gott den Geist streitig macht, verletzt seine Person und mit Seiner Person jede Person. Wer das Gottesrecht verletzt, verletzt das Recht überhaupt und damit auch das Menschenrecht.

Als am Geist Teilhabende sind alle Menschen in Gott vergemeinschaftet. Wer den Geist als Privateigentum sieht und nicht als Eigentum Gottes anerkennt, verletzt das innere Rechtsgefüge auch jeder menschlichen Gemeinschaft. Gott für tot erklären heißt, die Gemeinschaft der Menschen mit der Ewigkeit und dem Kosmos aufzukündigen und jede irdische Menschenvergemeinschaftung dem Untergange zu weihen. Der nicht empfangene, sondern selbstzugesprochene Geist löst sich selber auf, weil die Reste der Vollkommenheit sich in selbstzufriedene Weltlichkeit verflüchtigen. Auch diese totale Weltlichkeit erweist sich dann als unsolide und erscheint immer unwirklicher; die Welt wird erst Wille und Vorstellung, am Ende subjektlose Fiktion.

Gott ist Geist, aber als Geist noch nicht Gott. Der Geist bedarf zu seiner Gottwerdung des Menschen, aber nicht des Menschen als Mensch, sondern des Menschen als Person. Der Geist wird Gott, wenn die Menschen nicht nur sich selber als Personen anerkennen, sondern auch allen Geist, der sie von außen erreicht und von innen zu ihnen spricht. Der Geist wird Gott, wenn die Menschen ihn als Teil des höchsten Wesens begreifen, als Besitz eines Höheren, dessen Gnade sie daran teilhaben läßt. Der inner- und außerweltliche Geist könnte sich auch selber vergöttlichen; er müßte nur sich als Person und somit als Eigentümer seiner selbst begreifen. Die Vergesellschaftung mit den Menschen könnte der selbstkonstituierte Gott dann herstellen, indem er sie als fremde Personen seiner Person entgegensetzt. Die Gottwerdung des Geistes hängt untrennbar an der Personwerdung des Menschen. Ohne Gott kann der Mensch nicht Person werden, und ohne Person zu sein kann der Mensch nicht Mensch bleiben, sondern sinkt unaufhaltsam in seine besondere Tierhaftigkeit zurück. An beider Personhaftigkeit hängt also die Gemeinschaft der Menschen mit Gott, und umgekehrt. Im Menschen schaut Gott die eigene Unvollkommenheit an. Da nur der vorweltliche Geist als Vollkommenheit bestimmt worden war und alle Weltwerdung an der. Entvollkommnung, an der Selbstabsehung des Geistes, an seiner Entgeistigung hing, ist die vorweltliche Vollkommenheit, also der reine Geist selber, nur die Voraussetzung der Weltwerdung, die Welt als Entgeistigung mitsamt ihrer Menschentierwelt aber die Voraussetzung der Existenz Gottes.

Der Mensch ist die Krone der weltlichen Unvollkommenheit, ein endlicher Weltgeist, entstanden aus der Absehung vom ewigen Geist. Als geistiges Wesen ist der Mensch ein Fremdling in der Welt als einer Schöpfung der Entgeistigung wie auch ein Fremder gegenüber dem ewigen Geist, der sich mit der Schöpfung der Welt nur wenig vergeben hat. Aber als Fremder angesichts dieses fremden, unverständlichen Geistes macht der Mensch diesen Fremden nicht zu seinesgleichen, sondern zu seinem Anderen und damit zur Person. Indem der Mensch den ewigen Geist als Person anerkennt, macht er ihn zu Gott.

Daß der Mensch Gott schuf, indem er allen Geist einer überirdischen Person als unverletzlichen Körper, als ihren Privatbesitz, an dem nur die Gnade dieses höchsten Wesens ihn teilhaftig werden läßt, zuschrieb, – dies ist eine gesicherte geschichtliche Tatsache. Der Mensch hat seine Rechtspflichten gegenüber Gott erfüllt, solange er den ewigen Geist als Person anerkannte. Aber wie für die Rechtsverhältnisse unter Menschen gilt auch für das Verhältnis des Menschen zu seinem Gotte der Grundsatz, daß sie sich nur anerkennen als wechselseitig sich Anerkennende. Und so gesichert die menschliche Anerkennung Gottes, so ungesichert ist die Anerkennung des Menschen durch den ewigen Geist. Die unvermeidliche Ungewißheit, ob der Gott, den der Mensch durch seine Anerkennung geschaffen hat, nun seinerseits den Mensch als Person und damit als sein begriffliches Ebenbild anerkennt, bewegt die Glaubensgeschichte als Folge von Beglaubigungen, die von den Naturerscheinungen über die Mysterien, die Wunder, die Offenbarungen bis hin zur innerlichen Gewißheit reichen.

Noch vor allen Freund-Feind-Bestimmungen ist die Glaubensfrage eine solche von Leben oder Tod. Schließlich gibt es nicht nur die Unvollkommenheit der Menschen, sondern auch unverschuldete Schicksale der Völker von wahrlich monströser Ungerechtigkeit. Da kann schon, bei der begrenzten Leidensfähigkeit der geplagten Menschheit, der Zweifel aufsteigen, ob Gott anwesend, geschäftsfähig oder vielleicht gar der vollkommene Betrüger ist. Schließlich hängt von der Personwerdung, von der Anerkennung des Menschen durch Gott, nicht nur die politische und historische Rechtsfähigkeit der Völker ab, sondern auch die Menschwerdung der Welt und damit das Heil der Menschen in der Welt. Ganz zu schweigen vom ewigen Heil. Im Anfang war die Tat. Die Tat ist das Verlöschen des Geistes. Durch die Tat selber wird der Geist, der verlöscht, qualifiziert und allgemein als Tatkraft bestimmt. So wie die vom Menschen gemachte Welt sich als Darstellung seiner Tatkraft erweist, so ist die Welt überhaupt Darstellung des Geistes, der vor der Schöpfung über den Wassern schwebte. Brauchte er die Liebe der Menschen zu sich? Schuf er darum das Unvollkommene, die Welt und ihre Menschen? Bedurfte er ihrer Werke?

Die Werkheiligkeit ist der Versuch, Gott unter Kontrahierungszwang zu stellen. Wenn der Einzelne wie die Gemeinde Werke vollbringt, die von der Lehre als gottgefällig deklariert sind, ist Gott – wie ein Unternehmen für öffentliche Dienstleistungen – zum Vertrage und damit zur Lieferung des vom Dogma ausgewiesenen Heiles gezwungen. Die protestantische Gnadenheiligkeit befreit Gott von diesem Kontrahierungszwang, gibt ihm über seinen Besitz, den Geist, das volle Eigentumsrecht, das durch noch so große Frömmigkeit und asketisch-heilige Werke nicht zum Vertrag, nicht zur Veräußerung von Nutzungsrechten am göttlichen Geist, damit am Heil, gezwungen werden kann. Der göttliche Wille bleibt souverän und wird nicht an Priester-Notare überantwortet.

Im Gemeinwesen der Deutschen mischen sich Katholizismus und Protestantismus, die Heiligkeit der Werke und die Heiligkeit der Gnaden sind im deutschen Volksgeist legiert. Daß in Deutschland die Protestanten wirtschaftlich erfolgreicher sind und auch alle großen Denker stellen, liegt nicht daran, daß Protestanten mehr tun, sondern daran, daß sie mehr unterlassen, insbesondere heilige Werke. Das Unterlassen der heiligen Werke und Vertrauen auf die Gnade Gottes ist ein Freilassen des Geistes, daß jedem puritanischen und calvinistischen Heilsbeweis, der durch Welterfolg zu erbringen ist, überlegen ist. Im Protestantismus ist der Geist wirklich frei, weil Gott und Mensch von der Beweislast befreit sind und weder ein Werkbeweis noch ein Erfolgsbeweis des Heils nötig ist. Andererseits tragen viele Ereignisse d er deutschen Zeitgeschichte den katholischen Zug der Werkheiligkeit; Hitlers selbstloser Kreuzzug gegen den Bolschewismus und das Weltjudentum war durch modern-egoistische Vorwände nur mühsam getarnt (z.B. durch Landnahmepläne im Osten); der eigentliche Zweck lag im Seelenheil der Deutschen: sie hatten ihr heiliges Werk zu erfüllen und – die europäischen Völker vor den Mächten der Finsternis zu schützen.

III

Die Grenze aller menschlichen Gemeinwesen lag schon immer am Horizont, wo sich Himmel und Erde berührten. Dort begann der Unsterblichen Reich. Und an markanten Punkten des Horizonts, auf umnebelten oder besonnten Berggipfeln, lagen auch die Austauschstätten zwischen dein irdischen und dem überirdischen Gemeinwesen, – der Gemeinde der Sterblichen und den Unsterblichen. Ihr jeweiliger Olymp erschien den Völkern als erste Stätte des Austausches, daher als Beginn der Stadt und der Gesellschaft.

Beginn des Staates und der Gemeinschaft sind die im Siedlungsraum liegenden Heiligtümer, Kultstätten, Orakel. Hier handelt es sich um gesinnungsproduzierende Dörfer; deren Gemarkung ist die Gemeinde, das gemeindeüberfassende Gemeinwesen oder gar der von einer internationalen Reputation aufgespannte Kulturkreis. Die Transzendenz der Gemeinwesen ist raum- und zeitgreifend, aber immer auch übergreifend. Was von den historischen Gemeinwesen letztlich bedeutsam bleibt ist, wie weit sie den ewigen Geist enthüllt und Gott durch ihre Anerkennung geschaffen haben.

Der orientalische Weg der Gottwerdung beginnt mit exklusiven Nationalgöttern und endet in der politisch-religiösen Despotie. Der griechische Weg verbindet die verschiedenen Gemeindegötter zu einer organischen Götterwelt. Er führt zum freien Aufbau von innen her, zur Systematisierung einer reichhaltigen Welt des Geistigen und Göttlichen und damit auch zur Hierarchie in der Transzendenz des gesamtgriechischen Gemeinwesens.

Eine christliche Gemeinde soll die Kirche im Dorf lassen. Denn ein Kirchengebäude ist keine Gemeinde und auch kein Dorf und keine Stadt, sondern ein Gemeindeort, und zwar eine Kultstätte. Klöster hingegen sind richtige Dörfer, in denen geistige Kinder gezeugt und aufgezogen werden und die ein geistliches Feld bearbeiten. Insofern sind sie Ansiedlungen im Herstellungsraum, auch wenn sie inmitten einer Stadt liegen.

Der Gott, als in seiner Gemeinde anwesend, ist heiliger Geist. Heilig ist dieser Geist, weil er, bei Strafe des Untergangs, nicht angetastet werden darf. Kein Gemeinwesen kann überleben ohne ein Heiliges, Nichtanzutastendes. Der Einzelne braucht dieses Heilige, um in Eigenvergemeinschaftung seine gesellschaftlichen Rollen zu einem Selbst zu verschmelzen, soll seine Seele keinen Schaden nehmen. Das Heiligtum eines Gemeinwesens ist der Herstellungsraum seines Gemeinschaftsgefühls und daher die Seele des Ganzen. Die Gemeinde braucht ihre Wodanseiche, der Gemeindeverbund seinen heiligen Hain, Völker ihren Nationalgott und Völkergemeinschaften ihr Heiliges Reich. Das Heilige Reich Europas ist immer Deutschland gewesen; wurde ihm die Gefolgschaft verweigert oder gar frevelnd die Hand erhoben, es zu schänden und zu zerstören, erkrankte die abendländische Gemeinschaft an ihrer Seele: Europa zog sich in einem Anfall schwerster politischer Depression aus seiner universellen Weltstellung zurück und wurde der Spielball minderwertiger, raumfremder Mächte, politischer wie geistiger.

Einst hat die althochdeutsche Sprache sich aus dem Gemeingermanischen entwickelt; Begriff des Deutschen ist es seitdem, das Gemeinschaftsunternehmen der germanischen Volksgeister zu sein und damit die Vernunft der europäischen Staaten, ihre gemeinsame Zielrationalität, zu verkörpern. Europa wieder herstellen heißt zuvörderst, seine Heiligtümer wieder aufzurichten. Der Gott des Abendlandes muß sich wieder zum obersten Herrn der Welt erheben und die Götter des Orients unterwerfen. Das Heilige Deutsche Reich zu erneuern setzt voraus, daß das Allerheiligste des deutschen Volksgeistes restauriert wird: der Deutsche Idealismus.

***




Vergemeinschaftung der Gesellschaft

Wo vollkommene Gemeinschafts­zerstörung statt­gefunden hat, dort blühen die Menschenrechte. Menschen­rechte sind das Armen­recht des atomisierten Individuums. Der ver­einzelte Mensch, wie er heute zum Pathos­träger der Zeit, zum Souverän und zur Quelle aller Rechte gemacht wird, ist aber ein bloßes Exemplar seiner Gattung, ein Mensch an sich und damit jeder Mensch. Aber der Mensch an sich, ohne jede weitere Be­stimmung, ist bloß eine besondere Tier­art mit auffällig entwickeltem Großhirn. Die Menschen­rechte sind die Rechte dieser besonderen Tiere. Folge­richtig hat unsere Zeit, in der die Menschen­rechts­ideologie eine fast totale Herr­schaft ausübt, als eigene geistige Leistung die Pro­klamation der all­gemeinen Tier­rechte hervorgebracht, welche in der Tat die Verallgemeinerung des Gedankens, dem Menschen kämen schon als Menschen bestimmte Rechte zu, darstellt. Die entgegengesetzte Auffassung, daß dem Menschen nur dank seiner Gottesebenbildlichkeit Rechtsfähigkeit zukomme, ist selbstredend viel vornehmer; ihr zufolge ist der Mensch Rechtssubjekt, weil er Person ist, also Charaktermaske Gottes.

Zugegebenermaßen paßt die göttliche Auffassung vergangener besserer Tage des politischen Denkens nicht zu unserer bestialischen Gegenwart, deren adäquater Rechtsgedanke das Menschenrechtsdogma in seiner tierischen Verallgemeinerung ist. Was aber hat dies alles nun mit Gemeinschaft und Gesellschaft zu tun?

Eine Weltgemeinschaft der Menschenrechtsbesitzer wäre die totale Gesellschaft. Diese Art von Gemeinschaft ist der denkbar höchste Grad von Gemeinschaftszerstörung. Die Europäische Gemeinschaft z.B. ist der Versuch, eine europäische Einheitsgesellschaft zu schaffen.

Konservative Zeitkritiker lesend, riskiert man leicht eine mittelschwere Depression: die Gesellschaft hat Volk und Staat und fast alle sonstigen Gemeinschaften aufgefressen, und kein Hoffnungsschimmer ist weit und breit zu erspähen. – Dagegen soll hier gezeigt werden, wie der Übergang zu neuer Gemeinschaftlichkeit auf der Grundlage verallgemeinerter Gesellschaftlichkeit der Verhältnisse sich vollzieht. Das klassische Werk zu diesem Thema, “Gemeinschaft und Gesellschaft” von Ferdinand Tönnies, läßt uns bei dieser Frage nämlich völlig im Stich. Die Schilderung der organisch-substantiellen Grundlagen von Gemeinschaft gelingt Tönnies sehr überzeugend; in der Beschreibung von Gesellschaft lehnt Tönnies sich an “Das Kapital« von Marx an und bescheinigt jeder konsequenten Gesellschaftlichkeit letztlich die Zerstörung aller Gemeinschaften, auch der Völker (womit er ganz nebenbei der Marxschen Verelendungsthese eine viel prinzipiellere Fassung gibt) und stellt endlich fest, daß es Zeiten der Gemeinschaft wie Zeiten der Gesellschaft gäbe, ohne doch den Übergang der einen in die andere zu beschreiben. Die große Dialektik von Gesellschaft und Gemeinschaft, in der die Durchsetzung der einen die andere erzeugt und umgekehrt, ist bislang noch unbegriffen.

Unter den großen Begriffen der Speziellen Soziologie Stände, Schichten, Klassen und Kasten – sind die beiden ersten reine Gemeinschaftskategorien und nur die Klasse ein reiner Gesellschaftsbegriff. Auch in der angeblich nichtständischen Gesellschaft gibt es natürlich zahlreiche Standesunterschiede, wenn auch nicht solche von Geburt aus. Mit der Vollendung der Geburt beginnt die Rechtsfähigkeit eines Menschen, sagt das Bürgerliche Gesetzbuch. Spätestens dann ist er in den Stand gesetzt, Rechte zu haben. Der Stand des Kindes ist ein unmündiger Personenstand. Insoweit sein Stand als Person ein untergeordneter ist, eine eingeschränkte und abhängige Rechtssubjektivität, lebt das Kind in Gemeinschaft mit seinen Vormündern. Aber diese durch Bluts- und Liebesbande zusammengehaltene Gemeinschaft ist dazu bestimmt, sich in die bürgerliche Gesellschaft aufzulösen, in der das Kind für sich ganz allein sein wird, was es in seiner Familiengemeinschaft bloß an sich war, nämlich ein Rechtssubjekt.

Eine Gesellschaft im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches ist eine durch Vertrag begründete Zweckgemeinschaft mehrerer Personen. Die bürgerliche Gesellschaft dagegen ist keine Zweckgemeinschaft, sondern die allgemeine Vereinzelung aller Rechts-, Wirtschafts- und Gesinnungssubjekte durch ihre Zwecke, die nur zu erreichen sind, indem ein jeder sich jeweils fremden Zwecken unterwirft. In der bürgerlichen Gesellschaft sind alle Partner aller Verträge, Verkäufe und Kommunikationen Gegner; bei zentralen Faktorgütern stehen sich Käufer und Verkäufer als feindliche Klassen gegenüber, das Feilschen um die realen Austauschgrößen hat sich vom allgemeinen Klassenkampf zu einem mit besonderen Kampfverbänden geführten Verteilungskampf verschärft.

Der Staat ist nicht der Gegenbegriff zur Gesellschaft, sondern zur bürgerlichen Gesellschaft. Staat und bürgerliche Gesellschaft zusammen bilden den staatsbürgerlichen Verband, welcher ein Subjekt in der Weltgesellschaft der Staatsverbände darstellt. Im Staatsverband ist ein Staat mit seiner bürgerlichen Gesellschaft vergemeinschaftet. Der Bürger als Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft ist Vereinzelter, als Staatsbürger aber Vergemeinschafteter. Der Staatsbürger ist Verbandsgenosse des Staatsverbandes, dessen Vorstand der Staat ist, welcher in sich juristische Person ist und die Haushaltsgemeinschaft des Staatsdienervereins bildet.

So wie die juristische Staatsperson eine Haushaltsvergemeinschaftung der Staatsdiener darstellt, so die natürliche Privatperson eine Individualvergemeinschaftung seiner sozialen Rollen, seiner einzelnen Rechts-, Wirtschafts- und Gesinnungsgüter zu einem menschlichen Selbst. Das jeweilige Ich in der Fülle gesellschaftlicher Transaktionen integriert sich nicht ohne weiteres zu einem Selbst, zu einer Gemeinschaft des Bürgers mit sich. Mißlingt diese Einzelvergemeinschaftung, dann wiederholt sich der gesellschaftliche Interessengegensatz im Individuum, der entselbstete, pluralistisch-ichsüchtige Bürger zerfällt beständig in ein Ich und ein Nicht-Ich und spielt Gesellschaft in seinem Inneren.

Auffälliger und heute schon als Normal-Anomie hingenommen ist dieses Gesellschaftsspiel innerhalb juristischer Personen, besonders innerhalb des Staates. Der als Parteienstaat westlichen Typs schizophren gewordene Staatsdienerverein spielt Klassenkampf, indem er als Arbeitnehmer gegen sich als Arbeitgeber verhandelt. Der Parteienstaat ist die entselbstete Ichsucht und normierte Schizophrenie einer juristischen Person. In seiner vollentwickelten Fäulnis hat der Parteienstaat keine Staatsbürger mehr, sondern nur noch Parteienbürger, deren Seelenleben sich in einer Verinnerlichung des Parteienstreites erschöpft.

Jeder Parteienstaat ist stolz darauf, in seiner bürgerlichen Gesellschaft zu leben. Ein gesunder Staat dagegen lebt zwar in Gesellschaft, aber nie in seiner bürgerlichen Gesellschaft. Ein Staat hat in der Staatengesellschaft zu leben. Die Staatengesellschaft ist nicht nur keine bürgerliche Gesellschaft, sondern eine höchst unbürgerliche Gesellschaft.

Die Ideologen der totalen Vergesellschaftung neigen dazu, die Subjekte der bürgerlichen Gesellschaft als Opfer mißlungener Sozialisation vornehmlich in der Familie darzustellen. Ihre sog. Gesellschaftskritik ist Familienkritik, also Gemeinschaftsschelte. Alle bürgerliche Gesellschaft besteht aus Gemeinschaftstrümmern, speist sich aus dem fortwährenden Verfall, ja dem Abfall des Zersetzungsprozesses der Familien. Aber die Familiengemeinschaft ist um ihrer selbst willen da und nicht zum Zwecke irgendwelcher Sozialisationsarbeit. Wenn sie trotzdem die Bürgergesellschaft mit ihren Zerfallsprodukten düngt, äußert sich darin der Kreislauf der menschlichen Natur wie in der Regenwolke der Kreislauf der klimatischen Natur. Die Sozialisationstechniker sind die Regenmacher der bürgerlichen Gesellschaft. Ihr Lieblingsparadigma war im 18. Jahrhundert der Vertrag und ist heute der Markt.

Der zum kapitalistischen Weltwirtschaftssystem sich entfaltende Markt als Paradigma der Gesellschaftlichkeit, also des “Sozialismus” im wörtlichen Sinne, ist bislang immer nur von der Seite der fortschreitenden Selbstentfremdung, somit als Vergesellschaftungsprozeß, gesehen worden, was auf einer vulgären Rezeption der Marx-Engelsschen Ökonomie beruht. Die Rückseite der mit dem System der ökonomischen Kategorien voranschreitenden Vergesellschaftung ist die Vergemeinschaftung, und zwar jener Subjekte, die auf dem Markt durch Verträge sich vergesellschaftet haben.

Produzenten von Gütern und Diensten stellen diese als Werte und somit als Waren und Dienstleistungen her, weil sie vereinzelte Privatproduzenten sind, die für vereinzelte Privatproduzenten arbeiten. Die jeweilige Wertgröße vergesellschaftet ihre Privatarbeiten. Im preislich realisierten Wert erst erweist sich, welcher Arbeitsertrag und welcher Arbeitsaufwand dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprach; aber in ihm drückt sich auch aus, welche Gesamtsumme von Durchschnittsarbeiten einer bestimmten Art benötigte Arbeit war und welche Differenz als über oder Unterproduktion anzusehen ist. Der statistisch feststellbare Durchschnitt von Produktivität und Intensität der Arbeit eines Gewerbezweiges ist als nachträgliche Marktfeststellung eine gesellschaftliche, die zahlungsfähige Nachfrage aber eine gemeinschaftliche Tatsache, denn sie geht auf ein Gesamtbedürfnis.

Es gibt die Nutzungsgemeinschaft an dem Gesamtprodukt einer bestimmten Branche, die zugleich eine Nachfragergesellschaft ist, der die Anbietergesellschaft der Produzenten gegenübersteht. Als private Anbietet und Nachfrager bilden Produzenten wie Konsumenten zwei Klassen der bürgerlichen Gesellschaft; als Anbieter und Nachfrager wie als Produzenten zuvor und als Konsumenten danach bilden sie aber zugleich eine Branchengemeinschaft, die nicht nur eine Interessengemeinschaft an einem Branchengut, sondern auch eine Wertgemeinschaft ist. Denn bezüglich der zu realisierenden bzw. einzulösenden Wertsumme gilt für Anbietet wie für Nachfrager das Prinzip mitgefangen-mitgehangen.

Am Branchenmarkt erst zeigt sich, ob die von den Privaten geleisteten Durchschnittsarbeiten insgesamt benötigte Arbeiten sind, ob also die Anbietergemeinschaft auf ein gleichgroßes zahlungsfähiges Bedürfnis der Nachfragergemeinschaft trifft oder nicht. Beide Teilgemeinschaften der Branchengemeinschaft, die Anbieter- wie die Nachfragergemeinschaft, werden zur ökonomischen Schicksalsgemeinschaft: die Anbieter eine unglückliche bei Überproduktion und eine glückliche bei Unterproduktion, die Nachfrager haben das umgekehrte Schicksal. Bei den Nachfragern als der Nutzungsgemeinschaft des Branchengutes kann zudem das zugrundelegende Bedürfnis wie die ihm anhaftende Zahlungswilligkeit mehr oder weniger elastisch sein.

Die nächste Stufe nach der Wertvergemeinschaftung in einem Branchenmarkt ist die allgemeine Marktvergemeinschaftung aller Warenbesitzer in der allgemeinen Ware, im Geld. Geld setzt voraus einen gemeinschaftlichen Definitionsakt aller Warenbesitzer: Die Waren stellen ihre Werte jetzt 1. einfach dar, weil in einer einzigen Ware, und 2. einheitlich, weil in, derselben Ware. Ihre Wertform ist einfach und gemeinschaftlich, daher allgemein.” (MEW 23.79) Geld ist also keineswegs bloß ein systemisches und also rein gesellschaftliches Segment moderner kapitalistischer Länder, sondern durchaus auch Gemeinschaftsträger. Ansonsten wäre dem Phänomen BRD, diesem Staate De-Mark, worin so einiges faul war, niemals eine historische Existenzfrist eingeräumt gewesen.

Aber nicht nur Geld als Geld, sondern auch das Geld als Kapital hat die Fähigkeit zur Vergemeinschaftung. Das variable Kapital, wenn es sich durch gesellschaftliche Transaktionen aus der Geld- in die Humanform verwandelt hat, bildet aus den vorher privat vereinzelten Arbeitern eine Betriebsgemeinschaft. Ihr Zweck ist die Kooperation und die betriebliche Arbeitsteilung. Aus der Gemeinschaft des Produktionsprozesses resultiert die erkenntnistheoretische Prozeßlogik. Deren gegenständliches Substrat oder den materialisierten Geist liefert das konstante oder Sachkapital, das die Betriebsgemeinschaft zur Nutzungsgemeinschaft an Produktionsmitteln macht.

Neben der betrieblichen gibt es die gesellschaftliche Arbeitsteilung, worin die Teilprodukte, durch Kauf und Verkauf vermittelt, zu einem Endprodukt gelangen. In ihm findet die Arbeitsgesellschaft ihre Produktgemeinschaft. Dagegen ist eine Betriebsgemeinschaft immer eine Prozeßgemeinschaft.

Konkurrierende Branchenkapitalien unterliegen im Phänomen des Extramehrwerts einer Vorteilsvergemeinschaftung. In der allgemeinen Konkurrenz haben die Einzelkapitale eine Akkumulationsgemeinschaft, im Konjunkturzyklus eine Umschlagsgemeinschaft und im jährlichen Gesamtprodukt eine Reproduktionsgemeinschaft. In der Kategorie des Profits liegt eine Mehrwertgemeinschaft des Sach- mit dem Humankapital vor, im allgemeinen oder Durchschnittsprofit aber eine Mehrwertanteilsgemeinschaft aller Kapitalien. Die Krise ist eine Risikogemeinschaft, und die Existenz des Handelskapitals stellt eine Kommerzvergemeinschaftung aller Einzelkapitale dar. Kapitalzins und Unternehmergewinn bilden eine Profitgemeinschaft, und das fiktive Kapital ist nur eine Erscheinung der Zinsvergemeinschaftung mit dem realen Leihkapital. Bankkapital ist eine Funktionsgemeinschaft von zinstragendem und Geldhandelskapital, Finanzkapital eine solche von Bank- und Industriekapital. Im Monopolkapital endlich liegt die Faktorengemeinschaft von Finanzkapital und Grundeigentum vor.

Die Produktionsfaktoren als Einkommensquellen sind Einkommensgemeinschaften, eine Einkommensart aus einer bestimmten Einkommensquelle begründet eine Klassengemeinschaft und gegebenenfalls ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl. Im Klassenkampf entsteht eine Kampfzielgemeinschaft, das Verteilungsschema der Produktionsfaktoren ist eine Faktorenzirkulationsgemeinschaft. Das vom Staat über das Verteilungsschema gelegte Transfersystem bildet eine Steuergemeinschaft. Aktien”gesellschaften” gar sind unlösliche Kapitalgemeinschaften; ihre gesellschaftliche Sphäre ist die Börse, in der aber kein reelles Kapital in den Verkehr kommt, sondern fiktionalisiertes. Wo Marx Vergesellschaftung sagt, ist häufig Vergemeinschaftung gemeint. Ein falsches Wort kann den stärksten Begriff verdecken. Die Vergesellschaftung des Kapitals ist eigentlich bloß seine Verwandelung in eine marktgängige Ware, also Kapitalmarkt oder Sozialismus des Kapitals. Marx hat die Mehrwertanteilsgemeinschaft, den allgemeinen Profit, den “Kommunismus der Kapitalisten” genannt.

Kommunismus im nachkapitalistischen Sinne ist eine ökonomische Gesellschaftsform, deren große Wirtschaftssubjekte fiktionalisierte Kapitalgemeinschaften sind, die ihre gesamte Dividende in die Kapitalgemeinschaft eingemeinden können und nicht in die Gesellschaft der Aktienbesitzer ausschütten müssen.

Abschließend seien noch jene Gemeinschaften betrachtet, denen nach herrschender Lehre der Neuzeit die äußere wie innere Souveränität zugesprochen wird: die Völker. Wenn eine Staatsmacht über ein gesellschaftliches Verteilungsschema ein Transfersystem legt, erzeugt sie ein formelles Volkswirtschaftssubjekt, eine Nationalökonomie aus einer bloßen Staatsnation von Steuerzahlern. Decken sich aber die Grenzen des der Steuerpflicht unterworfenen Verteilungsschemas mit den Wirtschaftsgrenzen eines Volkes, also einer prozessierenden Gemeinschaft von Abstammung, Sprache und Schicksal, dann hat der Staat ein wirkliches Volkswirtschaftssubjekt, eine reelle Nationalökonomie, geschaffen.

Ein Volk als Person, eine reelle Nation also, ist die Wiedervereinigung der juristischen mit der natürlichen Person als einer eigenvergemeinschafteten. Ein Volk ist das ganze Selbst, der Gesamtbesitzer der Nation, die Nation aber ist das Volk als Gesamteigentümer. Nur die Nation, nur das reelle Völkerrechtssubjekt, kann Gesamteigentümer der fiktionalisierten Kapitalgemeinschaften sein. Ein ganzes, ungeteiltes Volk ist der einzig wahre Kommunismus. Es hat soviele Kommunismen wie Völker in der Geschichte, und jeder Kommunismus muß sich verwirklichen, denn jedes Volk ist eine besondere Weltanschauung Gottes. Was Gott an der Welt geschaut hat, inspiziert auch der Weltgeist.

* * *

aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618




Der Gang der Geschichte

Der Gang der Weltgeschichte führt, Hegel zufolge, von China über Indien, Persien, Griechenland und Rom nach Deutschland. Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts scheint die Geschichte über England nach Amerika fortgelaufen und über den Pazifik hin wieder auf den chinesischen Kulturraum gestoßen zu sein. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend kann man aber den Eindruck gewinnen, daß das amerikanisch bestimmte 20. Jahrhundert nur eine Warteschleife im Gang der Weltgeschichte war, bevor sie sich von Deutschland aus auf den Weg nach Rußland macht und über die mongolischen Steppen zurück nach China kehrt.

Die Weltgeschichte ist der Gang des Geistes durch die Welt, die er durch Absehung seiner von sich selbst geschaffen hat. In dieser Welt sucht der Geist sich selbst, er sucht sich in Gestalten, die ihm entfremdet, weil entvollkommnet sind. Hier ist er also nicht absoluter Geist, sondern Weltgeist. Wird der Geist als Person gedacht und anerkannt, so ist der Gang der Geschichte der Gang Gottes durch die Welt, sein irdisches Dasein und seine Selbstauslegung in der Zeit. Zunächst (I) wollen wir uns das Wesen und den Gang der Geschichte vergegenwärtigen, wie ihn Hegel, der deutsche Aristoteles, gesehen hat. Anschließend (II) sei die geschichtsphilosophische Betrachtungsweise des Deutschen Idealismus auf die nachklassische Zeit Deutschlands angewandt und endlich (III) die künftige Ordnung Europas aus dem Geist seiner Völker entworfen.

I

Die Geschichte ist die Selbstauslegung des Geistes in der Zeit. Die Auslegung ist dem Ausgelegten gegenüber nachrangig. Das Selbst des Geistes ist er als absoluter Geist, die Zeitauslegung des Geistes ist er als Geschichte. Die Natur dagegen ist die Selbstauslegung des Geistes im Raum. Indem der Geist in Natur und Geschichte diese Arbeit der Selbstauslegung leistet, schöpft er zunehmend Gestalten, die ärmer an Eigensinn und reicher an geistigem Sinn, also geistreicher sind. Die Betrachtung des Ganges der Weltgeschichte ist ihre Vergeistigung und daher letztlich eine Theodizee, eine Rechtfertigung Gottes. In der Weltgeschichte selber liegt schon eine starke Aufforderung, sich mit ihr zu versöhnen, indem wir ihren Sinn erkennen und den darin manifestierten Geist erfassen.

Der Endzweck der Welt ist die Freiheit und in der Welt selber zu verwirklichen. Die Weltgeschichte geht auf geistigem Boden vor, die Entwicklung des Geistes ist ihre Substanz. Die Natur ist in der Geschichte nicht handelnd, sondern nur eine fremde Auslegung des Geistes, die in seine Zeitauslegung bisweilen einbricht oder auch auf sie überzugreifen scheint, aber wie ein Unwetter wieder verschwindet und geistig-substantiell folgenlos bleibt.

Ist das Wesen der Materie die Schwere, so das Wesen des Geistes die Freiheit; ist die Materie schwer, weil sie nach einem Mittelpunkt außer ihrer selbst drängt, also außereinander besteht und daher zusammengesetzt ist, so hat der Geist dagegen seinen Mittelpunkt in sich, hat die Einheit nicht außer sich, sondern er hat sie in sich gefunden. Der Geist ist in sich selbst und bei sich selbst. Die Materie hat ihre Substanz außer ihr; der Geist ist das Bei-sich-selbst-Sein. Dies eben ist die Freiheit. Dieses Beisichselbstsein des Geistes ist Selbstbewußtsein. Der Geist ist das Beurteilen seiner eigenen Natur. Die Weltgeschichte ist die Darstellung des Geistes, wie er sich das Wissen dessen, was er an sich ist, erarbeitet. Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zu dem Bewußtsein gekommen, daß der Mensch als Mensch frei ist, die Freiheit seine eigene Natur ausmacht. Dieses Prinzip auch in das weltliche Gemeinwesen einzubilden, das war eine schwere, lange Arbeit. Religion ist das Prinzip, also der bloße Anfang der Freiheit. Anwendung des zunächst religiösen Prinzips auf die Weltlichkeit ist der Verlauf der Geschichte. Sie ist Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, die zu ihrer Wirklichkeit wird.

Der Geist ist das Vollkommene und kann darum nichts als sich selbst, seinen eigenen Willen wollen. Der Geist als Einer, als ein Handelnder betrachtet, ist in sich vollkommener Besitzer seiner selbst, und als rechtmäßiger Besitzer ist der Geist Eigentümer seiner selbst und daher Gott. Gott regiert die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans, ist die Weltgeschichte. Nur das aus Gottes Plan Vollführte hat Wirklichkeit, das ihm Ungemäße ist nur faule Existenz. Es geht ums Erkennen der göttlichen Idee und um die Rechtfertigung der Wirklichkeit, wobei das Recht des Weltgeistes über alle besonderen Berechtigungen hinweggeht.

Die Leidenschaft ist das Betätigende, die Idee ist das Innere, der Staat ist das wirkliche sittliche Leben. In der Weltgeschichte kann nur von Völkern die Rede sein, die einen Staat bilden. Der Staat ist das Wahre, die Einheit des allgemeinen und subjektiven Willens. Der Staat ist die göttliche Idee, wie sie auf Erden vorhanden ist. Er ist so der näher bestimmte Gegenstand der Weltgeschichte überhaupt.

Der Geist der Familie ist ebenso ein substantielles Wesen als der Geist eines Volkes im Staate. Durch die Familiensittlichkeit (die Pietät) hat der Staat solche Individuen als Staatsangehörige, die schon für sich sittlich sind, denn als Personen sind sie dies nicht. Sie haben gelernt, sich als eins mit einem Ganzen zu empfinden. Aus patriarchalischen Verhältnissen entspringt die Theokratie, denn auf dieser Stufe ist die Familie noch nicht von der bürgerlichen Gesellschaft und vom Staate geschieden, so daß das Oberhaupt auch sein Priester ist.

Die Verfassung eines Volkes bildet mit seiner Religion, seiner Kunst und Philosophie eine Substanz, einen Geist. Der Staat ist eine individuelle Totalität. Die erste Produktion eines Staates ist herrisch und instinktartig. Aber auch Gehorsam und Gewalt, Furcht gegen einen Herrscher ist schon ein Zusammenhang des Willens. Schon in rohen Staaten muß auf die Partikularität Verzicht getan werden und ist der allgemeine Wille das Wesentliche. Ein Staat beginnt mit einem Königtum. Darauf tut das Besondere und Einzelne sich hervor in Aristokratie und Demokratie. Den Schluß macht die Unterwerfung dieser Besonderheit unter eine Macht, welche nur die monarchische sein kann. Es ist so ein erstes und ein zweites Königtum zu unterscheiden. Welche Verfassung eintritt, ist nicht Sache der Wahl; nur diejenige kann eintreten, die gerade dem Geiste des Volkes angemessen ist.

Der Staat ist die geistige Idee in der Äußerlichkeit des menschlichen Willens und seiner Freiheit. Das System der Freiheit ist die freie Entwicklung ihrer Momente als organischer Glieder, es ist ein gotischer Dombau. Das Sittliche ist die Einheit des subjektiven und allgemeinen Willens.

Das Wahre gelangt nicht nur zur Vorstellung und zum Gefühl, wie in der Religion, und zur Anschauung, wie in der Kunst, sondern auch zum denkenden Geist. Die Prinzipien des Staates müssen als an und für sich geltend betrachtet werden, und sie werden dies nur, insofern sie als Bestimmungen der göttlichen Natur selbst gewußt sind. Wie daher die Religion beschaffen ist, so der Staat und seine Verfas-sung; er ist wirklich aus der Religion hervorgegangen, und zwar so, daß der athenische, der römische Staat nur in dem spezifischen Heidentum dieser Völker möglich war, wie eben ein katholischer Staat einen anderen Geist und eine andere Verfassung hat als ein protestantischer.

Die geschichtlichen Taten und ihre Erzählung erscheinen zu gleicher Zeit. Die Entwicklung einer Sprache gehört aber noch nicht zur Geschichte der Völker, die sie sprechen. Die Sprache ist voreilig, sie treibt die Völker vorwärts und auseinander, bis sie entweder mit Staaten in Berührung kommen oder selber die Staatsbildung beginnen, so daß sie geschichtlich werden. Dabei ist jedes geschichtliche Volk von einem eigenen Prinzip – seinem besonderen Volksgeist – bestimmt. Dieser hat eine logische und eine empirische Seite. Das Logische dieses eigentümlichen Prinzips eines Volkes erscheint als seine bestimmte Besonderheit, die auf geschichtliche Weise zu zeigen, also zu erweisen ist. Die historische Nachweisbarkeit hängt jedoch vom logischen Vorweis ab. Das Prinzip eines Volkes ist sein Anfang; mit ihm hat es den Fang seiner Geschichte gemacht, ihre herstellungslogische Prozeßidee: den Vorausgang. Die Geschichte selber ist dann der Durchgang des ganzen Vorganges vom Vorausgang bis zum Ausgang. Das Prinzip, der Anfang eben, ist es, der den Durchgang der Geschichte bis zu ihrem Ausgang bestimmt. Der Gang ist das Prinzipielle, der Verlauf das Empirische an der Geschichte eines Volkes.

Der konkrete Volksgeist ist das zu Erkennende, das als Geist nur geistig, also durch Gedanken gefaßt werden kann. Der Volksgeist will sich selbst vollenden, also nicht nur sich zur Anschauung bringen, sondern zum expliziten Gedanken seiner selbst. Seine Vollendung ist sein Ende und der Anfang eines neuen Volksgeistes. Damit beginnt eine andere Epoche der Weltgeschichte.

Die Veränderung überhaupt ist Untergang und Aufgang, also beständiges Hervorgehen. Die geschichtlichen Veränderungen aber sind nicht bloß Verjüngungen, nicht bloß Rückgänge zu derselben Gestalt, sondern Verarbeitungen des Geistes, der durch jedes Erzeugnis seinen Stoff vervielfältigt. Der Geist schafft sich so eine unerschöpfliche Menge von Arbeitsaufgaben und Bearbeitungsstoffen.

Der Geist eines Volkes erfaßt sein Prinzip und erbaut aus diesem Anfang sich seine eigene Welt als Religion, Kultur, Gebräuche, Verfassung, Gesetze, alle sonstigen Einrichtungen und Taten. Der Einzelne inkorporiert sich dieser bereits fertigen und festen Welt seines Volkes. Ein Volk ist von sittlicher und kräftiger Natur, solange es sein Prinzip verwirklichen und die ihm gemäße Welt hervorbringen kann. Ist das Werk vollbracht, verschwindet aus dem ferneren Tun dieses Volkes das Interesse des Weltgeistes. Das Volk genießt sein Werk als seine Welt, die ihm zur Gewohnheit wird und aus der das höchste Interesse, der schöpferische Gegensatz, verschwunden ist. Sein Dasein wird langweilig, greisenhaft und weltgeschichtlich bedeutungslos. Dieses Schicksal des Volkes kann sich wenden, wenn es etwas Neues will, das von weltgeschichtlichem Interesse ist. Jenes Volk, das etwas wirklich Neues und damit in die weltgeschichtliche Arena zurückkehren will, muß sein Selbst, seine ganze bisherige Geschichte zum Opfer bringen. Das Opfer ist der Beginn des neuen Gemeinwesens, es gründet die geschichtlichen Subjekte. Das Opfer, das ein Volk darbringt, räumt ihm die Zeit seiner neuen Geschichte ein und zeitigt ihren Raum.

II

Das deutsche Volk hat nach der Auflösung des Ersten Reiches solch ein Neues gewollt und mit dem Zweiten Reich das protestantische Kaisertum geschaffen, das einen zweiten dreißigjährigen Krieg auf sich zog und damit seine weltgeschichtliche Bedeutung bewies. Die Entthronung des protestantischen Kaisers und die Verstümmelung seines Reiches haben die Märtyrer geschaffen, welche die legendären Grundlagen der neuen Ordnung eines Europas der freien Nationen bilden werden.

Das protestantische Kaisertum der Hohenzollern war in Deutschland aber nur als abstrakte Idee vorhanden, war wirklich nur im Prinzip, nur als Anfang. Die Bedingungen seines Entstehens, die geschichtliche Altlast des zugrundegegangenen Millenniums der deutschen Geschichte schwächte den Neuanfang. Österreich und damit das geschichtliche Denkmal des alten, katholischen Kaisertums war nicht überwunden und daher auch vom Zweiten Reich ausgeschlossen worden. Ebenso wurde kein Versuch gemacht, die Sezessionsstaaten des Alten Reiches – die Schweiz und die Beneluxländer – aufzunehmen. Es blieb somit nicht nur die Idee der Nation, sondern auch die des Reiches unverwirklicht, was sich zusammenfaßt im Nichtvorhandensein eines deutschen Königs. Weil nur Preußen, Sachsen usw. Königreiche waren, nicht aber der geschlossene Siedlungsraum des deutschen Volkes in Mitteleuropa zum Königreich Deutschland vereinigt wurde, mußte der Kaiser seinen Titel und die deutsche Nation ihre Reichsbildungspflicht gegenüber den Nachbarnationen verfehlen. Die Hohenzollern waren nicht Könige von Deutschland, also konnten sie nicht Kaiser von Europa werden.

An der Schwelle zum dritten Jahrtausend stellen sich Millenniumsfragen. Welchen Charakter soll das dritte Jahrtausend deutscher Geschichte haben? Was kennzeichnete die vergangenen zwei Jahrtausende? – Betrachten wir die Geschichte Deutschlands vom Jahre 9 bis zum Jahre 1990, so sehen wir sie in zwei Jahrtausende unterschieden. Die Zeit von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zum ersten Sachsenkaiser (919) ist dem Entstehen der deutschen Großstämme, der Herausbildung des Althochdeutschen als neuer gemeingermanischer Sprache und insgesamt der Volkwerdung der Deutschen gewidmet. Das Gemeinsame aller Germanen, ihr Gemeinschaftsunternehmen der südlich gerichteten Landnahme und des jahrhundertelangen Kampfes gegen Rom, besondert sich in den Frontstämmen am mittleren Abschnitt, was zur dauerhaften Verortung der allgemeinen Aufgabe in Mitteleuropa führt. Deutschland ist bis heute der Ort der germanischen Allgemeinheit, so daß Deutschfeindlichkeit und Antigermanismus zusammenfallen. Die Zeit vom ersten Sachsenkaiser bis zum letzten deutschen Kaiser (919-1919) umfaßt dann die Staatsgeschichte und damit die Nationwerdung des deutschen Volkes, die auch von Ludwig dem Deutschen (843) bis zu Adolf dem Österreicher (1945) datiert werden könnte. Das charakteristische Prinzip des Ersten Reiches tritt schon im Jahre 800 mit der vom Papst usurpierten Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom hervor, wo die deutsche Staatsgeschichte als Geschichte der Übergriffe der geistlichen Gewalt gegen die weltliche begann und erst 1806 endete. Vom Deutschen Idealismus ausgehend, beginnt die Geschichte der neuen Reichsidee, die in Bismarcks Gründung eines protestantischen Kaisertums ihren ersten Realisierungsversuch erlebte, der in einer Leidens- und Märtyrerzeit endete, einer weltweiten Deutschenverfolgung, die von 1914 bis 1990[1. Das erwies sich leider als eine viel zu optimistische Einschätzung.] dauerte.

III

Wie soll jetzt die deutsche Geschichte weitergehen und wie die europäische? Wie soll sich die geistige Macht entwickeln und wie die weltliche Macht?

Die deutsche Geschichte kann nur als Politik der schrittweisen Wiedervereinigungen aller Teile Deutschlands fortgesetzt werden. Die derzeitigen Regierungen in Deutschland allerdings wollen das Gegenteil, nämlich die Beendigungen der deutschen Geschichte und ihre Ersetzung durch EG-Geschichte. Sollte es gelingen, mit dem Einheitsmarkt und der EG als politischer Union ein neues Einheitsreich des karolingischen Typs auf die Beine zu stellen, ist dessen baldiger, von schweren sozialen Erschütterungen begleiteter Zerfall ebenso unausweichlich wie die Teilung des Reiches Karls des Großen es gewesen war.

Kern und Voraussetzung jeder echten Einigung Europas ist die Wiedervereinigung aller deutschen Stämme und Landschaften zu einem Königreich Deutschland. Die Wiedervereinigung des westlichen und mittleren Teiles begann, als die mitteldeutschen Flüchtlinge über Ungarn kamen und in Österreich wieder deutschen Boden betraten – eine Tatsache von höchster symbolischer Bedeutung. Die Wiedervereinigung sollte fortgesetzt werden durch eine Vereinigung Österreichs mit der Schweiz zu Bergdeutschland, dann mit den Beneluxländern und dem erweiterten Bundesdeutschland zum Königreich Deutschland. Dieses kann dann mit anderen europäischen Nationen je nach innerem Verwandtschaftsgrad Reichsbildungen der verschiedenen Formen eingehen. Entscheidend wird sein, daß die europäische Reichsbildung eine organische Völkerrechtsordnung darstellt und den Völkern Europas keine Einheitsgesellschaft aufzwingt, die ihre Souveränität zerstört.

Die künftigen deutschen Wiedervereinigungen sollen kein Anschluß und auch kein Beitritt sein, sondern wirkliche innere Vereinigungen der jeweiligen Landschaftsräson zu einem neuen Gesamtverstand Deutschlands. Deutschösterreich bewahrt nicht nur die Insignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, vor seinen Grenzen warten auch die südosteuropäischen Nationen, die dem Reich wieder angehören möchten – um ihres eigenen Wohles willen. Österreich bewahrt also das erste Jahrtausend deutscher Staatlichkeit, es überliefert die alte Reichsidee des katholischen Kaisertums durch sein bloßes Dasein. Die Schweiz dagegen hat Idee und Wirklichkeit der urgermanischen Landsgemeinde, die Einheit von Wehr- und Rechtsfähigkeit bewahrt, zudem Reste der burgundischen und norditalienischen Reichsangehörigkeiten. Ein einiges Bergdeutschland wird es nicht geben ohne die Wiederaneignung dieses partikularisierten deutschen Erbes. Die Österreichisierung der Schweiz ist ohne gleichzeitige Tellisierung Österreichs undenkbar.

Der Gegenbegriff zu Bergdeutschland ist Taldeutschland, dessen tiefste Gegend die Niederlande sind. Mit den Niederlanden ist Deutschland die Seemacht und die maritime Sichtweise insgesamt entfremdet worden, wodurch es Opfer des globalen Interventionismus maritimer Weltmächte werden konnte. Ferner ist die niederländische Sprache ein Alternativdeutsch, ein Platthochdeutsch, also ein Hochdeutsch, das nicht aus der mitteldeutschen Mundartengruppe entwickelt wurde, sondern aus der niederdeutschen. Die holländisch-flämische Sprache ist somit als gesamtdeutsches Kulturgut anzueignen, das von vornherein die mögliche Entwicklung einer hochdeutschen Sprache aus dem oberdeutschen Dialektkreis austariert.

Die Wiedervereinigung Berg- und Taldeutschlands vollzieht sich zuallererst auf geistigem Grunde, ist eine wechselseitige Anerkennung, Aneignung und anverwandelnde Verallgemeinerung der partikularen Prinzipien deutscher Siedlungsräume. Ihr spiritueller Kern kann nur die germanische Glaubensgemeinde in einer deutschen Reichskirche sein. Das Luthertum war nur die erste, christlich-traditionelle Fassung dieser germanisierten Kirche, deren philosophische Fassung der Deutsche Idealismus ist. Er bringt das geschichtliche Prinzip der Germanen – Freiheit und Treue – auf den Begriff.

Die künftigen Religionen der Deutschen mögen schwarzer Katholizismus, roter Protestantismus, grüne Naturfrömmigkeit und blasser Wissenschaftsglaube sein, – entscheidend ist ihre gemeinsame Verfassung als germanische Gemeinde. Jede künftige deutsche Glaubensgemeinde muß immer eine Landsgemeinde geistlicher Privateigentümer sein, also eine Versammlung solcher, die auf ihre Facon selig werden und also einen Glauben haben, der der ihrige ist. Dagegen hatten im Altertum die Menschen den Staatsgöttern zu opfern, wie sie dem Staat zu gehorchen hatten. Über die Götter selber konnte man sich lustig machen. In der germanischen Religiosität ist der Glaube des Einzelnen sakrosankt wie sein weltliches Privateigentum. Eine Pflicht zum öffentlichen Kultus gibt es nicht, aber Gotteslästerung ist ein Straftatbestand, der das geistige Privateigentum jedes Einzelnen ebenso beleidigt, wie der Satz vom Eigentum als Diebstahl jedes weltliche Privateigentum angreift.

Das künftige deutsche Reichskirchengesetz muß also ein germanisches Geistesverfassungsrecht sein, das zuvörderst den Glauben der Gläubigen, ihr geistliches Privateigentum, schützt. Jede Gemeinde ist dann freie Glaubensgemeinde und jedes weltliche Gemeinwesen ein Verein freier Menschen und keine Zwangsgemeinde. Damit erst ist die geistige Herrschaft der Antike beendet und jede Form des spirituellen Cäsarismus auch innerhalb des katholischen Glaubens überwunden und der Konzilsbewegung zum Sieg verholfen.

Die europäische Ordnungsaufgabe des wiedervereinigten deutschen Volkes besteht lediglich darin, daß Deutschland ein vorbildliches germanisches Gemeinwesen wird, also zu sich selbst kommt. Die anderen germanischen Nationen werden sich zu diesem geistigen, politischen und wirtschaftlichen Ordnungskern Europas in eine engere Beziehung setzen, die slawischen und romanischen Nationen in eine weitere oder nur andersartige Beziehung und dadurch ein völkerrechtliches Ordnungsgefüge herstellen, das sich fähig zeigt, gegen raumfremde Mächte ein Interventionsverbot durchzusetzen. Das Europäische Reich entsteht durch freiwillige Zuordnung der europäischen Nationen zum Kernvolk Europas, das aber selber erst wieder kernig werden und eine ganz neue innere Festigkeit gewinnen muß.

Instrumente dieser europäischen Völkerrechtsordnung wären die Freihandelszone (EFTA), die Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die europäische Außenpolitik (EAP) und für die germanischen Nationen außerdem noch der Währungsverbund sowie die sozial- und wirtschaftspolitische Union. Europas künftige Ordnung soll als Einheit des Mannigfaltigen, als Bau eines gotischen Domes ausgeführt sein und nicht als Tempel des Mammons.

Ein derart neugeordnetes Europa wird wieder Machtzentrum der Welt sein. Solch ein kommendes Machtzentrum kann aber ganz leicht Angriffsziel der ganzen Welt werden, wenn von ihm nicht rechtzeitig überzeugende Ideen der Weltordnung ausgehen. Als europäisches Weltordnungskonzept schlage ich daher eine Neuordnung der Welt nach Reichsprinzipien vor, die völkerrechtlich zu normieren sind und zugleich als Kategorien einer Sicherheitsordnung gelten. Grundidee dieser Neuordnung als Sicherheitsordnung ist die Einziehung globalstrategischer Wände in unseren Erdraum und ihre völkerrechtliche Normierung als tragende Teile des Bauwerks der Weltsicherheit.

Die globalstrategische Wand als völkerrechtliche Leitnorm der neuen Weltordnung ist aus mehreren Ordnungsbegriffen aufgebaut, die als völkerrechtliche Folgenormen zu fixieren sind: die Sicherheitszone, der Gestaltungsraum, der Subkontinent, die Einflußsphäre und der Konfliktraum von Mächten.

Unter Mächten seien verstanden Staaten, Nationalstaaten und Reiche. Fassen wir als Staat im äußeren Sinne jedes Rechtssubjekt, das das Recht zum Kriege hat, also von anderen Subjekten des Völkerrechts als ihresgleichen anerkannt ist, somit als formelles Völkerrechtssubjekt, so folgt, daß ein Nationalstaat ein reelles Völkerrechtssubjekt ist, dessen Naturalform oder Subjektsubstanz wirklich ein Volk ist, also die prozessierende Gemeinschaft von Abstammung, Sprache und Schicksal. Reiche hingegen sind Mächte, die aus einem reichsbildenden Volk und aus reichsangehörigen Völkern bestehen und also von einer Völkergemeinschaft bewohnt werden.

Reiche sind unterscheidbar nach der inneren Verfaßtheit ihrer Völkergemeinschaft. Besteht bloß der tatsächliche Unterschied von unterworfenen reichsangehörigen Völkern zum unterwerfenden reichsbildenden Volk, so handelt es sich um bloße Völkerreiche; typischerweise sind dies Großreiche, die im Innern als Einheitsreich verfaßt sind; deren Bewohnerschaft bildet ein explosives Völkergemisch, das durch Gewalt, Gleichmacherei und Primitivierung zusammengehalten werden muß. Reiche können aber auch als Staatenreiche verfaßt sein, worin die Einwohner im reichsbildenden Staat und in den reichsangehörigen Staaten organisiert sind. Die nächsthöhere Form des Reiches ist das Nationenreich, worin der reichsbildende Staat wie die reichsangehörigen Staaten organischer Nationalstaat (reelles Völkerrechtssubjekt) sind, keineswegs aber heterogene Staatsnation wie z.B. Frankreich oder Großbritannien. Die Sowjetunion war solch ein Nationenreich auf dem Papier. Denkbare Formen des Nationenreiches sind das Völkerfamilienreich, wie es dem Panslawismus vorschwebte, oder das Völkersippenreich, das hinter arischen Ordnungsideen aufleuchtete.

Alle Mächte haben das natürliche Bestreben, um sich herum eine Sicherheitszone zu legen, eine Einflußsphäre zu gewinnen, in einem Gestaltungsraum tätig zu sein und gegebenenfalls in einem begrenzten Konfliktraum ihre Interessen gegen fremde Ansprüche zu verteidigen.

Als völkerrechtlicher Gestaltungsraum Nordamerikas ist seit der Monroe-Doktrin Mittel- und Südamerika definiert; dieser Gestaltungsraum ist gewissermaßen senkrechter Natur, weil Subkontinent der gestaltenden Macht. Subkontinentale Gestaltungsräume sind richtige und daher haltbare Ordnungen, weil hierbei der nördliche Teil der Hemisphäre den südlichen führt, das Obere und das Untere im rechten Verhältnis zueinander stehen. Weltordnung wie Weltkarte sind dabei richtig ausgerichtet, nämlich genordet.

Die geostrategischen Achsen sind heute zu den Breitengraden hin verdreht; Nord-Süd ist eine Ordnungslinie, Ost-West aber eine Konfliktlinie. Die Verdrehung entstand durch die machtpolitische Ausschaltung Europas und die globalstrategische Degradierung Rußlands; erst die Afghanistan-Intervention hat Rußlands strategische Ordnungslinie sichtbar wiederhergestellt. Amerikas strategische Achse ist am extremsten ost-west-verdreht: nach Europa und Ostasien. Auch bei wohlgeordneten, subkontinentalen Gestaltungsräumen ist der ostasiatisch-pazifische Raum ein prädisponierter Konfliktraum, weil dort die derzeit niedergehende Welt und Großmächte mit aufstrebenden neuen Industriestaaten zusammentreffen und hier die Subkontinente geopolitisch nicht eindeutig sind.

Einflußsphären sind Einwirkungsmöglichkeiten einer Macht in das Gebiet anderer Mächte; diese Möglichkeiten sind auf ethnischen, sprachlichen oder kulturellen Verwandtschaften gegründet oder auch auf wirtschaftlichen Ausstrahlungen. So sind die baltischen Länder immer nordische Einflußsphäre geblieben, ebenso wie Elsaß-Lothringen deutsche Einflußsphäre. Das Österreich der Ära von Jalta bis Malta aber war etwas ganz Besonderes, nämlich eine doppelseitige Sicherheitszone für Rußland wie für die Westmächte und damit der historische Vorläufer zu der geostrategischen Wand Europa-Afrika.

In zehn Jahren spätestens[2. Klassischer Fall von revolutionärer Ungeduld.] wird Amerika, die derzeit (im Oktober 1990) einzige Weltmacht, dort angelangt sein, wo Rußland heute steht. Der Liberalismus Amerikas als älterer und erfolgreicherer Bruder des frühverstorbenen Kommunismus ist auch nur ein Kind des geistigen Cäsarismus. Die Sprößlinge dieser mumifizierten altrömischen Ideenfamilie haben den Völkern Europas tausend Jahre lang allerlei Geistesknechtschaft beschert. Aber dieses alte Abendland ist nun endlich in die ewige Nacht der Vergangenheit abgesunken.