Karl Marx und die deutsche Philosophie

Die in der Aula geführte Debatte über Karl Marx zwischen den Standpunkten der Autoren Löw/Romig (5/97), Girtler (9/97) und Golowitsch (12/97) hat sich auf die Persönlichkeit Marxens kapriziert und völlig vermieden, das Haupt­werk des Theoretikers Marx auch nur zu berühren. Damit hat man sich selber vom Verständnis des Grundes der gegen­wärtigen Marx-Renaissance abgeschnitten, die sich allein auf Das Kapital stützen kann.

Außer­dem hat die Debatte den Sozial-Anti­semitismus des Juden Marx gegen ihn selber als zu er­he­ben­den oder zu ent­kräftenden Vor­wurf instrumentiert und daher die gegen­wärtig herr­schen­den Denk­tabus und Kritik­schablonen verstärkt, anstatt sich über sie souverän hinwegzusetzen. Weil es heut­zutage keine öffentlichen Juden­feinde geben darf, gibt es in Wahr­heit auch keine Juden­freunde. Wer den Haß verbietet, der hat die Frei­heit nicht weniger unterdrückt, als wer die Liebe ächtet.

Selbst­redend war Marx ein kultur­deutscher Anti­semit, aber eben auch ein Bluts­jude, der alt­testamentarisch hassen konnte und z.B. Öster­reich ganz besonders üble Finanzjuden an den Hals gewünscht hat. Die Menschen allgemein sind wider­sprüchliche Wesen, und Marx war es in außer­gewöhnlichem Maße: Als systematischer Theoretiker war er ein deutscher Phi­losoph, als Prak­tiker und Pro­grammatiker dagegen ein jüdischer Gewalt- und Macht­ideologe der besonders staats­feindlichen und anti­politischen Art. Der Marxismus als jüdische Gewalt­ideologie ist in Rußland und ganz Ost­europa blamabel gescheitert, und zwar zuguter­letzt an der mittel­deutschen Einigungs­bewegung von 1989; der Marxismus als deutsch-systematische Theorie des Kapitalismus hingegen ist durch den Triumph der ka­pi­ta­lis­tischen Pluto­kratie des Westens über die kommunis­tische Des­potie in Ost­europa glänzend bestätigt worden.

Der deutsche Marx hat recht behalten, der Kapitalismus war die Welt­revolution, die alle vorkapitalistischen und reaktionär-anti­kapitalistischen Gesellschafts­formen hinweggefegt hat. Dieser Erfolg als Theoretiker war Marx beschieden, weil er sich zur deutschen Philosophie und ganz besonders zum Deutschen Idealismus streng epigonal verhielt und sich jede originär jüdische Gedanken­zutat (außer dem Aus­rutscher der „Ex­pro­pri­ation der Ex­pro­priateure“ im 23. Kapitel des ersten Kapital-Bandes) verkniff. Die Sieben gegen Theben waren zwar originell, aber erst ihre Epigonen auch erfolg­reich.

Karl Marx war ein jüdischer Ver­brecher und ein deutsches Genie. Dem Genie ist die deutsche Treue zu halten, die literarischen Verbrechen des jüdischen Ideologen aber sind verjährt. Die konservativen Schätzungen der russischen Regierung über die Zahl der Menschen­opfer, die in An­wendung der jüdisch-marxistischen Gewalt­ideologie in der Sowjetunion gebracht wurden, belaufen sich auf sechzig Millionen. Dieses Ver­brechen übertrifft noch das des Mongolen­sturms und ist damit singulär in der Welt­geschichte überhaupt. Es hätte ohne die willige Hilfe des ganzen Welt­juden­tums nicht ausgeführt werden können.

Als deutsches Genie hat Karl Marx den ganzen Deutschen Idealismus beerbt und mit dem Kapital, seinem Haupt­werk, den letzten und ausgereiftesten System­entwurf der idealistischen Bewegung vorgelegt. Schon seinen system­begründenden Begriff der Ware als Ein­heit eines Ge­brauchs­wertes (oder -gegenstandes) mit seinem Tausch­wert hat er getreulich aus Hegels Rechts­philosophie (1821) abge­kupfert, wo in § 40 das Recht als Ein­heit eines Besitzes mit seinem Eigen­tum bestimmt wird. Weil jedes Recht auch eine Ware und jede Ware auch ein Recht ist, hat Marx eine grund­legende Über­setzungs­arbeit des juridischen in den polit­ökonomischen Grund­begriff geleistet, aus dessen Selbst­bewegungen er sein System aufbaut und in seiner reflexions­logischen Wert­formen­lehre über Hegel hinaus­führende Re­sul­tate in Ge­stalt einer exakten Geld­deduktion erhält, die ihm die genaue Unterscheidung zwischen Wesen und Funktion (Erscheinung) des Geldes gestattet und das Kapital als selbstbezügliche Geld­funktion demonstriert.

Implizit hat Marx mit seiner Geld­deduktion aus der Waren­welt auch die Ab­leitung des öffentlichen Rechts aus der Welt der Rechte und die Staats­deduktion aus der Welt der juristischen Personen geliefert, obwohl er keine Staats­theorie verfaßt hat. Von Hegel hat Marx auch die Theorie der Ver­elendung in der bürgerlichen Gesell­schaft übernommen, nicht aber das Konzept des Staates als Wirk­lichkeit der sitt­lichen Idee, als Dasein Gottes auf Erden.

Die Autoren Löw/Romig meinen, Marxens ökonomische Theorie ließe sich mit einem legeren Verweis auf die herr­schen­de Meinung der Uni­ver­si­täts­öko­no­mie erledigen. Die Qua­lität der schul­ökonomischen Marx-Rezeption ist aber unter aller Kritik. So etwa kann man fol­genden Voll­unfug lesen: „Die Ware Arbeit ist nun nach Marx die einzige, bei der Gebrauchs- und Tausch­wert voneinander abweichen können, und zwar übersteigt der Gebrauchs­wert den Tausch­wert der Arbeit.“ (Klassiker des öko­no­mi­schen Denkens. II. Von Marx bis Keynes, ed. Starbatty, München 1989) Das bedeutet, daß die Uni­ver­si­täts­öko­no­mie noch nicht einmal das erste Kapitel des Kapitals versteht. Sie kann es nicht verstehen, weil ihr die phi­lo­so­phische All­ge­mein­bil­dung mangelt, die sie erkennen ließe, daß Das Kapital steht und fällt mit dem Begriffs­konzept des Deutschen Idealismus im besonderen und dem kraft­theo­re­ti­schen Den­ken der deutschen Phi­lo­sophie im all­ge­mei­nen.

Den einzigen Schwach­punkt in Marxens System hat die Universitäts­ökonomie natürlich auch nicht entdeckt. Er besteht darin, daß beim Wert der Arbeits­kraft nicht die Arbeits­wert­theorie angewandt, sondern der Preis der Kon­sumtions­mittel als Wert­bestimmer unterstellt worden ist. In Korrektur dieser In­konsequenz habe ich den dritten, arbeits­kraft­pro­duzierenden Sektor in die Kritik der politischen Ökonomie eingeführt und die darin mögliche Mehr­arbeit, deren pä­da­gogisches Mehr­produkt unter Um­ständen auch als Lohn­zuwachs re­alisierbar ist, als Konsumtions­rente, die nicht mit Alfred Marshalls Kon­sumenten­rente zu verwechseln ist, postuliert (Das Gesetz des Gesamt­nutzens, 1981).

Kants General­frage lautet: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“ (KdrV,B19) Man urteilt Begriffe ana­ly­tisch, wenn le­dig­lich die mit ihnen schon gegebenen Be­stand­teile auf­gedeckt werden, und man ur­teilt den Be­griff synthetisch, wenn mehr als das mit ihm Gegebene heraus­kommt, also ein Mehr­wissen ent­steht. Bei aposteriorisch-synthetischen Ur­teilen unterstellt Kant die Herkunft dieses Mehr­wissens aus der Er­fahrung, bei apriorisch-synthetischen Urteilen aber komme das Mehr­wissen – das geistige Mehr­produkt des Er­kenntnis­prozesses – aus dem Er­kenntnis­vermögen. Das Erkenntnis­vermögen als geistige Arbeits­kraft ist dem Er­kennen, der geistigen Arbeit, trans­zendental, aber nicht transzendent, also nicht jen­seits von Raum und Zeit.

Das Mehr­wissen oder der Erkenntnis­zuwachs aus Er­kenntnis­prozessen, die zu synthetischen Urteilen a priori führen, hat bei Kant also seine Quelle im Er­kenntnis­vermögen. Marx ver­all­gemeinert das Trans­zendental­apriori aus Kants Kritik der reinen Vernunft in seiner Kritik der politischen Ökonomie auf alle Arbeits­prozesse und die in ihnen mögliche Mehr­arbeit, die sich in einem Mehr­produkt mit einem Mehr­wert ver­gegen­ständlicht, der sich am Markt als Geld­preis realisieren muß. Das Trans­zendental­apriori der Marxschen Ökonomie ist die menschliche Arbeits­kraft überhaupt. Wer die Marxsche Mehrwert­theorie angreifen will, der muß Kants synthetische Ur­teile a priori aushebeln, oder uns zumindest vorführen, wie er das Ding-an-sich erkennt.

Fichte wollte Kantianer ohne das Ding-an-sich sein, hat sich den Atheismus-Vorwurf zugezogen und war ein bein­harter Sozialist, Nationalist und Ar­beits­theoretiker, der Ei­gen­tum nur als Ar­beits­mo­nopol, nicht aber als Besitz­monopol, anerkannte. Von Schelling hat Marx die Natur­theorie und von Hegel auch noch die Dialektik übernommen. Wer sich theoretisch mit dem Kapital anlegt, steht nicht nur gegen den ganzen Deutschen Idealismus, sondern mindestens noch gegen die Leibnizsche Monadologie.

Kapitalismus heute funktioniert wie im Kapital dargestellt. Die Alte Linke, in Deutsch­land 1933 besiegt, hatte die Ar­beiter in der großen Industrie für das revolutionäre Sub­jekt gehalten. Die Neue Linke, die 1968 in Er­scheinung trat, ging in ihrer Stra­tegie von der arbeitslosen Produktion in der vollautomatischen Fabrik, also vom Ende der Wert­schöpfung und der ka­pi­ta­lis­ti­schen Waren­pro­duktion aus und setzte ihre Hoffnung in jene Massen, die von den Herr­schenden ernährt werden müssen. Bei fünf Millionen offiziellen und acht Millionen reellen Arbeits­losen allein in der ver­einigten Besatzungs­zone Deutsch­lands kein unrealistischer Ansatz.

* * *




Offenkundigkeiten

  1. Offenkundig ist, daß jedwedes Offenkundige keiner Vorschrift bedarf, die be­stimmt, daß ein Jeweiliges als offenkundig zu gelten habe. Denn dann wäre es ge­rade keine offene Kunde, sondern eine geschlossene Kunde und also eine amtliche Kundgabe. Kundgegeben muß aber nur werden, was nicht schon offenkundig ist. Es ist dann eine Verkündigung, aber deswegen eben keine Offenkundigkeit.
  2. Kunde, die vorgeschrieben ist und deren Bezweiflung mit Strafe bedroht wird, kann offenkundig keine Offenkundigkeit sein, sondern nur ein gesetzlich geschütz­tes Dogma der Staatsreligion.
  3. Dieser Staatsglaube ist durchaus veränderlich. War es in den 50er Jahren noch übereinstimmende Lehre in Ost und West (und damit wirkliche Weltreligion), daß in Auschwitz sechs Millionen Juden vergast worden seien und galt vom Ende der 60er bis zum Ende der 80er Jahre die (lexikalische) Doktrin von den vier Millionen Ver­gasten, so werden heute nur noch etwa eine Million Vergasungen gelehrt. Der Fran­zose Pressac, ein vom historischen Revisionismus der Weltkirche zurückgewonnener Renegat, darf auch ungestraft bloße 850.000 Vergasungen behaupten und dabei sogar noch offenlassen, ob es sich sämtlich um glaubensrelevante Judenvergasun­gen handelte und wie groß der Anteil der Profanvergasungen in dieser Gesamtzahl sei.
  4. Die Deflation der Gaszahlen ist dem Auschwitzglauben offenbar nicht abträglich, weil die an dogmatischer Bedeutung zunehmende Unvergleichlichkeitsdoktrin ihn stützt. Die Unvergleichlichkeit jener immer weniger werdenden auserwählten Ver­gasten nähert sich der absoluten Unvergleichlichkeit jenes einzigen Gekreuzigten auf Golgatha, deren historisch-kritische Revision zu gewissen Zeiten in Europa den Tod auf dem Scheiterhaufen nach sich zog.
  5. Der Auschwitzglaube ist die erste wirkliche, den Globus umspannende Weltreligi­on. Er hat die herkömmlichen Weltkirchen zur offenen Unterwerfung durch öffentli­che Anerkennung seiner Glaubensartikel gezwungen. Alle Religion ist immer Heils­geschichte und Unheilsgeschichte gleichermaßen, geschichtsphilosophisch betrach­tet aber der Kampf eines religiösen Volksgeistes um die Weltherrschaft; ist sein Kampf siegreich, wird dieser Volksgeist regierender Weltgeist. Die Epoche von 1789 bis 1989 stellt sich dem jüdischen Weltgeist als Heils-­ und Emanzipationsgeschichte dar; die zahlreichen Märtyrerlegenden, die aus Judenverfolgungen produziert wur­den, lassen diese Heilsgeschichte nur um so heller strahlen. Zur unangenehmen Überraschung vieler Deutscher erleben wir seit 1989 den Auschwitzglauben samt dazugehörigem Antigermanismus als ecclesia triumphans. – Offensichtlich hat die Unheilsgeschichte dieser Weltreligion begonnen.
  6. Der Niedergang einer Weltreligion beginnt mit ihrer konfessionellen Spaltung. Die theologischen Feinheiten, die im Auschwitzglauben die Holokaust­-Konfession von der Shoa­-Konfession trennen, sind dem Uneingeweihten so schleierhaft wie dem Unchristen Luthers Zank mit den Papisten.
  7. Der Untergang einer Weltreligion ist kein dramatischer Zusammenbruch, sondern ein bloßes Aufhören der entsprechenden Weltsicht: Die Epoche sinkt in ihren Ur­sprung zurück, die religiöse Sicht fällt zurück in die Tränke, aus der sie aufgespritzt war. Alte Selbstverständlichkeiten werden erkennbar und die zwanglose Offenkun­digkeit kehrt wieder.
  8. Dann wird man wieder sehen, was es bedeutete, daß die Westmächte am 24. Januar 1943 in Casablanca die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches als Kriegsziel verkündeten und ausdrücklich jede Art von Verhandlungen auch mit einer Nach-­Hitler­-Regierung ausschlossen: Es war die Mordabsichtserklärung am Deutschen Reich. Offenkundig wird dann wieder sein, daß, wer um sein Leben kämpft, so viele seiner Mörder wie nur möglich mit in den Tod nimmt, daß ein Völ­kerrechtssubjekt, gegen das ein Vernichtungskrieg geführt wird, berechtigt ist, alle feindlichen Geiseln und Gefangenen, die in seiner Gewalt sind, zu töten.
  9. Und offen sei verkündet, daß jene Völkerrechtssubjekte, die das Mordkomplott gegen das Deutsche Reich geschmiedet und ausgeführt haben, vor dem Weltgericht der Weltgeschichte zum Tode verurteilt sind. Und daß an dem Mordgesellen Sow­jetunion diese Strafe bereits vollstreckt wurde, ist ja nun wirklich offenkundig.
  10. Früher oder später bricht das Weltgericht über uns alle herein: Spätestens am Jüngsten Tag, wenn die Zeit rastet und der Raum rast, wird alles über alle offen­kundig sein. In der Zeitrast des Jüngsten Tages sind alle Toten auferstanden. Ihre Taten, Untaten und Unterlassungen liegen offen zu Tage. Diese Offenkundigkeit ist Himmel und Hölle, ist Heil und Verdammnis eines Jedweden in der ausgebreiteten Vollständigkeit des rasenden Raumes.

* * *




Das Gesetz des Nomadentums

Das Ge­setz, nach wel­chem die Moderne auf­ge­stie­gen und wie­der ab­ge­stie­gen ist, folgt der Lo­gik des No­ma­den­tums. Die­se Lo­gik – die No­ma­do­lo­gie – ist ei­ne Lo­gik der Ge­gen­ge­schich­te, ei­ne An­ti­his­to­rik. Die letz­te, sich stolz als ihr ei­ge­nes Pro­jekt pro­kla­mie­ren­de Mo­der­ne war ein Sieg des No­ma­den­tums über das Bau­ern­tum. Die­ser Zu­sam­men­hang, im Prin­zip seit ei­nem Jahr­hun­dert be­kannt, wird seit 1945 tot­ge­schwie­gen, weil ihn als ers­ter Adolf Wahr­mund, ein Klas­si­ker der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, in sei­nem Buch „Das Ge­setz des No­ma­den­th­ums und die heu­ti­ge Ju­den­herr­schaft“ von 1887 über­zeu­gend dar­ge­legt hat. Wahr­mund lie­fert dar­in ei­ne weit­hin plau­si­ble Er­schei­nungs­leh­re des No­ma­dis­mus in po­li­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und li­te­ra­ri­scher Hin­sicht. Sei­ne Schrift steht über dem Durch­schnitt der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, weil der Au­tor sein Schwer­ge­wicht auf den Be­griff des No­ma­dis­mus statt auf den des Se­mi­tis­mus oder Ju­da­is­mus legt. Das an­ti­se­mi­ti­sche Schrift­tum be­trach­tet in der Re­gel die mo­ra­li­sche Ver­werf­lich­keit der Ju­den vom Stand­punkt christ­li­cher und an­de­rer se­ßhaf­ter Völker, gibt aber kei­ne Dar­stel­lung der in­ne­ren Da­seins­rä­son ei­nes glo­bal um­her­schwei­fen­den ori­en­ta­li­schen No­ma­den­vol­kes aus den Ge­ge­ben­hei­ten die­ser Le­bens­wei­se.

Nomadismus und Moderne sind verschwistert. Modern ist alles, was beweglicher als früher ist ­kleiner, handlicher, leichter transportierbar. Die turanischen Viehnoma­den haben noch bis zum 13. Jahrhundert ihre Jurten auf Ochsenkarren gesetzt und befördert; danach wurde die leicht zerlegbare Scherengitter-Jurte eingeführt, deren Teile auf Zaumtiere gebunden werden und die den Ochsenkarren bäuerlicher Her­kunft überflüssig macht. Dadurch wurde der nomadisierende Stamm moderner, seine Bewegungen also leichter und schneller, die militärische Schlag­und Flieh­kraft größer. Die Literaturlage zum Problem des Viehnomadismus besagt, daß er eine bloße Sekundärerscheinung ist und keine eigene Entwicklungsstufe. Den Über­gang vom Jäger­und Sammlerdasein zum seßhaften Ackerbau nennt man neolithi­sche Revolution. Das Verhältnis des Nomadismus zum Ackerbau wäre folglich als „anti-neolithische Konterrevolution“ zu kennzeichnen. Als Jäger und Sammler sind die Menschen vorgeschichtlich, als Ackerbauern geschichtlich und als Nomaden ge­gengeschichtlich.

Die vor kurzem abgeschlagene Moderne dachte von 1789 und 1917 her endge­schichtlich und daher ebenfalls antihistorisch; sie war nicht der erste Nomaden­sturm, den Europa auszuhalten hatte, und sie wird nicht der letzte gewesen sein. Die symbolische Liquidierung von 2000 Jahren abendländischer Geschichte durch Wiedererrichtung des Judenstaates in Palästina war die größte Gegengeschichte, die die Welt gesehen hat. Bis zuletzt hat der Judenstaat versucht, den wiederaufge­nommenen Gang der Geschichte zu stoppen und die Einheit von West- und Mittel­deutschland zu verhindern. Die unmittelbare Aufgabe, vor der Europa jetzt wieder einmal steht, ist die Entsteppung und Entwüstung seiner alten Kulturlandschaften und die Auflösung der Massengesellschaft, d.h. die Rückverwandlung von Bevölke­rung in Volk.

Lo­gi­scher Ge­halt der jung­stein­zeit­li­chen Re­vo­lu­ti­on ist die Um­keh­rung ei­nes we­­sent­li­chen Ver­hält­nis­ses zwi­schen Mensch und Er­de. We­sent­li­ches Ver­hält­nis zwi­­schen Mensch und Er­de ist das Ar­beits­ver­hält­nis. Die Er­de als Gan­ze ist dem Men­­schen im­mer Her­stel­lungs­mit­tel. Im Ver­hält­nis zur mensch­li­chen Ar­beit kön­nen die Her­stel­lungs­mit­tel ent­we­der Ar­beits­ge­gen­stän­de oder Ar­beits­mit­tel sein. Die Er­d­o­ber­flä­che ist für den Jä­ger und Samm­ler Ar­beits­ge­gen­stand, dem er, als Er­geb­nis sei­nes Tuns, Beu­te und Fund ent­rei­ßt. Die Ar­beit liegt im Zer­tren­nen ei­nes na­tur­ge­­ge­be­nen Zu­sam­men­hangs, er ist ihr Ge­gen­stand. Die­ser Zu­sam­men­hang, die Er­de als Ar­beits­ge­gen­stand, be­steht für den Fi­scher wie für den Berg­mann. In der Jun­g­stein­zeit kehrt sich das Ver­hält­nis um, das mensch­li­che Ar­beit und Erd­ober­flä­che zu­ein­an­der ha­ben: Es voll­zieht sich die Ver­wand­lung der Er­de aus ei­nem Ar­beits­ge­­gen­stand in ein Ar­beits­mit­tel. Ih­re Lauf­bahn als Ar­beits­mit­tel be­ginnt die Er­de aber nicht in der Ge­stalt ei­nes ge­hand­hab­ten Werk­zeu­ges, son­dern als be­dien­te Ma­schi­­ne, als ein vor­ge­fun­de­ner und zu­nächst kaum ver­stan­de­ner Wirk­zu­sam­men­hang. Die neo­li­thi­sche Re­vo­lu­ti­on mün­det da­her auf zwang­lo­se Wei­se in die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, wel­che es end­lich schafft, im­mer mehr vor­han­de­ne Ma­schi­nen zu be­grei­fen und in zu­han­de­nen Ma­schi­nen ab­zu­bil­den.

Das Mittel, hat Hegel gesagt, ist würdiger als die endlichen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung es dient. Die Erde als Sammel-, Jagd­und Fischgrund sowie als mon­taner Ausbeutungsgegenstand ist schnell wieder vergessen, als Ackerboden hinge­gen gewinnt sie Wert und Würde. Der Acker ist der Boden der Geschichte und der Technik. In der Technik tritt uns die Geschichtsmächtigkeit des Ackers in frei be­weglicher Gestalt entgegen. Technik ist freie, zum Selbstzweck gewordene und da­her zum Leben erweckte Mittelhaftigkeit, sie ist die Würde des neuzeitlichen Men­schen. Technik ist das Gestelle, das die vorhandene Welt verstellt und eine dem Menschen zuhandene Welt erstellt. Technik ist nicht Natur, sondern nützliches Kunstwerk und damit Naturalform; sie ist naturalisierte Geschichte und humanisier­te Natur.

Technik und Macht sind eng verwandt. Als humanisierte Natur (Naturalform) ist Technik dinglich verwirklichte oder zeichenhaft dokumentierte Macht des Mittels, d.h. etwas Willenloses, das zu menschlichem Walten einlädt. Die Gewalt überhaupt ist Mittel schlechthin, weil niemand sie als Zweck setzt. Die Gewalt ist Gewalt und nicht Technik, weil sie durch den Zweck absolut vergewaltigt ist. Die Gewalt ist da­her völlig unfrei. Ferner ist die Gewalt gänzlich machtlos und zudem willenlos wie die Technik. Diese Unfreiheit und Machtlosigkeit der Gewalt ist eine Folge ihrer ab­soluten Zweckunterworfenheit, die nicht für die Technik gilt. In der Technik wird das Mittel frei, also Selbstzweck und damit lebendig. Leben als Selbstzweck ist aber schon der Acker, die vorhandene Maschine der neolithischen Revolution, dem die Technik entsprang.

Wille, Gewalt und Macht sind so verschwistert wie Technik und Macht. Wille ist set­zende Gewalt, Gewalt ist durchsetzender Wille, Macht ist durchgesetzter Wille und damit auch festgesetzte (sistierte) Gewalt. Macht ist nicht Besitz, sondern mögli­cher Besitz. Wer Macht besitzen will, will Möglichkeiten besitzen. In der Technik ha­ben die Menschen das zum Selbstzweck befreite Mittel schlechthin. Weil die Tech­nik, anders als die Gewalt, nicht bloßes Mittel ist, sondern das lebendige, freie Mit­tel, ist der technische Wille ein solcher zur reinen, willenlosen Macht, die sich durchsetzt mittels höherer, gewaltloser Gewalt: dem Zwang, der von den Sachen ausgeht.

Modernisierung ist Mobilisierung und daher Nomadisierung. Entnomadisierung ist Demobilisierung und neue, nachmoderne Verwurzelung. Wer neu verwurzeln will, muß die Methoden der Entwurzelung durchschaut haben. Adolf Wahrmund glaubte sie in den kapitalistischen Methoden der Mobilisierung allen Eigentums, besonders des Grundeigentums, zu erkennen. Er schlug dagegen ein Heimstättengesetz zum Schutze des Bauernstandes sowie „Sicherstellung eines eisernen Bestandtheiles des immobilen und mobilen Besitzes gegen Pfändung und Exekution“ (S.243) vor. Da es in den heutigen, spätkapitalistischen Ländern mehr Arbeitslose als Bauern gibt (und sogar mehr Studenten), sind alle Überlegungen zur Sicherstellung eines herkömmli­chen Standes vom Nomadensturm der Kapitalisierung überrollt. Vom Tiefpunkt der vollendeten Individualisierung aus kann der Neuaufbau einer ständischen Volksge­meinschaft nur radikal atomistisch beginnen und vom Personenstand des Einzelnen ausgehen. Der alte Ständestaat hat der modernen Entwurzelung nicht wehren kön­nen; der neue Ständestaat muß jeden Einzelnen in den Stand des unveräußerlichen Grundbesitzes setzen und die alten Geburtsstände in lebensgeschichtlich durchlau­fene Aufgabenstände verwandeln. So wie es vom berufsständischen Denken her immer noch selbstverständlich ist, daß ein Geselle über dem Lehrling steht, so muß wieder erkannt werden, daß ein Rekrut vom Aufgabenstand her einen höheren Rang hat als ein Wirtschaftsführer oder Reserveleutnant. Und wie der Kriegerstand über dem Wirtschaftsstand steht, so der geistige Mensch über dem Krieger. Der wirkliche Mensch kommt in die Lage, sich ernähren, verteidigen und ausrichten zu müssen; gelingt ihm das, gewinnt er in jeder dieser Lagen seinen Stand. Reine Wirtschaftsmenschen sind existentielle Krüppel wie bloße Intellektuelle oder Politi­ker.

Weide­und Viehwirtschaft ist die organische Ergänzung des seßhaften Ackerbaus. Der Hirt kann nur der Knecht des Bauern sein. Ein reaktionärer Umsturz („an­ti-neolithische Konterrevolution“) führt zur Freiheit des Knechtes, der aus seiner ei­genen Domestikation zusammen mit dem domestizierten Vieh, das er dem Bauern gestohlen hat, in die Verwilderung des Nomadenlebens flieht. Das Herr-Knecht-Verhältnis ist aufgehoben und durch das Hirt-Vieh-Verhältnis ersetzt, wobei Viehhaftigkeit nicht nur Tieren, sondern auch Menschen zukommt, von denen Hirten leben. Der Nomade steht nicht in einem menschlichen Verhältnis zur Natur, sondern in einem tierischen (symbiotischen) Verhältnis zum Vieh. Der Hirt lebt fast arbeitslos von seiner Herde (daher meist flötenspielend dargestellt), er ist angeeig­netes Organ der Herde: ihr Großhirn. Die Vermenschung der Herde ist nur um den Preis der Entmenschung der Erde zu haben. Dem Nomaden ist die Erde nicht mehr Mittel menschlicher Arbeit, nicht mehr vorhandene Maschine, die in Ehrfurcht und mit Sorgfalt bedient wird, sondern bloßer Gegenstand der Abweidung durch Freßau­tomaten, also durch Vieh. Die Erde ist dem Nomaden aber auch nicht Arbeitsge­genstand, sondern bloßer Energieträger, Viehfutter eben.

Der zum Nomaden emanzipierte Bauernknecht steht sittlich nicht nur tief unter dem Ackerbauern, sondern auch deutlich unter dem vorgeschichtlichen Menschen, dem Jäger, Sammler, Fischer und Bergmann. Weil der Nomadismus eine gegenge­schichtliche Bewegung, ist der scheinbare Aufstieg des Viehnomaden zum militä­risch-politischen Völkernomaden, der seßhafte Ackerbauern überfällt und ausraubt oder auf Dauer sich zu ihrem (theokratischen) Hirten aufschwingt, in Wahrheit der 1502weitere sittliche Abstieg des nomadisierenden Menschen. Der Völkernomade ist vom Viehhirten zum Vieh abgesunken. Denn die Völker, von denen er lebt, sind die Steppe, auf der er reitet, und die Früchte der Seßhaften, die er verzehrt, sind das Gras, das er frißt. Die nomadische Unterwerfung bäuerlicher Völker macht den sieg­reichen Nomaden zum Vieh, das abgrast. Diese Völkernomaden mögen sich Golde­ne Horde nennen oder auserwähltes Volk, ihre Selbstverviehung ist durch ihr ab­grasendes Verhalten in allen Lebensbereichen der heimgesuchten Völker gegeben, die dadurch versteppt und letztlich verwüstet werden, denn „einen Vorzug des Men­schen vor dem Vieh gibt es nicht“ (Pred. 3,19).

Der Hir­ten­stab Abra­hams und des Bi­schofs von Rom sind no­ma­di­sches Ur­sym­bol und ein­zi­ges, äu­ßerst pri­mi­ti­ves Ar­beits­mit­tel des Hir­ten. Die­ser Ste­cken und Stab des Vieh­hir­ten wie des See­len­hir­ten ist Macht­sym­bol der No­ma­den­herr­schaft, zu­gleich ein In­diz für die Staats­theo­rie des ara­bi­schen Ge­schichts­schrei­bers Ibn Khal­dun (1332­1406), der die Rei­che aus no­ma­di­scher Er­obe­rung ent­ste­hen sah. Die Mas­sen­me­di­en sind die mo­der­nen Hir­ten­stä­be elek­tro­nisch ge­steu­er­ter Men­­schen­her­den. Nicht nur die Hir­ten­stä­be ent­wi­ckel­ten sich seit dem bau­ern­feind­li­chen Um­sturz der an­ti-neo­li­thi­schen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on, auch die ideo­lo­gi­sche Rech­t­­fer­ti­gung der no­ma­di­schen Welt­zer­stö­rung hat sich mo­der­ni­siert. Mu­ß­te man einst noch die Uhr im Pra­ger Ju­den­ghet­to rück­wärts lau­fen las­sen, um das ge­gen­ge­­schicht­li­che Ziel des No­ma­dis­mus, das in der Tat ort­los, al­so uto­pisch ist, zu ver­an­­schau­li­chen, so hat der Pro­fes­sor Ein­stein mit sei­ner Re­la­ti­vi­tät von Raum und Zeit die­ses Ideo­lo­gem in ei­ne viel ele­gan­te­re For­mel ge­bracht, und der Pro­fes­sor Freud hat gar das Un­be­wu­ß­te dem Reich der No­ma­den un­ter­wor­fen, in­dem er den Va­ter­­mord (= Bau­ern­mord) der re­bel­li­schen Brü­der­hor­de (= Hü­te­jun­gen) als ge­mein­­men­sch­li­ches Ver­hal­ten be­haup­te­te.

Das „lie­be Vieh“ des Bau­ern, das do­mes­ti­ziert ist, ver­wil­dert un­ter dem Ste­cken und Stab des No­ma­den, der es ent­do­mes­ti­ziert und ver­her­det. Die Ent­wick­lung des No­ma­dis­mus ist nicht nur Mo­der­ni­sie­rung von Hir­ten­stab und Hir­ten­ideo­lo­gie, son­­dern auch die Her­den wer­den im­mer be­weg­li­cher: erst dum­mes Vieh, dann klu­ge un­glück­li­che Völ­ker, schlie­ß­lich Wa­ren­mas­sen, Geld­her­den, Ka­pi­tal­strö­me, Ar­beits­­mi­gran­ten und In­for­ma­ti­ons­flu­ten. Ka­pi­ta­lis­mus ist Ver­her­dung des Ka­pi­tals, und So­zia­lis­mus ist Ver­her­dung der Ar­beits­kräf­te; bei­de Sys­te­me be­ha­gen dem No­ma­­den. Und in bei­den Sys­te­men hat die Fi­gur des Kopf­no­ma­den bes­te Aus­brei­tungs­­­mög­lich­kei­ten. Der Kopf des Men­schen wird von sei­nem Kör­per, auf dem er thront, er­nährt. Je­des ent­wi­ckel­te Volk leis­tet sich für sei­ne all­ge­mei­nen An­ge­le­gen­hei­ten ei­ne be­stimm­te Zahl von Köp­fen in Ge­stalt be­son­ders qua­li­fi­zier­ter Fach­und Füh­­rungs­kräf­te. Die Ab­wei­dung die­ser lei­ten­den Stel­lun­gen durch In­tel­li­genz­no­ma­den fremd­völ­ki­scher Her­kunft wirkt auf das heim­ge­such­te Volk wie ein Hirn­tu­mor. Ra­ti­o­na­lis­mus und Auf­klä­rung sind das Le­bens­ele­ment des In­tel­li­genz­no­ma­den, die Ver­vie­hung des Wis­sens und die Ver­her­dung der Wis­sen­schaft­ler im Wis­sen­schafts­­­be­trieb der Mo­der­ne, die­ser geis­ti­gen Wüs­te, sind das Er­geb­nis des kopf­no­ma­di­­schen Be­falls.

Häu­fig wird die Fra­ge ge­stellt: Wo­her stammt der mo­der­ne Dua­lis­mus, der die ob­jek­ti­ve Na­tur und die mensch­li­chen Din­ge von­ein­an­der trennt? Die Ant­wort lau­tet, daß die­ser Dua­lis­mus aus der Mo­der­ne stammt, und die­se aus dem Tri­umph des No­ma­den. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist we­ni­ger als ein blo­ßer Ge­gen­stand der Er­kennt­nis, denn das ist sie schon dem vor­ge­schicht­li­chen Men­­schen. Die wis­sen­schaft­lich-mo­der­ni­sier­te Na­tur ist nicht ob­jek­ti­viert, son­dern res­­sour­ci­siert. Sie ist Fut­ter­re­ser­voir von in­for­ma­ti­ons­fres­sen­den Wis­sen­schaft­ler­her­­den ge­wor­den, die Schaft­ler­wis­sen aus­schei­den. Die­se mo­der­ne Na­tur ist ent­­­menscht, weil der Mensch kein mensch­li­ches Ver­hält­nis, kein Her­r­-K­necht-Ver­hält­nis zu ihr hat, nicht mehr ihr Knecht ist, der sie be­dient, son­dern der No­ma­de, der sie raz­zi­iert. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist nicht Ge­­gen­stand der Er­kennt­nis, son­dern Roh­stoff in­for­ma­ti­ons­fres­sen­der Au­to­ma­ten. We­­der der Hirt noch sei­ne Her­de kann je­mals Herr der Na­tur wer­den; ein mensch­li­ches und da­her hilf­rei­ches Ver­hält­nis kann die Na­tur nur zu ih­rem Knecht ge­win­nen, der weiß, daß sie im­mer ei­ne vor­han­de­ne Ma­schi­ne blei­ben wird, die in De­mut zu be­­die­nen ist.

Der christ­li­che Glau­be hat der Ge­fähr­dung des Abend­lan­des durch das No­ma­den­­tum zwei Jahr­tau­sen­de lang Vor­schub ge­leis­tet. Im Chris­ten­tum sind die Sym­bo­lik der Macht­in­si­gni­en, die Me­ta­pho­rik der Spra­che und die Fak­ti­zi­tä­ten der Of­fen­ba­­rung bis heu­te no­ma­disch. Die Bi­bel war die gro­ße Pro­pa­gan­da­schrift der no­ma­di­­schen Le­bens­wei­se, aber die Evan­ge­li­en ent­hal­ten die Be­schrei­bung ei­nes be­deu­­ten­den Pro­tes­tes ge­gen die Mo­ral des No­ma­dis­mus. Die­ses Auf­be­geh­ren bleibt, wie je­der Pro­tes­tan­tis­mus, zu­gleich ge­bun­den an den Ge­gen­stand sei­ner Ab­scheu. Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Hes­sen und Nas­sau be­kennt sich so­gar aus­drück­lich zum Ju­­da­is­mus. „Um­kehr und neue Ein­sicht ver­pflich­ten die Kir­che zu be­zeu­gen, daß die blei­ben­de Er­wäh­lung der Ju­den und Got­tes Bund mit ih­nen Wur­zel des christ­li­chen Glau­bens ist.“ (FR, 23.5.91) Die Bi­bel pro­pa­giert den No­ma­dis­mus und ist zu­gleich das un­über­trof­fe­ne Lehr­buch des An­ti­se­mi­tis­mus für al­le se­ßhaf­ten, bäu­er­lich ge­­präg­ten Völ­ker.

Es beginnt mit dem Sündenfall. Zum Essen vom Baume der Erkenntnis werden die ersten Menschen durch ein Tier verlockt, das auf der Erde kriecht. Danach fangen sie sofort zu produzieren an, naheliegenderweise Kleidung. Vom Nomadengott Jah­we (Herrn Zebaoth) wird die arme Schlange daraufhin „verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde“ (Gen 3,14). Der Acker wird verflucht, soll dem ar­men Bauern Mühsal bereiten sein Leben lang und trotzdem nur Dornen und Disteln tragen (Gen 3,17). Kain, Evas Erstgeborener, wird Ackermann, Kains jüngerer Bru­der (und damit sein Knecht) Abel dagegen Schäfer, also Kains Hirtenjunge. Was von nomadenfreundlichen Theologen als Kains Brudermord gelesen wird, ist vom bäuerlichen Standpunkt aus Abels Rebellion und Hinrichtung. Der Schäfer Abel durchbricht das Vorrecht des Bauern Kain, Gott zu opfern von den Früchten des Feldes, mit dem blutigen Opfer eines seinem Bruder und Vorgesetzten gestohlenen Tieres, wobei die Nomadenbibel nun sogleich auch noch behauptet, daß dieses Die­besgut ein gottgefälligeres Opfer sei als die im Schweiße von Kains Angesicht er­zeugten Feldfrüchte. Abels Hinrichtung ist Vorwand zur erneuten Verfluchung des Bauern und seines Ackers durch den Nomadengott Jahwe. Die Vertreibung und Flucht des Bauern wird angekündigt und wahr gemacht (Gen 4,11-16). Gleichwohl wird in Genesis 4,20-21 attestiert, daß Viehnomaden und Flötenspieler Kains Nach­kommen sind.

Ur­vä­ter des jü­di­schen No­ma­den­vol­kes sind Abra­ham, Isaak, Ja­kob und Jo­seph. Von Abra­ham an ha­ben sie nicht nur Vieh­no­ma­dis­mus ge­trie­ben, son­dern im gro­ßen Um­fang or­ga­ni­sier­tes Ver­bre­chen. Der Pa­te ist Jah­we. Als Abra­ham in des­sen Or­ga­­ni­sa­ti­on, den „Bun­d“, auf­ge­nom­men wird, in­dem er be­weist, daß er für den Chef sei­nen ein­zi­gen Sohn Isaak schlach­ten wür­de (Gen 22,2-17), ist Abra­ham schon be­währ­ter (be­trü­ge­ri­scher) Zu­häl­ter sei­ner Frau Sa­rah und er­folg­rei­cher Er­pres­ser von Kö­ni­gen (Gen 12,10-20; Gen 20). Jah­we ver­hei­ßt Abra­ham (ali­as Ab­ram) nicht nur ein­fach das ge­lob­te Land zwi­schen Nil und Eu­phrat als Vieh­wei­de, son­dern als Völ­ker­step­pe mit zehn na­ment­lich ge­nann­ten Völ­kern zur Ab­wei­dung (Gen 15, 18-21). Der jü­di­sche Fried­hof schlie­ß­lich, den Abra­ham im Land Ka­na­an er­wirbt, dient nicht, wie die arg­lo­sen He­thi­ter mei­nen, der Pie­tät für sei­ne ver­stor­be­ne Frau Sa­rah, son­dern als Ziel­mar­kie­rung der künf­ti­gen Er­obe­rung Ka­na­ans (Gen 23). Da­her kommt es, daß ra­bia­te An­ti­se­mi­ten so gern jü­di­sche Fried­hö­fe zer­stö­ren.

Bei Isaaks beiden Söhnen Esau und Jakob, den Enkeln des Zuhälters Abraham, wird die Familiengeschichte theologisch wieder interessant, denn der Nomadengott Jah­we kündigt Isaaks Frau Rebekka an: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweier­lei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen über­legen sein, und der Ältere wird dem jüngeren dienen.“ (Gen 25,23) Esau, der Erst­geborene, wird Jäger, Jakob, der Nachgeborene, „blieb bei den Zelten“ (Gen 25,27) und damit Nomade. Jakob (das bedeutet: der Hinterlistige) stiehlt seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen (Gen 27,36), der auch besser als zum rauhen Jäger Esau zu dem glatten Nomaden Jakob paßt, dem segensreich verheißen wird: „Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.“ (Gen 27,29) Dies ist das Ausbeutungsgebot des Völkernomaden.

Inzwischen war Isaak zu Abimelech, dem König der Philister, gezogen und betrog ihn auf die gleiche Weise wie sein Vater Abraham: er gab seine Frau als seine Schwester aus; Zuhälterei mit anschließender moralischer Erpressung bleibt also Spezialität der Familie, die auf diese Weise reich und mächtig wird, so mächtig, daß die Philister sie schließlich ausweisen und König Abimelech danach noch einen Rückversicherungsvertrag mit dem Nomadenstamm für ratsam hält (Gen 26).

Stammhalter Jakob betrügt seinen Schwiegervater, den Aramäer Laban, und wird „über die Maßen reich“ (Gen 30.31). Nach geglückter Flucht empfiehlt sich ein neu­er Name. „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel“, sagt der oberste, diesmal inkognito bleibende Chef der Organisation, bevor Israel (alias Jakob) als sein bester Mann von dannen humpelt (Gen 32,29-33), um mit seiner Mischpoche das Blutbad von Sichem (Gen 34) anzurichten. Nicht umsonst sieht bäuerliche Vor­stellung den Teufel als hinkendes Mischwesen aus Ziegenbock und Mensch.

In den Jahren 1730 bis 1580 v. Chr. halten semitische Stämme aus Syrien und Pa­lästina Ägypten besetzt. Sie nennen sich Hyksos, Beherrscher fremder Länder. In dieser Zeit der Fremdherrschaft wird Josef, Jakobs Lieblingssohn, von seinen Brü­dern nach Ägypten verkauft, wo er zum höchsten Funktionär des Fremdherrschers aufsteigt. Josef wird der erste jüdische Kommunist: er erfindet die Zentralverwal­tungswirtschaft und damit die allgemeine reale Staatssklaverei, also die Gesamt­enteignung des Volkes von Geld, Vieh, Land und Leib mittels mehrjähriger Hun­gersnot (Gen 47,13-26). Aus der Befreiung Ägyptens von Fremdherrschaft folgt der Exodus des jüdischen Hilfsvolkes.

Im fünften Buch Moses, dem Deuteronomium, offenbart sich die ganze Wahrheit des Nomadismus in ihrer strengsten Konsequenz: dem Völkermordgebot. So wie der Viehnomade seine Böcke und Schafe nicht nur friedlich-flötenspielend hütet, sondern ­alles hat seine Zeit ­auch melkt, schert und schlachtet, so darf selbst­verständlich auch der Völkerhirt die ihm anheimgegebenen Völker schlachten, also jeden Mann, jede Frau und jedes Kind töten: dies ist der „Bann“ der Nomadenbibel, das Völkermordgebot[1. Da nahmen wir … alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrigbleiben. Nur das Vieh raubten wir für uns …. “ (5. Mose 2,34) „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er aus­rottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Je­busiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir da­hingibt, daß du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben …. “ (7,1-2) „Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird.“ (7,16) „Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander.“ (7,22)] das gelegentlich, wenn Völkerherden den Viehherden bloß Platz machen müssen, damit Acker in Viehweide verwandelt werden kann, zum Ver­treibungsgebot[2.“Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übriglaßt, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Lande, in dem ihr wohnt.“ (4. Mose 33,55)] abgemildert ist.

Die religiöse Verehrung des Völkermordes ist die niederste Form des Absoluten, nämlich das absolute Böse in einem realmetaphysischen Sinne. Es existiert in der Geschichte als geschichtszerstörende Kraft. Diese Kraft ist bei Kant „das radikal Bö­se in der menschlichen Natur“ als Freiheit, die sich vom kategorischen Imperativ emanzipiert hat. Zu Kants Zeiten war das absolute Böse als deuteronomistisches Völkermordgebot der mosaischen Religion, das damals sich in Frankreich im terreur austobte, bekannter als heute, weil man noch die Bibel las; heute ist das Absolute Böse in passiver Form als Holocaust-Kult im Umlauf, der seine Glaubwürdigkeit beim auserwählten Volk aus dem Wissen um die Grundform des aktiven Völker­mordgebotes bezieht, das im fünften Buch Moses nur gelegentlich zum Vertrei­bungsgebot abgemildert ist.

Das Böseste, das wir uns vorstellen können, ist Völkermord. Aber das absolute Böse geht darüber noch hinaus: es ist jenes Böse, das böser nicht gedacht werden kann. Und Böseres als das mosaische Völkermordgebot, das bei Mitleid oder sonstiger un­vollständiger Ausführung sein auserwähltes Volk selber mit Vertreibung und Völ­kermord bedroht[3. „Und nur wenige werden übrigbleiben von euch, die ihr zuvor zahlreich gewesen seid wie die Sterne am Himmel, weil du nicht gehorcht hast der Stimme des HERRN, deines Gottes. Und wie sich der HERR zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen, und ihr werdet herausgerissen werden aus dem Lande, in das du jetzt ziehst, es einzunehmen. (5. Mose 28,62-63], kann von Menschen nicht erdacht werden.

Vor diesem geistigen Hintergrund ist alle Judenverfolgung tätige Beihilfe zur mosai­schen Religionspropaganda, der sich Adolf Hitler (als Vierteljude verdächtigt) zwei­felsfrei schuldig gemacht hat. Die Judenfrage zum Rasseproblem zu erklären, ver­harmlost das absolut Böse, eine Erscheinung der Freiheit des menschlichen Geistes, zum biotechnisch lösbaren Problem. Viel grundsätzlicher ist in seiner berühmten Abhandlung „Zur Judenfrage“ von 1843 der reinrassige Semit Karl Marx das Prob­lem angegangen, in der er die Verschacherung der Welt durch die bürgerliche Ge­sellschaft als Selbstverjudung der Christen anprangert. Die Judenfrage ist hier Kritik des verabsolutierten Gesellschaftsprinzips, also der Moderne schlechthin, und an­sonsten eine unreife Fassung der Kapitalismus-Frage.

Das Absolute Böse ist der Beitrag des Nomadentums zur Geistesgeschichte der Menschheit. Damit ist auch das Urteil über die Sittlichkeit der Moderne als dem Sys­tem der Beweglichkeit gefällt, denn das Absolute Böse ist nichts anderes als die ab­solute Beweglichkeit in allen ethischen Fragen.

* * *

aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618




Der kafkaeske Philosophie­professor

Adornos Philosophieren ist der Versuch, am deutschen Denken Rache für Auschwitz zu nehmen. Adorno erhebt Auschwitz zum kategorischen Imperativ: „Hitler hat den Menschen… einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen. Ihn diskursiv zu behandeln, wäre Frevel.“[1. Th.W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/M 1966, S. 356.]

Adornos Meinung, praktisch ein Denkverbot, ist eine verständliche und entschuldbare Reaktion jenes desperaten Fragments des jüdischen Volksgeistes, das nach Auschwitz und nach Gründung des Staates Israel ausgerechnet in Deutschland, dem falschesten aller falschen Orte, sich festkrallt. Es ist die wildgewordene Diaspora, die kein historisches Existenzrecht mehr hat.

Für Adorno war Auschwitz das Unsägliche, das die Unvernunft der Geschichte beweisen soll, das man nicht begreifen soll. Für ihn „hat Auschwitz das Mißlingen der Kultur unwiderleglich bewiesen.[2. AaO S. 357.] Hätte Adorno recht, wären Gott und die Welt absurde Veranstaltungen, die Weltgeschichte kein gerechtes Weltgericht und der Weltmarkt keine erfolgreiche Weltrevolution – kurz, die deutschen Meisterdenker befänden sich allesamt im Irrtum.

Selbstverständlich ist das Gegenteil wahr und Auschwitz insbesondere belegt, daß die Vernunft in der Geschichte keine hilflose Phrase geblieben ist, sondern schärfster Voll­streckungs­mittel sich bedient hat. Die blutig-ernste Arbeit der geschichtlichen Vernunft besteht darin, die machthabenden Begriffe zu universeller Herrschaft zu bringen, und zwar in der durch ihr System designierten Folge.

Schon Hannah Arendt hat ausgeführt[3. H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/M 1955, passim.], daß die Existenz­grundlage der Juden in Europa prekär wurde, seit die Staaten von den Dynastien an die Völker übergegangen sind und die Volks­souveränität zur herrschenden Kategorie geworden war.

Auschwitz war der Proto­typ des kafkaesken Gerichts. Das kafkaeske Gericht ist der Volksgeist, vornehmlich der Geist des niederen Volkes. Sein Urteil ist die historische Gerechtigkeit selber, daher immer unerbittlich. Das Schicksal des kafkaesken Individuums in den Mühlen dieser Art Gerichtsbarkeit ist immer das des lächerlichen Strebers und tragischen Ignoranten, der dem historischen Gesetz glaubt entkommen zu können, indem er sich den vermuteten Machthabern aufdrängt; dies Benehmen aber verrät Respekt­losigkeit und beschleunigt den Untergang. Das kafkaeske Individuum entlarvt sich als Verächter der Theorie, der meint, daß beeinflußbare Menschen über ihn herrschten, statt nichtmanipulierbare Kategorien.

Die Schuld des Bank­prokuristen Josef K. ist die Schuld des Versicherungs­juristen Franz Kafka: sein Dasein. Das Dasein in Prag war historische Schuld gegenüber dem Zionismus, also dem Nationalismus des Judentums, es war Respekt­losigkeit gegen den tschechischen und deutschen Nationalismus. Seit Beginn der zionistischen Bewegung war das Dasein eines jeden Juden, welches kein Dortsein in Palästina war, historische Schuld. Josef K. wird rechtens hingerichtet, weil er am falschen Ort ist: am Gerichtsort.

Auch Adorno ahnt, daß Auschwitz Vollzug historischer Gerechtigkeit war und der Verurteilte, der seinen Hinrichtungs­termin versäumte, nach Auschwitz nicht weiterleben dürfte wie bisher: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre: drastische Schuld des Verschonten. Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim wie der, daß er gar nicht mehr lebte, sondern 1944 vergast worden wäre, und seine ganze Existenz danach lediglich in der Einbildung führte, Emanation des irren Wunsches eines vor zwanzig Jahren Umgebrachten.“[4. Adorno aa0 S. 353 f.]

Wie der Tod allgemein so ist die Todesmetapher Auschwitz in besonderer Weise identitätsbildend: für das vorzionistische Judentum der Diaspora die Bestätigung, Gottes auserwähltes Volk zu sein, denn auserwählt ist das Opfer. Der Tod, ein Meister aus Deutschland (Celan), vollendet Identität nicht nur bei den Opfern, denen er die Auserwähltheit bestätigt, sondern auch bei den Tätern: nur der Tod aus Deutschland ist ein Meisterwerk, jede der vielen schlechten Auschwitz-Kopien seit dem zweiten Weltkrieg zeigt das.

Adornos Philosophieren bleibt rein destruktiv, in Hegels Sinne abstrakte statt bestimmte Negation; das Negative ist ihm das bloß Negative, nie auch das Positive. Adorno schreibt kein schlechtes Deutsch, aber ein grausames. Er bedient sich der deutschen Sprache, ohne ihr auch zu dienen. Sein philosophischer Angriff gilt dem Identitäts- und Systemdenken, also dem Geist der deutschen Sprache, dem das Ganze das Wahre ist. Adorno hingegen hält das Ganze für das Falsche, seine Philosopheme sind allesamt Kafka, in Gedanken gefaßt. Adornos Deutsch ist gefoltertes Deutsch. Solche Sprache kann nur noch leiden, aber nichts mehr leisten. Die systematische Leistung von Sprache überhaupt ist unter Anklage gesetzt und damit das Deutsche insbesondere schwer beschuldigt.

Verglichen mit Hegels „Logik“ und Marxens „Kapital“ ist Adornos „Negative Dialektik“ eine theoretische Nullität, die auf Auschwitz sich zu berufen nötig hat. Kein wissenschaftliches Problem, auch nicht das kleinste, wird darin gelöst. Keinen einzigen seiner großen Begriffe – Bewußtsein, Ideologie, Herrschaft etc. – kann Adorno theoretisch ableiten.

Adorno und Kafka schreiben ein Deutsch, aber denken und dichten jüdisch. Die Merkwürdigkeit, daß dieser Denker und dieser Dichter nach 1945 derart tief das deutsche Bewußtsein penetrieren konnten, erklärt sich von selbst, blickt man nur einmal auf die militärstrategische Lage Deutschlands. Das deutsche Volk ist ein Josef K., der kein Palästina, wohin er verschwinden könnte, im Hintergrund hat. Das deutsche Volk ist nach dem zweiten Weltkrieg in die Traditionsrolle des jüdischen Volkes gezwungen worden: die Auserwähltheit des Opfers, – wenn auch nicht als Gottes, so doch zumindest als des Kriegsgottes eigenes Volk. „The Germans to the front!“ braucht dabei garnicht mehr kommandiert zu werden – die Deutschen selber sind die Front.

Adornos alttestamentarische Vergeltung, sein Versuch, an der deutschen Philosophie Rache für Auschwitz zu nehmen, ist nur Vorzeichen der wirklichen Rache für Auschwitz, die den Deutschen von den Juden droht, deren Hand (von Kissinger bis Weinberger) stets mit am roten Telefon liegt. – Damit ist freilich die sensibelste Tabuzone des deutschen Bewußtseins berührt.

Bemerkenswerterweise gibt es eine (publizistisch hochgerüstete) Spielart des deutschen Rechtsnationalismus, die als Philosemitismus auftritt. Mit dem weitgehenden Verlust des Antisemitismus als gemeinschaftlichem Ressentiment der europäischen Völker gegen die orientalische Welt ist eine Schwächung des europäischen Selbstwertgefühls einhergegangen. Die Ächtung der wohlunterschiedenen Vorurteile zwischen Völkern und Kulturkreisen hat jegliche Art von Urteil rar werden lassen; es herrscht nur noch das eine und absolute Vorurteil, daß man keine Vorurteile haben soll. Unsere Klassiker hatten da freilich eine ganz andere und natürlich richtige Auffassung: „So jede zwo Nationen, deren Neigungen und Kreise der Glückseligkeit sich stoßen – man nennt’s Vorurteil! Pöbelei! eingeschränkten Nationalism! Das Vorurteil ist gut, zu seiner Zeit: denn es macht glücklich. Es drängt Völker zu ihrem Mittel-Punkte zusammen, macht sie fester auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger und also auch glückseliger in ihren Neigungen und Zwecken. Die unwissendste, vorurteilendste Nation ist in solchem Betracht oft die erste: das Zeitalter fremder Wunschwanderungen und ausländischer Hoffnungsfahrten ist schon Krankheit, Blähung, ungesunde Fülle, Ahnung des Todes!“[5. J.G. Herder, Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, ed. Gadamer, Frankfurt/M 1967, S. 46.]