Markt­wirtschafts­lehre Teil A

A.1 Die Kapitalherstellung

A.1.1 Ware – Geld – Kapital

Elementarform des marktwirtschaftlichen Reichtums ist die Ware. Die Ware ist der einfachste Begriff des Gegenstandes der Marktwirtschaftslehre (MWL). Die Zerlegung dieser Elementarform in ihre Formelemente ist folglich der Anfang der Darstellung des Systems der Marktwirtschaft.

Jede Ware ist ein (wirtschaftliches) Gut G, das den Wert W hat. Die Güter Gr sind qualitativ so mannigfaltig wie die menschlichen Bedürfnisse, die sie befriedigen können, und sind auf ebenso mannigfache Art quantifizierbar. Hingegen können die Werte Wr (r=1,2,...,n) nur größer oder kleiner sein, weil sie alle ein und die selbe Qualität darstellen: das Gesellschaftliche an den Gütern, die Verkehrsform der Naturalformen.

Jede Ware (G,W) ist also ein Gut G von einer bestimmten Wertgröße W. Der Ursprung der Ware (G,W) ist eine Warenproduzierende Arbeit (K,A): sie ist eine ganz bestimmte Konkrete Arbeit K (die schneidert, schustert, tischlert, usw.) mit einer näher zu bestimmenden Größe der Abstrakten Arbeit A, die bei jeder Konkreten Arbeit von gleicher Qualität ist und daher nur Größenunterschiede kennt. Was eine Ware (G,W)1 als Produkt, als erreichtes Ziel, das ist ihre Warenproduzierende Arbeit (K,A)1 als Prozeß, als angestrebtes Ziel.

Die Warenproduktion (K,A) ⇒ (G,W) ist die Einheit von Arbeitsprozeß K → G und Wertbildungs­prozeß A → W, also ((K → G),(A → W)) oder:

Formel Warenproduktion

Die Abstrakte Arbeit A1 ist die selbe Größe in dynamischer Form wie der von ihr produzierte Wert W1 in substantieller Form. A1 haftet untrennbar an der Konkreten Arbeit K1 wie W1 am Gut G1. Die Abstrakte Arbeit A1 ist gesellschaftlich notwendige Zeit der Konkreten Arbeit K1, d.h. ihre Markt­notwendigkeit, und diese kann größer, kleiner oder gleich sein der tatsächlich aufgewandten Zeit Konkreter Arbeit t(K1). Auch Eigenwirtschaften kennen den Unterschied von tatsächlicher und not­wendiger Arbeitszeit, aber in der Eigenwirtschaft ist diese Notwendigkeit keine der Gesellschaft (d.h. des Marktes), sondern eine der Gemeinschaft (d.h. der jeweiligen eigenwirtschaftlichen Einheit). Die Abstrakte Arbeit ist also eine gesellschaftlich notwendige, die im Nachhinein am Markt feststellt, welche Arbeitszeit in einer Branche Durchschnittsarbeit ist und wie groß die benötigte Gesamt­arbeitszeit ist, also das Gesamtangebot einer Warenart, dem eine zahlungsfähige Gesamtnachfrage gegenübersteht:

  • A1 := tnot(K1)
  • gesellschaftlich notwendige Zeit konkreter Arbeit.

Durchschnittsarbeit ist (in Wirtschaftsgemeinschaft wie in Wirtschaftsgesellschaft) Arbeit mit jeweils vorherrschender Intensität (dem Arbeitseifer) I(K) und Produktivität (der Arbeitswirkung) P(K). Beide Größen sind ausdrückbar in der Anzahl der je Arbeitszeit produzierten Güter, wenn die je andere Variable konstant gesetzt wird; bei gleicher Bedingung kann die Abweichung einer einzelnen Intensität oder Produktivität von ihrem Durchschnitt als Verhältnis der tatsächlichen Einzelarbeitszeit zur gesellschaftlich notwendigen ausgedrückt werden, z.B.:

  • I(K1) := tnot(K1) / t(K1)
  • Arbeitswirkung konstant P(K1)=,
  • P(K1) := x(G1) / t(K1)
  • Arbeitseifer konstant I(K1)=.

Die Änderung der Produktivkraft (Produktivität oder Arbeitswirkung) ändert die Wertgröße der ein­zel­nen Ware, also ihre gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, in umgekehrter Richtung, der pro Ar­beits­tag geschaffene Gesamtwert bleibt unverändert, weil die veränderte Arbeitswirkung die auf­ge­botene Arbeitsmenge unverändert läßt. Die Änderung des Arbeitseifers (Intensität) berührt nicht den Wert der einzelnen Ware, der pro Arbeitstag geschaffene Gesamtwert variiert gleichgerichtet, weil die aufgewandte Arbeitsmenge sich ändert.

Die gesellschaftliche Sphäre der Waren ist der Markt. Dort begegnet jede einzelne Ware den übrigen Waren und somit der Warenwelt. Die einfachste Form der gesellschaftlichen Beziehung zwischen Waren ist die Schätzung der Wertgröße einer Ware, ausgedrückt in den Gütern, die als Waren im Markt vorhanden sind und als Tauschgüter in Frage kommen. Diese Wertgrößenschätzung einer Ware ist die ein- oder mehrseitige Definition der Wertgröße einer Ware in dem Gut oder der Güter­menge einer anderen Ware und heißt Wertform. Wertformen sind 1. einfach, als Definition einer Wertgröße in einem fremden Gut, 2. total, als Definition derselben Wertgrößen in vielen anderen Gütern und 3. allgemein, als Definition der Wertgrößen aller Waren außer einer im Markt in dem Gut dieser einen Ware:

  • (W1 := G2)
  • einfache Wertform,
  • (W1 := G2...n) oder (W1 := G2) & (W1 := G3) &...& (W1 := Gn)
  • totale Wertform,
  • (W1...n := G0) oder (W1 := G0) & (W2 := G0) &...& (Wn := G0)
  • allgemeine Wertform,
  • (W1 := G0)
  • Preisform (einfach-allgemeine Wertform).

Die Wert­form ist die grund­legende Ent­faltung der Elementar­form, also der Waren­form, die sich in der Wer­tform auf höherer Stufe her­gestellt hat, nämlich als Ein­heit des Gutes einer fremden und der Wert­größe der eigenen Ware. Dieses fremde Gut ist das Äquivalent bzw. bei einfach-allgemeiner Wert­form der Preis. Die Ware, die durch die all­gemeine Wert­form zum all­gemeinen Äquivalent G0und danach in der Preis­form zum Preis gemacht wird, ist all­gemeine Ware oder Geld (G,W)0. Daraus folgt, daß es Geld und Geld­preise ohne Waren­austausch geben kann und daß ein Preis niemals ein Wert, sondern immer ein Gut ist. Der Preis ist wertlos, aber er verkörpert einen Wert. Das nun gebil­dete Geld aber ist eine öffentliche, eine privilegierte Ware, der das Monopol an der einfachen und der totalen Wert­form bleibt.

In der Preis­form figuriert das Geld als Wert­maß, als Wert­maßvor­stellung, als Wert­vor­stellungs­­maß, als Wert­vorstellungs­maßvor­stellung und als Preismaßstab, der entweder als Münze (Wert­norm-Gut) oder als bloßes Wert­zeichen (Wertnorm-Fiktiv­gut) auftritt. Wert­zeichen sind wiederum zu unterscheiden in Papier­geld (Norm­träger­zeichen mit Zeichen­norm) und in Buchgeld (Zeichen­­norm auf be­lie­bigem Zeichen­träger). Die Funktionen des Geldes in der Preis­form sind also insgesamt diese:

  • (W1 := G0)
  • Wertmaß,
  • (W1 := iG0)
  • Wert­maß­vor­stellung,
  • (iW1 := G0)
  • Wert­vorstellungs­maß,
  • (iW1 := iG0)
  • Wert­vor­stellungs­maßvor­stellung,
  • (W1 := x(G0)=)
  • Prei­smaßstab (Münze),
  • (W1 := xi(G0)=)
  • Preis­maßstab (Wertzeichen),
  • (W1 := x (iG0)=)
  • Wert­zeichen (Papiergeld),
  • (W1 := (x)=i(G0)=)
  • Wert­zeichen (Buch­geld).

Der Warenaustausch vollzieht sich, wenn seine Bedingungen erfüllt sind:

  • zwei zusammengehörige Wertformen und
  • die Nichtidentität der beiden Güter G1 und G2 und
  • die Gleichheit der beiden Wertgrößen W1 und W2 sowie
  • der wirkliche Händewechsel der Güter G1 und G2 als ihr Realtausch:

[(G,W)1 = (G,W)2] → [(W1 := G2) & (W2 := G1) & (G1 ≢ G2) & (W1 = W2) & (G1 = G2)].

Geld muß seinen Aufgaben nach dreifach betrachtet werden:

  • Geld als Ware,
  • Geld als Geld und
  • Geld als Kapital.

Als Ware unterliegt das Geld allen Zwängen der Waren­pro­duktion, der Wert­bildung und der Waren­­welt, also des Marktes. Für alle Austausch­prozesse zwischen Geld- und Warenbesitzern gelten die Bedingungen des Waren­aus­tausches überhaupt. Als Geld ist das Geld eine privilegierte Ware, die öffent­liche Funktionen in der Wirtschafts­gesellschaft erfüllt. Als Kapital endlich hat sich das Geld von einem Mittel zum Zweck schlechthin emanzipiert.

Weil das Geld als Geld Maß aller Werte ist, dient es in seiner stofflichen Gestalt als Mittel der Wert­­auf­bewahrung, somit als Reserve- oder Schatz­bildungs­mittel . Neben der Schatz­bildungs­­funk­tion erfüllt das Geld als Geld die Auf­gaben des Zirkulations­mittels, indem es den Aus­tausch zweier Waren vermittelt, und des Zahlungs­mittels, als das es sich von sich selbst unterscheidet und sich in Zahlungs­ver­sprechen (0,0)0 und wirk­liches Zahlungs­mittel (G,W)0 verdoppelt:

  • (G,W)1 = (G,W)0 = (G,W)2
  • Zirkulationsmittel,
  • (G,W)1 = (0,0)0 = (G,W)0
  • Zahlungsmittel.

Kapital C entsteht durch Umkehrung der Zir­kulations­mittel­funktion des Geldes,

C := ((G,W)0 = (G,W)1 = '(G,W)0) ,

ist also der doppelte Aus­tausch von Geld gegen Ware und von Ware gegen mehr Geld, wobei so­wohl die allgemeine Aus­tausch­bedingung

W0 = W1 = 'W0

gilt, als auch die speziellen Aus­tausch­bedingungen des Geldes als Kapital,

W0 < 'W0 und G0 < 'G0

so daß die Ungleichheit von W1 mit sich selber folgt. Ein mit sich selbst ungleicher Wert ist aber keine statische Größe, sondern ein Wert­bildungs­prozeß, oder, bei einem schon gebildeten Wert, dessen Verwertungs­prozeß.

Erwerb und produktive Konsumtion der Ware Arbeits­kraft (G,W)v ermöglicht die Erfüllung aller Aus­tausch­bedingungen des Geldes als Kapital C:

Kapital C als Prozeß - Bild 1

Die Differenz aus Arbeitskraftwert Wv und Produktwert W1 ist der Mehrwert Wm. Der Preis dieses Mehrwerts ist das Mehrgeld G0.m = 'G0 — G0.


A.1.2 Mehrwert und Mehrwertwachstum

Kapital C teilt sich normalerweise in Humankapital Cv (variables Kapital) und in Sachkapital Cc (kon­stantes Kapital), weil die Arbeit der Mittel, Gegen­stände und Hilfs­stoffe bedarf. Der Wert des Sach­kapitals wird durch die Konkrete Arbeit K1 auf das Produkt (G,W)1 übertragen, und den Neuwert (= Arbeits­kraft­wert Wv + Mehrwert Wm) bildet die Abstrakte Arbeit A1. Der Teil des Geldes, der als Sach­kapital eingesetzt wird, verwandelt sich in Produktions­mittel (Herstel­lungs­mittel) (G,W)c, deren Wert sich insoweit und insofern als übertragener Wert Wc im Produkt­wert W1 wie­der­findet, als von den Herstellungs­mitteln ein gesellschaftlich not­wendiger Ge­brauch in der Kon­kre­ten Arbeit K1 gemacht wurde:

C := (G,W)0 = (G,W)v+c &
A1 Wv+m & W1 = Wv+m+c
G v := Wc
K1 Gc G1
& (G,W)1 = ‘(G,W)0 & W0  ‘W0.

Das Verhältnis des Mehrwerts zum Arbeitskraftwert ist die Mehrwertrate Wm /Wv oder Wm/v oder m/v. Die Mehrwertrate ist der Ausbeutungsgrad der Arbeitskraft. Multipliziert mit dem Human­ka­pi­tal ergibt die Mehrwertrate die Mehrwertmasse CvWm/Wv. Sie ist die Ausbeute des Kapitalisten als Er­werber und Anwender der Arbeitskraft.

Der Kapitalist muß auf Mehrwertwachstum bedacht sein. Dies kann als absolutes und als rela­ti­ves Mehrwertwachstum sich vollziehen. Absolut ist es, wenn der Mehrwert durch Verlängerung des Ar­­­beitstages T und damit Erhöhung des täglichen Produktwertes W bei gleichbleibendem Arbeits­kraft­wert Wv (und des entsprechenden Teilarbeitstages Tv) wächst; relativ ist das Mehrwert­wachs­tum, wenn der Arbeitstag T und damit der tägliche Gesamtproduktwert W gleichbleibt und der Mehr­­wert auf Kosten des Arbeitskraftwertes Wv>und damit des entsprechenden Teilarbeitstages Tv steigt.

(Wm)< = (Wv)= + W< absolutes Mehrwertwachstum

(Wm)< = (Wv)> + W= relatives Mehrwertwachstum

Der Kapitalist sucht den Arbeitstag zwecks absolutem Mehrwertwachstum soweit wie möglich aus­zu­dehnen, der Arbeiter hingegen will ihn auf den notwendigen Arbeitstag, der den bloßen Wert seiner Arbeitskraft hervorbringt, verkürzen. Daraus folgt der Kampf um den Normalarbeitstag als Form des Klassenkampfes innerhalb des Kapital-Prozesses zwischen Geldverkäufern und Kraft­ver­käu­fern. Ist der Normalarbeitstag traifvertraglich oder gesetzlich fixiert, bleibt dem Kapitalisten nur die Methode des relativen Mehrwertwachstums. Dessen erste Erscheinung ist die Lohnsenkung, die aber bald an historisch-moralische und sogar an biologische Schranken stößt. Die zweite Erscheiung der relativen Steigerung des Mehrwerts ist die Erhöhung der Arbeitswirkung (Produktiv­kraft­stei­gerung), durch die der Arbeitskraftwert ebenfalls sinkt, aber die Gütermenge dieses sinkenden Wert­teils (also das Güterbündel, aus dem der Arbeiter seinen und seiner Familie Lebensunterhalt bestrei­tet) gleichbleiben oder sogar steigen kann. Ein wachsender Güter-Wohlstand der Arbeiter ist also am leich­testen durch eine rasche Wert-Verelendung zu erreichen.

Zwischen den Einzelkapitalen C1...n (Unternehmen), die innerhalb einer Branche die Warenart (G,W)1 herstellen, entsteht ein Wettlauf (Konkurrenz) um ein relatives Mehrwertwachstum. Wenn der Marktführer C1 die Produktivität seines Unternehmens über diejenige seiner Konkurrenten C2...n steigert, dann steigt sein Warenausstoß und derjenige der Restbranche bleibt gleich, das Gesamtan­ge­bot der Warenart steigt dank des Marktführers ebenfalls. Bei stabilem Geldwert sinkt dann der Wert der Einzelware und ihre Preise sinken, die Preissumme steigt beim Marktführer und sinkt bei der Rest­branche. Der Marktführer hat einen Teil seines Produktivitätsfortschritts an die Kunden als Preis­­senkung weitergegeben, einen anderen Teil aber als Extra-Mehrwert preislich realisiert, so daß sein Mehrwert größer ist als im Durchschnitt der Branche. Dies veranlaßt die Restbranche, den Pro­duk­tivitätsfortschritt des Marktführers einzuholen, wodurch dessen Extra-Mehrwert verschwindet und ein neuer Branchenführer als Schrittmacher in der Erhöhung der Arbeitswirkung auftreten kann.

Prduktivitätsfortschritt

Weitere Methoden, relativen Extra-Mehrwert durch höhere Arbeitswirkung zu erzielen, sind Koop­eration (Gemeinschaftsarbeit), Arbeitsteilung, Manufaktur und Fabrik (große Industrie). Betriebs­ge­meinschaftsarbeit Kcoop wird möglich, wenn mehrere Arbeitskräfte von einem Kapitalisten angeheuert und gemeinschaftlich verwendet werden. Die Gemeinschaftsarbeit der betrieblichenArbeiter­gemein­schaft qK (Arbeiter q = 1,2,...,n ) hat vier Wirkungen. Es entsteht Massenproduktivkraft, Massen­in­ten­sität, Sacheinsparung und Leitungsarbeit:

Wenn qK dann
P(Kcoop) & Massenproduktivkraft
I(Kcoop) & Massenintensität
(Wc/1)> & Sacheinsparung
K1.F Leitungsarbeit der Gesamtarbeit K1

Eine Wirkung der Gemeinschaftsarbeit (Kooperation) ist die betriebliche Arbeitsteilung in der Manu­faktur, deren Teilvorgänge nebeneinander als Bündel und nacheinander als Zug angeordnet sein können:

Arbeitsteilung

Die Sach- oder Herstellungsmittel Gc unterscheiden sich in Arbeitsmittel Gc.fix und Arbeits­gegen­stände G c.zir:

Sachmittel

Das Arbeitsersatzmittel c.K (Maschine) besteht aus Antriebsmaschine c.K1, Übertragungsmaschine c.K2 und Werkzeugmaschine c.K3. Die Konkrete Arbeit K endet an der Maschine, die der Mensch nur bedient. Der Maschinenprozeß ist folgender:

Maschinenprozeß

Die Manufaktur ist eine Werkstatt, deren Elementarvorgänge aus zerlegten und neu zusam­men­ge­setzten Arbeitsprozessen bestehen. Die Fabrik ist eine Werkstatt, deren Elementarvorgänge von ana­ly­sierten und neu synthetisierten Naturprozessen, also von Maschinen oder Arbeitsersatzmittel voll­bracht werden. Die einfachste Fabrik beruht auf der mechanischen Maschine, in der ein Hand­hab­ungsgerät das Arbeitsmittel (Werkzeug) an einen Arbeitsgegenstand heranführt und ihn verändert. Die mechanische Fabrik vervollkommnet sich in den elektromechanischen, den elektronischen, den wellen- und den quantenmechanischen Maschinen. Mit der Stoffbildungsmaschine

K'→G(c.zir↔c.zir)→G'

entsteht die chemische Fabrik, in der der Arbeitsgegenstand als Rohstoff zum führenden Moment wird. In der biologischen Fabrik wirken Lebensprozesse auf andere Lebensprozesse, um neue Le­bens­prozesse hervorzubringen; der sich selbst erhaltende Prozeß (Leben) ist das souveräne Moment dieses Maschinentyps. In philosophischen Fabriken endlich wird die Vernunft, die Frage nach dem Ziel aller Natur-, Arbeits- und angeeigneten Naturprozesse (Teleologie), zur Aufgabenstellung ihrer spe­ziellen Maschinenbauer, weshalb sie einerseits Denkfabriken und andererseits Bildungsfabriken sind. In Denkfabriken sind die Denkersatzmittel die Theorien, an denen mittel- oder unmittelbare Gedanken als Begriffe (Denkmittel) oder als Ideen (begriffene Begriffe oder Tatgedanken) oder als Ge­dankensysteme (Theorien) produziert werden können. In Bildungsfabriken wird den Arbeits­kräf­ten die Bedienung von Maschinen oder Theorien durch den Betrieb derselben beigebracht; das Ar­beits- oder Denkersatzmittel wird hier wieder zum einfachen Werkzeug, nämlich zum Bildungsmittel, und die Bildungsfabrik wird wieder zur Bildungsstätte, also zur pädagogischen Werkstatt, in der die Arbeitskraft geschaffen wird, die als ersetzbare die Lebensgrundlage der Ersatzmittel ist.

Die Wertübertragung der Maschine auf eine von ihr erzeugte Ware ist das Multiplikationsprodukt aus Maschinenwert, Herstellungszeit dieser Ware und Veraltungsfaktor, geteilt durch die Lebens­dauer der Maschine. Marktwirtschaftlich anwendbar sind Maschinen in Herstellungsprozessen dann, wenn sie gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit einsparen, also der Neuwert größer ist als der Ma­schinenwert. Weil unter kapitalistischen Verhältnissen nicht der Neuwert, sondern nur der Anteil, den der Arbeitskraftwert an ihm hat, gezahlt werden muß, verschärft sich das Kriterium der Wirt­schaftlichkeit: Maschinerie ist erst dann kapitalrationell einzusetzen, wenn der Maschinenwert kleiner als der ersetzte Arbeitskraftwert ist.

Die Maschinenabschreibung folgt der Formel:

W(c.K)t(G1)d/t(c.K),
wobei (d≤1, Veraltensfaktor, „moralischer Verschleiß“).

Das Wachstum des Mehrwerts hängt mit dem Arbeitskraftwert zusammen und vom Arbeitstag, der Arbeitswirkung und dem Arbeitseifer ab. Mehrere Fälle sind zu unterscheiden:

1) Steigt die Arbeitswirkung (Arbeitstag und -eifer gleichbleibend), dann produziert ein konstanter Arbeitstag eine konstante Wertgröße, die aus sinkendem Arbeitskraftwert und steigendem Mehrwert besteht; die Warenmenge steigt, und der Wert des Einzelgutes sinkt.

2) Sinkt die Arbeitswirkung (Arbeitstag und -eifer gleichbleibend), dann produziert ein konstanter Arbeitstag eine konstante Wertgröße, die aus steigendem Arbeitskraftwert und sinkendem Mehrwert besteht; die Warenmenge sinkt, und der Wert des Einzelgutes steigt.

3) Steigt der Arbeitseifer (Arbeitstag und -wirkung gleichbleibend), dann steigt die produzierte Warenmenge; der Wert pro Arbeitstag steigt, und der Wert des Einzelgutes bleibt gleich.

4) Sinkt der Arbeitseifer (Arbeitstag und -wirkung gleichbleibend), dann sinkt die produzierte Warenmenge; der Wert pro Arbeitstag sinkt, und der Wert des Einzelgutes bleibt gleich.

5) Bei sich verkürzendem Arbeitstag (Arbeitseifer und -wirkung gleichbleibend) sinkt die Wertgröße, die aus gleichbleibendem Arbeitskraftwert und sinkendem Mehrwert besteht.

6) Bei sich verlängerndem Arbeitstag (Arbeitseifer und -wirkung gleichbleibend) steigt die Wertgröße, die aus gleichbleibendem Arbeitskraftwert und steigendem Mehrwert besteht.

Mehrwertwachstum nach Arbeitstag T, Arbeitswirkung (Produktivität) P(K) und Arbeitseifer (Intensität) I(K):

T= & I(K1)= & P(K1)< → ((W/T)= = ((Wv/T)> + (Wm/T)<)) & W>(G1)

T= & I(K1)= & P(K1)> → ((W/T)= = ((Wv/T)< + (Wm/T)>)) & W<(G1)

T= & I(K1)< & P(K1)= → (x<(G,W)1/T) & (W/T)< & W =(G1)

T= & I(K1)> & P(K1)= → (x>
(G,W)1/T) & (W/T)> & W =(G1)

T> & I(K1)= & P(K1)= → ((W/T)> = ((Wv/T)= + (Wm /T)>))

T< & I(K1)= & P(K1)= → ((W/T)< = ((Wv/T)= + (Wm /T)<)).


A.1.3 Arbeitslohn, Kapitalwachstum und Kolonisation

Die Wa­re Ar­beits­kraft wird stun­den-, ta­ge-, wo­chen- und mo­nats­wei­se ver­mie­tet. Die Na­tu­ral­form der Ar­beits­kraft wird quan­ti­fi­ziert nach ih­ren Nut­zungs­pe­ri­oden, und so er­scheint der Preis der Ar­beits­kraft als Preis der Ar­beit und da­mit als Ar­beits­lohn. Auf die­se Wei­se ent­steht der un­ei­gen­t­­li­che Ar­beits­lohn L der Ar­beit­neh­mer, und der Ver­tei­lungs­kampf zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­­neh­mer er­scheint als Ge­gen­satz von Ka­pi­tal und Ar­beit. Die­ser Schein ver­kehrt das We­sen, weil die un­­­be­zahl­te Mehr­ar­beit, die im Mehr­wert steckt, aus dem Blick ver­schwin­det und al­le Ar­beit als be­­zahlt er­scheint.

Grundform des Arbeitslohnes ist der Zeitlohn und seine Derivate sind Stücklohn, Prämienlohn und Laufbahnlohn. Grundform dieser Mystifikationen sind die Arbeitswerte (K,W):

x(Gv) →Gv/t
= K/t & W(x(Gv)) = W(K/t) → (K,W)/t Zeitlohn
= K/G1 → (K,W)/G1 Stücklohn
= K/G1.r → (K,W)/G1.r Prämienlohn
= K/T → (K,W)/T Laufbahnlohn
wobei T = Lebensarbeitszeit.

Kapital muß wachsen, um zu überleben. Kapitalwachstum C< (Akkumulation, Konzentration) findet statt, wenn der Mehrwert m teilweise in Zusatzkapital m.C verwandelt wird und zum Verzehr des Kapitalisten nur eine Revenue m.R bleibt, so daß jeder Mehrwert in m = m.C + m.R aufgeteilt wird. Das Verhältnis von Zusatzkapital zum Mehrwert ist dann die Akkumulationsrate m.C/m. Bei ge­ge­be­­ner Ak­ku­mu­la­ti­ons­ra­te wach­sen grö­ße­re Ka­pi­ta­le schnel­ler als klei­ne­re. Al­so Kon­zen­tra­ti­on hei­ßt Ka­pi­tal­wachs­tum, Zen­tra­li­sa­ti­on hin­ge­gen be­deu­tet Fu­si­on, die Zu­sam­men­fas­sung meh­re­rer Ka­pi­ta­le zu ei­nem Ka­pi­tal.

Jedes Kapital besteht aus Sach- und Humankapital. Das Teilkapitalverhältnis c/v heißt Kapital­zu­sam­mensetzung, die als technische und als Wertzusammensetzung betrachtet werden kann. Spiegelt die Wertzusammensetzung die Änderungen der technischen wider, heißt sie organische Kapitalzu­sam­men­setzung:

C(Gc/v)< →C(Wc/v)< = C((G,W)c/v)<.

Kapitalwachstum (Akkumulation) C<, Löhne L bzw. (Wv := x(G0)=) und Beschäftigungsrate p(K/G v) hängen in einer Volkswirtschaft wie folgt zusammen: Steigt das Gesamtkapital durch Akkumulation, dann steigt auch sein variabler Teil, der eine erhöhte Zahl von Arbeitskräften nachfragt, und die Löhne, d.h. die Preise der Arbeitskräfte, steigen. Damit steigt auch die Wertsumme eines Teils der durch Maschinerie ersetzbaren Arbeitskräfte über die Wertsumme der sie ersetzenden Maschinerie. Das führt mit erhöhter Maschine-Mensch-Relation zu steigender organischer Zusammensetzung des Kapitals, zur Steigerung der Produktivkraft P(K) und zur Senkung der Beschäftigungsrate p(K/Gv) und also auch zur Erhöhung der Arbeitslosigkeit (Arbeitskraftreserve) p(Gv-K), was insgesamt einen Lohnrückgang L> und eine Erhöhung der Mehrwertrate (Ausbeutungsgrad) bewirkt und den Weg zu erneutem Kapitalwachstum freimacht:

C< → (Cv)< → (Wv := x<(G0)=) → ((Wv)< > Wc.K) → C((G,W)c/v)< → P(K)<p(K/Gv)>p(G v-K)< → (Wv := x>(G0)=) → (Wm/v)< → C<
usw.

Ar­beits­lo­sig­keit ist Fol­ge und Vor­aus­set­zung der Ak­ku­mu­la­ti­on. Die kon­so­li­dier­te Ar­beits­lo­sig­keit (in­dus­tri­el­le Re­ser­ve­ar­mee) ist um so grö­ßer, je um­fang­rei­cher das ge­sell­schaft­li­che Ge­samt­ka­pi­tal und sein mög­li­ches Wachs­tum sind.

Kolonisation ist die Ver­wand­lung von Pro­le­ta­ri­ern in Mit­tel­ständ­ler. Der Pro­le­ta­ri­er ist ei­ne freie Per­son oh­ne die zur Selbst­er­hal­tung sei­ner Fa­mi­lie nö­ti­gen Her­stel­lungs­mit­tel. Pro­le­ta­ri­er sind Pro­­­duk­­ti­ons­mit­tel­lo­se, sei­en sie nun Ar­bei­ter (sog. Ar­beits­platz­be­sit­zer) oder Ar­beits­lo­se; im Ex­trem­fall sind sie Ei­gen­tü­mer oh­ne Ei­gen­tum als äu­ße­rer Sphä­re der Frei­heit ih­rer Per­son. Die Grund­la­ge ei­ner dau­er­haf­ten Ko­lo­ni­sa­ti­on (sei sie aus­wär­ti­ge Land­nah­me oder in­ne­re Ko­lo­ni­sa­ti­on durch Pfle­ge ei­ner Kul­tur der Selb­stän­dig­keit) ist die Aus­stat­tung mit Grund­rech­ten, al­so un­ver­äu­ßer­li­chen Min­des­t­grun­d­­stü­cken, als Le­bens- und Her­stel­lungs­räu­men.




Karl Marx und die deutsche Philosophie

Die in der Aula geführte Debatte über Karl Marx zwischen den Standpunkten der Autoren Löw/Romig (5/97), Girtler (9/97) und Golowitsch (12/97) hat sich auf die Persönlichkeit Marxens kapriziert und völlig vermieden, das Haupt­werk des Theoretikers Marx auch nur zu berühren. Damit hat man sich selber vom Verständnis des Grundes der gegen­wärtigen Marx-Renaissance abgeschnitten, die sich allein auf Das Kapital stützen kann.

Außer­dem hat die Debatte den Sozial-Anti­semitismus des Juden Marx gegen ihn selber als zu er­he­ben­den oder zu ent­kräftenden Vor­wurf instrumentiert und daher die gegen­wärtig herr­schen­den Denk­tabus und Kritik­schablonen verstärkt, anstatt sich über sie souverän hinwegzusetzen. Weil es heut­zutage keine öffentlichen Juden­feinde geben darf, gibt es in Wahr­heit auch keine Juden­freunde. Wer den Haß verbietet, der hat die Frei­heit nicht weniger unterdrückt, als wer die Liebe ächtet.

Selbst­redend war Marx ein kultur­deutscher Anti­semit, aber eben auch ein Bluts­jude, der alt­testamentarisch hassen konnte und z.B. Öster­reich ganz besonders üble Finanzjuden an den Hals gewünscht hat. Die Menschen allgemein sind wider­sprüchliche Wesen, und Marx war es in außer­gewöhnlichem Maße: Als systematischer Theoretiker war er ein deutscher Phi­losoph, als Prak­tiker und Pro­grammatiker dagegen ein jüdischer Gewalt- und Macht­ideologe der besonders staats­feindlichen und anti­politischen Art. Der Marxismus als jüdische Gewalt­ideologie ist in Rußland und ganz Ost­europa blamabel gescheitert, und zwar zuguter­letzt an der mittel­deutschen Einigungs­bewegung von 1989; der Marxismus als deutsch-systematische Theorie des Kapitalismus hingegen ist durch den Triumph der ka­pi­ta­lis­tischen Pluto­kratie des Westens über die kommunis­tische Des­potie in Ost­europa glänzend bestätigt worden.

Der deutsche Marx hat recht behalten, der Kapitalismus war die Welt­revolution, die alle vorkapitalistischen und reaktionär-anti­kapitalistischen Gesellschafts­formen hinweggefegt hat. Dieser Erfolg als Theoretiker war Marx beschieden, weil er sich zur deutschen Philosophie und ganz besonders zum Deutschen Idealismus streng epigonal verhielt und sich jede originär jüdische Gedanken­zutat (außer dem Aus­rutscher der „Ex­pro­pri­ation der Ex­pro­priateure“ im 23. Kapitel des ersten Kapital-Bandes) verkniff. Die Sieben gegen Theben waren zwar originell, aber erst ihre Epigonen auch erfolg­reich.

Karl Marx war ein jüdischer Ver­brecher und ein deutsches Genie. Dem Genie ist die deutsche Treue zu halten, die literarischen Verbrechen des jüdischen Ideologen aber sind verjährt. Die konservativen Schätzungen der russischen Regierung über die Zahl der Menschen­opfer, die in An­wendung der jüdisch-marxistischen Gewalt­ideologie in der Sowjetunion gebracht wurden, belaufen sich auf sechzig Millionen. Dieses Ver­brechen übertrifft noch das des Mongolen­sturms und ist damit singulär in der Welt­geschichte überhaupt. Es hätte ohne die willige Hilfe des ganzen Welt­juden­tums nicht ausgeführt werden können.

Als deutsches Genie hat Karl Marx den ganzen Deutschen Idealismus beerbt und mit dem Kapital, seinem Haupt­werk, den letzten und ausgereiftesten System­entwurf der idealistischen Bewegung vorgelegt. Schon seinen system­begründenden Begriff der Ware als Ein­heit eines Ge­brauchs­wertes (oder -gegenstandes) mit seinem Tausch­wert hat er getreulich aus Hegels Rechts­philosophie (1821) abge­kupfert, wo in § 40 das Recht als Ein­heit eines Besitzes mit seinem Eigen­tum bestimmt wird. Weil jedes Recht auch eine Ware und jede Ware auch ein Recht ist, hat Marx eine grund­legende Über­setzungs­arbeit des juridischen in den polit­ökonomischen Grund­begriff geleistet, aus dessen Selbst­bewegungen er sein System aufbaut und in seiner reflexions­logischen Wert­formen­lehre über Hegel hinaus­führende Re­sul­tate in Ge­stalt einer exakten Geld­deduktion erhält, die ihm die genaue Unterscheidung zwischen Wesen und Funktion (Erscheinung) des Geldes gestattet und das Kapital als selbstbezügliche Geld­funktion demonstriert.

Implizit hat Marx mit seiner Geld­deduktion aus der Waren­welt auch die Ab­leitung des öffentlichen Rechts aus der Welt der Rechte und die Staats­deduktion aus der Welt der juristischen Personen geliefert, obwohl er keine Staats­theorie verfaßt hat. Von Hegel hat Marx auch die Theorie der Ver­elendung in der bürgerlichen Gesell­schaft übernommen, nicht aber das Konzept des Staates als Wirk­lichkeit der sitt­lichen Idee, als Dasein Gottes auf Erden.

Die Autoren Löw/Romig meinen, Marxens ökonomische Theorie ließe sich mit einem legeren Verweis auf die herr­schen­de Meinung der Uni­ver­si­täts­öko­no­mie erledigen. Die Qua­lität der schul­ökonomischen Marx-Rezeption ist aber unter aller Kritik. So etwa kann man fol­genden Voll­unfug lesen: „Die Ware Arbeit ist nun nach Marx die einzige, bei der Gebrauchs- und Tausch­wert voneinander abweichen können, und zwar übersteigt der Gebrauchs­wert den Tausch­wert der Arbeit.“ (Klassiker des öko­no­mi­schen Denkens. II. Von Marx bis Keynes, ed. Starbatty, München 1989) Das bedeutet, daß die Uni­ver­si­täts­öko­no­mie noch nicht einmal das erste Kapitel des Kapitals versteht. Sie kann es nicht verstehen, weil ihr die phi­lo­so­phische All­ge­mein­bil­dung mangelt, die sie erkennen ließe, daß Das Kapital steht und fällt mit dem Begriffs­konzept des Deutschen Idealismus im besonderen und dem kraft­theo­re­ti­schen Den­ken der deutschen Phi­lo­sophie im all­ge­mei­nen.

Den einzigen Schwach­punkt in Marxens System hat die Universitäts­ökonomie natürlich auch nicht entdeckt. Er besteht darin, daß beim Wert der Arbeits­kraft nicht die Arbeits­wert­theorie angewandt, sondern der Preis der Kon­sumtions­mittel als Wert­bestimmer unterstellt worden ist. In Korrektur dieser In­konsequenz habe ich den dritten, arbeits­kraft­pro­duzierenden Sektor in die Kritik der politischen Ökonomie eingeführt und die darin mögliche Mehr­arbeit, deren pä­da­gogisches Mehr­produkt unter Um­ständen auch als Lohn­zuwachs re­alisierbar ist, als Konsumtions­rente, die nicht mit Alfred Marshalls Kon­sumenten­rente zu verwechseln ist, postuliert (Das Gesetz des Gesamt­nutzens, 1981).

Kants General­frage lautet: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“ (KdrV,B19) Man urteilt Begriffe ana­ly­tisch, wenn le­dig­lich die mit ihnen schon gegebenen Be­stand­teile auf­gedeckt werden, und man ur­teilt den Be­griff synthetisch, wenn mehr als das mit ihm Gegebene heraus­kommt, also ein Mehr­wissen ent­steht. Bei aposteriorisch-synthetischen Ur­teilen unterstellt Kant die Herkunft dieses Mehr­wissens aus der Er­fahrung, bei apriorisch-synthetischen Urteilen aber komme das Mehr­wissen – das geistige Mehr­produkt des Er­kenntnis­prozesses – aus dem Er­kenntnis­vermögen. Das Erkenntnis­vermögen als geistige Arbeits­kraft ist dem Er­kennen, der geistigen Arbeit, trans­zendental, aber nicht transzendent, also nicht jen­seits von Raum und Zeit.

Das Mehr­wissen oder der Erkenntnis­zuwachs aus Er­kenntnis­prozessen, die zu synthetischen Urteilen a priori führen, hat bei Kant also seine Quelle im Er­kenntnis­vermögen. Marx ver­all­gemeinert das Trans­zendental­apriori aus Kants Kritik der reinen Vernunft in seiner Kritik der politischen Ökonomie auf alle Arbeits­prozesse und die in ihnen mögliche Mehr­arbeit, die sich in einem Mehr­produkt mit einem Mehr­wert ver­gegen­ständlicht, der sich am Markt als Geld­preis realisieren muß. Das Trans­zendental­apriori der Marxschen Ökonomie ist die menschliche Arbeits­kraft überhaupt. Wer die Marxsche Mehrwert­theorie angreifen will, der muß Kants synthetische Ur­teile a priori aushebeln, oder uns zumindest vorführen, wie er das Ding-an-sich erkennt.

Fichte wollte Kantianer ohne das Ding-an-sich sein, hat sich den Atheismus-Vorwurf zugezogen und war ein bein­harter Sozialist, Nationalist und Ar­beits­theoretiker, der Ei­gen­tum nur als Ar­beits­mo­nopol, nicht aber als Besitz­monopol, anerkannte. Von Schelling hat Marx die Natur­theorie und von Hegel auch noch die Dialektik übernommen. Wer sich theoretisch mit dem Kapital anlegt, steht nicht nur gegen den ganzen Deutschen Idealismus, sondern mindestens noch gegen die Leibnizsche Monadologie.

Kapitalismus heute funktioniert wie im Kapital dargestellt. Die Alte Linke, in Deutsch­land 1933 besiegt, hatte die Ar­beiter in der großen Industrie für das revolutionäre Sub­jekt gehalten. Die Neue Linke, die 1968 in Er­scheinung trat, ging in ihrer Stra­tegie von der arbeitslosen Produktion in der vollautomatischen Fabrik, also vom Ende der Wert­schöpfung und der ka­pi­ta­lis­ti­schen Waren­pro­duktion aus und setzte ihre Hoffnung in jene Massen, die von den Herr­schenden ernährt werden müssen. Bei fünf Millionen offiziellen und acht Millionen reellen Arbeits­losen allein in der ver­einigten Besatzungs­zone Deutsch­lands kein unrealistischer Ansatz.

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Bemerkungen zum Deutschen Idealismus

„Was für eine Philosophie man wähle, hängt … davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein toter Hausrat, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus, und Eitelkeit erschlaffter, und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben.Johann Gottlieb FICHTE, 1797

Der Deut­sche Idea­lis­mus, so wird in gän­gi­gen Ge­schich­ten der Phi­lo­so­phie er­zählt, ha­be von Kant bis He­gel sich mun­ter ent­fal­tet als kri­ti­scher (Kant), sub­jek­ti­ver (Fich­te), ob­jek­ti­ver (Schel­ling) und ab­so­lu­ter (He­gel) Idea­lis­mus, sei ei­ne Wei­le preu­ßi­sche Staats­phi­lo­so­phie ge­we­sen und dann um die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, als der spä­te Schel­ling in Ber­lin kei­nen An­klang mehr fand, zu­sam­men­ge­bro­chen. In die­ser Sicht­wei­se hat auch das ei­gent­li­che 19. Jahr­hun­dert in sei­nen Sie­ges­zü­gen von Na­tur­wis­sen­schaft und Tech­nik erst mit He­gels und Goe­thes Tod An­fang der 30er Jah­re be­gon­nen.

Dieses vertraute Bild ist im entscheidenden Punkt, nämlich im Endpunkt, zu korrigieren: Der letzte Systementwurf des Deutschen Idealismus ist nicht die Endfassung des Hegelschen Systems, die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften von 1830, sondern Das Kapital (1867,-85,-94) von Marx und Engels. Der Deutsche Idealismus, so meine These, brachte also am Ende des 19. Jahrhunderts in England seinen letzten und ausgereiftesten Systementwurf hervor.

Dieser Auffassung widersprechen Ideenhistoriker, die das Materialismus-Argument beim jungen Marx besonders ernst nehmen, also kommunistische Parteigeister und konservative ebenso. Besonders letzteren ist am Materialismus bei Marx viel gelegen, weil an einem handfesten Feind im geistigen Bürgerkrieg.

Wer die Kräfte eines Volkes auf ein Gemeinschaftsziel hin bündeln will, muß zuvor den geistigen Klassenkampf entschärfen, indem er die Kampfparteien zu notwendigen Momenten eines dialektischen Gegensatzes herabsetzt und damit den Kampf als ganzen in einen Motor für die Bewegungen des Volksgeistes verwandelt. Die These vom idealistisch-materialistischen Antagonismus in der Philosophiegeschichte möchte ich daher am Beispiel des Deutschen Idealismus relativieren und vielmehr zeigen,

  1. daß der Unterschied von Idee und Tat der von Tatgedanke und Gedankentat ist,
  2. daß das Ideal und das Real einander normierende Normen sind, und
  3. daß der Materialismus die Allgemeinheit, der Immaterialismus aber die Besonderheit und die Einzelheit im Denken des Deutschen Idealismus ausmacht.

Das materialistische Argument selber in seiner dialektisch-tätigen Gestalt, in der auf die Spontaneität der menschlichen Arbeitskraft (und damit auch ihres Erkenntnisvermögens) abgehoben wird, bildet den denkerischen Ausgangspunkt der idealistischen Bewegung bei Kant. Der Sattlersohn Immanuel Kant weiß natürlich, daß die Arbeitskraft das Apriori einer jeden Arbeit und das Erkenntnisvermögen zum Inventar der Arbeitskraft und zum Apriori eines jeden Erkennens gehört. Und Johann Gottlieb Fichte, der Sohn eines armen Leinenbandwirkers aus der Lausitz, weiß, daß es auf die wirkliche “Thathandlung” ankommt, mit der das Ich das Nicht-Ich, also den Rest der Welt insgesamt, erobert. Vom materiellen Arbeitsprozeß, vom lebendigen Stoffwechsel des Menschen mit der Natur, hat der Deutsche Idealismus seinen Ausgang genommen. Dieser bot ihm den Anfang, die abstrakte Allgemeinheit der Bestimmungen des geistigen Arbeitsprozesses, also des Erkennens, das von Schelling und Hegel, den Sprößlingen des schwäbischen Pastorenadels, auf die Gedanken Gottes vor und nach der Erschaffung der Welt, also auf Logik, Natur und Geist, ausgedehnt wurde. – Idealistische Philosophie ist Philosophie der Arbeit, ist das System der Ideen als der Tatgedanken, die auf die Tathandlungen als den wahren Gedankentaten gerichtet sind. Der Deutsche Idealismus ist das Denken des Apriori von Arbeitskraft zum Arbeitsprozeß, ist das Gebundensein allen Erkennens an Arbeit und ihren Primat der Idee, so daß die Differenz von Idee und Tat nur als Unterschied von Tatgedanke und Gedankentat erscheinen muß.

Idealistisch ist schon der rein materielle Arbeitsprozeß, weil in jeder Arbeit der Gedanke vor der Tat kommt. Aber freilich ist so mancher Arbeitsprozeß gedankenschwer und tatenarm, wenn zur Herstellung der endgültigen Idee, dem unmittelbaren Tatgedanken, viele mittelbare Gedanken als Denkgegenstände (Probleme), Denkwerkzeuge (Begriffe), Denkmaschinen (Gedankensysteme, Theorien) und Denkautomaten (Theoriensysteme) nötig sind. In den industriell-materiellen Arbeitsprozessen der Gegenwart erscheint die dingliche Herstellung der Produkte oft nur als Schlußpunkt zum aufwendigen Entwicklungsgang einer ausführbaren Idee. Die Idee ist unter den ewigen Gütern das endlich ausführbare; sie ist das Konsumgut der geistigen Produktion. Das Ideal ist die Idee, wie sie sein soll; das Ideal ist die normierte Idee. Idealismus ist das System der Tatgedanken, wie sie sein sollen, und Deutscher Idealismus ist das System der deutschen Solltatgedanken.

Wenn die Idee in die Tat umgesetzt wird und ihr Ideal als ihr Real erscheinen muß, dann zeigt sich gewöhnlich, daß das Real das Ideal nicht erreicht. Das tatsächliche, das aus der Tat zur Sache gewordene Reale führt jetzt zur sog. praktischen Überprüfung des Ideals und der darin genormten Idee selber. Das nichtideale Real wirkt als Veränderungsnorm auf künftige Realisierungen der Idee und auch als Korrektiv auf die Idee selber und ihre Norm, das Ideal. Das Real ist zwar das Tatsächliche und daher selten ideal, normiert aber die Idee und ihr Ideal gleichermaßen. Das Sollen ist das ideale Wollen oder die Willensnorm. Denn der freie Mensch will tun, was er soll, und zugleich soll er wollen, was er kann, und was er kann, das will er auch sollen. Der freie Mensch als Person, als Pflichten- und Rechtesubjekt, verlangt nach dem sittlichen Leben. Die Abweichung vom Ideal und damit die Verfehlung der Norm wird zum Normgeber für die Entwicklung der menschlichen Arbeitsprozesse oder Tathandlungen einschließlich ihres Ideensystems und seiner Idealisierungen. – In dieser systematischen Sicht ist Deutscher Idealismus deutsches Denken überhaupt. Jetzt aber wollen wir ihn im eingeschränkt historisierten Sinne betrachten und die eingangs erwähnte Sinnerweiterung etwas verständlicher begründen.

Leibniz als Vorfahre der idealistischen Bewegung in Deutschland hat für die Materie als res extensa mit seiner Monadologie (1714) energisch Platz geschaffen, indem er der Natur allen Platz überhaupt, also Raum und Zeit insgesamt, einräumt. Die Monade muß dann sowohl unräumlich (also unteilbar und fensterlos) als auch ewig (also unsterblich und unzerstörbar) sein, weil nicht in der Zeit geschaffen, sondern mit ihr. Die Monaden werden am Ende dieses Weltalters ihr Außer-Gott-Sein, ihre prästabilierte Harmonie in der besten aller möglichen Welten beenden und in Gott zurückkehren. Gott selber aber hört auf, oberste Zentralmonade und daher Gott zu sein, wenn die von ihm geschaffenen Monaden zu ihm heimkehren und wieder absoluter Geist, wieder raumlos-zeitlose Vollkommenheit sind. Leibnizens Monadologie sieht den sinnlich-übersinnlichen, den zeitlich-ewigen Doppelcharakter aller natürlichen Dinge wie später Kant den empirisch-überempirischen Doppelcharakter aller unserer Erkenntnis und noch später Hegel den Doppelcharakter des Rechts als Besitz und Eigentum und schlußendlich Marx den Doppelcharakter der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert.

Die Monade ist das Seelenatom, sie enthält ein Bild des Alls und erzeugt ständig Vorstellungen (Perzeptionen) oder sogar bewußte Vorstellungen (Apperzeptionen) im Falle des Menschen. Jede Monade ist ein der Handlung fähiges Sein, also eine Seele oder Kraft. Jede Monade ist einmalige Individualität und somit unverwechselbare Unteilbarkeit. Höhere Individualitäten werden als Herrschaftsverbände vieler verschiedenartiger Monaden unter einer Zentralmonade gebildet, letztlich aber unter Gott. Alle Monaden sind seelische Atome und eine Kraft, die spontan (also frei) tätig ist, indem sie Vorstellungen aus ihrem jeweils eigenen Spiegelbild des Alls heraus erzeugt. Die Vorstellungen sind die Tätigkeiten der Monaden, die sich unterscheiden in mehr oder weniger deutliche, wobei ganz deutliche Vorstellungen nur die göttliche Monade hat und entsprechend ungehemmte Tätigkeit ist, während verworrene Vorstellungen nur gehemmte Tätigkeiten sind. Gott hat die Monaden in prästabilierter Harmonie zueinander und damit die beste aller möglichen Welten geschaffen. Weil Gott die Monaden nicht in der Welt, sondern mit der Welt geschaffen, sind sie unsterblich. Die Monaden sind die Seele oder unsterbliche Kraft in jedem Weltwesen, und als Monade ist auch Gott in seiner selbstgeschaffenen Welt.

Leibnizens Monadologie gewährt beseelte Selbheit noch dem winzigsten Staubkörnchen im All, sie ist eine völlig kommunikationslose, gesellschaftsfreie und marktferne Metaphysik, die ein jegliches Ordnungs- und Hierarchiedenken und damit die Gemeinschaften philosophisch und nicht etwa bloß biologisch begründen kann. Über- und Unterordnungen in den Vergemeinschaftungen der Monaden und also ihre Herrschaft regelt sich durch die Deutlichkeit ihrer Vorstellungen und nicht etwa durch Befehl und Gehorsam. Die so gebildeten Gemeinschaften sind als Seelen (res cogitans) völlig autark und autonom; ihre Vorstellungen als ihre Handlungen bedürfen keiner gesellschaftlichen Arbeitsteilung, denn sie sind eine vollendet betriebliche. Hingegen als Körper (res extensa) sind die so gebildeten Gemeinschaften dann höchst kommunikations- und gesellschaftsfähig, so wie Leibniz selber es war. Seine Monadologie gestattet es, das Gemeinschafts- und Gesellschaftsdenken auch in vorbiologische Daseinsformen, deren Zentralmonaden Individualität (Unteilbarkeit) und Identität (Selbheit) und damit auch Spontaneität als Vorformen der Freiheit haben, hineinzutragen.

Leibniz bietet die Grundlage für eine sozialwissenschaftliche Betrachtung der Natur. Und er konzipiert Gott und die Welt auf urdeutsche Weise, nämlich krafttheoretisch, wie es schon Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert mit seinem Seinkönnen (possest) und Meister Eckhart im 14. Jahrhundert mit dem Fünklein vom Geiste Gottes in der Seele des Menschen getan. Nach Leibniz haben wir bei Kant als Kraftbegriffe die drei Seelenvermögen Erkennen, Begehren und Fühlen, deren jeweilige Prüfung er in seinen drei Kritiken (der theoretischen oder reinen Vernunft, der praktischen Vernunft, der Urteilskraft) liefert und zu einer Kategorientafel als Festapriori synthetischer Urteile kommt und damit unhaltbar gewordene Kategorien der alten Metaphysik verwirft. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird Nicolai Hartmann das Kantische Festapriori durch eine Kategorialanalyse der verschiedenen Seinsstufen (physische, organische, seelische, geistige) ersetzen, wodurch er zu einem Fließapriori findet, das zwar vor aller Erfahrung, aber nicht außer der Zeit gilt. An den letzten Systementwurf des Deutschen Idealismus hingegen werden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die 68er Theoretiker wieder anknüpfen. Aus der Rezeption des Konzepts der asiatischen Produktionsweise kommen sie (Krahl, Dutschke, Rabehl u.a.) zur Verwerfung des Sowjetismus, den Rudi Dutschke eine “allgemeine reale Staatssklaverei” genannt hat. Die 68er Theoretiker sind durch 1989 und die Folgen glänzend bestätigt worden. Darüberhinaus zeigte sich, daß allein mit dem letzten Systementwurf des Deutschen Idealismus die Formalisierung gelang, die zahlreichen Formalisierungsversuche des vorletzten, des Hegelschen Systementwurfs aber scheiterten. Nur die Formalisierung des Kapitals von Marx und Engels ermöglichte mir die Durchführung des Systems der Sozialwissenschaften (1987) bis hin zur Weltgeschichtsformel.

Leibniz hat die durchgehende Formalisierung des Wissens in einer Begriffsschrift (Universalcharakteristik) gefordert, die als allgemeine Charakteristik der Begriffe auch heute noch fern ihrer Verwirklichung ist, aber als besondere erstmals im 19. Jahrhundert im periodischen System der chemischen Elemente realisiert wurde, wobei das Element durch seine Massenzahl identifiziert wird. Noch nicht durchgeführt ist die Leibnizsche Begriffs-Charakteristik in der Mathematik, weil ihre Operationen nicht aus einem festgestellten Begriff der Zahl, nicht als Zahlbegriffsindizierungen entwickelt, sondern aus praktischen Problemlagen empirisch gefunden sind. Hegels Programm der Philosophie als Wissenschaft (System des Wissens) ist von Marx verwirklicht worden, und zwar in einer Wissenschaft aus dem Begriff. Solch eine Wissenschaft veröffentlichte Marx 1867 mit dem ersten Band des Kapitals. Hundert Jahre später konnte die Kapital-Formalisierung konzipiert und 1972 vorgelegt werden. In ihr schlagen sich die Bewegungen des systemerzeugenden Begriffs nur noch in den Veränderungen der Indices seines Begriffszeichens nieder.

Bei Marx gibt es den Elementarbegriff der Ware mit den Begriffselementen Gebrauchswert und Tauschwert; er ist die genaue Übersetzung des Rechtsbegriffes bei Hegel vom Juristischen in’s Ökonomische. Hegel gelang es in seiner berühmten Rechtsphilosophie (1821) noch nicht, die Formen der Reflexion des einen Rechts in ein anderes Recht zu analysieren. Wohl aber konnte Marx mit seiner Wertformenanalyse zeigen, wie die eine Ware sich in der anderen Ware reflektiert. Deswegen war Das Kapital formalisierbar, nicht aber die Rechtsphilosophie. Aber das formalisierte System der Ware konnte in ein solches des Rechts rückübersetzt werden.

Kant ist typisch deutscher Kraftdenker von Anfang an, schon in seiner ersten philosophischen Veröffentlichung, den Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte (1749). Kant thematisiert nicht die menschliche Arbeitskraft überhaupt, sondern nur ihre geistige Teilkraft, die Seelenvermögen Erkennen, Begehren und Fühlen. In der Kritik der reinen Vernunft (1781) unternimmt er die Prüfung “des Vernunftvermögens überhaupt, in Ansehung aller Erkenntnisse, zu denen es, unabhängig von aller Erfahrung, streben mag, mithin die Entscheidung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Metaphysik überhaupt und die Bestimmung sowohl der Quellen, als des Umfanges und der Grenzen derselben, alles aber aus Prinzipien” (A XII). Hauptfrage ist ihm, “was und wie viel kann Verstand und Vernunft, frei von aller Erfahrung, erkennen und nicht, wie ist das Vermögen zu denken selbst möglich?” (A XVII). Kant hinterfragt also nicht die geistige Arbeitskraft, sondern die geistige Arbeit, das Denken oder Erkennen, hier noch zugespitzt auf Erkenntnistheorie qua Selbsterkenntnis des Erkenntnisvermögens in der reinen Selbstbetrachtung. Das Denkvermögen und sein Inventar ist dem Denken transzendental, aber nicht transzendent. Denn unsere geistige Arbeitskraft ist jenseits unserer geistigen Arbeit, aber nicht jenseits von Raum und Zeit. Sie ist uns kein Ding-an-sich, sondern unsere Kraft.

Den Zugang zum menschlichen Erkenntnisvermögen gewinnt Kant durch die Frage: “Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?” (B 19) Synthetische Urteile a posteriori sind Erfahrungsurteile, sie enthalten in der Satzaussage immer eine Hinzufügung über das hinaus, was mit dem Satzgegenstand als Begriff schon vorausgesetzt worden war. Dem Wissen wird also im synthetischen Urteil ein Mehrwissen hinzugefügt, und auf das Mehrwissen kommt es an im Prozeß des Erkennens. Bei Erfahrungsurteilen – synthetischen Urteilen a posteriori – unterstellt Kant nun die Herkunft des Mehrwissens aus der Erfahrung selber, also wohl aus der geistigen Verarbeitung von Sinneseindrücken. Bei synthetischen Urteilen a priori aber kann der Wissenszuwachs allein aus dem Transzendental des Erkenntnisprozesses kommen, nämlich aus dem Erkenntnisvermögen selber. Die Differenz von Denken oder Urteilen zum Denk- oder Urteilsvermögen macht also den Wissenszuwachs aus.

Kant versucht eine allgemeine Theorie der geistigen Arbeitskraft und eine Wissenszuwachstheorie aus ihrem Unterschied zum geistigen Arbeitsprozeß, dem Erkenntnisvorgang. Er hat damit eine fast schon vollständige Frühfassung der Marxschen Mehrwerttheorie geliefert, die das Mehrprodukt und seinen Mehrwert in allen Arbeitsprozessen aus dem Unterschied von Arbeit und Arbeitskraft ableitet. Die Mehrwerttheorie ist also ein Sproß der synthetischen Urteile a priori. Marx als Epigone dieses Ansatzes ist bescheidener und erfolgreicher als Kant: er will keine Inventarliste und keine Kategorientafel des menschlichen Arbeitsvermögens liefern, sondern beschränkt sich auf die eine Dimension der Wertgrößendifferenz zwischen Arbeitskraft und Arbeit, letztere natürlich nicht als konkrete, sondern als abstrakte. Die Marxsche Mehrwerttheorie ist ein Zwerg, der weiter sieht als der Riese, auf dessen Schultern er steht. Dieser Theorieriese ist das Transzendentalapriori Kants.

Die Kerntheoreme des ersten und des letzten Systementwurfs des Deutschen Idealismus sind somit fast die selben. Das Mehrwissen ist nur der edle und ewige, der unverbrauchlich gebrauchbare Teil des Mehrprodukts. Marx ist also nicht nur Hegelianer als Dialektiker, Schellingianer als Naturtheoretiker und Fichteaner als Arbeitstheoretiker und Sozialist, sondern auch Kantianer in seiner Mehrwertlehre. Kant ist aber nicht nur Eröffner einer neuen Epoche der deutschen Denkgeschichte, sondern auch Vollender der Freiheitstheorie Luthers.

Luther hat Gott befreit, indem er ihn von der Werkheiligkeit erlöst und ihm die Gnadenheiligkeit anheimgestellt hat. Den Christenmenschen hat Luther von den Werken und der Fesselung an das Heil, in Erlangung wie Verfehlung, entbunden, denn der freie Gott gewährt das Heil nur freiwillig und aus Gnade. Dem Gläubigen aber bleibt sicher der Glaube, der ihn selig macht, weil er der seine ist. Bei Luther ist dieser Glaube selber nicht frei, sondern festgelegt durch die Tradition der christlichen Offenbarung. Kant hat Luthers Werk vollendet, indem er den Glauben selber befreit hat. Er mußte, sagt Kant, “das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen” (B XXX). Der Glaube bekommt also Gott, alle Dinge-an-sich, Ewigkeit und Unsterblichkeit, somit sämtliche Domänen der alten, vorkritischen Metaphysik als freies Gestaltungsfeld zugewiesen. Hier kann er nach Herzenslust spekulieren, dogmatisieren und sich das, was er glauben will, selber gestalten, es nur eben nicht als Wissen oder Wissenschaft ausgeben. Der Glaube ist als Glaube inhaltlich frei geworden, ihm fällt alles anheim, was transzendent ist. Kants neuer, wissenschaftlicher Metaphysik aber gehört das Transzendentale, also sämtliche synthetischen Urteile a priori, Erkenntnisse des Erkenntnisvermögens über sich.

Fichte und Schelling radikalisieren den Kantischen Ansatz, aber erweitern ihn auch. Fichte zieht die Folgerung aus der reinen Vernunft, Schelling geht in ihre Voraussetzung. Die Folge der reinen Vernunft als Erkenntnisvermögen ist der geistige Arbeitsprozeß, die Tathandlung der reinen Vernunft, ihre Voraussetzung aber die Natur, in der sie eingebettet ist in alle anderen Naturkräfte. Fichtes “Ich” wird konstituiert durch Arbeit, die in sich aber auch gegenständliche Momente vereinigt und also Arbeitsprozeß insgesamt ist. Die Handlung hat ihr Objekt zum Inhalt, das Ich aber als Form oder Begriff, und völlig zu Recht behauptet Fichte die Handlungs- oder Arbeitsprozeßgebundenheit aller Erkenntnis. Deswegen folgt nicht die Handlung der Erkenntnis, sondern die Erkenntnis der Handlung, also die geistige Arbeit ist Teil und Funktion jeder menschlichen Arbeit überhaupt, woraus der Primat der praktischen Vernunft vor der theoretischen sich ergibt. Fichte als Handlungstheoretiker gründet daher auch den Eigentumsbegriff auf das Recht auf Arbeit, genauer: auf das Recht auf ausreichendes Familieneinkommen aus einer individuell-monopolisierten Arbeit. Er verwirft den Begriff des Eigentums als eines individuell-monopolisierten Besitzes. In Fichtes Geschloßnem Handelsstaat von 1800 hat die deutsche Arbeiterschaft ihr nationalsozialistisches Grundprogramm, von dem der historische Nationalsozialismus nur einen stark verdünnten Aufguß verwirklicht hat. Aber auch das bis Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland bestehende staatliche Arbeitsvermittlungsmonopol war von Fichtes Geist.

Schelling stellt im System des transzendentalen Idealismus (1800) es als eigentliche Aufgabe des Philosophen dar, die geistige Arbeitskraft oder Intelligenz aus natürlichen polaren Grundtätigkeiten zu konstruieren: “Cartesius sagte als Physiker: gebt mir Materie und Bewegung, und ich werde euch das Universum daraus zimmern. Der Transzendentalphilosoph” (also der Denker der geistigen Arbeitskraft qua Erkenntnisvermögen) “sagt: gebt mir eine Natur von entgegengesetzten Thätigkeiten, deren eine ins Unendliche geht, die andere in dieser Unendlichkeit sich anzuschauen strebt, und ich lasse euch daraus die Intelligenz mit dem ganzen System ihrer Vorstellungen entstehen. Jede andere Wissenschaft setzt die Intelligenz schon als fertig voraus, der Philosoph betrachtet sie im Werden …” (ed. Schröter, II 427). Die “Intelligenz” ist natürlich die menschliche Arbeitskraft in ihrer idealistischen Zuspitzung als Geisteskraft. Sie ist jetzt nicht mehr, wie bei Kant, das unhinterfragte Transzendental, von dem bestenfalls eine Inventarliste anzulegen ist, sondern zeigt sich als ein durchaus Hintergehbares, das zu seiner Explikation sich nicht unbedingt auf den langen Marsch der Fichteschen Tathandlungen begeben muß, nicht auf den Fortschritt angewiesen ist. Wenn die Intelligenz oder Geisteskraft jetzt selber durch entgegengesetzte Tätigkeiten erzeugt wird, so ist dies ein naturphilosophisches Argument, das auf besondere Naturkräfte, also auf die erste Natur, zielt, deren Wirken die Kraft der zweiten Natur, also Intelligenz oder Arbeitskraft, erzeugt. Schelling hinterfragt die Menschenkraft ökologisch, die Naturkraft ist das vordenkliche Sein der Arbeitskraft und ihrer Intelligenz. Allerschönster Schelling ist auch ‘die Naturalisierung des Menschen und die Humanisierung der Natur’ durch praktisch-materielle Arbeit beim jungen Marx vor 1848, und noch beim reifen Marx heißt die Maschine ‘angeeigneter Naturprozeß’.

Hegel faßt in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes (1807) den Arbeitsprozeß insgesamt als Prozeß wie als Resultat gleichermaßen auf und repräsentiert in der erkenntnistheoretischen Entwicklung des Deutschen Idealismus damit die Stufe des Biologismus: “Denn die Sache ist nicht in ihrem Zwecke erschöpft, sondern in ihrer Ausführung, noch ist das Resultat das wirkliche Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden; der Zweck für sich ist das unlebendige Allgemeine, wie die Tendenz das bloße Treiben, das seiner Wirklichkeit noch entbehrt; und das nackte Resultat ist der Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen.” Die Inhalte des Gesamtprozesses erscheinen in drei Formen, der verständigen, der dialektischen und der spekulativen, wobei die beiden letzteren die vernünftigen Formen sind. Der Verstand ist abstrakt und hält die Bestimmungen fest, unter Absehung von den anderen; die Dialektik löst die festen Bestimmungen der Begriffe auf und verwandelt sie in ihr Gegenteil, und die Spekulation betrachtet die positiv-vernünftige Einheit der festen und der fließenden Bestimmungen. Unter den verschiedenen Erkenntnisvermögen nimmt Hegel sich kein geringeres vor als dasjenige Gottes oder des absoluten Geistes, und am Arbeitsvermögen dasjenige des Weltgeistes oder des objektiven Geistes in seiner ungeheuren Arbeit der Weltgeschichte selber. Das ganze Hegelsche System ist in Logik, Natur und Geist als der reinen, der außersichseienden und der zusichkommenden Idee unterteilt, also grob gesprochen Gottes Gesamtarbeitsprozeß.

Im Gesamtarbeitsprozeß läßt Hegel Gott zunächst die reine Idee als Arbeitsvorstellung fassen, dann darf Gott die Idee in der Natur, der liederlichen Phase seines Daseins, materialisieren, als außersichseiende Idee in ihrem ideell-raumzeitlichen, unorganisch-materiellen und organisch-lebendigen Außereinander als Werkstücke realisieren; schließlich darf Gott die in der Natur außersichgeratene Idee wieder im Endprodukt des Geistes als zusichkommende Idee in den Unterabteilungen des subjektiven, objektiven und absoluten Geistes sich wieder beruhigen lassen. Nachdem Hegel sah, daß Gottes Werk wohlgetan war, gönnte er ihm die Sonntagsruhe.

Man kann die besondere Herausarbeitung der erkenntnistheoretischen Stufen auf die idealistischen Denker wie folgt verteilen: Kant erklärt die Arbeitskraft qua Erkenntnisvermögen zum unhintergehbaren Transzendental der Arbeit als Erkennen, Urteilen, Denken. Fichte propagiert die lebendige Arbeit (und folglich den Arbeiter und sein Recht auf Arbeit) als Movens und Hauptmoment des Arbeits- und Erkenntnisprozesses; seine Parole heißt: Handeln! Schelling wendet den Deutschen Idealismus ins Objektive, in die Arbeitsgegenstände und also auch an die Natur und ihre Dingbarkeiten. Kant ist der Kraftdenker, Fichte der Arbeitsdenker, Schelling der Gegenstandsdenker und Hegel der Gesamtprozeß- und Gesamtresultatsdenker. Dies alles stimmt natürlich nur für die jeweils grobe Haupttendenz.

Die Erkenntnistheorie kann Kant für den Pädagogismus, Fichte für den Aktionismus, Schelling für Naturalismus und Chemismus und Hegel für Biologismus, Finalismus und Infinitismus vorwiegend in Anspruch nehmen. Eine saubere und vollständige Analyse des einfach-materiellen Arbeitsprozesses findet sich erst bei Marx, er ist der Gewährsmann des erkenntnistheoretischen Mechanismus. Marx’ analytisches Urteil, daß der Arbeitsprozeß aus menschlicher Arbeit, ihrem Mittel und ihrem Gegenstand besteht und im Arbeitsprodukt erlischt, war für die Handwerkersöhne wohl zu naheliegend und für die schwäbischen Theologen wohl zu tiefliegend, um des Aussprechens für würdig befunden zu werden, bedeutete für den jüdischen Anwaltssohn aus Trier aber eine große Entdeckung, die er vielleicht als Materialismus-Beweis mißverstand. Zu Ende geführt hat sie erst die Epistemologie des 68er Theorietyps.

Diese Theorie ist Arbeitsprozeßlogik und kennt acht Stufen: Naturalismus, Aktionismus, Mechanismus, Chemismus, Biologismus, Finalismus, Infinitismus und Pädagogismus. Der Naturalismus ist als gedachtes Gesamt von Naturkräften der Mutterboden der Arbeitskraft als einer speziell menschlichen Naturkraft. In der Natur als Nicht-Arbeit sind Material-, Form- und Wirkursachen denkbar, aber schwer nur sind Zweckursachen in ihr vorstellbar, die wiederum in der Arbeit als Nicht-Natur (oder zweite Natur) die begründende Kategorie darstellen. Das Entstehen der Arbeitskraft unter den Naturkräften ist aus Instinkthemmung modellierbar. Der Aktionismus ist als Seinsstufe menschlicher Erkenntnis durch Zusammenarbeit, Arbeitsteilung und deren beide Formen Arbeitsfolgerung und Arbeitsbündelung kategorial beschrieben. Der Mechanismus charakterisiert sich durch Analysis und Synthesis des Arbeitsmittels, also durch Werkzeugdifferenzierung und Werkzeugzusammenfassung in der Werkzeugmaschine. Der Chemismus ist Diversifikation des Stoffes, also des Arbeitsgegenstandes in seiner Innerlichkeit, durch Analyse und Synthese chemischer Elemente, beides aber in Reaktionsprozessen als Automaten, die dem Arbeitsgegenstand immanent sind und worin das Arbeitsmittel qua Katalysator nur als aufgehobenes Moment vorhanden. Der Biologismus ist Kreislauf- und Ganzheitsprozeß, seine Arbeits- und Erkenntnisweise ist kybernetisch kategorisiert. Der Finalismus ist Resultatsdenken, Zweckrationalität und daher Vernunft im Sinne von Güterabwägung und Güterhierarchisierung vom höchsten Gut her. Der Infinitismus ist geistiger Arbeitsprozeß, seine Arbeit ist das Denken und seine Güter sind als Gedanken unverbrauchlich gebrauchbar. Der Pädagogismus schließlich produziert die menschliche Arbeitskraft selber und resümiert darin alle vorangegangenen Seinsschichten der Erkenntnis als spezielle Didaktiken, als Lehrinhaltslehren. Die Kategorialanalyse des Pädagogismus faßt die Arbeitskraft als Einheit von lebendiger Substanz und ihren zweckhaften Bewegungsmöglichkeiten, so daß der Medizin ein epistemologischer Ort als Substanzreparaturlehre zugewiesen werden kann. – Die vor-68er Erkenntnistheorie zentriert sich um den Infinitismus als Lehre vom geistigen Arbeitsprozeß, dieser ist aber nur eine spezielle Erkenntnistheorie neben zwei anderen, den Lehren vom materiellen Arbeitsprozeß (Aktionismus bis Finalismus) und vom pädagogischen Arbeitsprozeß. Die materielle Arbeit gibt das Moment der Allgemeinheit, die geistige Arbeit das der Besonderheit und die pädagogische Arbeit das Moment der Einzelheit allen Arbeitens und Erkennens. Der Pädagogismus führt das Subjekt zu seinem individuellen Transzendental, der eigenen Arbeitskraft, und vermittels dieser seiner Einzelheit kommt das Individuum zum besonderen Transzendental der menschlichen Arbeitskraft überhaupt und schlußendlich zu deren Allgemeinheit, dem generellen Transzendental der Naturkraft.

Betrachtet man das Hegelsche System, wie hier geschehen, in sehr distanzierter Weise als Gesamtarbeitsprozeß, dann erklärt sich auch ganz zwanglos, warum die Mathematik sowohl in der Logik unter Quantität als auch in der Natur unter Dimensionen des Raumes (Geometrie) und unter Negation der Dimensionen der Zeit (Arithmetik der ruhigen Eins oder des Endlichen) vorkommt: Die gleiche Idee ist eben zuerst eine reine (logische) und dann eine außersichseiende (natürliche). Ähnliches gilt für die Subjektivität, die in Logik und Geist, und für Mechanismus und Chemismus, die in Logik und Natur auftauchen.

Wegen der bisherigen Nichtformalisierbarkeit der Hegelschen Philosophie liegt es nahe, diese – wie Hermann Schmitz in seiner Untersuchung über Hegels Logik (1992) – als Systementwurf für gescheitert zu erklären. Man muß aber mit Schmitz Hegel zugestehen, daß er in seiner Logik das einpolige Sein vom zweipoligen Wesen, der Reflexion, und diese vom dreipoligen Begriff unterscheidet, der immer Einheit von Besonderheit B, Allgemeinheit A und Einzelheit E ist. Da es aber die Einzelheit ist, welche Besonderheit und Allgemeinheit jedes Begriffes zusammen- und auseinanderhält und noch von allen anderen Begriffen fernhält, ergibt sich als Struktur der Begriffe nicht nur B-A-E, sondern Einheit und Unterschied von B und A durch E: (B,A)E. Die Einzelheit gibt der Besonderheit die Gattungsmerkmale, der Allgemeinheit die Quantifizierung und der Einzelheit die Identität oder Selbheit, so daß die Bestimmung des Begriffs auch als BE-AE-EE notiert werden kann. Die Einzelheit vereinzelt sich selbst, so daß sie die Begriffsreihe (B,A)E (B,A)E’ (B,A)E’’etc. erzeugt.

In Hegels Rechtsphilosophie § 40 erfährt dieses Begriffskonzept eine überraschende Füllung durch das Recht, das als Einheit von Besitz und Eigentum bestimmt wird, so daß sich als Rechtsbegriff (Besitz,Eigentum)Einzelheit ergibt. Die Einzelheit individuiert die Besonderheit des Besitzes und quantifiziert die Allgemeinheit des Eigentums und bestimmt beide Begriffsmomente zu einer jeweiligen Größe, faßt beide durch sich zusammen und stößt sich von sich selbst, die eine Einzelheit von jeder anderen, ab, und dies tut auch jede andere Einzelheit als die eine. So wird aus dem Recht überhaupt die Welt der Rechte:

(Besitz,Eigentum)Einzelheit 1 , (Besitz,Eigentum)Einzelheit 2 , … , (Besitz,Eigentum)Einzelheit n.

Aus dieser Welt der Rechte entwickelt sich dann die Unterscheidung des einen öffentlichen Rechts von allen anderen als den Privatrechten. Dem gleichen Begriffsbildungsschema folgt die Person als durch Einzelheit zusammengefaßter Besitzer und Eigentümer. Aus der Welt der Personen ergibt sich dann ebenfalls die Differenz von öffentlicher Person zu den Privatpersonen. Weil aber der Begriffskorpus immer die durch Einzelheit zusammengefügte Besonderheit und Allgemeinheit ist, erzeugen sich die Unterschiede in der Welt der Personen wie auch der Welt der Begriffe überhaupt nur aus den anzeigenden Bewegungen der Einzelheit. In den Anzeigern r der Einzelheit Er vollzieht sich die Selbstentfaltung des Begriffs zu seinem System.

Marx hat den Rechtsbegriff bei Hegel abgeklont und in seinem Systementwurf als Begriff der Ware benutzt. Das Kapital ist eine Philosophie der Warenwelt, die aufgrund ihrer Stringenz formalisiert und zum gesellschafts- wissenschaftlichen Gesamtsystem vollendet werden konnte. Dieses System bliebe auch dann logisch konsistent, wenn man die klassische Lehre von der Wertschöpfung durch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit fallen ließe. Denn der Systemaufbau erfolgt über die reflexionslogischen Beziehungen der Waren zueinander: über die Wertformenlehre und nicht über die Wertlehre.

Virtuos führt Marx den Doppelcharakter der Ware, die Einheit ihres besonderen Gebrauchswertes und ihres allgemeinen Tauschwertes, in ständigen Entzweiungen und immer neuen Vereinigungen bis zu den Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit und den daraus abzuleitenden drei Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft durch. Wie Marx selber, der ein Kulturdeutscher und ein Naturjude zugleich, ein deutscher Systemphilosoph und ein jüdischer Machtideologe war, hat sein Werk insgesamt einen scharf ausgeprägten Doppelcharakter: Das Kapital ist deutsch-idealistischer Systementwurf, die programmatischen Schriften sind jüdischer Messianismus. Das Wirtschaftsprogramm des Kommunistischen Manifests von 1848 ist ein Aufguß der Enteignungs- und Planwirtschaftsmaßnahmen, die nach Genesis Kap. 47, Vers 13-26 Joseph in Ägypten durchführte und die die Bolschewisten wiederholten. Marx trägt also durchaus eine große Mitschuld am Kommunismus des 20. Jahrhunderts, hat aber auch ein großes Mitverdienst am Deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts.

Aus dem Kapital als Systementwurf wie aus dem System der Sozialwissenschaften als Entwurfsausführung ergibt sich als politische Folgerung keine einzige der kommunistisch-despotischen Maßnahmen, wohl aber eine Ausführung, auf welche Weise der Staat die Wirklichkeit der sittlichen Idee ist und wie er als Handelsstaat, ob offen oder geschlossen, steuerbar bleibt. Sein Programm hat Marx selber durch sein theoretisches Werk widerlegt. Umgekehrt konnte aus der politologischen Ausführung seines politökonomischen Systementwurfs der Zusammenbruch der kommunistisch-orientalischen Despotie schon 1979 im Vorwort zur Allgemeinen Theorie der Politik und des Rechts vom 68er Theorieprogramm vorhergesagt werden.

Die Marxsche Voraussage eines Zusammenbruchs der Marktwirtschaft findet sich im Kapital-Rohentwurf von 1857/58 auf Seite 593 im Zusammenhang des tendentiellen Verschwindens der Arbeit aus der Produktion und daher des Tauschwertes aus den Produkten, was deren Waren-Charakter insgesamt und damit den systembauenden Begriff in Frage stellt.

Der Warencharakter der Produkte und die arbeitslose Produktion, asiatische Produktionsweise und orientalische Despotie in Rußland waren die Themen der 68er Theorie. Hans-Jürgen Krahl und Rudi Dutschke trugen am 5. September 1967 auf der 22. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in Frankfurt am Main folgendes vor: “Wenn der technische Fortschritt der Maschine zwar potentiell die Arbeit abschafft, aber faktisch die Arbeiter abschafft und eine Situation eintritt, in der die Herrschenden die Massen ernähren müssen, wird die Arbeitskraft als Ware tendentiell ersetzt. …Daß am Ende der Rekonstruktion die strukturelle Arbeitslosigkeit nicht mehr im Zusammenhang mit der Funktionsbestimmung der Reservearmee analysierbar ist, ist Indiz dafür.” Schon 1965 schrieb Dutschke: “Die tendentiell völlige Arbeitslosigkeit muß für uns, für unsere Praxis der entscheidende Fixpunkt sein. Von diesem für uns ökonomischen Endziel des technologischen Prozesses her muß sich unsere Strategie konstituieren.”

Diese Fragen nach Anfang und Ende der auf der Ware beruhenden Wirtschaftsweise wie nach dem Umkehrverhältnis von asiatischer und germanischer Gesellschaftsformation ist Jahrzehnte später, nach dem Triumph der liberal-kapitalistischen Weltrevolution, akuter denn je. Noch Anfang 1979 notierte Dutschke: “Wie wichtig ist es zu wissen, was die Geschichte Asiens und der asiatischen Produktionsweise ist, um überhaupt den Nebel des Begriffs-Betrugs durchbrechen zu können. Allgemeine Staatssklaverei und asiatische Produktionsweise sind voneinander nicht zu trennen.” Der asiatischen Produktionsweise galt auch Dutschkes Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen von 1974, seine Doktorarbeit.

Daß die 68er Marx-Re­nais­sance an den deutsch-de­duk­ti­ven na­tio­na­len Denk­stil und da­mit an den Deut­schen Idea­lis­mus wie­der­an­knüpf­te und ein na­tio­nal­re­vo­lu­tio­nä­rer Auf­stand ge­gen die Fremd­herr­schaft des anglo-ame­ri­ka­ni­schen Den­kens war, hat der scharf­bli­cken­de nor­we­gi­sche Po­li­to­lo­ge Jo­han Gal­tung (Le­via­than 3/83) er­kannt; eben­so, daß der deutsch-sys­te­ma­ti­sche Denk­stil zwar die gro­ßar­tigs­te, aber auch die ge­fähr­lichs­te Den­kungs­art ist. Gal­tung nennt ihn den “teu­to­ni­schen Denk­stil”, der im­mer fra­ge: Wie kön­nen Sie dies ab­lei­ten?, wäh­rend der nip­po­ni­sche Stil frü­ge: Wer ist Ihr Meis­ter? Ge­gen den “sach­so­ni­schen” Denk­stil, der in UK-Ver­si­on nach der Do­ku­men­tier- und in US-Ver­si­on nach der Ope­ra­tio­na­li­sier­bar­keit fra­ge, ha­be das deut­sche 68 “ei­ne Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung” (aaO 325) des teu­to­ni­schen Denk­stils be­gon­nen. Un­ein­ge­schränkt gilt dies nur für die Na­tio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re im SDS, nicht aber für die In­ter­na­tio­na­lis­ten, Na­zi-Kin­dern zu­meist, die sich in der Frank­fur­ter Schu­le jü­di­sche Er­satz­vä­ter such­ten und zu den nütz­li­chen Idio­ten des nach­zio­nis­ti­schen Dia­spo­ra-Na­tio­na­lis­mus wur­den. Denn der In­ter­na­tio­na­lis­mus ist na­tür­li­cher­wei­se nur der Na­tio­na­lis­mus ei­nes in­ter­na­tio­na­len Vol­kes.

Hans-Jürgen Krahl hat in den Schulungen vom Winter 1969/70 festgestellt, daß “die Warenform des Produkts alle Elemente der Hegelschen Wesenlogik enthält”; ferner habe die Schulökonomie die Differenz von Wesen und Erscheinung und also den Marxschen Satz vom Tauschwert (Wertform) als der Erscheinungsform des Wertes nicht verstanden, habe nicht den Inbegriff der Kritik, nicht die Notwendigkeit von Gesellschaftswissenschaft, “weder Verdinglichung noch falsches Bewußtsein, Fetischisierung und Mystifikation begriffen” (Konstitution und Klassenkampf, 1971, S.373). Schon im Adorno-Seminar vom Wintersemester 1966/67 hat Krahl “Zur Wesenslogik der Marxschen Warenanalyse” referiert und damit den Ansatz sowohl der Wertformendebatte als auch der Staatsdeduktionsdebatte in der ersten Hälfte der 70er Jahre geliefert. Wie Nicolai Hartmann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Deutschen Idealismus an seinem ersten Systementwurf wiederaufnahm, so haben Krahl und die Nationalrevolutionäre im SDS den Deutschen Idealismus an seinem letzten Systementwurf wieder angepackt und für den Rest des Jahrhunderts seine Entwicklung bestimmt.

Diese Entwicklung aufzuhalten hat Werner Becker 1972 in seiner Kritik der Marxschen Wertlehre versucht. Er ging richtig davon aus, daß Marx, indem er den Begriff der Ware als einen Gegensatz auffaßt, die politische Ökonomie dialektisiert und so mit der objektiven Wertlehre als einziger Basistheorie auskommt. “Er genügt damit theoretischen Ansprüchen, denen in der Neuzeit lediglich noch philosophische Systeme von der Art derjenigen der deutschen Idealisten … nachzukommen vermochten.” (148) Becker will den Gegensatz in der Ware als subjektiven Widersinn der Marxschen Argumentation nachweisen und den entdialektisierten System-Leichnam als Apologie des Kapitalismus geltenlassen: “Ohne diesen Gegensatz-Begriff kommt es weder zum vielbeschworenen ‘Fetischcharakter der Ware’ noch zur Deduktion der Geldform, und – was das Wichtigste ist – ohne ihn kommt die Marxsche Lehre von der Entstehung des Mehrwerts in den Rang einer gigantischen ökonomischen Rechtfertigungstheorie des kapitalistischen Profits” (7). Die Entdialektisierung versucht Becker zu bewerkstelligen, indem er an der Formulierung “x Ware A = y Ware B”, die eine Warengleichung und damit einen Warenaustausch beschreibt und die Marx zum Ausgangspunkt für die Wertformanalyse nimmt, bemängelt, daß sie offensichtlich keine Wertform ist, was stimmt. Sie sei “Wertgleichung im Rahmen der einfachen Wertform” (52), womit Marx eine bedeutungsdifferente Beschreibung eines identischen ökonomischen Sachverhaltes geben wolle und somit einen Theoriewiderspruch in einen Gegenstandswiderspruch verfälsche. Weil Becker ohne Begriffsformalisierung an Marxens Theorie herangeht, kann er nicht sehen, daß Wertgleichung, Wertformen, Güterunselbheit und Gütergleichheit als Güterrealtausch die Bedingungen jedes Warenaustausches sind. Beckers Angriff zielt auf das wirkliche Zentrum der Marxschen Theorie und ist folglich von gerader und ehrenwerter Art, scheitert aber mit der analytischen Weichheit seiner verbalsprachlichen Waffen an der Härte der angegriffenen Theorie.

Die Marxsche Warenanalyse liefert tatsächlich die alltägliche Wesenslogik aller warenproduzierenden Gemeinschaften, also aller Marktwirtschaften. Das Wesen, das erscheint, ist das Allgemeine, das sich besondert, und das Abstrakte, das sich konkretisiert. Die eine Einzelheit des Wesens ist aber auch die allgemeine Einzelheit, die in der anderen, besonderen Einzelheit in die Erscheinung tritt. In der Wesenslogik der Warenanalyse ist aber der Wert das Wesen und das Allgemeine und der Gebrauchswert die Erscheinung und das Besondere. Die Einheit von Wesen und Erscheinung ist die Erscheinungsform, oder kürzer: Wesen mit Schein ist Erscheinung. Sie ist das Eine als das Andere, ist gedoppelte Einzelheit und damit Reflexion. Als Reflexion zweier Waren ist die Erscheinungsform der Tauschwert im unanalysierten und die Wertform im analysierten Zustand.

An der Ungeklärtheit dieser Wesenslogik der Ware ist die Alte Linke schon mit Karl Kautsky (Karl Marx’ ökonomische Lehren, 1892) theoretisch gescheitert und 1933 dann politisch. Mit der Thematisierung der Warenanalyse und ihrer Wesenslogik betrat 1968 die Neue Linke, die auch nicht mehr die Industriearbeiterschaft, sondern gut idealistisch sich selber als revolutionäres Subjekt einsetzte, die philosophisch-politische Bühne, um sogleich das Ende der Warenproduktion und der Kapitalverwertung ins Auge zu fassen, was ja in der Tat eintreten wird, sobald die arbeitslose Produktion der vollautomatischen Fabrik vorherrscht. Die Neue Linke hat 1968 mit dem ersten Aufstand für das Reich der Freiheit in der Geschichte des Deutschen Idealismus Epoche gemacht. In der sozialen Realität aber ging alles im kapitalistischen Schweinsgalopp weiter, aus Besitzbürgern wurden Arbeitsbesitzer und aus entbürgerlichten Bürgern arbeitslose Arbeiter, Güterproduktion wird weiterhin in Warenproduktion, Eigenwirtschaft in Marktwirtschaft verwandelt, der Kapitalismus siegt sich seinem logischen Ende entgegen. Die ruckweise Umkehr dieser Entwicklungsrichtung, die Verwandlung von Waren- in Güterproduktion, von Marktwirtschaft in Eigenwirtschaft, wird Begleiterscheinung sowohl der faschistischen oder gar kommunistischen Konterrevolution als auch der Nationalrevolution sein, die Volksherrschaft und Volkswirtschaft wiederherstellt.

Die Gefährdung von Ware und Markt durch den Sieg der Marktwirtschaft selber scheint auch Recht und Person, also das Politische, zu bedrohen. In der Tat läßt sich von Marxens Programmatik angefangen über Schopenhauers Mitleidsethik, Nietzsches Willen zur Macht und die ganze phänomenologische Bewegung bis hin zur Fundamentalontologie ein Verlust des Politischen, eine ausschließliche Untersuchung von Naturalformen der menschlichen Existenz und eine Vernachlässigung ihrer Verkehrsformen, beobachten. Max Webers legal-rationale Herrschaft ist so unpolitisch wie Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung. Jürgen Habermas mit seiner Normentheorie, die auf eine Selbstjudaisierung des deutschen Denkens hinausläuft, und Niklas Luhmann mit seiner Differenztheorie gehören zur großen Schar der Naturalien-Philosophen des 20. Jahrhunderts, deren Extremisten der Wahrhaftigkeit die Gewaltapostel einerseits und die Pornographen andrerseits sind. Thomas Manns Josephsroman ist so reaktionär und freiheitsfeindlich wie es alle mit der kommunistischen Despotie sympathisierenden westlichen Schriftsteller zusammengenommen waren.

Aber die Ware wird mit der überfälligen Unterordnung der Marktwirtschaft unter die Eigenwirtschaften der Völker ebensowenig verschwinden wie Recht und Pflicht, wie Person, Politik und Freiheit. Die ehernen Gehäuse der großen Techno- und Bürokratien wie überhaupt die ‘große Industrie’ sind heute schon technisch, organisatorisch und politisch obsolet. Den Hausindustrien, den teil- bis vollautomatisierten Miniaturfabriken der Kleinbauern und Kleinbürger, den Hausindustriekomplexen und -netzen der neu sich in Stand setzenden Familien-, Sippen-, Stammes- und Volksgemeinschaften wird die Zukunft gehören. Die materielle Produktion als Reich der Notwendigkeit darf nicht aufhören, auch dann nicht, wenn sie absolut unprofitabel geworden ist, aber das Reich der Freiheit wird wachsen.

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