Die verkehrte Emanzipation

Wäh­rend die BRD-Ver­wal­tung über wei­te­re tief­grei­fen­de Ein­grif­fe in die Ge­mein­schaf­ten mit­tels Kin­der­zwangs­auf­ent­halt in Be­wahr­an­stal­ten und be­zahl­ter Ent­vä­ter­li­chung de­bat­tier­t[1. Beitrag auf SPIEGEL-Online], ent­larvt die Ta­ges­schau­spre­che­rin Eva Her­man die neu­zeit­li­che Eman­zi­pa­ti­on als „fa­ta­len Irr­tum” und Zer­stö­rungs­werk[2. Cicero, Ausgabe Mai 2006].

Tatsächlich hat sich die Bedeutung des Wortes Emanzipation umgekehrt. Aus der Entlassung des Sklaven oder Sohnes in die Eigenständigkeit[3. Emanzipation bei Wikipedia] ist die Selbstbefreiung geworden, aus einem Gnadenakt wurde so ein Rechtsbruch. Denn jede Entpflichtung verletzt das Recht eines anderen – die der emanzipierten Frau das der Ehe und Familie. Der Verrat an der eigenen substantiellen Bestimmung aber ist nur um den Preis eben jener festgestellten Selbstzerstörung zu haben.

Der Mann hat … sein wirk­li­ches sub­stan­ti­el­les Le­ben im Staa­te, der Wis­sen­schaft und der­glei­chen, und sonst im Kamp­fe und der Ar­beit mit der Au­ßen­welt und mit sich selbst, so daß er nur aus sei­ner Ent­zwei­ung die selb­stän­di­ge Ei­nig­keit mit sich er­kämpft, de­ren ru­hi­ge An­schau­ung und die emp­fin­den­de sub­jek­ti­ve Sitt­lich­keit er in der Fa­mi­lie hat, in wel­cher die Frau ih­re sub­stan­ti­el­le Be­stim­mung und in die­ser Pie­tät ih­re sitt­li­che Ge­sin­nung hat.Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 166

Die im „Kommunistischen Manifest“ geforderte Auflösung der bürgerlichen Familie, einst das antikommunistische Schreckensbild schlechthin, vollzieht sich im entwickelten Kapitalismus selbst. Die Frauenemanzipation ist Bannerträger der Vergesellschaftung von Gemeinschaft, ihre Maximalforderung ist die der Anerkennung der Haushalts- als Lohnarbeit, mit der der eigene Mann als Ausbeuter erscheint. Die Emanzipation verendet in der absoluten Verelendung, in der die ungezogenen Kinder zuerst unbrauchbare Arbeitskäfte und schlechte Eltern abgeben und mit den ungeborenen Kindern der letzteren die Arbeitskräfte schließlich ganz verschwinden.

Die natürliche Auflösung der Familie dagegen, wenn die Kinder flügge, entläßt diese als Freie in die bürgerliche Gesellschaft, in der sie Kinder des Staates bleiben. Mit dem Übergang der natürlich-substantiellen Sittlichkeit der Familien in die reflektierte der bürgerlichen Gesellschaft und schließlich in den Staat als Wirklichkeit der sittlichen Idee ist der positiv unendliche Prozeß des Lebens in der Sphäre des objektiven Geistes erfüllt. Dem Vernünftigen und damit der eigenen Bestimmung ist Genüge getan. Die Gewißheit aber, das Vernünftige getan zu haben, ist die Glückseligkeit.

Die wachsende Automation der Haushalte leistete dem Zerfall der Familie scheinbar Vorschub, denn die freigewordene häusliche Arbeitskraft stand nun der von der Demokratie idealisierten Vermietung am Markt und der Zerstreuung[4. Artikel in der Süddeutschen Zeitung] zur Verfügung. Aber dem Selbstzweck der Familie geweiht, verheißt die häusliche Technik für die Zukunft, den um unserer selbst willen notwendigen Kindersegen bestens zu fördern.

Nicht die Eröffnung weiterer Kinderbewahr- und Pflegeanstalten steht also auf der Tagesordnung, sondern das Gegenteil: die Heimholung der Kinder und der Alten. Nicht die Stützung der Lohnarbeit von Frauen löst ein Problem des arbeitslosen und fehlernährten Landes, sondern deren Gegenteil: Vorwärts an den verwaisten Herd. Nicht die verkehrte Emanzipation ist das große Abenteuer des Lebens, sondern deren Gegenteil: Die Remanzipation, die Aushändigung und Überantwortung an einen anderen, in dem ich mein wirkliches sittliches Selbst erkenne und als ein anderer wiederkehre.




Die daseiende Hölle

In seiner jüngsten Erklärung anläßlich eines Gesprächsbuches hat Papst Johannes Paul II. zum wiederholten Male die demokratische Massenabtreibung verurteilt. Aber diesmal mit sehr viel größerer Öffentlichkeitswirkung, weil er die Massenabtreibung mit dem Holokaust auf eine Schreckensstufe stellt. Damit bestreitet das Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche der wirklich regierenden Weltkirche – der Holokaustreligion – die Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit.

Der Bischof von Rom vergleicht die Massenabtreibungen der demokratischen Regimes der Gegenwart

  • mit dem judäo-herodischen Kindermord von Bethlehem,
  • mit dem judäo-bolschewistischen Gulag (geschätzte 66 Millionen Tote),
  • mit dem Holokaust von Auschwitz (geglaubte sechs Millionen Judenver­gasungen; Zahl der Toten nach dem amtlichen Totenbuch ca. 64.000),
  • mit dem anglo-amerikanischen Bomben-Holokaust (Dresden, Hiroschima etc.).

Der Bischof von Rom hat damit eine neue Runde im Kampfe der Weltreligionen um die Rolle der Leitreligion eröffnet.

Das Deutsche Kolleg erklärt:

  1. Seine Solidarität mit der päpstlichen Stellungnahme gegen den demokratischen Massenkindermord.
  2. Seine milde Kritik an der Verharmlosung, die in allen diesen Vergleichen liegt.

Bei ca. 130.000 Abtreibungen gezeugter deutscher Kinder jährlich sind allein in der BRD und allein in einem Jahrzehnt zwischen einer Million und anderthalb Millionen deutsche Kinder ermordet worden. Die Ermordung eines gezeugten Kindes ist zudem ein sehr viel größerer Schrecken als die Ermordung eines geborenen Kindes. Vergegenwärtigt man sich dann noch das Schweigen, gar das Mitmachen der Lutheraner, beginnt man, sich die Gegenreformation herbeizusehnen. Dieser ganze menschenkinderfressende Schlund, dieser Moloch, ist nur in theologisch-apokalyptischen Kategorien darstellbar – als daseiende Hölle.

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Das Gesetz des Nomadentums

Das Ge­setz, nach wel­chem die Moderne auf­ge­stie­gen und wie­der ab­ge­stie­gen ist, folgt der Lo­gik des No­ma­den­tums. Die­se Lo­gik – die No­ma­do­lo­gie – ist ei­ne Lo­gik der Ge­gen­ge­schich­te, ei­ne An­ti­his­to­rik. Die letz­te, sich stolz als ihr ei­ge­nes Pro­jekt pro­kla­mie­ren­de Mo­der­ne war ein Sieg des No­ma­den­tums über das Bau­ern­tum. Die­ser Zu­sam­men­hang, im Prin­zip seit ei­nem Jahr­hun­dert be­kannt, wird seit 1945 tot­ge­schwie­gen, weil ihn als ers­ter Adolf Wahr­mund, ein Klas­si­ker der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, in sei­nem Buch „Das Ge­setz des No­ma­den­th­ums und die heu­ti­ge Ju­den­herr­schaft“ von 1887 über­zeu­gend dar­ge­legt hat. Wahr­mund lie­fert dar­in ei­ne weit­hin plau­si­ble Er­schei­nungs­leh­re des No­ma­dis­mus in po­li­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und li­te­ra­ri­scher Hin­sicht. Sei­ne Schrift steht über dem Durch­schnitt der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, weil der Au­tor sein Schwer­ge­wicht auf den Be­griff des No­ma­dis­mus statt auf den des Se­mi­tis­mus oder Ju­da­is­mus legt. Das an­ti­se­mi­ti­sche Schrift­tum be­trach­tet in der Re­gel die mo­ra­li­sche Ver­werf­lich­keit der Ju­den vom Stand­punkt christ­li­cher und an­de­rer se­ßhaf­ter Völker, gibt aber kei­ne Dar­stel­lung der in­ne­ren Da­seins­rä­son ei­nes glo­bal um­her­schwei­fen­den ori­en­ta­li­schen No­ma­den­vol­kes aus den Ge­ge­ben­hei­ten die­ser Le­bens­wei­se.

Nomadismus und Moderne sind verschwistert. Modern ist alles, was beweglicher als früher ist ­kleiner, handlicher, leichter transportierbar. Die turanischen Viehnoma­den haben noch bis zum 13. Jahrhundert ihre Jurten auf Ochsenkarren gesetzt und befördert; danach wurde die leicht zerlegbare Scherengitter-Jurte eingeführt, deren Teile auf Zaumtiere gebunden werden und die den Ochsenkarren bäuerlicher Her­kunft überflüssig macht. Dadurch wurde der nomadisierende Stamm moderner, seine Bewegungen also leichter und schneller, die militärische Schlag­und Flieh­kraft größer. Die Literaturlage zum Problem des Viehnomadismus besagt, daß er eine bloße Sekundärerscheinung ist und keine eigene Entwicklungsstufe. Den Über­gang vom Jäger­und Sammlerdasein zum seßhaften Ackerbau nennt man neolithi­sche Revolution. Das Verhältnis des Nomadismus zum Ackerbau wäre folglich als „anti-neolithische Konterrevolution“ zu kennzeichnen. Als Jäger und Sammler sind die Menschen vorgeschichtlich, als Ackerbauern geschichtlich und als Nomaden ge­gengeschichtlich.

Die vor kurzem abgeschlagene Moderne dachte von 1789 und 1917 her endge­schichtlich und daher ebenfalls antihistorisch; sie war nicht der erste Nomaden­sturm, den Europa auszuhalten hatte, und sie wird nicht der letzte gewesen sein. Die symbolische Liquidierung von 2000 Jahren abendländischer Geschichte durch Wiedererrichtung des Judenstaates in Palästina war die größte Gegengeschichte, die die Welt gesehen hat. Bis zuletzt hat der Judenstaat versucht, den wiederaufge­nommenen Gang der Geschichte zu stoppen und die Einheit von West- und Mittel­deutschland zu verhindern. Die unmittelbare Aufgabe, vor der Europa jetzt wieder einmal steht, ist die Entsteppung und Entwüstung seiner alten Kulturlandschaften und die Auflösung der Massengesellschaft, d.h. die Rückverwandlung von Bevölke­rung in Volk.

Lo­gi­scher Ge­halt der jung­stein­zeit­li­chen Re­vo­lu­ti­on ist die Um­keh­rung ei­nes we­­sent­li­chen Ver­hält­nis­ses zwi­schen Mensch und Er­de. We­sent­li­ches Ver­hält­nis zwi­­schen Mensch und Er­de ist das Ar­beits­ver­hält­nis. Die Er­de als Gan­ze ist dem Men­­schen im­mer Her­stel­lungs­mit­tel. Im Ver­hält­nis zur mensch­li­chen Ar­beit kön­nen die Her­stel­lungs­mit­tel ent­we­der Ar­beits­ge­gen­stän­de oder Ar­beits­mit­tel sein. Die Er­d­o­ber­flä­che ist für den Jä­ger und Samm­ler Ar­beits­ge­gen­stand, dem er, als Er­geb­nis sei­nes Tuns, Beu­te und Fund ent­rei­ßt. Die Ar­beit liegt im Zer­tren­nen ei­nes na­tur­ge­­ge­be­nen Zu­sam­men­hangs, er ist ihr Ge­gen­stand. Die­ser Zu­sam­men­hang, die Er­de als Ar­beits­ge­gen­stand, be­steht für den Fi­scher wie für den Berg­mann. In der Jun­g­stein­zeit kehrt sich das Ver­hält­nis um, das mensch­li­che Ar­beit und Erd­ober­flä­che zu­ein­an­der ha­ben: Es voll­zieht sich die Ver­wand­lung der Er­de aus ei­nem Ar­beits­ge­­gen­stand in ein Ar­beits­mit­tel. Ih­re Lauf­bahn als Ar­beits­mit­tel be­ginnt die Er­de aber nicht in der Ge­stalt ei­nes ge­hand­hab­ten Werk­zeu­ges, son­dern als be­dien­te Ma­schi­­ne, als ein vor­ge­fun­de­ner und zu­nächst kaum ver­stan­de­ner Wirk­zu­sam­men­hang. Die neo­li­thi­sche Re­vo­lu­ti­on mün­det da­her auf zwang­lo­se Wei­se in die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, wel­che es end­lich schafft, im­mer mehr vor­han­de­ne Ma­schi­nen zu be­grei­fen und in zu­han­de­nen Ma­schi­nen ab­zu­bil­den.

Das Mittel, hat Hegel gesagt, ist würdiger als die endlichen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung es dient. Die Erde als Sammel-, Jagd­und Fischgrund sowie als mon­taner Ausbeutungsgegenstand ist schnell wieder vergessen, als Ackerboden hinge­gen gewinnt sie Wert und Würde. Der Acker ist der Boden der Geschichte und der Technik. In der Technik tritt uns die Geschichtsmächtigkeit des Ackers in frei be­weglicher Gestalt entgegen. Technik ist freie, zum Selbstzweck gewordene und da­her zum Leben erweckte Mittelhaftigkeit, sie ist die Würde des neuzeitlichen Men­schen. Technik ist das Gestelle, das die vorhandene Welt verstellt und eine dem Menschen zuhandene Welt erstellt. Technik ist nicht Natur, sondern nützliches Kunstwerk und damit Naturalform; sie ist naturalisierte Geschichte und humanisier­te Natur.

Technik und Macht sind eng verwandt. Als humanisierte Natur (Naturalform) ist Technik dinglich verwirklichte oder zeichenhaft dokumentierte Macht des Mittels, d.h. etwas Willenloses, das zu menschlichem Walten einlädt. Die Gewalt überhaupt ist Mittel schlechthin, weil niemand sie als Zweck setzt. Die Gewalt ist Gewalt und nicht Technik, weil sie durch den Zweck absolut vergewaltigt ist. Die Gewalt ist da­her völlig unfrei. Ferner ist die Gewalt gänzlich machtlos und zudem willenlos wie die Technik. Diese Unfreiheit und Machtlosigkeit der Gewalt ist eine Folge ihrer ab­soluten Zweckunterworfenheit, die nicht für die Technik gilt. In der Technik wird das Mittel frei, also Selbstzweck und damit lebendig. Leben als Selbstzweck ist aber schon der Acker, die vorhandene Maschine der neolithischen Revolution, dem die Technik entsprang.

Wille, Gewalt und Macht sind so verschwistert wie Technik und Macht. Wille ist set­zende Gewalt, Gewalt ist durchsetzender Wille, Macht ist durchgesetzter Wille und damit auch festgesetzte (sistierte) Gewalt. Macht ist nicht Besitz, sondern mögli­cher Besitz. Wer Macht besitzen will, will Möglichkeiten besitzen. In der Technik ha­ben die Menschen das zum Selbstzweck befreite Mittel schlechthin. Weil die Tech­nik, anders als die Gewalt, nicht bloßes Mittel ist, sondern das lebendige, freie Mit­tel, ist der technische Wille ein solcher zur reinen, willenlosen Macht, die sich durchsetzt mittels höherer, gewaltloser Gewalt: dem Zwang, der von den Sachen ausgeht.

Modernisierung ist Mobilisierung und daher Nomadisierung. Entnomadisierung ist Demobilisierung und neue, nachmoderne Verwurzelung. Wer neu verwurzeln will, muß die Methoden der Entwurzelung durchschaut haben. Adolf Wahrmund glaubte sie in den kapitalistischen Methoden der Mobilisierung allen Eigentums, besonders des Grundeigentums, zu erkennen. Er schlug dagegen ein Heimstättengesetz zum Schutze des Bauernstandes sowie „Sicherstellung eines eisernen Bestandtheiles des immobilen und mobilen Besitzes gegen Pfändung und Exekution“ (S.243) vor. Da es in den heutigen, spätkapitalistischen Ländern mehr Arbeitslose als Bauern gibt (und sogar mehr Studenten), sind alle Überlegungen zur Sicherstellung eines herkömmli­chen Standes vom Nomadensturm der Kapitalisierung überrollt. Vom Tiefpunkt der vollendeten Individualisierung aus kann der Neuaufbau einer ständischen Volksge­meinschaft nur radikal atomistisch beginnen und vom Personenstand des Einzelnen ausgehen. Der alte Ständestaat hat der modernen Entwurzelung nicht wehren kön­nen; der neue Ständestaat muß jeden Einzelnen in den Stand des unveräußerlichen Grundbesitzes setzen und die alten Geburtsstände in lebensgeschichtlich durchlau­fene Aufgabenstände verwandeln. So wie es vom berufsständischen Denken her immer noch selbstverständlich ist, daß ein Geselle über dem Lehrling steht, so muß wieder erkannt werden, daß ein Rekrut vom Aufgabenstand her einen höheren Rang hat als ein Wirtschaftsführer oder Reserveleutnant. Und wie der Kriegerstand über dem Wirtschaftsstand steht, so der geistige Mensch über dem Krieger. Der wirkliche Mensch kommt in die Lage, sich ernähren, verteidigen und ausrichten zu müssen; gelingt ihm das, gewinnt er in jeder dieser Lagen seinen Stand. Reine Wirtschaftsmenschen sind existentielle Krüppel wie bloße Intellektuelle oder Politi­ker.

Weide­und Viehwirtschaft ist die organische Ergänzung des seßhaften Ackerbaus. Der Hirt kann nur der Knecht des Bauern sein. Ein reaktionärer Umsturz („an­ti-neolithische Konterrevolution“) führt zur Freiheit des Knechtes, der aus seiner ei­genen Domestikation zusammen mit dem domestizierten Vieh, das er dem Bauern gestohlen hat, in die Verwilderung des Nomadenlebens flieht. Das Herr-Knecht-Verhältnis ist aufgehoben und durch das Hirt-Vieh-Verhältnis ersetzt, wobei Viehhaftigkeit nicht nur Tieren, sondern auch Menschen zukommt, von denen Hirten leben. Der Nomade steht nicht in einem menschlichen Verhältnis zur Natur, sondern in einem tierischen (symbiotischen) Verhältnis zum Vieh. Der Hirt lebt fast arbeitslos von seiner Herde (daher meist flötenspielend dargestellt), er ist angeeig­netes Organ der Herde: ihr Großhirn. Die Vermenschung der Herde ist nur um den Preis der Entmenschung der Erde zu haben. Dem Nomaden ist die Erde nicht mehr Mittel menschlicher Arbeit, nicht mehr vorhandene Maschine, die in Ehrfurcht und mit Sorgfalt bedient wird, sondern bloßer Gegenstand der Abweidung durch Freßau­tomaten, also durch Vieh. Die Erde ist dem Nomaden aber auch nicht Arbeitsge­genstand, sondern bloßer Energieträger, Viehfutter eben.

Der zum Nomaden emanzipierte Bauernknecht steht sittlich nicht nur tief unter dem Ackerbauern, sondern auch deutlich unter dem vorgeschichtlichen Menschen, dem Jäger, Sammler, Fischer und Bergmann. Weil der Nomadismus eine gegenge­schichtliche Bewegung, ist der scheinbare Aufstieg des Viehnomaden zum militä­risch-politischen Völkernomaden, der seßhafte Ackerbauern überfällt und ausraubt oder auf Dauer sich zu ihrem (theokratischen) Hirten aufschwingt, in Wahrheit der 1502weitere sittliche Abstieg des nomadisierenden Menschen. Der Völkernomade ist vom Viehhirten zum Vieh abgesunken. Denn die Völker, von denen er lebt, sind die Steppe, auf der er reitet, und die Früchte der Seßhaften, die er verzehrt, sind das Gras, das er frißt. Die nomadische Unterwerfung bäuerlicher Völker macht den sieg­reichen Nomaden zum Vieh, das abgrast. Diese Völkernomaden mögen sich Golde­ne Horde nennen oder auserwähltes Volk, ihre Selbstverviehung ist durch ihr ab­grasendes Verhalten in allen Lebensbereichen der heimgesuchten Völker gegeben, die dadurch versteppt und letztlich verwüstet werden, denn „einen Vorzug des Men­schen vor dem Vieh gibt es nicht“ (Pred. 3,19).

Der Hir­ten­stab Abra­hams und des Bi­schofs von Rom sind no­ma­di­sches Ur­sym­bol und ein­zi­ges, äu­ßerst pri­mi­ti­ves Ar­beits­mit­tel des Hir­ten. Die­ser Ste­cken und Stab des Vieh­hir­ten wie des See­len­hir­ten ist Macht­sym­bol der No­ma­den­herr­schaft, zu­gleich ein In­diz für die Staats­theo­rie des ara­bi­schen Ge­schichts­schrei­bers Ibn Khal­dun (1332­1406), der die Rei­che aus no­ma­di­scher Er­obe­rung ent­ste­hen sah. Die Mas­sen­me­di­en sind die mo­der­nen Hir­ten­stä­be elek­tro­nisch ge­steu­er­ter Men­­schen­her­den. Nicht nur die Hir­ten­stä­be ent­wi­ckel­ten sich seit dem bau­ern­feind­li­chen Um­sturz der an­ti-neo­li­thi­schen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on, auch die ideo­lo­gi­sche Rech­t­­fer­ti­gung der no­ma­di­schen Welt­zer­stö­rung hat sich mo­der­ni­siert. Mu­ß­te man einst noch die Uhr im Pra­ger Ju­den­ghet­to rück­wärts lau­fen las­sen, um das ge­gen­ge­­schicht­li­che Ziel des No­ma­dis­mus, das in der Tat ort­los, al­so uto­pisch ist, zu ver­an­­schau­li­chen, so hat der Pro­fes­sor Ein­stein mit sei­ner Re­la­ti­vi­tät von Raum und Zeit die­ses Ideo­lo­gem in ei­ne viel ele­gan­te­re For­mel ge­bracht, und der Pro­fes­sor Freud hat gar das Un­be­wu­ß­te dem Reich der No­ma­den un­ter­wor­fen, in­dem er den Va­ter­­mord (= Bau­ern­mord) der re­bel­li­schen Brü­der­hor­de (= Hü­te­jun­gen) als ge­mein­­men­sch­li­ches Ver­hal­ten be­haup­te­te.

Das „lie­be Vieh“ des Bau­ern, das do­mes­ti­ziert ist, ver­wil­dert un­ter dem Ste­cken und Stab des No­ma­den, der es ent­do­mes­ti­ziert und ver­her­det. Die Ent­wick­lung des No­ma­dis­mus ist nicht nur Mo­der­ni­sie­rung von Hir­ten­stab und Hir­ten­ideo­lo­gie, son­­dern auch die Her­den wer­den im­mer be­weg­li­cher: erst dum­mes Vieh, dann klu­ge un­glück­li­che Völ­ker, schlie­ß­lich Wa­ren­mas­sen, Geld­her­den, Ka­pi­tal­strö­me, Ar­beits­­mi­gran­ten und In­for­ma­ti­ons­flu­ten. Ka­pi­ta­lis­mus ist Ver­her­dung des Ka­pi­tals, und So­zia­lis­mus ist Ver­her­dung der Ar­beits­kräf­te; bei­de Sys­te­me be­ha­gen dem No­ma­­den. Und in bei­den Sys­te­men hat die Fi­gur des Kopf­no­ma­den bes­te Aus­brei­tungs­­­mög­lich­kei­ten. Der Kopf des Men­schen wird von sei­nem Kör­per, auf dem er thront, er­nährt. Je­des ent­wi­ckel­te Volk leis­tet sich für sei­ne all­ge­mei­nen An­ge­le­gen­hei­ten ei­ne be­stimm­te Zahl von Köp­fen in Ge­stalt be­son­ders qua­li­fi­zier­ter Fach­und Füh­­rungs­kräf­te. Die Ab­wei­dung die­ser lei­ten­den Stel­lun­gen durch In­tel­li­genz­no­ma­den fremd­völ­ki­scher Her­kunft wirkt auf das heim­ge­such­te Volk wie ein Hirn­tu­mor. Ra­ti­o­na­lis­mus und Auf­klä­rung sind das Le­bens­ele­ment des In­tel­li­genz­no­ma­den, die Ver­vie­hung des Wis­sens und die Ver­her­dung der Wis­sen­schaft­ler im Wis­sen­schafts­­­be­trieb der Mo­der­ne, die­ser geis­ti­gen Wüs­te, sind das Er­geb­nis des kopf­no­ma­di­­schen Be­falls.

Häu­fig wird die Fra­ge ge­stellt: Wo­her stammt der mo­der­ne Dua­lis­mus, der die ob­jek­ti­ve Na­tur und die mensch­li­chen Din­ge von­ein­an­der trennt? Die Ant­wort lau­tet, daß die­ser Dua­lis­mus aus der Mo­der­ne stammt, und die­se aus dem Tri­umph des No­ma­den. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist we­ni­ger als ein blo­ßer Ge­gen­stand der Er­kennt­nis, denn das ist sie schon dem vor­ge­schicht­li­chen Men­­schen. Die wis­sen­schaft­lich-mo­der­ni­sier­te Na­tur ist nicht ob­jek­ti­viert, son­dern res­­sour­ci­siert. Sie ist Fut­ter­re­ser­voir von in­for­ma­ti­ons­fres­sen­den Wis­sen­schaft­ler­her­­den ge­wor­den, die Schaft­ler­wis­sen aus­schei­den. Die­se mo­der­ne Na­tur ist ent­­­menscht, weil der Mensch kein mensch­li­ches Ver­hält­nis, kein Her­r­-K­necht-Ver­hält­nis zu ihr hat, nicht mehr ihr Knecht ist, der sie be­dient, son­dern der No­ma­de, der sie raz­zi­iert. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist nicht Ge­­gen­stand der Er­kennt­nis, son­dern Roh­stoff in­for­ma­ti­ons­fres­sen­der Au­to­ma­ten. We­­der der Hirt noch sei­ne Her­de kann je­mals Herr der Na­tur wer­den; ein mensch­li­ches und da­her hilf­rei­ches Ver­hält­nis kann die Na­tur nur zu ih­rem Knecht ge­win­nen, der weiß, daß sie im­mer ei­ne vor­han­de­ne Ma­schi­ne blei­ben wird, die in De­mut zu be­­die­nen ist.

Der christ­li­che Glau­be hat der Ge­fähr­dung des Abend­lan­des durch das No­ma­den­­tum zwei Jahr­tau­sen­de lang Vor­schub ge­leis­tet. Im Chris­ten­tum sind die Sym­bo­lik der Macht­in­si­gni­en, die Me­ta­pho­rik der Spra­che und die Fak­ti­zi­tä­ten der Of­fen­ba­­rung bis heu­te no­ma­disch. Die Bi­bel war die gro­ße Pro­pa­gan­da­schrift der no­ma­di­­schen Le­bens­wei­se, aber die Evan­ge­li­en ent­hal­ten die Be­schrei­bung ei­nes be­deu­­ten­den Pro­tes­tes ge­gen die Mo­ral des No­ma­dis­mus. Die­ses Auf­be­geh­ren bleibt, wie je­der Pro­tes­tan­tis­mus, zu­gleich ge­bun­den an den Ge­gen­stand sei­ner Ab­scheu. Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Hes­sen und Nas­sau be­kennt sich so­gar aus­drück­lich zum Ju­­da­is­mus. „Um­kehr und neue Ein­sicht ver­pflich­ten die Kir­che zu be­zeu­gen, daß die blei­ben­de Er­wäh­lung der Ju­den und Got­tes Bund mit ih­nen Wur­zel des christ­li­chen Glau­bens ist.“ (FR, 23.5.91) Die Bi­bel pro­pa­giert den No­ma­dis­mus und ist zu­gleich das un­über­trof­fe­ne Lehr­buch des An­ti­se­mi­tis­mus für al­le se­ßhaf­ten, bäu­er­lich ge­­präg­ten Völ­ker.

Es beginnt mit dem Sündenfall. Zum Essen vom Baume der Erkenntnis werden die ersten Menschen durch ein Tier verlockt, das auf der Erde kriecht. Danach fangen sie sofort zu produzieren an, naheliegenderweise Kleidung. Vom Nomadengott Jah­we (Herrn Zebaoth) wird die arme Schlange daraufhin „verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde“ (Gen 3,14). Der Acker wird verflucht, soll dem ar­men Bauern Mühsal bereiten sein Leben lang und trotzdem nur Dornen und Disteln tragen (Gen 3,17). Kain, Evas Erstgeborener, wird Ackermann, Kains jüngerer Bru­der (und damit sein Knecht) Abel dagegen Schäfer, also Kains Hirtenjunge. Was von nomadenfreundlichen Theologen als Kains Brudermord gelesen wird, ist vom bäuerlichen Standpunkt aus Abels Rebellion und Hinrichtung. Der Schäfer Abel durchbricht das Vorrecht des Bauern Kain, Gott zu opfern von den Früchten des Feldes, mit dem blutigen Opfer eines seinem Bruder und Vorgesetzten gestohlenen Tieres, wobei die Nomadenbibel nun sogleich auch noch behauptet, daß dieses Die­besgut ein gottgefälligeres Opfer sei als die im Schweiße von Kains Angesicht er­zeugten Feldfrüchte. Abels Hinrichtung ist Vorwand zur erneuten Verfluchung des Bauern und seines Ackers durch den Nomadengott Jahwe. Die Vertreibung und Flucht des Bauern wird angekündigt und wahr gemacht (Gen 4,11-16). Gleichwohl wird in Genesis 4,20-21 attestiert, daß Viehnomaden und Flötenspieler Kains Nach­kommen sind.

Ur­vä­ter des jü­di­schen No­ma­den­vol­kes sind Abra­ham, Isaak, Ja­kob und Jo­seph. Von Abra­ham an ha­ben sie nicht nur Vieh­no­ma­dis­mus ge­trie­ben, son­dern im gro­ßen Um­fang or­ga­ni­sier­tes Ver­bre­chen. Der Pa­te ist Jah­we. Als Abra­ham in des­sen Or­ga­­ni­sa­ti­on, den „Bun­d“, auf­ge­nom­men wird, in­dem er be­weist, daß er für den Chef sei­nen ein­zi­gen Sohn Isaak schlach­ten wür­de (Gen 22,2-17), ist Abra­ham schon be­währ­ter (be­trü­ge­ri­scher) Zu­häl­ter sei­ner Frau Sa­rah und er­folg­rei­cher Er­pres­ser von Kö­ni­gen (Gen 12,10-20; Gen 20). Jah­we ver­hei­ßt Abra­ham (ali­as Ab­ram) nicht nur ein­fach das ge­lob­te Land zwi­schen Nil und Eu­phrat als Vieh­wei­de, son­dern als Völ­ker­step­pe mit zehn na­ment­lich ge­nann­ten Völ­kern zur Ab­wei­dung (Gen 15, 18-21). Der jü­di­sche Fried­hof schlie­ß­lich, den Abra­ham im Land Ka­na­an er­wirbt, dient nicht, wie die arg­lo­sen He­thi­ter mei­nen, der Pie­tät für sei­ne ver­stor­be­ne Frau Sa­rah, son­dern als Ziel­mar­kie­rung der künf­ti­gen Er­obe­rung Ka­na­ans (Gen 23). Da­her kommt es, daß ra­bia­te An­ti­se­mi­ten so gern jü­di­sche Fried­hö­fe zer­stö­ren.

Bei Isaaks beiden Söhnen Esau und Jakob, den Enkeln des Zuhälters Abraham, wird die Familiengeschichte theologisch wieder interessant, denn der Nomadengott Jah­we kündigt Isaaks Frau Rebekka an: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweier­lei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen über­legen sein, und der Ältere wird dem jüngeren dienen.“ (Gen 25,23) Esau, der Erst­geborene, wird Jäger, Jakob, der Nachgeborene, „blieb bei den Zelten“ (Gen 25,27) und damit Nomade. Jakob (das bedeutet: der Hinterlistige) stiehlt seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen (Gen 27,36), der auch besser als zum rauhen Jäger Esau zu dem glatten Nomaden Jakob paßt, dem segensreich verheißen wird: „Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.“ (Gen 27,29) Dies ist das Ausbeutungsgebot des Völkernomaden.

Inzwischen war Isaak zu Abimelech, dem König der Philister, gezogen und betrog ihn auf die gleiche Weise wie sein Vater Abraham: er gab seine Frau als seine Schwester aus; Zuhälterei mit anschließender moralischer Erpressung bleibt also Spezialität der Familie, die auf diese Weise reich und mächtig wird, so mächtig, daß die Philister sie schließlich ausweisen und König Abimelech danach noch einen Rückversicherungsvertrag mit dem Nomadenstamm für ratsam hält (Gen 26).

Stammhalter Jakob betrügt seinen Schwiegervater, den Aramäer Laban, und wird „über die Maßen reich“ (Gen 30.31). Nach geglückter Flucht empfiehlt sich ein neu­er Name. „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel“, sagt der oberste, diesmal inkognito bleibende Chef der Organisation, bevor Israel (alias Jakob) als sein bester Mann von dannen humpelt (Gen 32,29-33), um mit seiner Mischpoche das Blutbad von Sichem (Gen 34) anzurichten. Nicht umsonst sieht bäuerliche Vor­stellung den Teufel als hinkendes Mischwesen aus Ziegenbock und Mensch.

In den Jahren 1730 bis 1580 v. Chr. halten semitische Stämme aus Syrien und Pa­lästina Ägypten besetzt. Sie nennen sich Hyksos, Beherrscher fremder Länder. In dieser Zeit der Fremdherrschaft wird Josef, Jakobs Lieblingssohn, von seinen Brü­dern nach Ägypten verkauft, wo er zum höchsten Funktionär des Fremdherrschers aufsteigt. Josef wird der erste jüdische Kommunist: er erfindet die Zentralverwal­tungswirtschaft und damit die allgemeine reale Staatssklaverei, also die Gesamt­enteignung des Volkes von Geld, Vieh, Land und Leib mittels mehrjähriger Hun­gersnot (Gen 47,13-26). Aus der Befreiung Ägyptens von Fremdherrschaft folgt der Exodus des jüdischen Hilfsvolkes.

Im fünften Buch Moses, dem Deuteronomium, offenbart sich die ganze Wahrheit des Nomadismus in ihrer strengsten Konsequenz: dem Völkermordgebot. So wie der Viehnomade seine Böcke und Schafe nicht nur friedlich-flötenspielend hütet, sondern ­alles hat seine Zeit ­auch melkt, schert und schlachtet, so darf selbst­verständlich auch der Völkerhirt die ihm anheimgegebenen Völker schlachten, also jeden Mann, jede Frau und jedes Kind töten: dies ist der „Bann“ der Nomadenbibel, das Völkermordgebot[1. Da nahmen wir … alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrigbleiben. Nur das Vieh raubten wir für uns …. “ (5. Mose 2,34) „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er aus­rottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Je­busiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir da­hingibt, daß du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben …. “ (7,1-2) „Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird.“ (7,16) „Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander.“ (7,22)] das gelegentlich, wenn Völkerherden den Viehherden bloß Platz machen müssen, damit Acker in Viehweide verwandelt werden kann, zum Ver­treibungsgebot[2.“Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übriglaßt, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Lande, in dem ihr wohnt.“ (4. Mose 33,55)] abgemildert ist.

Die religiöse Verehrung des Völkermordes ist die niederste Form des Absoluten, nämlich das absolute Böse in einem realmetaphysischen Sinne. Es existiert in der Geschichte als geschichtszerstörende Kraft. Diese Kraft ist bei Kant „das radikal Bö­se in der menschlichen Natur“ als Freiheit, die sich vom kategorischen Imperativ emanzipiert hat. Zu Kants Zeiten war das absolute Böse als deuteronomistisches Völkermordgebot der mosaischen Religion, das damals sich in Frankreich im terreur austobte, bekannter als heute, weil man noch die Bibel las; heute ist das Absolute Böse in passiver Form als Holocaust-Kult im Umlauf, der seine Glaubwürdigkeit beim auserwählten Volk aus dem Wissen um die Grundform des aktiven Völker­mordgebotes bezieht, das im fünften Buch Moses nur gelegentlich zum Vertrei­bungsgebot abgemildert ist.

Das Böseste, das wir uns vorstellen können, ist Völkermord. Aber das absolute Böse geht darüber noch hinaus: es ist jenes Böse, das böser nicht gedacht werden kann. Und Böseres als das mosaische Völkermordgebot, das bei Mitleid oder sonstiger un­vollständiger Ausführung sein auserwähltes Volk selber mit Vertreibung und Völ­kermord bedroht[3. „Und nur wenige werden übrigbleiben von euch, die ihr zuvor zahlreich gewesen seid wie die Sterne am Himmel, weil du nicht gehorcht hast der Stimme des HERRN, deines Gottes. Und wie sich der HERR zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen, und ihr werdet herausgerissen werden aus dem Lande, in das du jetzt ziehst, es einzunehmen. (5. Mose 28,62-63], kann von Menschen nicht erdacht werden.

Vor diesem geistigen Hintergrund ist alle Judenverfolgung tätige Beihilfe zur mosai­schen Religionspropaganda, der sich Adolf Hitler (als Vierteljude verdächtigt) zwei­felsfrei schuldig gemacht hat. Die Judenfrage zum Rasseproblem zu erklären, ver­harmlost das absolut Böse, eine Erscheinung der Freiheit des menschlichen Geistes, zum biotechnisch lösbaren Problem. Viel grundsätzlicher ist in seiner berühmten Abhandlung „Zur Judenfrage“ von 1843 der reinrassige Semit Karl Marx das Prob­lem angegangen, in der er die Verschacherung der Welt durch die bürgerliche Ge­sellschaft als Selbstverjudung der Christen anprangert. Die Judenfrage ist hier Kritik des verabsolutierten Gesellschaftsprinzips, also der Moderne schlechthin, und an­sonsten eine unreife Fassung der Kapitalismus-Frage.

Das Absolute Böse ist der Beitrag des Nomadentums zur Geistesgeschichte der Menschheit. Damit ist auch das Urteil über die Sittlichkeit der Moderne als dem Sys­tem der Beweglichkeit gefällt, denn das Absolute Böse ist nichts anderes als die ab­solute Beweglichkeit in allen ethischen Fragen.

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aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618




Todsünden der Moderne

Jede Zeit be­sitzt ih­re be­son­de­ren Sün­den und ih­re ei­gen­tüm­li­chen Tu­gen­den. Die öf­fent­li­chen Sün­den­re­gis­ter, die ei­ne Epo­che über sich sel­ber führt, ent­hal­ten da­bei stets nur die Um­keh­run­gen ih­rer of­fi­zi­el­len Tu­gend­ka­ta­lo­ge. Im Nach­hin­ein stellt sich aber im­mer wie­der her­aus, daß die­se Um­keh­run­gen um­ge­kehrt wer­den müs­sen und die wah­ren Tod­sün­den der Zeit­al­ter in ih­ren Tu­gend­ka­ta­lo­gen auf­ge­zählt sind. Nicht an ih­ren Las­tern sind die gro­ßen Kul­tu­ren un­ter­ge­gan­gen, son­dern an ih­ren Tu­gen­den.

Nun beginnt auch die Moderne zu modern, aber die Postmoderne ist nicht nur der Moder, sondern auch das Perfekt der Moderne, die als Futurismus begann, im Präsentismus sich fortsetzte und als Vergangenheitsbewältigerin endete. Insofern die Postmoderne die Vergangenheit mit den neuen Techniken perfektioniert, ist sie das Plusquamperfekt der Moderne. Da sie alles perfektioniert, werden auch die guten alten Tugenden wie Toleranz, Vorurteilslosigkeit und Gleichheit nicht verschont. Die vollendete Tugend aber ist der Terror.

TOLERANZ ist jene Haltung, die abweichende Meinungen und Lebensstile erträgt, ist die Duldung einer fremden Religion, einer fremden Politik, überhaupt von Fremden im eigenen Land. Die totalitäre Toleranz toleriert die Vernichtung der Toleranz, indem sie die Intoleranz austreibt. Nur, wen ich nicht dulden muß, den kann ich dulden. Der Kern der To­le­ranz ist die Frei­heit und Macht zur In­to­le­ranz. Die In­to­le­ranz ge­gen­über den Ge­dul­de­ten wird un­mög­lich, wenn die­se das Recht be­kom­men, zu tun, was bis­lang bloß ge­dul­det war. Auf die­se Wei­se ist aus un­se­rer Zi­vi­li­sa­ti­on die re­li­giö­se To­le­ranz ver­schwun­den, seit die ab­wei­chen­de Re­li­gi­ons­aus­übung zum Grund­recht be­för­dert wur­de. Daß kei­ne re­li­giö­se To­le­ranz herrscht, wird sicht­bar wer­den, so­bald die re­li­giö­se In­dif­fe­renz ver­schwin­det. Fehlt die Macht, nicht vor­han­de­ne To­le­ranz durch den Akt der Nicht­dul­dung aus­zu­drü­cken, ent­steht die ohn­mäch­ti­ge Un­duld­sam­keit: das Res­sen­ti­ment. Die Ge­schich­te lehrt, daß die Fol­gen der To­le­ranz­ver­nich­tung durch Rechts­ver­lei­hung an ehe­mals Ge­dul­de­te ver­nich­tend sein kön­nen, so­bald das Res­sen­ti­ment die Macht er­greift und die er­schli­che­nen oder zu­ge­schanz­ten Rech­te kas­siert.

VORURTEILSLOSIGKEIT ist inzwischen so total durchgesetzt, daß die Wortführer der zugespitzten Moderne nachgerade überhaupt kein Vorurteil mehr tolerieren außer dem einen, daß man keine Vorurteile haben dürfe. Du sollst kein anderes Vorurteil haben neben mir! spricht die Vorurteilslosigkeit. Seitdem sind Urteile selten geworden. Denn wer die Definitionsmacht für die Anforderungen hat, die an eine gültige Urteilsbegründung gestellt werden müssen, kann jedes Urteil in die Gefahr bringen, auf dem Scheiterhaufen der kritischen Kritik als Vorurteil verbrannt zu werden. Dies droht allen, die nicht werden wie die Kinder, also vorurteilslos. Aber der den Kindern nachgerühmte Mangel an Vorurteilen ist nur ein Teil ihres mangelnden Urteilsvermögens überhaupt. Die Moderne hat das Infantile zum Ideal erhoben. Ein leidlich erwachsener Mensch dagegen pflegt seine Vorurteile: er weiß, daß er nur weniges wissen kann und nichts hoffen darf. Aber was soll er tun? Nur jenes Vorurteil zu einem Urteil vertiefen, das er auch vollstrecken kann!

GLEICHHEIT der Menschen ist ihre vollendete Gleichgültigkeit. Als isolierte Errungenschaft der Moderne ist die Gleichheit der Tod der Freiheit und des Rechts. Menschen sind nur gleichheitsfähig, insofern sie Rechte haben und daher Personen sind. Alle Rechte sind ein Bündel qualitativer und quantitativer Ungleichheiten mitsamt einer gemeinsamen Qualität: dem Eigentum. Der Mensch als Mensch ist immer ein Ungleicher, ein Besitzer höchst verschiedener Eigenschaften, Schicksale und Güter. Der Mensch als zur Gleichheit Befähigter aber ist Person, und als solche Besitzer, welcher Eigentümer ist. Nur als Eigentümer sind die Personen sich alle gleich, aber selbstredend nicht im quantitativen, sondern im qualitativen Sinne: Eigentum ist die Dimension, in der die Personen gleichheitsfähig sind und miteinander auf dem Fuße quantitativer Gleichheit verkehren können, indem sie Besitztümer gleicher Eigentumsgröße austauschen. Das Reich der Gleichheit ist in der ökonomischen Sphäre der Preis, der den Gütern zugemessen wird, in der psychologischen Sphäre die Bedeutung, welche die verschiedenen Bedürfnisse haben. – Eine gedankenlose Verallgemeinerung der Gleichheit ist die Forderung nach gleichen Rechten. Sie kann, theoretisch und praktisch ernstgenommen, immer nur zu einem Armenrecht führen. Dieses Armenrecht ist aber schon lange verwirklicht. Es ist als geistiges Armenrecht mit der individuellen Meinungsfreiheit, als ökonomisches Armenrecht mit der Sozialhilfe und als politisches Armenrecht mit dem gleichen Wahlrecht für alle durchgesetzt und hat zur Massengesellschaft statt zur Volksherrschaft geführt.

Die NICHTDISKRIMINIERUNG ist eine gute alte Tugend, deren lebensweltliches Wirken darin in Erscheinung tritt, daß schöne junge Mädchen immer mit weniger schönen ausgehen, kluge und starke Männer gern weniger kluge und starke um sich scharen und die guten Menschen mit Vorliebe sich um die weniger guten kümmern. Voraussetzung dieses erfreulichen Zuges der Menschen ist allerdings die Fähigkeit der Diskriminierung, die das Häßliche vom Schönen, das Dumme vom Klugen usw. abwertend unterscheidet; Diskriminierung ist die kulturelle Kardinaltugend schlechthin, die erst die Tugend der Nichtdiskriminierung ermöglicht: den Häßlichen, Dummen und Schwachen sagt man nicht noch, was sie sind, weil sie es vermutlich selber wissen. Wird aber die Nichtdiskriminierung zur Pflicht-Norm, verwandelt man die tolerante Diskriminierung in die intolerante Nichtdiskriminierung; nur noch die Diskriminierung ist diskriminiert, also das Bewertungsvermögen herabgesetzt. Anti-Diskriminierungsgesetze ruinieren das kulturelle Unterscheidungsvermögen und vernichten auf lange Sicht die elementare Wertordnung einer Gesellschaft.

EMANZIPATION, die Befreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, ist ein Schibboleth der perfektionierten Moderne. Ist die Unmündigkeit aber selbstverschuldet, so war sie gewollt, also ein Akt der Freiheit, der Person, des Menschen als Rechtssubjekt. Die Ehe z.B. ist, wie Hegel das richtig ausdrückt, “die freie Einwilligung der Personen…, eine Person auszumachen“ (Rechtsphilosophie, § 162). Nicht die Emanzipation ist die wahre Befreiung des Menschen, sondern die Remanzipation, die wechselseitige Überantwortung und Aushändigung der Personen aneinander führt sie zur sittlichen Einheit und Selbstverwirklichung: ihrem Gattungswesen. Die Emanzipation im heute herrschenden Vulgärverstand endet und verendet im Ein-Personen-Haushalt.

FREIZÜGIGKEIT für Menschen, Waren und Ideen gilt heute als politische, ökonomische und geistige Kardinaltugend des Westens, die sich tatsächlich hoher Popularität auch bei den Menschen nichtwestlicher Zivilisationen erfreut. Der Versuch, mit dieser Kardinaltugend zumindest im EG-Rahmen 1992 Ernst zu machen, wird die Ordnung Europas so schwer erschüttern, daß es seinem letzten und stärksten Utopismus, dem der Vereinigten Staaten von Europa, abschwören muß. Auf schmerzhafte Weise wird man daran erinnert werden, daß die menschlichen Dinge und die Tugenden allzumal nur bleiben, was sie sind, wenn sie ihr Maß behalten. Hieß es früher „ein Volk, ein Reich, ein Führer”, so wähnt die Euro-Euphorie, „ein Markt, eine Grenze, eine Währung” bringe das Heil. Dieses Heil wird schon deswegen nicht über uns kommen, weil eine unkontrollierte Freizügigkeit zur Majorisierung und Identitätsvernichtung der kleinen Völker in Westeuropa führen würde. Die Popularität der marktwirtschaftlichen Ordnungsidee wird gerade nicht die geistlose Freihändlerei und auch nicht die uneuropäische Idee vereinigter Staaten mit Souveränitätsabtretung an supranationale Instanzen fördern, sondern die völkerrechtliche Großraumordnung, die weitere Ausdifferenzierung nationaler und regionaler Märkte. Denn nicht nur wollen immer mehr Individuen immer umfassender am Marktgeschehen teilnehmen, sondern auch immer mehr und immer besser unterschiedene Stämme, Völker und Völkerfamilien, die ihrerseits Freizügigkeit, also Handlungsfähigkeit, in Anspruch nehmen werden.

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Über Pöbelherrschaft und Sprachverfall

I. Theorie des Pöbels

Ochlokratie (Pöbelherrschaft) ist die seit dem klassischen Alter­tum wohl­bekannte Zersetzungs­form der Demokratie. Alle drei legitimen Regierungs­formen – Monar­chie, Aristokratie und Demokratie – haben ihre heroische Ent­stehungs­zeit wie ihre schmerzliche Zerfalls­phase. Als jugendlicher Held ist die Demokratie eine revolutionäre Volks­bewegung, als ermatteter Greis aber eine Rest­herrschaft, die durch Parteien, Verbände und Kirchen geschwächt ist und vom ver­einigten Pöbel aller Klassen drangsaliert wird.

Jede mannes­kräftige Demo­kratie bewahrt das monarchische Prinzip im Staats­oberhaupt und das aristo­kratische Prinzip in der Repräsentation. Entartet die Demo­kratie zur Ochlo­kratie, so ver­kommt auch ihr monarchisches Prinzip zur Des­potie und ihr aristo­kratisches Prinzip zur Oligarchie.

Als Bundes­präsident Richard von Weiz­säcker am 8. Mai 1985 seine bekannte Rede zum vierzigsten Jahres­tag der bedingungs­losen Kapitulation der Deutschen Wehr­macht hielt und diesen totalen Zusammenbruch Deutschlands zum Tag der Befreiung erklärte, überschritt er die Kompetenzen eines demokratischen Monarchen und verformte sein Amt zur moralischen Despotie, die den Spruch der Geschichte zu deuten wagt (was auf Erden den Philosophen vorbehalten ist). Theokratische Richtersprüche setzen sich über alle geschichtliche Erfahrung und sittliche Empfindung des eigenen Volkes hinweg, und der zum moralischen Despoten entartete Staat wird zur Unwirklichkeit der sittlichen Idee oder zur Wirklichkeit der unsittlichen Idee.

Zersetzt ist heute auch das aristokratische Prinzip der Demokratie, denn die Abgeordneten sind nicht mehr Repräsentanten der konkreten Klassen und Stände des Volkes und somit soziale Autoritäten, sondern Gefolgsleute einer herrschenden Gruppe oder Parteienoligarchie. Der Wandel vom sozialen Repräsentanten zum oligarchen Gefolgsmann ist vollzogen, sobald der Typus des parteilichen Berufs­politikers die Parlamente dominiert.

Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken. Ein gewählter Monarch ist schneller zum Despoten verdorben und eine parlamentarische Aristokratie leichter zur Oligarchie heruntergewirtschaftet als ein ganzes Volk zum Pöbel gemacht. Instrumente der barbarisch-gewaltigen Operation, die aus einem Volk einen Pöbel macht, sind durch Parteienpöbel verdorbene Klassenparteien einerseits und neugeschaffene spezielle Pöbelparteien andererseits, wie z.B. der Kommunisten und der Nationalsozialisten in den zwanziger Jahren oder der Grünen heutzutage. Zwar sind die meisten Anhänger der Pöbelparteien nicht selber verpöbelt, aber sie glauben an die Masse, meinen, daß es auf sie ankäme. Glaubt ein Volk mehrheitlich an die Masse und die Notwendigkeit ihres Stils, ist es der Herrschaft des Pöbels unrettbar verfallen.

Herkömmliche Klassenparteien beginnen zu verpöbeln, sobald sie sich als Volksparteien ausgeben, den Staat unterwandern und sich selbst aus den öffentlichen Kassen bedienen; die Klassenpartei ist zur Patronagepartei geworden. Die institutionelle Ursache dieses allgemein beobachteten Wandels von der Klassen- zur Patronagepartei ist darin zu sehen, daß die politischen Verbände – anders als die Wirtschaftsverbände – nicht durch die gesetzliche Auflage der Gegnerfreiheit geschützt sind. Die DGB-Skandale fallen exakt in den Sektoren der deutschen Gewerkschaften vor, die nicht gegnerfrei sind und worin Unternehmer mit Gewerkschaftsvermögen das Sagen haben.

Eine reife Demokratie, die über eine entwickelte kapitalistische Wirtschaft verfügt, teilt das Volk in Einkommensklassen mit entsprechenden Formationen des politischen, ökonomischen und psychologischen Verteilungskampfes (Parteien, Ver­bände und Kirchen), die das gesellschaftliche Gesamtprodukt an Seele, Macht und Reichtum nach den inneren Kräfteverhältnissen eines Volkes positionieren und seine Gesamtkraft optimieren. Konzepte und Programme dieser Optimierung werden vom Staat vorgegeben, der sie Denkern verdankt, die er meist garnicht kennt und die in der Regel schon lange tot sind. Der Staat als Staatsverband (aller seiner Bürger und seiner selbst als ihr Vorstand) hebt die besonderen Verbände in sich auf, er ist der allgemeine Verband. Der allgemeine Verband funktioniert, solange er die sozialen Verbände ermöglicht und zugleich auflöst, im Staatsverband zur homogenen Staatsbürgerschaft verflüssigt.

Wie weit ein Staat dem Pöbel anheimgefallen ist, erkennt man an seiner Programm­unfähigkeit, die der Theorieverachtung entspringt. Sobald Theoriefeindschaft sich breitmacht, triumphieren die Ideologen der Pöbelparteien: seit Jahren bestimmen die Grünen die Themen des öffentlichen Diskurses und die Kommunisten als älteste der heute noch aktiven Pöbelparteien haben immer schon behauptet, der 8. Mai 1945 sei ein Tag der Befreiung gewesen, worauf dann auch der DKP-Vorsitzende Mies den Bundespräsidenten von Weizsäcker im Mai 1985 prompt hinwies.

Die Prognose der Verpöbelung ist der modernen Gesellschaft häufig gestellt worden. Hegel hat gemeint, bei allem Reichtume sei die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug, der Erzeugung des Pöbels zu wehren, und Marx hat sich ihm mit seiner berühmten Verelendungsthese angeschlossen. Auguste Comte hielt eine am Vorbild der Katholischen Kirche ausgerichtete Soziologische Kirche für nötig, um den Pöbel niederzuhalten. Nietzsche sah die Flut des Nihilismus steigen, George Sorel die Arbeiterparteien im Sumpf reaktionärer Arme-Leute-Parteien untergehen. Ortega y Gasset konstatierte den Aufstand des Massenmenschen, der „die Unverfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzutreten und es überall durchzusetzen” (III,13), wobei ausgerechnet der heutige Wissenschaftler das Urbild des Massenmenschen ist, weil gerade im Wissenschaftsbetrieb der gelehrte Ignorant, der Fachidiot gedeiht und „die moderne Wissenschaft dem geistig Minderbemittelten Zutritt gewährt” (III,71). Max Scheler schließlich sah in der allgemeinen Menschenliebe den allgemeinen Menschenhaß sich vorbereiten, und daß es ehrfurchtslos ist, das Weltbeste zu wollen. Der Pöbel ist ehrfurchtslos und will immer nur das Allerweltsbeste.

Karl Marx wies in seiner Bonapartismus-Analyse darauf hin, daß nicht nur das Proletariat ein Lumpenproletariat absondert, sondern auch die Bourgeoisie eine Lumpenbourgeoisie (den Pariakapitalismus) und die Aristokratie eine Lumpenaristokratie ausscheidet. Die Verlumpung hat nichts mit der Garderobe oder der Einkommenshöhe zu tun, wohl aber mit der Qualität der Einkommensquelle. Aber weder die primären Einkommensquellen, die Produktionsfaktoren, noch die sekundären Einkommensquellen, der staatliche und der private Transfer, sind an sich schon Einkommensarten des Pöbels.

Die proletarische Klasse hat Arbeitskräfte, die bourgeoise Klasse Kapitalien und die aristokratische Klasse Immobilien zur Einkommensquelle, daher sind Lohn, Zins und Grundrente ihre klassengemäßen Einkommensarten. In der modernen kapitalistischen Gesellschaft ist eine Regierung der Grundeigentümer konservativ, eine Regierung der Kapitalisten liberal und eine der Proletarier sozialistisch. Diese Regierungstendenzen der Hauptklassen werden ergänzt durch solche der Zwischenklassen: die Regierung von Selbständigen (die außer über den Faktor Arbeitskraft mindestens noch über einen weiteren Produktionsfaktor verfügen) ist radikal, die Regierung der Staatsklasse (die vom staatlichen Transfereinkommen lebt und dafür die Staatsfunktionen erfüllt) ist etatistisch. Gegner der Staatsklasse ist die Anarchistenklasse, die vom staatlichen Transfer lebt, ohne Staatsfunktionen zu erfüllen.

Eine anarchistische Regierung ist nicht ohne weiteres eine Herrschaft des Pöbels, denn zur Anarchistenklasse gehören z.B. seit der kriegsbedingten Aufzehrung des Rentenkapitals und des Inkrafttretens des sog. Generationenvertrages unsere Sozialrentner. Weil Staats- und Anarchistenklasse ihre gemeinsame Subsistenz am allgemeinen Transfer haben, sind sie zur Transferklasse zusammenfaßbar, und in vielen entwickelten kapitalistischen Ländern ist nicht der Verteilungskampf zwischen den primären Einkommensklassen das politisch-ökonomische Hauptgeschehen, sondern der Kampf um die Aufteilung des allgemeinen Transfers (z.B. in Gesundheits-, Renten- und Bildungspolitik). Aber die aktuelle Erfahrung zeigt, daß es verpöbelte Anarchisten wie auch verpöbelte Staatsmänner gibt, die durchaus miteinander politische Geschäfte machen können, die auf Kosten des ordentlichen Teils ihrer jeweiligen Klasse gehen.

Eine oftmals der Pöbelerzeugung verdächtigte Volksklasse sind Kleriker, Funktionäre und Lobbyisten. Ökonomisch stellen sie Klassenreste dar, die vom privaten Transfer bestimmter Einkommensklassen leben. Den privaten Transfer erheben die Kampfverbände der Klassen; diese Verbände des Verteilungskampfes sind zugleich die soziologischen Gruppen, die psychologischen Kirchen, die politischen Parteien und die ökonomischen Verbände der Klassen. Die Elemente der durch Privattransfer unterhaltenen Klassenreste der Kleriker, Funktionäre und Lobbyisten sind sozial immer Parteiische, seelisch die Claqueure der sie bezahlenden Kirche und politisch die pflichtschuldigen Gefolgschaften ihrer Partei. Die bezahlten Funktionäre des Arbeitgeberverbandes sind keine Arbeitgeber und die Gewerkschaftslobbyisten keine Arbeitnehmer; beides sind Privatbeamte. Privatbeamte sind auch die Funktionäre der Kirchen (ob nun der traditionell-theologischen oder der modern-elektronischen) und die Geschäftsführer und Verwalter aller sonstigen Vereine und Verbände. Solange die Privatbeamten wirklich von den Mitgliedsbeiträgen ihrer Verbände bezahlt werden, leben sie klassengemäß und daher anständig.

Die Verpöbelung sozialer Verbände, seien es solche der Haupt- oder der Zwischenklassen, beginnt mit ihrer Subventionierung. Die Privatbeamten, denen der klassenspezifische Transfer als Existenz- und Operationsgrundlage zu schmal geworden ist und die deshalb – in der Regel legal – auf den allgemeinen, klassenunspezifischen Staatstransfer übergreifen, sind vom soziostrukturellen Gesichtspunkt her genauso korrupt wie jene Staatsbeamten, die sich aus den Reptilienfonds irgendwelcher Verbände bedienen lassen. Dabei ist es auch kein struktureller Unterschied, ob die querlaufenden Mittel für den Unterhalt des Beamten oder des Amtes verwandt werden. In die Fonds sozialer Kampfverbände umgelenkte staatliche Mittel sind die leichte Beute, die dem schwachen Staat abgepreßt wird. Den treffenden Ausdruck für diese Beutepolitik beim schwachen Staat haben die Ideologen der grünen Pöbelpartei geprägt: Staatsknete. Selbst die größte Einzelgewerkschaft der freien Welt, die IG Metall, verschmäht heute nicht mehr Staatsknete als pazifistische Alternative zu Tarifverträgen, die der starken gegnerischen Klasse gefahrvoll abzuringen sind.

Der schwache Staat ist das selbe Betrugsmanöver in der Politik, das die schwache inflationäre Währung in der Wirtschaft darstellt. Umgekehrt verhält es sich mit dem starken Staat wie mit einer stabilen Währung, die noch nicht Reichtum oder wachsende Wirtschaftskraft bedeutet und die nur sicherstellt, daß Otto Normalverbraucher nicht um seine Ersparnisse gebracht wird; der starke Staat ist bloß Voraussetzung zur Lösung aller ernsthaften politischen Probleme, weil er verhindert, daß der loyale und gewaltlose Bürger um seine öffentlichen Rechte betrogen wird. Der starke Staat hält sich aus dem Verteilungskampf der Verbände heraus, aber er sorgt für das pacta servanda sunt, toleriert also weder Streiks noch Aussperrungen oder andere Lieferblockaden auf privatrechtlich kontrahierte Güter in seinem Herrschaftsbereich.

Der Pöbel ist das Asoziale, die Deformation aller Klassen, nicht ihre Aufhebung. Pöbel ist Schutt im sozialen Gefüge. Sozialschutt entsteht durch Brüche, Risse und Verbiegungen der gesellschaftlichen Struktur. Ist der Pöbel an der Macht, versucht er dem Volk einzureden, ein schwacher Staat sei in seinem Interesse, und der Staat vor allem sei es, vor dem es geschützt werden müsse. Wer den Staat als Gefahr sieht, wird schließlich mit jenen sympathisieren, die den Staat plündern. Das ist der Zweck der als Liberalismus getarnten lumpenbourgeoisen Propaganda gegen den Staat, der als Überwachungsstaat beschimpft und so eingeschüchtert wird, daß er es nicht mehr wagt, den Pöbel zu überwachen.

Ein souveränes Volk, das seinen Staat fürchtet, ist der Verrückte, der seinem Kopf mißtraut und deshalb vorsichtshalber damit gegen die Wand rennt. Das Privileg, Staatsgegner zu sein, hat in der modernen Gesellschaft nur eine Volksklasse: die der Anarchisten. Die Anarchistenklasse ist der einzige legitime Gegner der Staatsklasse, weil die Anarchie mit dem Staat sowohl einen Verteilungskampf auszutragen hat als auch durch das gemeinsame Interesse an einem hohen Steueraufkommen verbunden ist. In der Steuerfrage allein sind die drei Hauptklassen und besonders die Selbständigen oder Radikalen staatsfeindlich und anarchiefeindlich gleichermaßen, d.h. Gegner des Sozialstaats, insoweit er anderen zugute kommt.

Wer gegen jemanden kämpft, kämpft auch mit ihm, – um dasselbe. Also die steuerzahlenden Klassen kämpfen mit den steuerzehrenden um das Steueraufkommen, die steuerzehrende Transferklasse aber kämpft untereinander um die Aufteilung des Aufkommens zwischen Staats- und Anarchistenklasse.

Charakteristikum des modernen Pöbels ist kein lautes Herumpöbeln, sondern der leise, legale Systembruch. Der Pöbel aller Verbände hält den Klassenkampf für überholt, ist für den schwachen Staat, der den Zugriff auf die öffentlichen Kassen erleichtert, von dem gleichzeitig aber mit Nachdruck gefordert wird, alle Gesellschafts- und Umweltprobleme omnipotent zu lösen. Die Privatbeamten des sozialen Verbändesystems zeigen im Zustand der Verpöbelung das aus der Geschichte der militärischen Verbände wohlbekannte Landsknechtssyndrom: man hat keine Lust mehr, sich mit den Kameraden von der Gegenseite zu schlagen und plündert lieber Wehrlose und Unbeteiligte.

Die von den Klassen für ihre Kampfverbände eingestellten Privatbeamten sind gewissermaßen ihre Verbandsknechte, Landsknechte des Verteilungskampfes, die aber bald den riskanten Kampf mit dem Klassenfeind scheuen und dort auf Beute ausgehen, wo sie mit dem geringsten Widerstand zu holen ist. Sie beschreiten den Weg der Effektivität des Kampfes, nicht den seiner Ehre. Hat der Verbandsknechtspöbel den Staat und andere Unbeteiligte weitgehend ausgeplündert oder erobert, wendet er sich gegen das letzte reiche Beuteobjekt: den eigenen Auftraggeber. Verkommene Landsknechtshaufen wurden im späten Mittelalter zur gefürchtetsten Plage der Länder, die sie urspünglich beschützen sollten.

Die sozialdemokratischen Landsknechte marodieren besonders auffällig gegen die deutsche Arbeiterklasse, indem sie jetzt die scharfe, einst von den Arbeitgebern eingeführte Waffe der ausländischen Arbeitskräfte gegen die deutschen Arbeiter und Arbeitslosen richten, durch Ausländerwahlrecht auf Dauer stellen, wodurch das deutsche Proletariat politisch und kulturell verelendet, von seinen zweifelhaften Beschützern noch abhängiger wird, die ihrerseits sich von der deutschen Arbeiterklasse emanzipieren und auf ein internationales Proletariat stützen, das ihnen huldigt, sie als Herren anerkennt, Schutz und Schirm erhält und sich zu Rat und Hilfe verpflichtet. Aus diesem und keinem anderen Grunde toleriert die Hamburger SPD das organisierte Verbrechen der Hansestadt in so auffälliger Weise.

Die CDU, seit sie im Bund regiert, hat nicht nur die sozialdemokratische Ostpolitik fortgesetzt und forciert, sondern auch die Quellensteuer auf Kapitalerträge eingeführt, die sie in der Opposition zu Recht als scharfe Waffe gegen ihre Klientel der kleinen Kapitaleigner gebrandmarkt hatte.

Theoretisch ist der moderne Pöbel durch Systembruch, schwachen Staat und kampfentwöhnte Klassen ermöglicht. Die moderne Ochlokratie erzeugt ein pazifistisches, wehrunwilliges Volk, das erst der sozialen Eroberung durch oligarchische Verbandsknechtscliquen, dann der moralischen Despotie von oben, schließlich der Knechtschaft von außen durch Infiltration fremder Völkerschaften anheimfällt. Es ist der Kern ochlokratischer Außenpolitik, den internationalen Pöbel ins Land zu holen, um die innere Herrschaft unabhängig zu machen. Emanzipation vom eigenen Volk ist die Generallinie der Ochlokraten. Inhalt des gegenwärtigen Fortschritts ist die Emanzipation der Ochlokratie von der Demokratie, denn jede Zersetzungsform entfernt sich immer mehr von der Form, die sie zersetzt. Aller Fortschritt ist diese Entfernung von einem alten Ideal und führt nur dann nicht zur Barbarei, wenn er das alte Ideal in dialektischer Weise bestimmt negiert, also das neue Ideal aufbaut.

II. Sprache des Pöbels

Die Herrschaft des modernen Pöbels äußert sich in einer besonderen Form des Sprachverfalls, der kaum noch wahrgenommen wird. Am auffälligsten ist der Ver­lust des Konjunktivs: der Pöbel hat keinen Möglichkeitssinn, ihm fehlt daher selbstredend auch der rechte Sinn für die Wirklichkeit. Die Konjunktivlosigkeit raubt dem Indikativ die Bestimmtheit und die sprachlichen Weichmacher blühen. Der Pöbel denkt abstrakt und redet schablonenhaft; die geistige Vulgarität ist sein Stil, für den er zuvörderst Toleranz fordert; der Pöbel ist liberal mit seinesgleichen.

Nicht nur der Konjunktiv ist dem Pöbeldeutsch abhanden gekommen, sondern auch das Plusquamperfekt und die vollendete Zukunft, weil in jeder Vollendung alles Pöbelhafte getilgt ist. Der Pöbel als personifizierter Zerfallsprozeß haßt alle Vollkommenheit, die der Vergangenheit wie die der Zukunft. Auffällig ist auch das Verschwinden des Genitivs; dieser Fall beantwortet bekanntlich die Eigentumsfrage; aber wessen Sache etwas ist, kümmert jenes Gesindel nicht, das sich daran ver­greifen will. Ein tieferes Gefühl für die wahren Besitzverhältnisse in Westdeutschland zeigen hingegen jene großstädtischen Kleinbürger, die dem angelsächsischen Genitiv zu seiner großen Sichtbarkeit verholfen haben, indem sie z.B. ihren Frisörladen Peter’s Barber Shop nennen.

Der moderne Pöbel hat nicht die Vitalität des alten: er pöbelt nicht mehr lauthals herum, aber er redet bei allem mit, vorzugsweise über Kultur, wie Hamburgs Erster Bürgermeister (ein mäßig talentierter ungarischer Aristokraten-Darsteller), der jeden dritten Satz mit einem „sag ich mal so“ beendet.

Dieses „sag ich mal so“, das in Hamburg von oben bis unten durchgesetzt ist, bringt die Befindlichkeit des Pöbels, der von der Unbestimmtheit, vom Systembruch lebt, in idealer Weise zum Ausdruck. Noch häufiger werden die Fragmente „sag ich”, „denk ich” und „mal” verwandt. Das Wörtchen „mal” macht alles weich und vage, erzeugt die Prinzipien- und Begrifflosigkeit, dies Lebenselement des modernen Pöbel. Das „sag ich” und „denk ich”, angehängt an jeden zweiten Satz, befriedigt des Pöbels anhaltendes Bedürfnis, sich und anderen die Wirklichkeit seines Redens und Denkens zu bestätigen. Die Weichheit des Pöbels ist eine Herrschaft der Kontingenz: sie fällt, wenn von Sachzwängen gespornt, in ebenso subjektiv-kontingente Brutalität.

Der Pöbel kann keine Gesellschaft ändern, denn er ist ihr bloßer Zerfall. Nichts dergleichen ist seine Sache, er hat keine Sache, ist selber noch nicht einmal eine gesellschaftliche Tatsache, sondern die soziostrukturelle Tatenlosigkeit, bloßer Strukturschutt. Er sagt gerne: „Das ist nicht mein Ding” – ein brutaler Ausdruck, der die Verdinglichung ausspricht und bejaht; diese Affirmation der Reifikation spricht den Schein als Sein an, direkt und völlig undialektisch. Ähnlich die beliebte Formulierung „das laß ich so stehen“: seit Hegel weiß man, warum nichts stehen bleiben kann; diese Einsicht fehlt dem Pöbel, der die deutsche Philosophie haßt, weil er sie zu fürchten hat und sich daher regelmäßig zum angelsächsischen Pragmatismus bekennt. Dem Geistespöbel fehlt jene Kraft der Negation, die alles in Flug bringt. Er ist das Zerfließen der Sozialstrukturen, und die Pöbel-Existenz selber ist nur eine Äußerung dieser Kraft der Negation.

Eine besonders unangenehme Herabwürdigung des Gesprächspartners ist es, ihm zu bescheinigen, er habe eine „gute Frage” gestellt. Die Frage gilt nur deshalb als gut, weil die Antwort schon parat liegt, die Frage keine Frage, sondern eine Informationslücke war. Antworten des Pöbels werden häufig durch ein „wie auch immer” abgebrochen, aber gerade auf das Wie, auf den rechten Weg, kommt es an; doch die Wege des Pöbels sind krumm. „Sie erlauben!”, sagt der Pöbel, wenn er sich etwas herausnimmt, und „das muß ich nicht haben”, nachdem er sich schon alles genommen hat.

Die Bildungsverpöbelung ist ein ganz eigenes, ausgedehntes Phänomen. Sprachlich äußert sie sich dergestalt, daß die eigene geistige Beschränktheit positiv herausgestellt und der Gegenüber durch polemisch unterstellte Bildung ins Unrecht gesetzt wird. „Mehr fällt mir dazu nicht ein!”, verkündet der Pöbel stolz, „Sie müssen das ja wissen!”, wirft er dem Anderen vor, oder repliziert ganz elegant und herablassend: „Fragen Sie mich doch etwas leichteres!” – Nur in Zeiten wie den unseren, die unter der Herrschaft des Pöbels stehen, ist es der Ignoranz möglich, sich zur Preziose zu spreizen. Die Krönung der Bildungsverpöbelung ist eine Bildungsreform, die die Eliten auf die Massen ausrichtet, statt umgekehrt. Am Ende hapert es dann selbst mit der Rechtschreibung, was der orthographischen Reform den Weg bereitet.

Alle Argumente, die auf das Wesen der Sache zielen und über den egoistischen Pragmatismus und flachen Empirismus hinausweisen, gelten dem geistigen Pöbel als „abgehoben”. Strukturschutt der er ist, bleibt der Pöbel bis zu seinem Verschwinden in den Trümmerbergen der Vergangenheit unfähig zur systematischen Erkenntnis, zur geistigen Struktur; er hat die Dinge höchstens „mal angedacht”. Der geistige Pöbel hat keinen Sinn, deswegen muß alles bei ihm „Sinn machen”. – Der Sinn ist immer schon in die Wirklichkeit eingelassen; um ihn in der Wirklichkeit zu finden, müßte man fähig sein, das Wirkliche als vernünftig zu begreifen. Fehlt diese Fähigkeit, muß der Sinn erst konstruiert werden. Die Verdinglichung des Sinns zum Machbaren ist die Ökonomisierung eines metaphysischen Begriffs.

Der Pöbel als das Asoziale aller Klassen in allen Völkern erzeugt eine globale Form des Politikverfalls wie des Sprachverfalls: Weltinnenpolitik und Anglizismus. Die globale Sprach­barbarei in Gestalt der Anglizismen ermöglicht erst die pazifistische Generalillusion einer Weltinnenpolitik – übrigens die grundsätzlichste Negation der Souveränität der Völker und somit Demokratiefeindschaft schlechthin!

Das Englische hat eine besondere Affinität zum Pöbel. Entstanden als ethnischer Trümmerhaufen der Völkerwanderung, unterworfen von römischen, angelsächsischen, dänischen und normannischen Eroberern, ist das Englische die am meisten verpöbelte Sprache der vollkommenen Äußerlichkeit, mit einem schier unbegrenzten, durch keinen inneren Sinn eingeschränkten Wortschatz. Das Englische ist keine Sprache, sondern ein Pidgin. Pidgin ist die Idealsprache des Primitivpöbels. Deswegen ist der Sprechstil der englischen Oberschicht die lautliche Verkürzung, im Gegensatz zum Hochdeutschen, das die Satzperioden wie die Aussprache des einzelnen Wortes ausfeilt und verlängert. Die Weltpöbelsprache Englisch ist aber nicht den Angelsachsen anzulasten, die vor der normannischen Eroberung bekanntlich Platt gesprochen hatten. Die normannische Eroberung Nordfrankreichs war, anders als die angelsächsische Landnahme in Britannien, wie alle Wikingerzüge keine Völkerwanderung, sondern ein Raubzug ohne Frauen und Kinder. Innerhalb zweier Generationen haben die französischen Frauen aus den Normannen naturalisierte Franzosen und damit denaturierte Germanen gemacht: Bastarde, die als Herren über England noch vier Jahrhunderte lang französisch sprachen und in diesem langen Zeitraum das Platt der unterworfenen Angelsachsen zu jener grenzenlosen Primitivsprache verkrüppelten, die das Englische zum Esperanto des Weltpöbels qualifiziert hat.

Die „one world”, das ist Sprache und Politik des Pöbels in einem. Mit diesem Konzept hängt die ochlokratische Vorstellung zusammen, das Menschenrecht sei individuellen Ursprungs. Der Pöbel ist gelebter Individualliberalismus, der sich zum Ego-Anarchismus steigert. Diszipliniert wird er durch Druck, Erpressung, Korrumpierung. Eine verpöbelte Wirtschaft wäre die Unterwerfung des Kapitals durch das Kapitalverbrechen.

III. Phänomenologie des Pöbels

Der Pöbel haßt die Selbstdisziplin, das Opfer, den Helden. Gänzlich fremd ist ihm das herkuleische Bewußtsein, daß man den Augiasstall wirklich ausmisten kann. Der Pöbel riskiert nichts, er ist feige, geistig und körperlich. Sein Pazifismus, die Verachtung der Tugenden des Kriegers, macht den Pöbel kleinlich, sentimental und brutal, also gänzlich unfähig zu jedem wirklich großen Gefühl, unfähig zur Leidenschaft. Die Leidenschaft entspringt der Gemeinschaft, nie der Gesellschaft und schon garnicht ihrem Strukturschutt.

Wer zu keinem großen Gefühl fähig ist, packt auch keine großen Aufgaben an, Charakteristikum der Pöbelherrschaft ist das Durchwursteln und das Tabuisieren der Grundfragen. Alles wird weichgemacht, alles wird geschmiert, aber zum großen Ärger von Pöbelherren und -knechten wird der Schmierstoff knapp. Weil der Pöbel nicht etwa das kleingemachte Volk ist, sondern sein zerkleinerter, moralisch-strukturell zerstörter Teil, ruht er als Beherrscher der Gesellschaft nicht eher, bevor nicht alles andere auch so klein erscheint. Helden darf es nicht geben, aber jeder kann zum Idol gemacht werden: die heroinsüchtige Prostituierte, der Sportgladiator oder der Homosexuelle.

Die Hochburg der westdeutschen Pöbelherrschaft ist Hamburg. Hier läuft z.Zt. eine Propagandakampagne für Aids-Infizierte unter der Parole „Aids fordert unsere Liebe”. Die Partei der möglichen Aids-Infizierten, die Tunten mit ihrem Stoßtrupp der profitierenden Berufe, greift nach der gesundheitspolitischen Priorität und beansprucht ganz schamlos das liebeheischende moralische Vorrecht, auf Kosten der allgemeinen Gesundheit einen Beutezug gegen den öffentlichen Gesundheitsfond zu führen. Die erworbene Abwehrschwäche ist die symbolische Krankheit der Gegenwart. Aids ist eine Verpöbelung des menschlichen Körpers, und Pöbel­herrschaft das Aids des sozialen Körpers. Zweck der Aids-Propaganda ist die Verteidigung der Macht des Pöbels schon in vorderster Linie, und nicht etwa die menschliche Selbverständlichkeit, die Leiden Todgeweihter zu lindern.

Gesellschaftsstrukturen erscheinen oft als unwandelbar und unangreifbar. Ihre Überwindung setzt die Kenntnis und Erfüllung ihrer Entwicklungslogik voraus. Werden die Strukturen vor Vollendung ihrer gesellschaftsgeschichtlichen Aufgaben gleichsam chemisch zersetzt, entsteht keine höhere Struktur, sondern die Barbarei der Strukturlosigkeit. Auch Konstruktionen aus Stahlbeton bedürfen der Schonung und Pflege, sollen sie nicht verrotten und vor der Zeit in Trümmer fallen.

Die Ästhetik des Pöbels ist vollkommen realisiert im Hamburger Schauspielhaus unter Peter Zadek, dem gestattet wird, am deutschen Theater seine Privatrache für Auschwitz zu üben. Allgemein gilt: ästhetische Ochlokratie ist die Herrschaft des Interessanten, weil das Schöne nicht mehr das Gute und das Gute nicht mehr das Wahre ist; wie die Ochlokratie sich von der Demokratie emanzipiert, so ist die Pöbelkunst Befreiung aus der Fessel des Schönen. Selbstverständlich weiß sich auch die Pöbelreligion vom Guten und die Pöbelphilosophie vom Wahren zu emanzipieren. Wirkliche Philosophie sucht nicht die Emanzipation, sondern die Hörigkeit der Wahrheit.

Auf den Weg der spätrömischen Dekadenz ist Westdeutschland schon sehr weit fortgeschritten. Als die Lex Antoniana im Jahre 212 allen Italikern römisches Bürgerrecht verlieh, war das Volk von Rom im wenig heroischen Einheitsbrei der italienischen Bevölkerung aufgelöst, die mit dem römischen Pöbel im Recht auf Frumentierung aus den Staatsspeichern gleichgestellt wurde (panem et circenses). Die orientalischen Despoten auf dem römischen Cäsarenstuhl konnten sich nun auf den gesamtitalienischen Pöbel stützen. Aber bald war die Frumentierung der Massen nicht mehr bezahlbar; zunächst wurde die Ausplünderungspolitik gegen die Provinzen und die innere politökonomische Despotie verschärft, schließlich half auch das nichts mehr und man schritt zur Zwangskolonisierung der Armen und Sklaven: der Weg vom spätrömischen Sozialstaat und seinem erblühten Privatrecht zum Frühfeudalismus, der nicht einmal mehr den Unterschied von privatem und öffentlichem Recht kannte, war durchschritten.

Durch Verdrehung des Ausländerrechts und des (an sich völlig unproblematischen) politischen Asyls zu einem Frumentierungs­recht des internationalen Pöbels hat sich die innere Herrschaft des deutschen Parteienpöbels von der Zustimmung des deutschen Volkes befreit. Am 14. Januar 1988 empfing Hamburgs Bürgermeister das konsularische Korps. Dabei beglückwünschte der russische Generalkonsul den Bürgermeister zur Vertragslösung in der Hafenstraße, wo der KGB mitgesiegt hatte. Herr von Dohnanyi wies stolz darauf hin, daß bereits „60.000 nichtdeutsche Hamburger” in den Mauern der Stadt leben. – Die über hunderttausend Nichteuropäer in Hamburg sind schon heute die eigentliche, von der Meinung der Einhei­mischen unabhängige Macht, deren Herrschaft über Senat und Volk von Hamburg in der Stadt selber überhaupt nicht mehr zu brechen ist, weil sie über geheime, an kein deutsches Recht gebundene Gewaltapparate mit besten internationalen Beziehungen, vor allem auch nach Moskau und zur amerikanischen Ostküste, verfügen.