Die liberalistische Volksrevolution

  1. Das Deutsche Kolleg fordert seit den neunziger Jahren des 20. Jahr­hunderts das Recht auf Arbeit und das Grundrecht an einem unveräußerlichen Mindest­grundstück, und beides für jeden Deutschen. Damit gehören die sozialistische Volks­revolution und die konservativistische Volks­revolution zum programmatischen Kern­bestand des Deutschen Kollegs.
  2. Wir sehen jetzt, im Jahre 2008, mit dem Beginn der Global­krise in der Anfangs­form der globalen Wirtschafts­krise, die weit folgen­reicher zu werden verspricht als die Weltwirtschaftskrise von 1929-1933, den geschichtlichen Zeit­punkt gekommen, unser Programm um die liberalistische Volks­revolution zu erweitern.
  3. Der Zeit­raum vom Anfang der 80er Jahre bis 2008 war eine Epoche der liberalistischen Klassen­revolution. In ihr wurde die Klasse der Liberalen, der Besitzer des Produktionsfaktors Kapital, in jeder von ihr nur gewünschten Art und Weise bevorzugt. Die Klasse der Kapital­besitzer zerriß in der jetzt beendeten Ära alle öffentlichen Gängel­bänder und durchbrach die Schranken, die ihr die außer­ökonomische Zwangs­gewalt des Staates bislang noch auferlegt hatte.
  4. Mit dem Wegfall dieser Beschränkungen wurde die liberale Kapitalisten-Klasse nicht mehr vor sich selbst geschützt. Ihre eigene Zerstörungskraft und Asozialität konnte sich voll entfalten, insbesondere gegen die national organisierten Arbeiterklassen und gegen den nationalen Sozialstaat, der zunehmend in einen antinationalen Liberal- oder Kapitalstaat verwandelt wurde. Dieser globale Sieg der liberalen Klasse mit ihrem revolutionär entfesselten Kapitalismus sprengte den Bereich der volkswirtschaftlichen Nützlichkeit.
  5. Das Zeitalter der neo­liberalen Klassen­revolution ist jetzt zwar definitiv beendet, aber nur negativ. Die da oben können nicht mehr so weiter­machen wie bisher und die da unten wollen es nicht mehr. Das kenn­zeichnet die vor­revolutionäre Lage. Positiv zu überwinden ist die Globalkrise, die weder ökonomisch noch politisch noch ideologisch einen Stein der alten Ordnung auf dem anderen belassen wird, nur durch eine Umkehrung der liberalistischen Revolution aus einer bloßen Klassen­revolution in eine Volks­revolution. Und das allein würde bedeuten, daß nicht bloß die Globalisierung, sondern der Kapitalismus beendet wird. Dieses historische Ereignis wird sich für den einzelnen Volksgenossen darin zeigen, daß er neben dem Recht auf Arbeit und dem Grundrecht (an einer Mindest-Immobilie) auch ein unveräußerliches Mindest-Kapitaleigentum erhält, das so bemessen ist, daß die dem Einzelnen zufließende Dividende die Existenzsicherung in der Höhe des pfändungsfreien Einkommens gewährleistet.
  6. Eine Volksrevolution hebt das Monopol einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft an einem der drei Produktionsfaktoren auf, indem sie diesen Faktor zu gleichen Wertgrößenanteilen auf jeden einzelnen Volksgenossen verteilt und jeden mit einem gleichen Stimmrecht in der Teilhaber-Versammlung des Produktionsfaktors ausstattet. Das Stimmrecht kann unmittelbar oder mittelbar ausgeübt werden. Das vom Stimmrechtseigentümer bei mittelbarer Ausübung erteilte Mandat muß immer imperativ sein. Betrifft die Volksrevolution den Produktionsfaktor Kapital, dann ist sie eine liberalistische Revolution, die das Produktionsmittel-Monopol der Kapitalisten-Klasse beendet und alle Produktionsmittel, sofern sie die Form von Geld- oder Sachkapital angenommen hatten, vergesellschaftet. Vergesellschaftet ist der Produktionsfaktor nur insoweit, als er an die einzelnen Individuen eines Volkes, das als besonderen Stand die bürgerliche Gesellschaft ausgebildet hat, verteilt wurde. Da die Gesellschaft aber nur deswegen eine bürgerliche ist, weil sie einer staatlichen Gemeinschaft unterworfen wurde, ist der (an die einzelnen Volksgenossen) vergesellschaftete Produktionsfaktor Kapital zugleich vergemeinschaftet, weil dieser souveräne geschichtliche Akt von einer reellen Nation, deren Angehörige ausschließlich demselben Volke zugehören, vollbracht wurde. Auf diese Weise wird das Kapital also bürgerlich vergesellschaftet und zugleich national vergemeinschaftet, aber nicht verstaatlicht. Denn die Verstaatlichung der kapitalistischen Produktionsmittel wäre ihre Absonderung von der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt, somit also weder die klassenlose Vergesellschaftung in ihr noch ihre wirkliche Vergemeinschaftung durch den alle Bürger und ihren Staat umfassenden staatsbürgerlichen Verband.
  7. Die liberalistische Volksrevolution als positive Überwindung der Globalkrise, zu der das Monopol einer Klasse am Produktionsfaktor Kapital geführt hat, wird auch die Volksrevolutionen in den beiden anderen Produktionsfaktoren herbeiführen, die durch das Recht auf Arbeit als sozialistisch und durch das Grundrecht (an Grund und Boden) als konservativistisch charakterisiert sind. Volksrevolutionen sichern die Freiheit jedes einzelnen Volksgenossen durch unveräußerliche Rechte (an Boden, Kapital und Arbeit), Klassenrevolutionen dagegen fördern ihre Klassengenossen durch veräußerliche Rechte, also die Erleichterung der Veräußerbarkeit ihrer Faktorgüter.
  8. Ein Gemeinwesen von freien Grundeigentümern, die auf eigner Scholle mit eigner Kraft und eignen Mitteln arbeiten, also Mittelstand (weil im Stande ihrer selbstbenutzten Produktionsmittel) sind, mag zwar konservativ, liberal und sozial genannt werden, den bürgerlich-gesellschaftlichen und parlamentarischen Klassengegensatz von Konservativismus, Liberalismus und Sozialismus aber gibt es in solch einem mittelständischen Gemeinwesen nicht. Es besteht nicht aus Kapitalisten und Proletariern, sondern aus produktionsmittelbesitzenden Arbeitern.
  9. Die Entschädigung für die enteigneten Kapitalisten besteht a) in der Ausstattung mit dem gleichgroßen unveräußerlichen Mindestkapital wie alle anderen freien und gleichen Volksgenossen, b) im eigentumslosen Besitz des übrigen Geld- und Sachkapitals ihrer Unternehmen, das sie als Lehen zur Fortführung ihrer Unternehmen bekommen, falls diese vom Souverän als volkswirtschaftlich erwünscht angesehen werden, und c) in der Resozialisierung in die Volksgemeinschaft, indem sie vom Fluche der Aneignung fremder Arbeit und damit der Ausbeutung befreit werden.




Die Wertrevolution des Kapitals

  1. Das kapitalistische System ist von Beginn an ein Revolutionssystem. Jede Revolution ist die Umkehrung wesentlicher Verhältnisse im Gemeinwesen derart, daß neue und höherstehende Verhältnisse wesensbestimmend werden. Führt die Umkehrung zu alten und tieferstehenden sozialen Verhältnissen, dann liegt eine Konterrevolution vor. Es geschieht aber auch, daß Kräfte, die sich als Revolutionäre verstehen und versuchen, eine Revolution zustande zu bringen, aufgrund der ideologischen Verkürzungen ihrer Theorie und der Primitivität der vorhandenen materiellen Bedingungen nur eine Konterrevolution bewerkstelligen. Dies passierte den russischen Bolschewisten.
  2. Revolutionen im Kapitalismus betreffen die naturale oder die soziable Seite des Gemeinwesens, sie sind technischer oder sozialer Natur. Die ganze reelle Unterordnung der Produktion unter das Kapitalverhältnis besteht aus einer Reihe von technischen Revolutionen der Produktionsprozesse – ausgehend von einfacher Kooperation angeheuerter Massen von Arbeitern über deren Formen von Arbeitsteilung (heterogene und organische), Ausdifferenzierung der Werkzeuge, deren Kombination in der Werkzeugmaschine, die Weiterentwicklung der Werkzeugmaschine zur Kraft- und zur Kraftübertragungsmaschine, eine Geschichte technischer Revolutionen, die gegenwärtig bei der vollautomatisierten (arbeitsersetzenden) Fabrik als Normalform der Produktion angelangt ist und in die Robotik (den Arbeiterersatz) und in die Miniaturisierung bis zur Nanotechnik weiterläuft. Alle diese Prozeßinnovationen waren von Produktneuerungen begleitet, viele davon sog. Killerapplikationen, die sozialstrukturelle Umwälzungen zur Folge hatten und ganze Industrien verschwinden ließen. Diese sozialen Umkehrungen als Folge von technischen Revolutionen waren Revolutionen im Kapitalismus, aber keine Revolution gegen den Kapitalismus und über ihn hinaus.
  3. Auch die Verwertungskrisen des Kapitals, die periodisch auftreten und insgesamt zu Wertrevolutionen von Waren, Geldern und Kapitalien führen, sind Krisen im Kapitalismus und keine gegen ihn. Sie wirken wie Verjüngungskuren des Kapitals: ein großes gesellschaftliches Gesamtkapital wird mehr oder weniger stark verkleinert. Diese Verkleinerung ist dann zugleich eine Verjüngung, wenn die Profitmasse innerhalb gewisser Toleranzen gleich bleibt. Folglich fällt die konstante gesellschaftliche Masse des Gesamtprofits auf ein verkleinertes Gesamtkapital mit der Folge einer vergrößerten Rate des Profits. Das gesellschaftliche Gesamtkapital ist nicht nur verkleinert worden, sondern findet sich wahrhaft verjüngt wieder, weil es auch profitabler wurde und am Markt ein jugendliches Verhalten zeigt, lebhafter und unternehmungslustiger agiert.
  4. Für seine wiedergewonnene Wertabschöpfungskraft muß das gesellschaftliche Gesamtkapital den Preis einer teilweisen Selbstvernichtung entrichten. Dieses war in der Weltwirtschaftskrise von 1929-33 so und ist in der Globalwirtschaftskrise von 2008 ff. nicht anders. Der Unterschied ist nur, daß es damals noch mehr Welthaltigkeit und weniger Globalität gab. Der unmittelbare Auslöser der Wertrevolution des Kapitals ist selbstverständlich der Fall der allgemeinen Profitrate, der aus einer immer vorhandenen Tendenz zu einer akuten Realität wird. Diese Verwertungskrise des Kapitals ist die Eröffnungsphase seiner Wertrevolution. Zu den unmittelbarsten Folgen des Krisenbeginns gehört die sog. Deflation, also der Wertverfall und damit die Preissenkung der Waren und Dienstleistungen. Dies entfernt eine Reihe von Produzenten aus dem Markt und das führt zur sog. Inflation, also erneuten Preissteigerungen, die um so dramatischer ausfallen, je rabiater der Schnitt am gesellschaftlichen Gesamtkapital war. Der Konkurrenzkampf der Kapitalien in der Krise wird in erster Linie darum geführt, welche Einzelkapitalien mit der Vernichtung ihrer Existenz die Verkleinerung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals bewirken müssen.
  5. Ein Unterschied der Weltwirtschaftskrise 1929 von der Globalwirtschaftskrise 2008 besteht in Hinsicht auf die Modalabteilungen des Gesamtkapitals darin, daß die Krise damals als Börsenkrise, also im Handel mit Aktien, mit Anteilen an Realkapitalien, begann, diesmal aber mit dem Zusammenbruch oder der Verstaatlichung von Immobilienbanken eröffnete, die mit Fiktivkapitalien, also mit den bloß vorgestellten Marktwerten von Grundstücken, handeln. Darin spiegelt sich der Geist der Globalisierung als totalitäre Zerstörung der Welt und des Weltmarktes wider und von der technischen Seite her die Virtualität, auf die das globalisierende Wirtschaften als totalitäre Verabsolutierung der Freihandelsdoktrin sich stützt.
  6. Der ununterbrochene Strom der Einwanderung von Arbeitskräften war die Grundbedingung für die riesige Immobilien-Spekulationsblase, deren schließliches Platzen die gegenwärtige Globalkrise ausgelöst hat. Ein aggressiver Immigrationismus der Herrschenden, der jede Fremdenfeindlichkeit der Einheimischen streng unterdrückt hat, um als Folge der Einwanderung die permanenten Steigerungen der Immobilienpreise aufrechtzuerhalten, bildete die Grundlage der ganzen Kreditaufblähung. Die ging so weit, daß sie selbst Konsumkredite für eigenkapitallose amerikanische Hauserwerber einschloß. Alle Staaten, die zu den Gewinnern der Globalisierung gehören wollten, stützten ihre Konjunkturförderung auf das Fiktivkapital der ständig steigenden Immobilienpreise. Deren Kehrseite ist aber
    • der nachhaltige Kaufkraft- und Wohlstandsverlust für die proletarischen und subproletarischen Schichten einschließlich der mittleren Einkommensschichten dank steigender Wohnungsmieten und Hauspreise und
    • die Lohnsenkungen an den Immigrations-Arbeitsmärkten wegen ständig steigendem Arbeitskräfte-Angebot.

    Beide Folgen der durch Fiktivkapital gestützten Kreditüberdehnung beschleunigen die Tendenz zur Verelendung im Kapitalismus ungemein. Das Spekulantentum, die Wechselreiterei und der altbekannt Leibhaftige, der schachert und wuchert bis zum Pogrom, machen die kapitalistische Produktionsweise elend und schießen sie sturmreif. Zusammen verstärken sie die grundlegende Ursache aller kapitalistischen Krisen, nämlich den Gegensatz zwischen der gewachsenen Produktivkraft und der Konsumbeschränkung der Massen. Das Produktionsverhältnis wird von seinen irregulären Zirkulationsverhältnissen zunehmend gedrosselt und irgendwann auch erdrosselt.

  7. Es gibt kein Marktversagen. Die Krise ist der Beweis, daß der Markt funktioniert. Gleichwohl gibt es ein großes Verbrechen der Marktideologen, die Wirtschaft überhaupt als Marktwirtschaft zu bestimmen oder deren vollständige Durchsetzung in der sozialen Wirklichkeit zu verlangen, denn das ist die Aufforderung zum Selbstmord der Völker. Völker an sich sind schon immer eine Eigenwirtschaft und werden es bleiben. Den Markt, so sehr er sich auch marktschreierisch in den Vordergrund drängen mag, brauchen die Völker und ihre Eigenwirtschaften nur zur Ausgleichung von Überschüssen und Unterschüssen. Der Kern jeder Wirtschaft ist Eigenwirtschaft, die eine Marktwirtschaft als Hülle oder Rand oder Spielbein betreibt. Die gegenwärtige Globalwirtschaftskrise ist auch eine globale Ideologiekrise, die die falschen Begriffe der liberalistischen Vulgärökonomen zum Vorschein bringt.
  8. Der Finanzsektor ist keine Finanzindustrie, denn er produziert nichts. Daher kann es auch keine Finanzprodukte geben. Eine allgemeine Verteuerung der Waren und Dienstleistungen ist keine Inflation und ein Nachgeben der Preise auf breiter Front keine Deflation. Inflation ist die Vermehrung einer nicht goldgedeckten Währung bei gleichbleibendem Umfang der marktwirtschaftlichen Produktionen und Zirkulationen, Deflation ihre Verminderung. Eine Kapitalsammelstelle ist keine Investmentbank, weil keine Bank. Ein Bankkapital ist die Vereinigung von Geldhandlungskapital mit zinstragendem Kapital, seine Kernoperation die Verwandlung von zur Aufbewahrung eingesammeltem Geld in ausleihbares Kapital. Vereinigt sich diese Metamorphose von Geld in Kapital mit industriellem Kapital, kann man von Finanzkapital sprechen. Die Verschmelzung von Finanzkapital mit dem fiktiven Immobilkapital oder dem ebenso fiktiven Kapital, das im Preis von Staatsschuldpapieren steckt, bringt ein echtes Monopolkapital hervor, das auch im großen Stil Krieg führen kann, z.B. in Afghanistan oder im Irak.
  9. Die Globalwirtschaftskrise wird sich zur globalen Politik- und Ideologiekrise ausweiten. In deren Gefolge wird es den Völkern als den Subjekten der Geschichte und insbesondere der Revolutionen hoffentlich gelingen, den Kapitalismus und alle anderen Ausbeutungssysteme zu überwinden. Wünschenswert wäre die rasche vollständige Zerschlagung der totalitären Ideologie der Globalisierung und die Rückkehr zur Welthaltigkeit der sozialen Systeme. Die Weltwirtschaft ist das organische System der Nationalökonomien aller Völker.
  10. Es gibt im Gange der ökonomischen Gesellschaftsformationen keine plötzliche Gesamtbeseitigung der veralteten Gestalt durch die neue, sondern nur die schubweise Marginalisierung der antiquierten Form. Die Wertrevolutionen des Kapitals sind nicht die endgültige Weltrevolution gegen das Kapital. Letztere ist bei ihrem ersten unreifen Versuch von 1933-45 der vereinigten militärischen Konterrevolution der kapitalistischen und kommunistischen Mächte zum Opfer gefallen. Aber solch grundstürzende Revolution muß wiederholt werden, damit die Menschheit nicht den falschen Eindruck behält, dies sei bloß ein historischer Zufall gewesen.




Zwei Katastrophen des Westblocks

Im Jahre 2008, vierzig Jahre nach 1968, hat der von Amerika geführte West­block zwei Ka­tas­trophen erlebt, von denen er sich hoffent­lich nicht wieder erholen wird. Zumindest dürfen alle National­re­vo­lu­tionäre und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Sozial­re­vo­lutionäre nach vierzig­jähriger Wüsten­wanderung wieder Hoffnung schöpfen, daß der West­block dem Ost­block auf den Müll­haufen der Geschichte bald nachfolgen werde. Ist doch der West­block im Jahre 08 aufs mili­tärische Haupt geschlagen und ins finanzielle Herz gestoßen worden.

Die erste Ka­tastrophe für den West­block war der russische Sieg im Georgien­krieg. Am zweiten Kampf­tag hatte Rußland diesen Krieg durch Er­oberung des Schlacht­feldes für sich entschieden und drei weitere Tage lang zerstörte die russische Wehr­macht die von der Nato (als „konkrete Bei­tritts­perspektive“) bereits auf­gebauten militärischen Anlagen in Rest­georgien. Nach fünf Tagen erklärte Rußland den Krieg für beendet. – Der klas­sische Staaten­krieg als Fort­setzung der Politik mit anderen Mitteln, als Erzwingung eines zu Gunsten des Siegers modifizierten Friedens, hatte eine glanzvolle Rückkehr auf die Bühne der Weltpolitik erlebt. Das ganze Ge­rede des West­blocks über das Ende der National­staaten, der nationalen Kriege und der nationalen Ökonomien ist als hohles Wunsch­denken bloßge­stellt. Der asymmetrische Krieg zwischen kleinem und großem Terror, den es an­geb­lich künftig nur noch geben sollte, hat bis heute nichts ent­schieden, wohl aber hat die klas­sische deutsche Blitz­kriegs­strategie, die Rußland gegen den Nato-Kandidaten Georgien so erfolgreich an­wandte, eine de­fi­ni­tive rote Linie gegen die USA und ihr Aggressions­bünd­nis Nato ge­zogen.

Auf den heißen August folgte ein kalter Sep­tember. Die Glo­bal­wirt­schafts­kri­se begann ganz klassisch in Neu­jork und öffnete ihren kapital­verschlingenden Schlund wie 1929 mit auf­se­hen­er­re­gen­den Ban­ken­zu­sam­men­brü­chen. US-Banken werden kurzer­hand ver­staat­licht. Ein durch neue Staats­­ver­schul­dung auf­zu­brin­gen­der Ret­tungs­fond von 700 Milliarden Dollar (die aber längst nicht ausreichen werden) soll zur Stabilisierung des Finanz­marktes Schrott­papiere aufkaufen. Der amerikanische Finanz­minister, vormals Chef von Goldmann-Sachs, einer sog. Investmentbank, soll über­parlamentarische und übergerichtliche diktatorische Voll­machten in der Ver­aus­gabung des Rettungs­fonds erhalten. Der Kapitalismus hat zum Faschismus geführt, zur offenen Diktatur des Finanzkapitals.

Die amerikanische Nieder­lage in Georgien, also auch der Strategie des indirekten Krieges gegenüber der von Rußland angewandten klassisch-europäischen Blitz­kriegs­strategie mit schneller friedens­stiftender Ent­scheidung, läutete das Ende des ju­däo-ame­ri­ka­ni­schen Im­periums zuerst auf militärischem Gebiet ein, um un­mittelbar danach mit der Kernschmelze des US-Finanz­systems den Beginn des Nieder­ganges der USA auch auf wirtschaftlichem Gebiet anzuzeigen. Das hat nun selbst der treueste US-Vasall bemerkt. Der BRD-Finanz­minister verkündete am 25. September dieses wunderbaren Jahres im Parlament: “Die USA werden ihren Status als Super­macht des Welt­finanz­systems verlieren.”




Der 17. Juni 1953

  1. Vor 50 Jahren, am 17. Juni 1953, begannen in Mittel­deutschland zahlreiche Auf­stände. Zunächst als De­monstrationen der Bau­arbeiter gegen die Erhöhung von Arbeits­normen, entwickelten sich diese Arbeiter­unruhen rasch zu einem allgemeinen Volks­aufstand für die deutsche Ein­heit und Frei­heit und gegen die kommunistische Lager­verwaltung des von der sowjetischen Besatzungs­macht eingerichteten mittel­deutschen Reichs­zer­teilungs­regimes DDR. Mit diesem Regime hatte die Sowjet­union auf das amerikanische Völkerrechts­ver­brechen BRD reagiert.
  2. Der Volks­auf­stand von 1953 reiht sich in eine lange Geschichte deutscher Freiheitskämpfe ein:
    • im Jahre 9 unter Hermann dem Cherusker gegen die römischen Besatzer,
    • 1291 der Aufstand der Schweizer (Wilhelm Tell) gegen Habsburg,
    • 1525 in der Reformationsbewegung und im Deutschen Bauernkrieg,
    • 1809 im Aufstand der Tiroler unter Andreas Hofer gegen Napoleon,
    • 1813 im Befreiungskrieg gegen die Napoleonischen Heere,
    • 1848 in der Paulskirchenbewegung,
    • 1933 in der nationalsozialistischen Revolution und der Befreiung des Deutschen Volkes vom Freihandel,
    • 1967/68 von der werktätigen Intelligenz getragene Aufstände in Westberlin und in der Westzone gegen den Kapitalismus, den US-Imperialismus und insbesondere gegen den Vietnamkrieg,
    • 1989 in den Montagsdemonstrationen gegen das mitteldeutsche Reichszerteilungsregime und
    • 1992 in den Volksaufständen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen gegen die ausländischen Zivilokkupanten.
  3. Der mittel­deutsche Auf­stand vom 17. Juni 1953 hat die Siegermächte dazu veranlaßt, ihr militärisches Besatzungs­gebiet im Deutschen Reich zu verkleinern und miteinander den österreichischen Staats­vertrag von 1955 zu schließen. Dadurch wurde Österreich zur militärisch unbesetzten Zone des Deutschen Reiches, wohingegen das Alt­reich in Vertreibungs-, Annektions- und Besatzungszonen (Ost- und Westzone) zerstückelt blieb.
  4. Aus­gerechnet die BRD-Funktionäre, die bis heute noch keinen einzigen Aufstands­versuch gegen ihre Besatzungs­macht unter­nommen haben, besaßen die Un­verfroren­heit, den 17. Juni zum „Tag der deutschen Einheit“ zu erklären, und zwar zu dem einzigen Zweck, ihr Reichs­zerteilungs­regime und seine Besatzer gegenüber dem mittel­deutschen als moralisch überlegen dar­zustellen und Stalins Wieder­vereinigungs­angebote vergessen zu machen, also die Teilung zu verewigen.
  5. Am 3. Oktober 1990 wurde die Ost­zone an die West­zone angeschlossen, der 17. Juni als Feier­tag aufgehoben und der 3. Oktober zum Feiertag erklärt: Tag des Triumphes der westlichen Kollaboration über die östliche. Carl Schmitt hatte das den Hoch­mut der Lack­stiefel­lecker gegenüber den Filz­stiefel­leckern genannt.
  6. Die BRD heute ist schlimmer als die DDR 1953, weil die kommunistischen Hoch- und Landesverräter keine zivile Ausländerinvasion zusätzlich zur militärischen herbeigeführt haben und nicht das ganze Deutsche Volk zu zerstören versuchten, wie es die heutigen kapitalistischen Hoch- und Landesverräter der BRD tun.
  7. Die provisorische Schnellbeseitigung der DDR war ihr Anschluß an die BRD, die vorläufige Schnellentsorgung der BRD wird ihr Anschluß an Österreich sein; eine Möglichkeit, das österreichische Reichszerteilungsregime (BRÖ) unschädlich zu machen, ist sein Beitritt zur Eidgenossenschaft.
  8. Die Bedingungen des Aufstandes sind gegeben. Eine Revolution ist herangereift, „wenn ‚die oben’ nicht mehr können und ‚die unten’ nicht mehr wollen“ (Lenin).
  9. Das Deutsche Kolleg, als Denkorgan der Deutschen Reiches, stellt fest: Die bisherigen Aufstände des Deutschen Volkes für Freiheit und Selbstbestimmung haben noch nicht zum Ziel geführt. Das Deutsche Kolleg fordert alle Deutschen, die es noch sein wollen, auf, jetzt den Allgemeinen Volksaufstand nach dem Vorbild des 17. Juni 1953 und des 9. November 1989 zu wagen, die schreckliche, die kaiserlose Zeit zu beenden und die bisherigen deutschen Freiheitskämpfe durch einen endgültigen Sieg zu krönen.
  10. Der Allgemeine Volksaufstand ist dann siegreich beendet, wenn das Deutsche Volk sich in einer Ordnenden Reichsversammlung eine neue Verfassung gegeben hat, alle Reichszerteilungsregime abgewickelt sind, die ausländischen Eroberer und ihre zivilen Ersatzbesatzer das Land verlassen haben und die Kollaborateure von dem Reichsgericht in Leipzig wegen Hoch- und Landesverrat abgeurteilt worden sind.
  11. Jeder Deutsche besitzt alle Rechte des Deutschen Reiches einschließlich der Souveränität und des Rechts zum Kriege bis zu dem Tage, an dem das Deutsche Reich durch besondere Staatsorgane wieder handlungsfähig wird.

Gott schütze unser Deutsches Volk!




Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968

Angesichts des anhaltenden Mißbrauchs, der in Deutschland von Funktionären und Propagandisten der Fremdherrschaft über das deutsche Volk im besonderen wie der globalimperialistischen Kapitalherrschaft über die Völker der Welt im allgemeinenmit dem Mythos von 1968 betrieben wird, sehen die Unterzeichner sich zu folgender Erklärung veranlaßt, um nicht nur als Zeitzeugen, sondern auch als damals geschichtlich handelnde Personen gegenüber den Nachgeborenen und der Geschichtsschreibung klarzustellen, daß die Bewegung der Jahre um 1968 weder für Kommunismus noch für Kapitalismus, weder für drittweltliche oder östliche noch für westliche Wertegemeinschhaft aufstand, sondern allein für das Recht eines jeden Volkes auf nationalrevolutionäre wie sozialrevolutionäre Selbstbefreiung. Schon garnicht stehen wir für irgendeine Parteipolitik, für Parlamentarismus, für rot-grüne Regierungskoalitionen, für Demokratie als politischen Kapitalismus, und erst recht haben wir nichts zu schaffen mit Liberalismus, Konservativismus oder Sozialismus im Sinne einer Klassenherrschaft innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Die 68er Bewegung steht nicht für die Amerikanisierung der Welt, nicht für die Zerstörung der Völker und der Familien durch Kommerzialisierung von allem und jedem, nicht für die Ausbreitung von Job-Mentalität, schlechter Musik, Pornographie, Rauschgift, Kapital, Verbrechen und Kapitalverbrechen, – sie steht für das Gegenteil.

Artikel 1

Die Kulturrevolution von 1968 war die erste Weltrevolution gegen den Kapitalismus. Sie wurde getragen von der Jugend der industriell entwickelten Länder, nicht von der Arbeiterklasse, nicht vom Mittelstand, nicht von der Bourgeoisie oder der Bürokratie.

Artikel 2

Das Jahr 1968 bezeichnet den ersten Aufstand für das Reich der Freiheit. Den Ausgangspunkt dieses Aufstandes bestimmte Rudi Dutschke schon 1965: „Die tendenziell völlige Arbeitslosigkeit muß für uns … der Fixpunkt sein. Von diesem Endziel … des technologischen Prozesses her muß sich unsere Strategie konstituieren“. Am 5.9.1967 postulierten Krahl/Dutschke für den Aufstand eine Ausgangslage, in der „die Herrschenden die Massen ernähren müssen“.

Artikel 3

Das deutsche `68 war nach 1945 der zweite deutsche Aufstand gegen eine Besatzungsmacht, der wie der 17. Juni 1953 seinen Schwerpunkt in Berlin hatte. (Das Hauptgefechtsfeld war von der Stalinallee auf den Kurfürstendamm verlegt.) Nach Johan Galtung war die deutsche Marx-Renaissance nach ’68 „eine Unabhängigkeitsbewegung“ (Leviathan 3/83,325) des teutonischen Denkstils gegen den angelsächsischen.

Artikel 4

Das deutsche ’68 war der zweite deutsche Revolutionsversuch gegen die Weltherrschaft des Kapitals. Deswegen wurde es als „linker Faschismus“ tituliert.

Artikel 5

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) spielte eine der Jenenser Urburschenschaft vergleichbare Rolle als nationalrevolutionärer Initiator. Der zu Beginn der 70er Jahre sich bildendende Waffen-SDS (Rote Armee-Fraktion) setzte die Tradition eines Karl Sand, eines Major von Schill und eines ernsthaften Waffenstudententums fort. In der tragischen Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer traf der Waffen-SDS einen SS-Mann, der die Position der nationalrevolutionären Volksgemeinschaft zugunsten derjenigen des Anführers eines Klassenkampfverbandes verraten hatte.

Artikel 6

Was für die nationalrevolutionäre Burschenschaft des frühen l9. Jahrhunderts das Jahr 1848, das war für den nationalrevolutionären SDS das Jahr 1989: eine Bestätigung des eingeschlagenen Weges zur Volkssouveränität und eine steckengebliebene Volksrevolution. Wurde nach 1848 die völkische Wiedervereinigung des Deutschen Reiches durch die antivölkische Restauration der dynastischen Herrschaften verhindert, so hat ab 1990 das Parteiensystem als Vogtei der Fremdherrschalt durch einen Verfassungsstreich seine Kollektivdiktatur in Deutschland konserviert.

Artikel 7

In der 68er Bewegung sind zwei nationalrevolutionäre Flügel entstanden, die Neue Linke und die Neue Rechte. Erstere legte ihre Hauptstoßrichtung gegen den Amerikanismus fest, letztere gegen den Sowjetismus. Die Neue Rechte hat ihr Nahziel erreicht und wendet sich zunehmend gegen den Amerikanismus und Kapitalismus, so daß eine Wiedervereinigung dieser beiden nationalrovolutionären Flügel stattgefunden hat. Nur dieses Neue hat den 68er Mythos erzeugt, hat Kunst und Kultur inspiriert. Das 68er Theorieprogramm hat den Deutschen Idealismus fortgesetzt, hat die Anstrengung des Begriffs auf sich genommen, die Welt von Gott her zu denken. Die Idee einer Internationale der Nationalrevolutionäre wurde im Februar 1968 auf dem Berliner Vietnamkongreß gefaßt, der die Aufgabe hatte, „Keimformen einer europäischen Befreiungsfront zu legen, um die Großmächte und ihre Kollaborateure aus Zentraleuropa zu drängen“ (Bernd Rabehl, 6.12.98).

Artikel 8

Im Jahre 1968 wurde nicht nur das Neue und mit ihm der Mythos geboren, sondern geriet auch das Alte, auch Liberalismus und Konservativismus, auch reaktionäre Linke und reaktionäre Rechte, in Bewegung, und das Veraltete hatte, wie häufig in der Geschichte, eine destruktive Mehrheit. Diese Kräfte haben sich sämtlich von der 68er Bewegung später distanziert oder sie verflachend und verfälschend exploitiert oder dämonisiert. Die Krone der Verfälschung und des Verrats ist die Darstellung der rot-grünen Regierung als Machtantritt der 68er Ideen.

Artikel 9

Jede Nation, die nicht untergehen will, wird ihre Staatsverfassung wie ihre Sozialstruktur immer wieder der Revolution unterziehen, also der Umkehrung ihrer wesentlichen Verhältnisse dergestalt, daß neue und höherstehende Verhältnisse wesensbestimmend werden. Auch die Links-Rechts-Unterscheidung in der politischen Willensbildung tritt ständig neu auf. Denn jede Politik hat es mit Rechten der Personen, ob Einzelne oder Gemeinschaften, zu tun. Die rechte Politik will diese Rechte verteidigen oder zurückholen. Diese Rechte sind aber nur ins Dasein getreten durch eine politische Linke, die ihre Entstehung zuerst gefordert und ihre Schaffung und Gewährung schließlich durchgesetzt hat.

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Jahresende 1998

Horst Mahler (SDS)  * Günter Maschke (SDS) * Reinhold Oberlercher (SDS)




Der Sinn einer konservativen Revolution

Henning Eichberg schrieb vor einiger Zeit in der Zeit­schrift „Wir selbst“ über den „Unsinn der Konser­vativen Re­volution“, wobei er richtig fest­stellte, daß diese Wort­montage in der begriff­losen Ver­wendungs­weise, die heute üblich ist, „keinen Erkenntnis­gewinn“ bringe und nur wieder einmal er­mög­liche, von Volk und Nation zu schweigen. Er verwies dabei auch auf das Re­habilitierungs­ziel, das Armin Mohler 1950 mit der Wieder­ein­führung des Namens „Kon­ser­vative Re­volution“ für die breite literarische Strömung der Zwischen­kriegs­zeit ver­folgte. Eich­berg selbst schloß sich der richtigeren Bezeichnung „Neuer Nationalismus“ an, die schon Eigen­bezeichnung gewesen war, von Stefan Breuer 1993 in seinem Buch „Anatomie der Konservativen Revolution“ wieder in Vor­schlag gebracht und vom „Ver­fas­sungs­schutzbericht Hamburg 1995″ (S.54) übernommen wurde.

Die ideen­geschicht­liche Be­zeichnung „Kon­ser­vative Re­volution“ ist andrerseits nicht un­sinniger als jeder andere Name für eine Geschichts­epoche: Unter Karl dem Großen und Otto dem Großen ist ebenso­wenig das römische Imperium wieder auf­erstanden wie in der Renaissance die Antike wieder­geboren wurde oder im Ab­solutismus irgendetwas absolut war; auch die traurigen Er­eignisse von 1789 ff. waren keine Revolution, sondern eine bornierte Standes­revolte, die bald in Terror und Größen­wahn umschlug.

Der Konservativismus

Wie der politische Sozialismus so ist auch der politische Konservativismus in Deutschland im Jahre 1848 in die geschichtliche Erscheinung getreten. Der 1848 in Berlin gegründete Verein zur Wahrung der Interessen des Grundbesitzes, der sein Sprachrohr in der Kreuzzeitung („Neue Preußische Zeitung“) hatte, war die erste konservative Partei in Deutschland, – ganz ebenso, wie die Arbeitervereine die erste soziale Partei und die Kapitalbesitzervereine die erste liberale Partei waren. Die drei politisch-ideologischen Hauptströmungen der parlamentarischen Systeme – Konservativismus, Liberalismus und Sozialismus – haben sich also im historischen wie im systematischen Sinne an den drei Hauptfaktoren der ökonomischen Produktion kristallisiert: an Boden, Kapital und Arbeit. Daher gilt das Gebot: Vom Konservativismus soll schweigen, wer von Immobilien nicht reden mag. Denn eine konservative Reform des Gemeinwesens ist, vor allem anderen, eine Bodenreform. Also bedeutet eine politisch-konservative Revolution eine Bodenrechtsrevolution. Konservative Revolutionen haben also immer dort Sinn, wo Revolutionen des Bodenrechts sinnvoll sind.

Die Revolution

Leider Gottes sind unsere zahlreichen Autoren über, für und gegen die „Konservative Revolution“ allesamt folgsame Schüler des Mephisto, denen schnell ein Wort sich einstellt, wo ihnen der Begriff fehlt. Und sie haben nicht nur keinen Begriff des Konservativismus, sondern erst recht keinen der Revolution. Daher hier ein Merksatz aus dem „ABC der politischen Begriffe“ (Staatsbriefe 6/94): Revolutionen sind Umkehrung eines wesentlichen Verhältnisses im Gemeinwesen, so daß ein neues und höherrangiges Verhältnis wesen- bestimmend wird.

Beispiele für erfolgreiche und alltäglich gewordene Revolutionen sind etwa die Findung des Geldes durch Umkehrung der totalen Wertform in die allgemeine Wertform oder auch die Erfindung des Kapitals durch Umkehrung der Umlaufmittelfunktion des Geldes in seine Umlaufzweckfunktion.

Klassengegensätze

Weil der Konservativismus historisch und systematisch am Produktionsfaktor Boden sich festmacht und also eine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft bezeichnet, ist er sinnvoll verwendbar nur gemeinsam mit seinen beiden Gegenklassen des Liberalismus und des Sozialismus, die sich an den Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit verorten. Allerdings fixiert sich die Unterscheidung Konservativismus-Liberalismus-Sozialismus nicht an den Produktionsfaktoren überhaupt, sondern nur an ihren Verteilungsfaktoren. Ein Gemeinwesen von freien Grundeigentümern, die auf eigner Scholle mit eigner Kraft und eignen Mitteln arbeiten, also Mittelstand weil im Stande ihrer Mittel sind, mag zwar konservativ, liberal und sozial genannt werden, den bürgerlich-gesellschaftlichen und parlamentarischen Klassengegensatz von Konservativismus, Liberalismus und Sozialismus gibt es in solch einem mittelständischen Gemeinwesen nicht.

Der Verteilungskampf

Konservativismus existiert also nur in den Zeiten relativer Monopolisierung von Grund und Boden in den Händen einer konservativen Klasse, so daß bodenlose oder bodenarme Gegenklassen zur Erhaltung ihres Lebens oder ihres eigenen Produktionsfaktors den Mangel durch Erwerb am Faktormarkt gegen Hergabe eines von ihnen relativ monopolisierten Gegenfaktors (wie Arbeit oder Kapital) ausgleichen müssen.

Die Konservativen sind also Angehörige einer Klasse, die im Verteilungsschema der bürgerlichen Gesellschaft ständig liberalistische und sozialistische Faktorgüter in sich aufnehmen, auch, um ihren Zustand als Konservative zu erhalten. Der Konservative muß also Klassenkämpfer sein und Klassenkampfverbände – konservative Parteien und Grundeigentümerverbände – bilden, um den Verteilungskampf mit den Verbänden der Liberalisten, Sozialisten und Konsumisten zu bestehen.

Die Veräußerbarkeit

Konservative Revolution ist nicht weniger sinnvoll als liberale oder soziale Revolution. Revolutionen von Produktionsverteilungsfaktoren sind Umkehrungen von Verhältnissen der Verteilung von Produktionsfaktoren. Verteilungsfaktoren ist wesentlich, daß sie von ihren Besitzern an ihre Nichtbesitzer verteilt werden. Der Faktor als noch zu verteilender ist veräußerlich, als bereits verteilter ist er unveräußerlich – weil produktiv – geworden. Revolutionen auf dem Verteilungskampfplatz der bürgerlichen Gesellschaft sind Umkehrungen zwischen Ver- und Unveräußerbarkeit und der Minimal- und Maximalgrößen beider. Grundmuster aller Revolutionen in diesem Sektor des Gemeinwesens ist, daß die Verteilungsfaktoren gänzlich oder teilweise veräußerlich oder unveräußerlich sein sollen, damit jeder Klassen- bzw. Volksgenosse allezeit ein Konservativist, ein Liberalist oder ein Sozialist werden oder bleiben kann.

Volksrevolutionen im neuen Reich

Revolutionen im Verteilungsschema de bürgerlichen Gesellschaft sind also: Veräußerbarkeits-, Unveräußerbarkeits-, Klassen- und Volksrevolutionen in allen vier Faktoren, so daß die bürgerliche Verfassung eines Volkes sechzehn gesellschaftliche Revolutionsarten kennt.

Die Geschichte bietet eine Fülle empirischer Belege, einer sei nur herausgegriffen: Die Unveräußerlichkeit der Person seit Beginn des Mittelalters im 5. Jahrhundert war eine sozialistische Volksrevolution, die den Totalverkauf der Arbeitskraft und damit die Selbstversklavung unmöglich machte. Auf dieser sozialistischen Volksrevolution beruht also das christliche Abendland.

Das für das Vierte Reich geplante Grundrecht (Art. 3,1 RVerfE) ist die Konservative Volksrevolution der Unveräußerbarkeit von Mindestgrundstücken, das Recht auf Arbeit (Art. 15,3 RVerfE) die Sozialistische Volksrevolution der Veräußerbarkeit von Mindestarbeitskraft. Der weltweite freie Kapitalverkehr hingegen ist eine völkerzerstörende Liberale Klassenrevolution, sie ist die kapitalistische Weltrevolution der Gegenwart.

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Das Gesetz des Nomadentums

Das Ge­setz, nach wel­chem die Moderne auf­ge­stie­gen und wie­der ab­ge­stie­gen ist, folgt der Lo­gik des No­ma­den­tums. Die­se Lo­gik – die No­ma­do­lo­gie – ist ei­ne Lo­gik der Ge­gen­ge­schich­te, ei­ne An­ti­his­to­rik. Die letz­te, sich stolz als ihr ei­ge­nes Pro­jekt pro­kla­mie­ren­de Mo­der­ne war ein Sieg des No­ma­den­tums über das Bau­ern­tum. Die­ser Zu­sam­men­hang, im Prin­zip seit ei­nem Jahr­hun­dert be­kannt, wird seit 1945 tot­ge­schwie­gen, weil ihn als ers­ter Adolf Wahr­mund, ein Klas­si­ker der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, in sei­nem Buch „Das Ge­setz des No­ma­den­th­ums und die heu­ti­ge Ju­den­herr­schaft“ von 1887 über­zeu­gend dar­ge­legt hat. Wahr­mund lie­fert dar­in ei­ne weit­hin plau­si­ble Er­schei­nungs­leh­re des No­ma­dis­mus in po­li­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und li­te­ra­ri­scher Hin­sicht. Sei­ne Schrift steht über dem Durch­schnitt der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, weil der Au­tor sein Schwer­ge­wicht auf den Be­griff des No­ma­dis­mus statt auf den des Se­mi­tis­mus oder Ju­da­is­mus legt. Das an­ti­se­mi­ti­sche Schrift­tum be­trach­tet in der Re­gel die mo­ra­li­sche Ver­werf­lich­keit der Ju­den vom Stand­punkt christ­li­cher und an­de­rer se­ßhaf­ter Völker, gibt aber kei­ne Dar­stel­lung der in­ne­ren Da­seins­rä­son ei­nes glo­bal um­her­schwei­fen­den ori­en­ta­li­schen No­ma­den­vol­kes aus den Ge­ge­ben­hei­ten die­ser Le­bens­wei­se.

Nomadismus und Moderne sind verschwistert. Modern ist alles, was beweglicher als früher ist ­kleiner, handlicher, leichter transportierbar. Die turanischen Viehnoma­den haben noch bis zum 13. Jahrhundert ihre Jurten auf Ochsenkarren gesetzt und befördert; danach wurde die leicht zerlegbare Scherengitter-Jurte eingeführt, deren Teile auf Zaumtiere gebunden werden und die den Ochsenkarren bäuerlicher Her­kunft überflüssig macht. Dadurch wurde der nomadisierende Stamm moderner, seine Bewegungen also leichter und schneller, die militärische Schlag­und Flieh­kraft größer. Die Literaturlage zum Problem des Viehnomadismus besagt, daß er eine bloße Sekundärerscheinung ist und keine eigene Entwicklungsstufe. Den Über­gang vom Jäger­und Sammlerdasein zum seßhaften Ackerbau nennt man neolithi­sche Revolution. Das Verhältnis des Nomadismus zum Ackerbau wäre folglich als „anti-neolithische Konterrevolution“ zu kennzeichnen. Als Jäger und Sammler sind die Menschen vorgeschichtlich, als Ackerbauern geschichtlich und als Nomaden ge­gengeschichtlich.

Die vor kurzem abgeschlagene Moderne dachte von 1789 und 1917 her endge­schichtlich und daher ebenfalls antihistorisch; sie war nicht der erste Nomaden­sturm, den Europa auszuhalten hatte, und sie wird nicht der letzte gewesen sein. Die symbolische Liquidierung von 2000 Jahren abendländischer Geschichte durch Wiedererrichtung des Judenstaates in Palästina war die größte Gegengeschichte, die die Welt gesehen hat. Bis zuletzt hat der Judenstaat versucht, den wiederaufge­nommenen Gang der Geschichte zu stoppen und die Einheit von West- und Mittel­deutschland zu verhindern. Die unmittelbare Aufgabe, vor der Europa jetzt wieder einmal steht, ist die Entsteppung und Entwüstung seiner alten Kulturlandschaften und die Auflösung der Massengesellschaft, d.h. die Rückverwandlung von Bevölke­rung in Volk.

Lo­gi­scher Ge­halt der jung­stein­zeit­li­chen Re­vo­lu­ti­on ist die Um­keh­rung ei­nes we­­sent­li­chen Ver­hält­nis­ses zwi­schen Mensch und Er­de. We­sent­li­ches Ver­hält­nis zwi­­schen Mensch und Er­de ist das Ar­beits­ver­hält­nis. Die Er­de als Gan­ze ist dem Men­­schen im­mer Her­stel­lungs­mit­tel. Im Ver­hält­nis zur mensch­li­chen Ar­beit kön­nen die Her­stel­lungs­mit­tel ent­we­der Ar­beits­ge­gen­stän­de oder Ar­beits­mit­tel sein. Die Er­d­o­ber­flä­che ist für den Jä­ger und Samm­ler Ar­beits­ge­gen­stand, dem er, als Er­geb­nis sei­nes Tuns, Beu­te und Fund ent­rei­ßt. Die Ar­beit liegt im Zer­tren­nen ei­nes na­tur­ge­­ge­be­nen Zu­sam­men­hangs, er ist ihr Ge­gen­stand. Die­ser Zu­sam­men­hang, die Er­de als Ar­beits­ge­gen­stand, be­steht für den Fi­scher wie für den Berg­mann. In der Jun­g­stein­zeit kehrt sich das Ver­hält­nis um, das mensch­li­che Ar­beit und Erd­ober­flä­che zu­ein­an­der ha­ben: Es voll­zieht sich die Ver­wand­lung der Er­de aus ei­nem Ar­beits­ge­­gen­stand in ein Ar­beits­mit­tel. Ih­re Lauf­bahn als Ar­beits­mit­tel be­ginnt die Er­de aber nicht in der Ge­stalt ei­nes ge­hand­hab­ten Werk­zeu­ges, son­dern als be­dien­te Ma­schi­­ne, als ein vor­ge­fun­de­ner und zu­nächst kaum ver­stan­de­ner Wirk­zu­sam­men­hang. Die neo­li­thi­sche Re­vo­lu­ti­on mün­det da­her auf zwang­lo­se Wei­se in die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, wel­che es end­lich schafft, im­mer mehr vor­han­de­ne Ma­schi­nen zu be­grei­fen und in zu­han­de­nen Ma­schi­nen ab­zu­bil­den.

Das Mittel, hat Hegel gesagt, ist würdiger als die endlichen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung es dient. Die Erde als Sammel-, Jagd­und Fischgrund sowie als mon­taner Ausbeutungsgegenstand ist schnell wieder vergessen, als Ackerboden hinge­gen gewinnt sie Wert und Würde. Der Acker ist der Boden der Geschichte und der Technik. In der Technik tritt uns die Geschichtsmächtigkeit des Ackers in frei be­weglicher Gestalt entgegen. Technik ist freie, zum Selbstzweck gewordene und da­her zum Leben erweckte Mittelhaftigkeit, sie ist die Würde des neuzeitlichen Men­schen. Technik ist das Gestelle, das die vorhandene Welt verstellt und eine dem Menschen zuhandene Welt erstellt. Technik ist nicht Natur, sondern nützliches Kunstwerk und damit Naturalform; sie ist naturalisierte Geschichte und humanisier­te Natur.

Technik und Macht sind eng verwandt. Als humanisierte Natur (Naturalform) ist Technik dinglich verwirklichte oder zeichenhaft dokumentierte Macht des Mittels, d.h. etwas Willenloses, das zu menschlichem Walten einlädt. Die Gewalt überhaupt ist Mittel schlechthin, weil niemand sie als Zweck setzt. Die Gewalt ist Gewalt und nicht Technik, weil sie durch den Zweck absolut vergewaltigt ist. Die Gewalt ist da­her völlig unfrei. Ferner ist die Gewalt gänzlich machtlos und zudem willenlos wie die Technik. Diese Unfreiheit und Machtlosigkeit der Gewalt ist eine Folge ihrer ab­soluten Zweckunterworfenheit, die nicht für die Technik gilt. In der Technik wird das Mittel frei, also Selbstzweck und damit lebendig. Leben als Selbstzweck ist aber schon der Acker, die vorhandene Maschine der neolithischen Revolution, dem die Technik entsprang.

Wille, Gewalt und Macht sind so verschwistert wie Technik und Macht. Wille ist set­zende Gewalt, Gewalt ist durchsetzender Wille, Macht ist durchgesetzter Wille und damit auch festgesetzte (sistierte) Gewalt. Macht ist nicht Besitz, sondern mögli­cher Besitz. Wer Macht besitzen will, will Möglichkeiten besitzen. In der Technik ha­ben die Menschen das zum Selbstzweck befreite Mittel schlechthin. Weil die Tech­nik, anders als die Gewalt, nicht bloßes Mittel ist, sondern das lebendige, freie Mit­tel, ist der technische Wille ein solcher zur reinen, willenlosen Macht, die sich durchsetzt mittels höherer, gewaltloser Gewalt: dem Zwang, der von den Sachen ausgeht.

Modernisierung ist Mobilisierung und daher Nomadisierung. Entnomadisierung ist Demobilisierung und neue, nachmoderne Verwurzelung. Wer neu verwurzeln will, muß die Methoden der Entwurzelung durchschaut haben. Adolf Wahrmund glaubte sie in den kapitalistischen Methoden der Mobilisierung allen Eigentums, besonders des Grundeigentums, zu erkennen. Er schlug dagegen ein Heimstättengesetz zum Schutze des Bauernstandes sowie „Sicherstellung eines eisernen Bestandtheiles des immobilen und mobilen Besitzes gegen Pfändung und Exekution“ (S.243) vor. Da es in den heutigen, spätkapitalistischen Ländern mehr Arbeitslose als Bauern gibt (und sogar mehr Studenten), sind alle Überlegungen zur Sicherstellung eines herkömmli­chen Standes vom Nomadensturm der Kapitalisierung überrollt. Vom Tiefpunkt der vollendeten Individualisierung aus kann der Neuaufbau einer ständischen Volksge­meinschaft nur radikal atomistisch beginnen und vom Personenstand des Einzelnen ausgehen. Der alte Ständestaat hat der modernen Entwurzelung nicht wehren kön­nen; der neue Ständestaat muß jeden Einzelnen in den Stand des unveräußerlichen Grundbesitzes setzen und die alten Geburtsstände in lebensgeschichtlich durchlau­fene Aufgabenstände verwandeln. So wie es vom berufsständischen Denken her immer noch selbstverständlich ist, daß ein Geselle über dem Lehrling steht, so muß wieder erkannt werden, daß ein Rekrut vom Aufgabenstand her einen höheren Rang hat als ein Wirtschaftsführer oder Reserveleutnant. Und wie der Kriegerstand über dem Wirtschaftsstand steht, so der geistige Mensch über dem Krieger. Der wirkliche Mensch kommt in die Lage, sich ernähren, verteidigen und ausrichten zu müssen; gelingt ihm das, gewinnt er in jeder dieser Lagen seinen Stand. Reine Wirtschaftsmenschen sind existentielle Krüppel wie bloße Intellektuelle oder Politi­ker.

Weide­und Viehwirtschaft ist die organische Ergänzung des seßhaften Ackerbaus. Der Hirt kann nur der Knecht des Bauern sein. Ein reaktionärer Umsturz („an­ti-neolithische Konterrevolution“) führt zur Freiheit des Knechtes, der aus seiner ei­genen Domestikation zusammen mit dem domestizierten Vieh, das er dem Bauern gestohlen hat, in die Verwilderung des Nomadenlebens flieht. Das Herr-Knecht-Verhältnis ist aufgehoben und durch das Hirt-Vieh-Verhältnis ersetzt, wobei Viehhaftigkeit nicht nur Tieren, sondern auch Menschen zukommt, von denen Hirten leben. Der Nomade steht nicht in einem menschlichen Verhältnis zur Natur, sondern in einem tierischen (symbiotischen) Verhältnis zum Vieh. Der Hirt lebt fast arbeitslos von seiner Herde (daher meist flötenspielend dargestellt), er ist angeeig­netes Organ der Herde: ihr Großhirn. Die Vermenschung der Herde ist nur um den Preis der Entmenschung der Erde zu haben. Dem Nomaden ist die Erde nicht mehr Mittel menschlicher Arbeit, nicht mehr vorhandene Maschine, die in Ehrfurcht und mit Sorgfalt bedient wird, sondern bloßer Gegenstand der Abweidung durch Freßau­tomaten, also durch Vieh. Die Erde ist dem Nomaden aber auch nicht Arbeitsge­genstand, sondern bloßer Energieträger, Viehfutter eben.

Der zum Nomaden emanzipierte Bauernknecht steht sittlich nicht nur tief unter dem Ackerbauern, sondern auch deutlich unter dem vorgeschichtlichen Menschen, dem Jäger, Sammler, Fischer und Bergmann. Weil der Nomadismus eine gegenge­schichtliche Bewegung, ist der scheinbare Aufstieg des Viehnomaden zum militä­risch-politischen Völkernomaden, der seßhafte Ackerbauern überfällt und ausraubt oder auf Dauer sich zu ihrem (theokratischen) Hirten aufschwingt, in Wahrheit der 1502weitere sittliche Abstieg des nomadisierenden Menschen. Der Völkernomade ist vom Viehhirten zum Vieh abgesunken. Denn die Völker, von denen er lebt, sind die Steppe, auf der er reitet, und die Früchte der Seßhaften, die er verzehrt, sind das Gras, das er frißt. Die nomadische Unterwerfung bäuerlicher Völker macht den sieg­reichen Nomaden zum Vieh, das abgrast. Diese Völkernomaden mögen sich Golde­ne Horde nennen oder auserwähltes Volk, ihre Selbstverviehung ist durch ihr ab­grasendes Verhalten in allen Lebensbereichen der heimgesuchten Völker gegeben, die dadurch versteppt und letztlich verwüstet werden, denn „einen Vorzug des Men­schen vor dem Vieh gibt es nicht“ (Pred. 3,19).

Der Hir­ten­stab Abra­hams und des Bi­schofs von Rom sind no­ma­di­sches Ur­sym­bol und ein­zi­ges, äu­ßerst pri­mi­ti­ves Ar­beits­mit­tel des Hir­ten. Die­ser Ste­cken und Stab des Vieh­hir­ten wie des See­len­hir­ten ist Macht­sym­bol der No­ma­den­herr­schaft, zu­gleich ein In­diz für die Staats­theo­rie des ara­bi­schen Ge­schichts­schrei­bers Ibn Khal­dun (1332­1406), der die Rei­che aus no­ma­di­scher Er­obe­rung ent­ste­hen sah. Die Mas­sen­me­di­en sind die mo­der­nen Hir­ten­stä­be elek­tro­nisch ge­steu­er­ter Men­­schen­her­den. Nicht nur die Hir­ten­stä­be ent­wi­ckel­ten sich seit dem bau­ern­feind­li­chen Um­sturz der an­ti-neo­li­thi­schen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on, auch die ideo­lo­gi­sche Rech­t­­fer­ti­gung der no­ma­di­schen Welt­zer­stö­rung hat sich mo­der­ni­siert. Mu­ß­te man einst noch die Uhr im Pra­ger Ju­den­ghet­to rück­wärts lau­fen las­sen, um das ge­gen­ge­­schicht­li­che Ziel des No­ma­dis­mus, das in der Tat ort­los, al­so uto­pisch ist, zu ver­an­­schau­li­chen, so hat der Pro­fes­sor Ein­stein mit sei­ner Re­la­ti­vi­tät von Raum und Zeit die­ses Ideo­lo­gem in ei­ne viel ele­gan­te­re For­mel ge­bracht, und der Pro­fes­sor Freud hat gar das Un­be­wu­ß­te dem Reich der No­ma­den un­ter­wor­fen, in­dem er den Va­ter­­mord (= Bau­ern­mord) der re­bel­li­schen Brü­der­hor­de (= Hü­te­jun­gen) als ge­mein­­men­sch­li­ches Ver­hal­ten be­haup­te­te.

Das „lie­be Vieh“ des Bau­ern, das do­mes­ti­ziert ist, ver­wil­dert un­ter dem Ste­cken und Stab des No­ma­den, der es ent­do­mes­ti­ziert und ver­her­det. Die Ent­wick­lung des No­ma­dis­mus ist nicht nur Mo­der­ni­sie­rung von Hir­ten­stab und Hir­ten­ideo­lo­gie, son­­dern auch die Her­den wer­den im­mer be­weg­li­cher: erst dum­mes Vieh, dann klu­ge un­glück­li­che Völ­ker, schlie­ß­lich Wa­ren­mas­sen, Geld­her­den, Ka­pi­tal­strö­me, Ar­beits­­mi­gran­ten und In­for­ma­ti­ons­flu­ten. Ka­pi­ta­lis­mus ist Ver­her­dung des Ka­pi­tals, und So­zia­lis­mus ist Ver­her­dung der Ar­beits­kräf­te; bei­de Sys­te­me be­ha­gen dem No­ma­­den. Und in bei­den Sys­te­men hat die Fi­gur des Kopf­no­ma­den bes­te Aus­brei­tungs­­­mög­lich­kei­ten. Der Kopf des Men­schen wird von sei­nem Kör­per, auf dem er thront, er­nährt. Je­des ent­wi­ckel­te Volk leis­tet sich für sei­ne all­ge­mei­nen An­ge­le­gen­hei­ten ei­ne be­stimm­te Zahl von Köp­fen in Ge­stalt be­son­ders qua­li­fi­zier­ter Fach­und Füh­­rungs­kräf­te. Die Ab­wei­dung die­ser lei­ten­den Stel­lun­gen durch In­tel­li­genz­no­ma­den fremd­völ­ki­scher Her­kunft wirkt auf das heim­ge­such­te Volk wie ein Hirn­tu­mor. Ra­ti­o­na­lis­mus und Auf­klä­rung sind das Le­bens­ele­ment des In­tel­li­genz­no­ma­den, die Ver­vie­hung des Wis­sens und die Ver­her­dung der Wis­sen­schaft­ler im Wis­sen­schafts­­­be­trieb der Mo­der­ne, die­ser geis­ti­gen Wüs­te, sind das Er­geb­nis des kopf­no­ma­di­­schen Be­falls.

Häu­fig wird die Fra­ge ge­stellt: Wo­her stammt der mo­der­ne Dua­lis­mus, der die ob­jek­ti­ve Na­tur und die mensch­li­chen Din­ge von­ein­an­der trennt? Die Ant­wort lau­tet, daß die­ser Dua­lis­mus aus der Mo­der­ne stammt, und die­se aus dem Tri­umph des No­ma­den. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist we­ni­ger als ein blo­ßer Ge­gen­stand der Er­kennt­nis, denn das ist sie schon dem vor­ge­schicht­li­chen Men­­schen. Die wis­sen­schaft­lich-mo­der­ni­sier­te Na­tur ist nicht ob­jek­ti­viert, son­dern res­­sour­ci­siert. Sie ist Fut­ter­re­ser­voir von in­for­ma­ti­ons­fres­sen­den Wis­sen­schaft­ler­her­­den ge­wor­den, die Schaft­ler­wis­sen aus­schei­den. Die­se mo­der­ne Na­tur ist ent­­­menscht, weil der Mensch kein mensch­li­ches Ver­hält­nis, kein Her­r­-K­necht-Ver­hält­nis zu ihr hat, nicht mehr ihr Knecht ist, der sie be­dient, son­dern der No­ma­de, der sie raz­zi­iert. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist nicht Ge­­gen­stand der Er­kennt­nis, son­dern Roh­stoff in­for­ma­ti­ons­fres­sen­der Au­to­ma­ten. We­­der der Hirt noch sei­ne Her­de kann je­mals Herr der Na­tur wer­den; ein mensch­li­ches und da­her hilf­rei­ches Ver­hält­nis kann die Na­tur nur zu ih­rem Knecht ge­win­nen, der weiß, daß sie im­mer ei­ne vor­han­de­ne Ma­schi­ne blei­ben wird, die in De­mut zu be­­die­nen ist.

Der christ­li­che Glau­be hat der Ge­fähr­dung des Abend­lan­des durch das No­ma­den­­tum zwei Jahr­tau­sen­de lang Vor­schub ge­leis­tet. Im Chris­ten­tum sind die Sym­bo­lik der Macht­in­si­gni­en, die Me­ta­pho­rik der Spra­che und die Fak­ti­zi­tä­ten der Of­fen­ba­­rung bis heu­te no­ma­disch. Die Bi­bel war die gro­ße Pro­pa­gan­da­schrift der no­ma­di­­schen Le­bens­wei­se, aber die Evan­ge­li­en ent­hal­ten die Be­schrei­bung ei­nes be­deu­­ten­den Pro­tes­tes ge­gen die Mo­ral des No­ma­dis­mus. Die­ses Auf­be­geh­ren bleibt, wie je­der Pro­tes­tan­tis­mus, zu­gleich ge­bun­den an den Ge­gen­stand sei­ner Ab­scheu. Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Hes­sen und Nas­sau be­kennt sich so­gar aus­drück­lich zum Ju­­da­is­mus. „Um­kehr und neue Ein­sicht ver­pflich­ten die Kir­che zu be­zeu­gen, daß die blei­ben­de Er­wäh­lung der Ju­den und Got­tes Bund mit ih­nen Wur­zel des christ­li­chen Glau­bens ist.“ (FR, 23.5.91) Die Bi­bel pro­pa­giert den No­ma­dis­mus und ist zu­gleich das un­über­trof­fe­ne Lehr­buch des An­ti­se­mi­tis­mus für al­le se­ßhaf­ten, bäu­er­lich ge­­präg­ten Völ­ker.

Es beginnt mit dem Sündenfall. Zum Essen vom Baume der Erkenntnis werden die ersten Menschen durch ein Tier verlockt, das auf der Erde kriecht. Danach fangen sie sofort zu produzieren an, naheliegenderweise Kleidung. Vom Nomadengott Jah­we (Herrn Zebaoth) wird die arme Schlange daraufhin „verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde“ (Gen 3,14). Der Acker wird verflucht, soll dem ar­men Bauern Mühsal bereiten sein Leben lang und trotzdem nur Dornen und Disteln tragen (Gen 3,17). Kain, Evas Erstgeborener, wird Ackermann, Kains jüngerer Bru­der (und damit sein Knecht) Abel dagegen Schäfer, also Kains Hirtenjunge. Was von nomadenfreundlichen Theologen als Kains Brudermord gelesen wird, ist vom bäuerlichen Standpunkt aus Abels Rebellion und Hinrichtung. Der Schäfer Abel durchbricht das Vorrecht des Bauern Kain, Gott zu opfern von den Früchten des Feldes, mit dem blutigen Opfer eines seinem Bruder und Vorgesetzten gestohlenen Tieres, wobei die Nomadenbibel nun sogleich auch noch behauptet, daß dieses Die­besgut ein gottgefälligeres Opfer sei als die im Schweiße von Kains Angesicht er­zeugten Feldfrüchte. Abels Hinrichtung ist Vorwand zur erneuten Verfluchung des Bauern und seines Ackers durch den Nomadengott Jahwe. Die Vertreibung und Flucht des Bauern wird angekündigt und wahr gemacht (Gen 4,11-16). Gleichwohl wird in Genesis 4,20-21 attestiert, daß Viehnomaden und Flötenspieler Kains Nach­kommen sind.

Ur­vä­ter des jü­di­schen No­ma­den­vol­kes sind Abra­ham, Isaak, Ja­kob und Jo­seph. Von Abra­ham an ha­ben sie nicht nur Vieh­no­ma­dis­mus ge­trie­ben, son­dern im gro­ßen Um­fang or­ga­ni­sier­tes Ver­bre­chen. Der Pa­te ist Jah­we. Als Abra­ham in des­sen Or­ga­­ni­sa­ti­on, den „Bun­d“, auf­ge­nom­men wird, in­dem er be­weist, daß er für den Chef sei­nen ein­zi­gen Sohn Isaak schlach­ten wür­de (Gen 22,2-17), ist Abra­ham schon be­währ­ter (be­trü­ge­ri­scher) Zu­häl­ter sei­ner Frau Sa­rah und er­folg­rei­cher Er­pres­ser von Kö­ni­gen (Gen 12,10-20; Gen 20). Jah­we ver­hei­ßt Abra­ham (ali­as Ab­ram) nicht nur ein­fach das ge­lob­te Land zwi­schen Nil und Eu­phrat als Vieh­wei­de, son­dern als Völ­ker­step­pe mit zehn na­ment­lich ge­nann­ten Völ­kern zur Ab­wei­dung (Gen 15, 18-21). Der jü­di­sche Fried­hof schlie­ß­lich, den Abra­ham im Land Ka­na­an er­wirbt, dient nicht, wie die arg­lo­sen He­thi­ter mei­nen, der Pie­tät für sei­ne ver­stor­be­ne Frau Sa­rah, son­dern als Ziel­mar­kie­rung der künf­ti­gen Er­obe­rung Ka­na­ans (Gen 23). Da­her kommt es, daß ra­bia­te An­ti­se­mi­ten so gern jü­di­sche Fried­hö­fe zer­stö­ren.

Bei Isaaks beiden Söhnen Esau und Jakob, den Enkeln des Zuhälters Abraham, wird die Familiengeschichte theologisch wieder interessant, denn der Nomadengott Jah­we kündigt Isaaks Frau Rebekka an: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweier­lei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen über­legen sein, und der Ältere wird dem jüngeren dienen.“ (Gen 25,23) Esau, der Erst­geborene, wird Jäger, Jakob, der Nachgeborene, „blieb bei den Zelten“ (Gen 25,27) und damit Nomade. Jakob (das bedeutet: der Hinterlistige) stiehlt seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen (Gen 27,36), der auch besser als zum rauhen Jäger Esau zu dem glatten Nomaden Jakob paßt, dem segensreich verheißen wird: „Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.“ (Gen 27,29) Dies ist das Ausbeutungsgebot des Völkernomaden.

Inzwischen war Isaak zu Abimelech, dem König der Philister, gezogen und betrog ihn auf die gleiche Weise wie sein Vater Abraham: er gab seine Frau als seine Schwester aus; Zuhälterei mit anschließender moralischer Erpressung bleibt also Spezialität der Familie, die auf diese Weise reich und mächtig wird, so mächtig, daß die Philister sie schließlich ausweisen und König Abimelech danach noch einen Rückversicherungsvertrag mit dem Nomadenstamm für ratsam hält (Gen 26).

Stammhalter Jakob betrügt seinen Schwiegervater, den Aramäer Laban, und wird „über die Maßen reich“ (Gen 30.31). Nach geglückter Flucht empfiehlt sich ein neu­er Name. „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel“, sagt der oberste, diesmal inkognito bleibende Chef der Organisation, bevor Israel (alias Jakob) als sein bester Mann von dannen humpelt (Gen 32,29-33), um mit seiner Mischpoche das Blutbad von Sichem (Gen 34) anzurichten. Nicht umsonst sieht bäuerliche Vor­stellung den Teufel als hinkendes Mischwesen aus Ziegenbock und Mensch.

In den Jahren 1730 bis 1580 v. Chr. halten semitische Stämme aus Syrien und Pa­lästina Ägypten besetzt. Sie nennen sich Hyksos, Beherrscher fremder Länder. In dieser Zeit der Fremdherrschaft wird Josef, Jakobs Lieblingssohn, von seinen Brü­dern nach Ägypten verkauft, wo er zum höchsten Funktionär des Fremdherrschers aufsteigt. Josef wird der erste jüdische Kommunist: er erfindet die Zentralverwal­tungswirtschaft und damit die allgemeine reale Staatssklaverei, also die Gesamt­enteignung des Volkes von Geld, Vieh, Land und Leib mittels mehrjähriger Hun­gersnot (Gen 47,13-26). Aus der Befreiung Ägyptens von Fremdherrschaft folgt der Exodus des jüdischen Hilfsvolkes.

Im fünften Buch Moses, dem Deuteronomium, offenbart sich die ganze Wahrheit des Nomadismus in ihrer strengsten Konsequenz: dem Völkermordgebot. So wie der Viehnomade seine Böcke und Schafe nicht nur friedlich-flötenspielend hütet, sondern ­alles hat seine Zeit ­auch melkt, schert und schlachtet, so darf selbst­verständlich auch der Völkerhirt die ihm anheimgegebenen Völker schlachten, also jeden Mann, jede Frau und jedes Kind töten: dies ist der „Bann“ der Nomadenbibel, das Völkermordgebot[1. Da nahmen wir … alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrigbleiben. Nur das Vieh raubten wir für uns …. “ (5. Mose 2,34) „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er aus­rottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Je­busiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir da­hingibt, daß du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben …. “ (7,1-2) „Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird.“ (7,16) „Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander.“ (7,22)] das gelegentlich, wenn Völkerherden den Viehherden bloß Platz machen müssen, damit Acker in Viehweide verwandelt werden kann, zum Ver­treibungsgebot[2.“Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übriglaßt, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Lande, in dem ihr wohnt.“ (4. Mose 33,55)] abgemildert ist.

Die religiöse Verehrung des Völkermordes ist die niederste Form des Absoluten, nämlich das absolute Böse in einem realmetaphysischen Sinne. Es existiert in der Geschichte als geschichtszerstörende Kraft. Diese Kraft ist bei Kant „das radikal Bö­se in der menschlichen Natur“ als Freiheit, die sich vom kategorischen Imperativ emanzipiert hat. Zu Kants Zeiten war das absolute Böse als deuteronomistisches Völkermordgebot der mosaischen Religion, das damals sich in Frankreich im terreur austobte, bekannter als heute, weil man noch die Bibel las; heute ist das Absolute Böse in passiver Form als Holocaust-Kult im Umlauf, der seine Glaubwürdigkeit beim auserwählten Volk aus dem Wissen um die Grundform des aktiven Völker­mordgebotes bezieht, das im fünften Buch Moses nur gelegentlich zum Vertrei­bungsgebot abgemildert ist.

Das Böseste, das wir uns vorstellen können, ist Völkermord. Aber das absolute Böse geht darüber noch hinaus: es ist jenes Böse, das böser nicht gedacht werden kann. Und Böseres als das mosaische Völkermordgebot, das bei Mitleid oder sonstiger un­vollständiger Ausführung sein auserwähltes Volk selber mit Vertreibung und Völ­kermord bedroht[3. „Und nur wenige werden übrigbleiben von euch, die ihr zuvor zahlreich gewesen seid wie die Sterne am Himmel, weil du nicht gehorcht hast der Stimme des HERRN, deines Gottes. Und wie sich der HERR zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen, und ihr werdet herausgerissen werden aus dem Lande, in das du jetzt ziehst, es einzunehmen. (5. Mose 28,62-63], kann von Menschen nicht erdacht werden.

Vor diesem geistigen Hintergrund ist alle Judenverfolgung tätige Beihilfe zur mosai­schen Religionspropaganda, der sich Adolf Hitler (als Vierteljude verdächtigt) zwei­felsfrei schuldig gemacht hat. Die Judenfrage zum Rasseproblem zu erklären, ver­harmlost das absolut Böse, eine Erscheinung der Freiheit des menschlichen Geistes, zum biotechnisch lösbaren Problem. Viel grundsätzlicher ist in seiner berühmten Abhandlung „Zur Judenfrage“ von 1843 der reinrassige Semit Karl Marx das Prob­lem angegangen, in der er die Verschacherung der Welt durch die bürgerliche Ge­sellschaft als Selbstverjudung der Christen anprangert. Die Judenfrage ist hier Kritik des verabsolutierten Gesellschaftsprinzips, also der Moderne schlechthin, und an­sonsten eine unreife Fassung der Kapitalismus-Frage.

Das Absolute Böse ist der Beitrag des Nomadentums zur Geistesgeschichte der Menschheit. Damit ist auch das Urteil über die Sittlichkeit der Moderne als dem Sys­tem der Beweglichkeit gefällt, denn das Absolute Böse ist nichts anderes als die ab­solute Beweglichkeit in allen ethischen Fragen.

* * *

aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618




Die 68er Wortergreifung

Aus gegebenem Anlaß, weil von linker wie von rechter Seite des ideologischen Spektrums nach meinen 68er Erfahrungen und den daraus zu ziehenden Lehren gefragt, sehe ich mich vor die kitzlige Aufgabe gestellt, über meine politische Jugendzeit Rechenschaft zu geben. Denn es erscheinen doch in den Ausbrüchen der Jugend nicht nur die Prägungen der Kindheit im allgemeinen und die Merkmale des geschichtlichen Zustandes im besonderen, sondern auch die Knoten, die uns die Nornen geknüpft; sie zeigen die unlösbaren Verstrickungen des Einzelnen mit seinem Volk. Daraus entstehen Lebensläufe: Das Politische und das Persönliche sind untrennbar, denn die Person ist nicht nur das Subjekt, sondern auch der Begriff des Politischen.

I

Ich möchte über die 68er Wortergreifung in Deutschland im wesentlichen zwei Behauptungen aufstellen und erläutern: 1.) Die 68er Wortergreifung hatte keine gewöhnlichen sozialen Ursachen, sondern existentielle Gründe, d.h. aber: nationale Ursachen. 2.) Die 68er Wortergreifung war eine DDR-Revolution, die rechtzeitig in die BRD exportiert worden war: eine abgeschobene Wende.

Daß die 68er Wortergreifung aus der DDR kam, haben die Deutschen in der Westzone zwar schon damals gefühlt, aber nicht begriffen, was es damit auf sich hatte. Dem einst häufig zu hörenden Anwurf „Geh doch rüber!“ konn­ten die Ak­tivs­ten ent­ge­gen­hal­ten, daß sie ih­ren Op­po­si­ti­ons­geist, ge­stählt in an­ti­au­to­ri­tä­ren Kämp­fen, aus dem Os­ten schon mit her­ge­bracht hät­ten. Der cha­ris­ma­ti­sche Füh­rer der 68er Worter­grei­fung war der DDR-Flücht­ling und be­ken­nen­de Pro­tes­tant Ru­di Dutsch­ke, ihr po­li­ti­scher Stra­te­ge der DDR-Flücht­ling und Links­dis­si­dent Bernd Ra­behl. Theo­re­ti­scher Kopf war Hans-Jür­gen Krahl, der Ver­trie­be­ne aus Ost­preu­ßen; an­fangs Kor­po­ra­ti­ons­stu­dent, merk­te er bald, daß in der von Ade­nau­er ge­präg­ten West­zo­ne der Sta­tus quo auf dem rech­ten Flü­gel der ideo­lo­gi­schen Front un­an­greif­bar war und wech­sel­te nach links­au­ßen, auf den le­bens­ge­fähr­li­chen Pos­ten des SDS-Chef­theo­re­ti­kers. Krahl kam das Haupt­ver­dienst an der Ver­wer­fung der Po­si­tio­nen von Ha­ber­mas und Mar­cu­se zu. Krahl führ­te den töd­li­chen Stich bei der Kri­tik an Ador­no und kam kur­ze Zeit dar­auf bei ei­nem mys­te­riö­sen Au­to­un­fall ums Le­ben. Ich selbst, mit fünf­zehn Jah­ren DDR-Häft­ling we­gen Re­pu­blik­flucht, der da­mals be­reits ei­ne po­li­ti­sche Kind­heit vol­ler an­ti­kom­mu­nis­ti­scher Wi­der­setz­lich­kei­ten hin­ter sich hat­te, war der Theo­re­ti­ker des Ham­bur­ger SDS und Aus­lö­ser des Ham­bur­ger Uni­ver­si­täts­auf­stan­des, der die ge­sam­te Sys­tem­kri­tik der 68er theo­re­tisch voll­ende­te. Das hei­ßt, die 68er Worter­grei­fung wur­de in ih­rer geis­ti­gen Sub­stanz von Ost- und Mit­tel­deut­schen ge­gen West­deut­sche ge­führt, von den ver­ra­te­nen Tei­len Deutsch­lands ge­gen die Ver­rä­ter, ge­gen die Trä­ger und Er­hal­ter des Kol­la­bo­ra­ti­ons­re­gimes der West­zo­ne.

Eine vollständige Revolution ist selbstredend keine bloße Wortergreifung, sondern auch Macht- und Besitzergreifung eines Landes. Und 1968 ging von Studenten und Gymnasiasten aus, konnte nur eine Wortergreifung, nur Sprechprobe für eine wirkliche Revolution werden. Als solche war sie erfolgreich und die Generalprobe der deutschen Volksrevolution, die 1989 wiederum von Mitteldeutschen ausging, diesmal aber nicht rechtzeitig in die Westzone abgeschoben wurde. Sie brachte die DDR zum Verschwinden und versetzte die BRD in einen Schwächezustand, der sie revolutionsreif macht. Also: Die Hauptlehre aus der Revolution von 1968 ist die Revolution von 1989.

Die 89er Revolution ist seit ihrem Fanal, dem 9. November 1989, im Gange. Seitdem entwickelt sie sich fort, in Angriffen und Rückschlägen. Sie wird nicht vor ihrem Siege, nicht vor dem Ende der dämonischen (auf dem Dreyfus des Leibhaftigen hüpfenden) Unordnung von Versailles und Jalta enden. Der siegreiche mitteldeutsche Volksaufstand, der zur Beseitigung der DDR und zur Todweihung der BRD geführt hat, war noch keine ganze Machtergreifung des Volkes, sondern nur die eine Hälfte der Machtergreifung: die Altmachtbeseitigung. Zum endgültigen, geschichtlichen Sieg der 89er Revolution gehört noch die Beseitigung der westlichen Altmacht in Deutschland und die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches in seinen rechtlichen Grenzen.

Die erfolgreiche Kulturrevolution, die 1966-1969 von Westdeutschland Besitz ergriff und mit den Osterunruhen von 1968 ins allgemeine Bewußtsein drang und bis an die Epochenschwelle von 1989 heranbrandete, war eine aus vorangegangenen geschichtlichen Ereignissen in Deutschland gezogene Lehre, wie eben auch ’89 die Konsequenzen aus ’68 zog. Die 68er Worter­grei­fung selbst war ei­ne ge­zo­ge­ne Leh­re aus dem 13. Au­gust 1961, aus dem 17. Ju­ni 1953 und aus dem 13. Fe­bru­ar 1945. Der Mau­er­bau von 1961 und die ab­so­lu­te Un­tä­tig­keit der West­mäch­te und der Bon­ner Re­pu­blik hat­te die Wie­der­ver­ei­ni­gungs­rhe­to­rik der BRD als pseudo­na­tio­na­le Pro­pa­gan­dalü­ge ent­larvt, die nur ei­ne Ne­bel­wand vor der wirk­li­chen Spal­ter­po­li­tik auf­ge­zo­gen hat­te.

Schlag­ar­tig zeig­te sich die ab­ge­schnür­te DDR als der harm­lo­se­re, bloß re­ak­tiv-de­fen­si­ve Spal­ter­staat. Der 17. Ju­ni er­schien nun als tra­gi­scher Irr­tum über den Stand­ort des in­ner­deut­schen Haupt­fein­des. Als des­sen Haupt­schutz­macht, die USA, in den viet­na­me­si­schen Wie­der­ver­ei­ni­gungs­krieg mit Na­p­alm­bom­ben ge­gen die Zi­vil­be­völ­ke­rung ein­griff wie einst mit Phos­phor­bom­ben ge­gen deut­sche Frau­en und Kin­der, er­in­ner­te sich das kol­lek­ti­ve Un­be­wu­ß­te in Deutsch­land (wie spä­ter wie­der im Golf­krieg) an den 13. Fe­bru­ar 1945 und den volks- und kul­tur­mör­de­ri­schen Cha­rak­ter des no­ma­disch ver­fins­ter­ten US-Im­pe­ri­ums. Vor­pos­ten die­ses Im­pe­ri­ums war West­ber­lin mit ei­ner blo­cka­de­ge­schä­dig­ten Be­völ­ke­rung, die wie nir­gends sonst in Deutsch­land sich an ih­re Be­sat­zungs­macht klam­mer­te. Ver­ständ­nis für Ame­ri­ka­fein­de aus Mit­tel- und West­deutsch­land war von die­sem (po­li­tisch nach­voll­zieh­ba­ren) In­sel­pro­vin­zia­lis­mus nicht zu er­war­ten.

Westberlin war unbestritten die Hauptstadt der Bewegung von ’68. Hier hatte der SDS die für eine politische Studentengruppe unglaublich hohe Zahl von 300 Mitgliedern. Die eine Hälfte davon kam aus der DDR, die andere Hälfte stellten rebellische Bürgerkinder aus Westdeutschland. Das Gemisch war hochexplosiv und zündete hier auch zuerst. Die geistige Hauptkampflinie aber verlief in Frankfurt am Main, weil dort ein jugendlich-unerfahrener deutscher Idealismus, geführt von Hans-Jürgen Krahl, auf die Speerspitze des jüdischen Geistes in Deutschland traf: auf Theodor W. Adorno.

Die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung über die 68er Worter­grei­fung ist heu­te fast eben­so weit von der Wahr­heit ent­fernt wie die­je­ni­ge über die Ur­sa­chen des Zwei­ten Welt­krie­ges. Hat letz­te­re den Cha­rak­ter fort­ge­setz­ter Kriegs­pro­pa­gan­da der West­mäch­te, so ers­te­re den ei­ner Dau­er­pro­phy­la­xe ge­gen den er­neu­ten Aus­bruch ei­ner deut­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on. So wird z.B. mit Pe­ne­tranz be­haup­tet, Ador­no sei der geis­ti­ge Weg­be­rei­ter von ’68 ge­we­sen. In Wahr­heit aber hat ’68 sich vom ador­ni­ti­schen Geis­te des Ni­hi­lis­mus, d.h. ei­ner bloß ne­ga­ti­ven und nicht po­si­ti­vier­ba­ren Dia­lek­tik, be­freit, sei­ne Hoch­burg, das In­sti­tut für So­zi­al­for­schung, be­setzt und Ador­no sel­ber durch Kri­tik ge­tö­tet. Ha­ber­mas wie die Frank­fur­ter (Ju­den-)Schu­le wa­ren Fein­de, nicht aber Ide­en­ge­ber der 68er Theo­rie. Ent­schei­den­der An­re­ger der ori­gi­nä­ren 68er Theo­rie war der un­ga­ri­sche Wirt­schafts­pla­ner Franz Já­nos­sy, an­sons­ten na­tür­lich Marx und die Deut­schen Idea­lis­ten.

Já­nos­sys Werk Das En­de der Wirt­schafts­wun­der führ­te die auf­fal­len­de Tat­sa­che, daß die Kriegs­ver­lie­rer Deutsch­land und Ja­pan so­ge­nann­te Wirt­schafts­wun­der her­vor­ge­bracht hat­ten, die ent­spre­chen­den Ka­pi­tal­sprit­zen in Eng­land und Frank­reich aber fol­gen­los ver­si­ckert wa­ren, auf die un­ter­schied­li­che Be­schaf­fen­heit und Ent­wick­lungs­hö­he der je­wei­li­gen na­tio­na­len Ge­samt­ar­beits­kraft zu­rück. Er hat­te al­so bei der Be­trach­tung der Trend­li­ni­en der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ver­schie­de­ner Volks­wirt­schaf­ten ei­nen ge­nu­in so­zia­lis­ti­schen, am Pro­duk­ti­ons­fak­tor Ar­beits­kraft an­knüp­fen­den Stand­punkt. Fer­ner ver­trat Já­nos­sy im An­schluß an Marx die The­se von der zu­neh­men­den Tren­nung der Wis­sens-, For­schungs- und Ent­wick­lungs­ar­beit von der ma­te­ri­el­len Pro­duk­ti­on der­ge­stalt, daß die Leis­tungs­fä­hig­keit die­ser Teil­ar­bei­ter­klas­se den stra­te­gi­schen Rah­men der pro­duk­ti­ven Mög­lich­kei­ten der na­tio­na­len Ge­samt­ar­beits­kraft auf­spannt.

Daraus folgerten wir SDS-Theoretiker, daß man nicht mehr (wie die Gewerkschaftsjungen und die Kommunistenkinder meinten) zu den Arbeitern in die Betriebe oder wie die Narodniki zu den Bauern aufs Land gehen mußte, sondern in Universitäten und Forschungsinstituten bereits auf den strategischen Hügeln des kapitalistischen Systems stand, die dortigen F&E-Arbeitskräfte in ihrem eigenen Produktionsprozeß, also schon im Studium, mit politisch-strategischem Selbstbewußtsein zu erfüllen hatte, um später die nationale Gesamtarbeitskraft und den Rest des Volkes auf einen wirklich sozialistischen Weg zu führen.

Die Rich­tig­keit die­ser auf dem Já­nos­sy-Theo­rem be­ru­hen­den SDS-Theo­rie be­stä­tig­te sich ge­ra­de auch in der Fül­le und Nach­hal­tig­keit der ne­ga­ti­ven Fol­gen der 68er Worter­grei­fung. Da­bei kom­men, wie bei je­dem theo­re­tisch be­grün­de­ten Vor­ge­hen, die un­er­wünsch­ten Ne­ben­fol­gen da­durch zu­stan­de, daß die wirk­li­chen Aus­gangs­be­din­gun­gen nicht dem Ide­al der theo­re­ti­schen An­nah­me ent­spre­chen und im Fal­le des deut­schen Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­we­sens die Haupt­mas­se der dort her­an­ge­bil­de­ten und ver­wand­ten Ar­beits­kräf­te nicht pro­duk­ti­vi­täts­stei­gernd, son­dern pro­duk­ti­vi­täts­fres­send sind, weil haupt­säch­lich ver­wal­ten­der und nur zum ge­rin­ge­ren Teil er­neu­ern­der Na­tur. Be­wah­rer sind stets zahl­rei­cher als Ent­de­cker und Er­fin­der. Leh­rer z.B. müs­sen im­mer la­ge­kon­ser­va­tiv sein, weil sie die kul­tu­rel­le Über­lie­fe­rung zu be­wah­ren und wei­ter­zu­ge­ben ha­ben. Es ist äu­ßerst sel­ten, daß sie zu­gleich Neue­rer sind. Nur in der letz­ten deut­schen Klas­sik trat bei den Deut­schen Idea­lis­ten der Glücks­fall ein, daß die deut­schen Den­ker gleich­zei­tig Pro­fes­so­ren der Phi­lo­so­phie wa­ren.

Die 68er Ne­ga­tiv­fol­gen lie­gen in der Men­ge der Be­wah­rer, in der sprung­haf­ten Ver­meh­rung la­ge­kon­ser­va­ti­ver Aka­de­mi­ker. Be­sei­tigt wur­den haupt­säch­lich je­ne Maß­stä­be, die der quan­ti­ta­ti­ven Ex­plo­si­on und qua­li­ta­ti­ven Im­plo­si­on ent­ge­gen­stan­den. Schla­gend ist dies in den So­zi­al- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, in de­nen nach ’68 aus­drück­lich un­faus­ti­sche Au­to­ren auf­tauch­ten, die nicht mehr er­klä­ren woll­ten, was die Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält, son­dern den Pakt mit dem Teu­fel oh­ne je­de Er­kennt­nis­not such­ten. Oder auch die Dreis­tig­keit, mit der Schar­la­ta­ne wie Ha­ber­mas auf­tra­ten, der sein Hauptwerk unter dem Titel Theorie des kommunikativen Handelns vorlegte, ohne auch nur den Begriff der Kommunikation zu deduzieren und ansonsten als systematische Theorie nur drei Begriffe anbot: System, Lebenswelt und die Kolonisierung letzterer durch ersteres. Trotz der negativen Folgen bleibt die SDS-Theorie richtig, daß, wer die F&E-Arbeitskräfte, die Neuerer, Erfinder und Entdecker, politisch führt, gute Aussichten auf die Führung der Gesamtarbeitskraft des Volkes und damit auf die Staatsführung hat.

Aber zunächst möchte ich zu den beiden Ausgangsbehauptungen zurückkehren und erstens den nationalen und zweitens den DDR-Charakter der 68er Wortergreifung belegen. Bernd Rabehl schrieb im März 1967 Notizen zum Problem: Marxismus und Nationalismus: „Die marxistische Linke muß Ansätze des Nationalismus weitertreiben, gerade auf dem neuralgischen Punkt, daß Deutschland geteilt wurde durch den Bundesgenossen USA, der diese Teilung ab Teheran sanktionierte…“ (zit. nach Herderbücherei Bd. 518, S.124). Und Rudi Dutschke schrieb am 12.6.67 im Oberbaumblatt : „Ein von unten durch direkte Rätedemokratie getragenes Westberlin … könnte ein strategischer Transmissionsriemen für eine zukünftige Wiedervereinigung Deutschlands sein.“ Im Oktober 1967 sagte er in einem Gespräch mit Enzensberger, Semler und Rabehl über das Modell der Räterepublik Westberlin, sie solle in dezentralisierte Kommunen aufgegliedert werden, als subversives Zentrum zur Auslösung einer gesamtdeutschen Revolution dienen und in ihrer politischen und sozialen Binnenstruktur so aufgebaut werden, daß sie ganz bewußt zur „Provokation für die Bundesrepublik und auch für die DDR“ (abgedruckt in: Kursbuch 14/1968, S.173) dienen könne. Noch im Februar 1994, auf einer Gedenkveranstaltung für Rudi Dutschke in Luckenwalde, sagte Bernd Rabehl: „Unsere Vision war die nationale Befreiung. Wir kamen ja aus dem Osten.“ ( FAZ 25.2.94)

Typisch mitteldeutsch gedacht daran ist, daß nur Amerika und das BRD-Regime als Gegner ernstgenommen werden, nicht aber das SED-Regime und Rußland. Gegenüber der russischen Besatzungsmacht und ihren Soldaten herrschte in der DDR immer eine eher mitleidig-herablassende Betrachtung vor; Russenfurcht war eine westdeutsche und insonders Westberliner Eigenheit. Auch die feige Kampfesweise der Amerikaner und die kriegsverbrecherische Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung ist nie vergessen worden, wofür aus Eigensucht auch die SED sorgte.

Immer stand klar vor dem mitteldeutschen Bewußtsein, daß der ganze kommunistische Schrecken, den man erdulden mußte, nur von den Westmächten ermöglicht worden war, da sie die Kommunistenherrschaft in Rußland vor dem Untergang gerettet hatten. Mit Recht setzte man alle Unbill aus dem Osten auf das Schuldkonto Amerikas und seiner Vasallen.

Bestens bestätigt sah sich diese Betrachtungsweise, als Amerika in Vietnam einen Bombenterrorkrieg zum „Schutz der Teilung“ führte. Den Wiedervereinigungskrieg Vietnams gegen Amerika haben wir Mitteldeutschen als ureigene Sache unterstützt und der Weltmacht Amerika in ihrem Schaufenster Westberlin die Scheiben eingeschlagen. Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung holte der SDS den Internationalen Vietnam-Kongreß nach Westberlin; Ansichtskarten der von Amerika errichteten Kongreßhalle wurden mit dem Aufdruck „Saigon“ verkauft. Wir waren die Mitsieger des Vietnam-Krieges und nach 1989 mußten die USA ihre Berliner Besatzungszone räumen. Jetzt haben nur die Westdeutschen noch eine Bringschuld gegenüber der deutschen Geschichte: Erst dann, wenn sie die BRD beseitigt haben wie die Mitteldeutschen die DDR, ist die innere Einigung beider Volksteile vollzogen.

II

Neben Westberlin und Frankfurt am Main war Hamburg eine Hochburg der 68er Studentenbewegung. Hier gab es weder eine Konfrontation von jüdischem und deutschem Geist wie in Frankfurt noch eine Anhäufüng gesamtdeutscher Gefühlsspannungen wie in Westberlin, sondern eine ausgesprochen geistferne und gefühlskühle Atmosphäre aus pfeffersäckischer Kaufmannsarroganz und rechtem Sozialdemokratismus. Gerade in Hamburg aber wurde die Wortergreifung idealtypisch inszeniert und der Angriff bis zum Begriff vorangetrieben. Gerade diese Unempfänglichkeit für den 60er-Jahre-Geist ermöglichte und ernötigte es in Hamburg, den Gesamtangriff der 68er auf das System zu bündeln und auf einen Zentralbegriff – den der Ware – zu bringen, aus dem heraus ich das Gesamtsystem der Gesellschaftswissenschaften erarbeitete. Diese letzte Konsequenz wurde als Nachspiel der 68er Wortergreifüng zu einem Vorspiel der 89er Altmachtbeseitigung. Mit ihr begann der zweite Anlauf zur Dekonstruktion des kapitalistischen Weltsystems seit 1933.

Nachdem in Hamburg Jahrhunderte ein handelskapitalistischer Filz als Liberaloligarchie herrschte, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg durch eine Sozialoligarchie, einen handels- und industriesozialistischen Filz abgelöst. In der Präambel der gültigen hamburgischen Landesverfassung steht der genuin sozialistische Satz: „Die Arbeitskraft steht unter dem Schutz des Staates.“

Hier war also der richtige Ort, die Sache gründlich zu planen und die Wortergreifung systematisch ins Werk zu setzen, insbesondere da in Westberlin die Bewegung bereits losgetreten war. Der Sinologiestudent Erhard Neckermann und ich entwickelten, angelehnt an Mao Tse-tung, eine einfache Drei-Stufen-Strategie, wie eine permanente Universitätsrevolte herbeizuführen sei. Ich schrieb die Neue Hamburger Taktik . Als nächstes war der SDS in den Zustand der Angriffsfähigkeit zu setzen, die „Revolutionierung der Revolutionäre“ (Dutschke) zu bewerkstelligen. In Hamburg geschah das im Sommersemester 1967 durch Beseitigung des Vorstandes im Handstreich und seine Ersetzung durch einen Aktionsrat. Er führte den Hamburger SDS in viele kleine Übungsangriffe innerhalb der Universität. Dann bescherte uns der Gott der Geschichte den 9. November 1967, die öffentliche Feier zum Rektoratswechsel im „Audimax“, dem Circus Maximus der Universität.

Die politische Polizei war auf diesen Tag gut vorbereitet. Als ich das „Audimax“ betrat, wurde ich sofort festgenommen und in der Dozentengarderobe eingesperrt. Aber jetzt zeigte sich, daß es in vorrevolutionären Situationen nicht auf Strategen oder Rädelsführer ankommt. Die Gelegenheit macht die Revolutionäre, weil der Funke des Aufruhrs auch auf ganz brave Leute überspringt. So haben in Hamburg zwei ehemalige AStA-Vorsitzende sich das nachmals weltberühmt gewordene Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“ selbst ausgedacht, selbst gemalt und eigenhändig den festlich einziehenden Talarträgem vorangetragen. Der Tumult und das Echo der Presse waren gewaltig, der Status quo in der größten Westzonen-Stadt verunsichert.

Die Woche der großen Diskussionen zwischen Studenten und Professoren brach an. Und die Hamburger Presse veröffentlichte alles, was dem AStA auf dem Herzen lag. Wir hatten das Wort in einer Diskussion ergriffen, zu der verunsicherte Institutionen sich veranlaßt sahen. Aber eine vollständige Wortergreifung fügt sich keiner Diskussion ein, sondern verfügt, wann, wo und wie diskutiert werden darf. Der Worthaber gewährt das Wort, der Machthaber gewährt den Besitz. (Und er gewährleistet, falls politischer Machthaber, das Eigentum.)

Dieser Unterschied macht es, daß man mit seiner angeblichen Meinung in allen Zeitungen stehen kann, ohne dort auch nur ein Wörtlein sagen zu dürfen. Diese Seite unserer Wortlosigkeit hieß in Hamburg Springer. Die andere Seite war die große Vorlesung: Hochburg unseres Schweigens, Stätte der Zelebrierung der Wissenschaft, Arcanum der Ordinarienherrschaft. Diese andere Seite unserer Wortlosigkeit hieß in Hamburg Hans Wenke: prominenter Pädagogik-Professor, ehemaliger Schulsenator des Hamburger Bürgerblocks.

Auf dieses Zentrum unseres Schweigens eröffnete ich den Sturmangriff mit einer vernichtenden Rezension an Hans Wenkes großer Vorlesung und an seinem Hauptseminar, aus dem er mich postwendend hinauswarf. Der SDS machte (relative) studentische Massen mobil, zwang den AStA zum Bündnis, stellte Wenke ein Ultimatum, sich in seiner Vorlesung einer Diskussion seiner Lehrinhalte, meiner Kritik an ihnen und seines Vorgehens gegen mich zu stellen. Diesem Diskussionsgestellungsbefehl kam Wenke nicht nach, der SDS sprengte seine Vorlesung und verwandelte sie in ein Seminar der sogenannten „Kritischen Universität“, worin der SDS der Worthaber und der Worterteiler war. Wenke, der seine Entwortung nur um ein Jahr überlebte, zog andere Systemlinge in seinen Untergang mit hinein: den Star-Theologen Thielicke, der in der Welt einen Entlastungsangriff mit dem Titel „Armes Deutschland. Statt einer Vorlesung“ veröffentlichte und ein „go-in“ auf seinen Schaugottesdienst im Hamburger Michel abbekam, bei dem plötzlich nicht mehr das „Vaterunser“, sondern mein „Kapitalunser“ gebetet wurde. Thielicke-Freund General Wolff, Chef der Heeresoffiziersschule, hatte hundert Offiziersanwärter zum Schutz von Thielickes Kanzel abgestellt; er bekam eine Herausforderung des SDS zum Streitgespräch über den amerikanischen Vietnam-Krieg ans Tor gesteckt; Wolff nahm die Herausforderung an und bereitete seinen Mannen die Erfahrung einer geistigen Niederlage; er selbst hat das wohl nicht verwunden und begann einige Zeit später, Soziologie u.ä. zu studieren.

Der Disziplinarausschuß der Universität, den der Rektor gegen mich in Stellung bringen wollte, wurde durch Abzug der studentischen Mitglieder aufgelöst, der Rektor selbst einer Rektoratsbesetzung und einem Verhör unterworfen, der mit Wenke solidarische Akademische Senat belagert, die Vorlesungen seiner Mitglieder in Diskussionsforen umfunktioniert.

Die Strategie der permanenten Universitätsrevolte war zum Selbstläufer geworden.

Am 11. April 1968, in Berlin auf dem Kurfürstendamm, gibt Josef Bachmann, ein rechtsnationaler Jungarbeiter aus Sachsen-Anhalt, auf Rudi Dutschke drei Revolverschüsse ab. In Hamburg vor der Staatsbibliothek sagt Henning Eichberg zu mir: „Oberlercher, du bist der nächste!“ Dutschke im Krankenhaus wechselt mit Bachmann im Gefängnis politische Briefe. Als Bachmann begreift, daß Dutschke ein Patriot ist und alles andere als die „allgemeine reale Staatssklaverei“ nach DDR-Art für die deutschen Arbeiter will, bereut Bachmann seine Tat aufrichtig.

Das tra­gi­sche Mi­ß­ver­ständ­nis zwi­schen dem mit­tel­deut­schen Ar­bei­ter und dem mit­tel­deut­schen Re­vo­lu­tio­när ist aus­ge­räumt. Der NPD aber, die da­mals auf dem Hö­he­punkt ih­res Ein­flus­ses stand, blieb dies Mi­ß­ver­ständ­nis ein lie­bes Vor­ur­teil. Sie ver­spiel­te ih­re his­to­ri­sche Chan­ce, als sie sich vor die ame­ri­ka­ni­sche Be­sat­zungs­macht und hin­ter das ka­pi­ta­lis­ti­sche Sys­tem stell­te. Das Straf­ge­richt der ver­schmäh­ten Ge­schich­te war grau­sam: lang­sa­mer Tod durch po­li­ti­sche Aus­trock­nung.

III

Das At­ten­tat auf Dutsch­ke er­wei­ter­te die deut­sche Stu­den­ten­be­we­gung zur ideo­lo­gi­schen Welt­re­vo­lu­ti­on. Welt­weit gab es Be­kun­dun­gen der So­li­da­ri­tät mit Dutsch­ke und den deut­schen Stu­den­ten. In Ham­burg er­griff der Me­di­zin­stu­dent Karl-Heinz Roth, Füh­rer der Na­zi-Kin­der-Frak­ti­on im SDS, in den Os­ter­un­ru­hen ’68 die In­itia­ti­ve zur Be­la­ge­rung des Sprin­ger-Hau­ses. Roth wur­de po­li­zei­lich ge­sucht, wir ver­steck­ten ihn ein Jahr lang, un­ter­bro­chen von sei­nen Worter­grei­fun­gen im „Audimax“, vor polizeilichem Zugriff. Führte der Kampf gegen Wenke in die Theorie, so der Kampf gegen Springer in den Terror. 1975 lag Roth, mit Polizeikugeln im Bauch, auf dem Pflaster einer westdeutschen Stadt. Noch die RAF zündete eine Bombe im Hamburger Springer-Haus. Im selben Jahr 1975 legte ich, bewaffnet mit der zweiten Auflage der dritten Fassung der „Kapital“-Formalisierung, die erste Staatsdeduktion und die erste Negationen-logik vor.

Als mit dem Beginn des Jahres 1968 die „permanente Universitätsrevolte“ in Hamburg zum Selbstläufer geworden war, setzte im SDS der Wettlauf der konzeptionellen Radikalisierung ein. Der liberalistische Feudalismus-Vorwurf gegen die Ordinarien-Universität war ganz schnell zum Gemeingut geworden. Der Liberalismus ist aber politisch-ideologischer Kapitalismus, der jetzt von der liberalen Presse verstärkt wurde. Wollten wir die Initiative behalten, mußte eine Kapitalismus-Kritik her. Die Kommunistenkinder boten den Nazi-Kindern ihre „Kurzen Lehrgänge“ an, die die DDR-Kinder mit Vehemenz verwarfen und stattdessen den SDS und seine neugewonnenen Sympathisanten in „Kapital“-Lesezirkeln zusammenfaßten. Wer kein Kapital hatte, mußte „Das Kapital“ lesen.

Die Rückkehr zur Quelle des Marxschen Hauptwerkes hatte für die mitteldeutschen Revolutionäre, die antikommunistisch motiviert und kapitalistisch geschockt waren, den doppelten Vorteil, sich erstens in die Theorie der kapitalistischen Umwelt hineinzustudieren, sich zweitens durch den systemkritischen Gehalt dieser Systemdarstellung gegen die Systemlinge der Westzone zu behaupten und drittens die Kommunisten von innen her, im Herzen ihrer begrifflichen Rechtfertigung, theoretisch zu vernichten: eine Aufgabe, an der bisher alle konservativen und alle liberalen Denker gescheitert waren, nicht nur in Deutschland.

Auch diese Phase der 68er Wortergreifung wurde in Hamburg idealtypisch ausgeführt. Im auditorium 1-2/69 erschien meine Strategie des pädagogischen Umsturzes , in der als Maßstab, ob eine Wissenschaft fachidiotisch sei oder nicht, folgendes aufgestellt wurde: „Jede Wissenschaft, die sich … nicht mit der Warenanalyse vermittelt, ist idiotisch, d.h. uneinsichtig in das Ganze, in ihren Zusammenhang mit der Gesellschaft.“ Folglich war die neue Oberwissenschaft, die Wissenschaft aller Wissenschaften, die politische Ökonomie, deren Ansatz auf den Denkstil des 20. Jahrhunderts zu bringen und die zu vollenden war.

Anfang ’69 gründete ich im SDS einen Arbeitskreis zur Formalisierung des „Kapitals“, der sich „Internationales Schulungsinstitut“ (ISI im SDS) nannte, 1970 den ersten Band formalisiert hatte und sogleich mit der Massenschulung begann, die nach fünf Jahren verebbte. 1976 war das System der gesellschaftlichen Bewußtseinsformen , 1978 die Allgemeine Theorie der Politik und des Rechts fertiggestellt. In der ersten Hälfte der 80er Jahre rekonstruierte ich Das Subjekt der Weltgeschichte (in: Hegeljahrbuch 81/82) und deduzierte die Theorien der wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Verbände sowie des Weltmarktes, der Weltpolitik und der Weltöffentlichkeit programmgemäß aus dem Begriff der Ware. 1986 war das System der Sozialwissenschaften ( Die moderne Gesellschaft, Bern 1987) abgeschlossen, der Wahnsinn der 68er Theorie hatte sein Wahnfried gefunden. Und als am 9. November 1989 die Mauer fiel, fanden die überwältigten Mitteldeutschen dafür nur ein Wort: „Wahnsinn!“

Theorie und Terror schlossen sich anfangs nicht gegenseitig aus, sondern besaßen den gemeinsamen Charakterzug des unbedingten revolutionären Willens. Wie jede Revolution so war auch die 68er Kulturrevolution oder Wortergreifung ein Mirakel: eine große Zahl ganz normaler Studenten, Schüler und Lehrlinge arbeitete plötzlich an größenwahnsinnigen Projekten und konnte sich als Traumberuf nichts anderes vorstellen als den Berufsrevolutionär, diese „Leiche auf Urlaub“ (Lenin). Spontane Opferbereitschaft ist immer Anzeichen einer geschichtsträchtigen Zeit, die fähig ist, einen Mythos zu entzünden, aus dem eine ganze Generation ihr restliches Spießerleben erwärmt. Mit dem 68er Mythos hat die 68er Generation bis heute jenes behagliche Spießerleben geführt, gegen das Terroristen wie Theoretiker sich gesträubt haben.

Schon Marx wußte,

daß nicht der praktische Versuch, sondern die theoretische Ausführung… die eigentliche Gefahr bildet, denn auf praktische Versuche, und seien es Versuche in Masse, kann man durch Kanonen antworten, sobald sie gefährlich werden, aber Ideen, die unsere Intelligenz besiegt, unsere Gesinnung erobert, an die der Verstand unser Gewissen geschmiedet hat, das sind Ketten, denen man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen.(MEW 1,108)
Folglich war nicht der Terror, sondern die Theorie das von den linkischen wie von den rechthaberischen Reaktionären Gefürchtete, das der 68er Wortergreifung entsprang.

Die 68er Wortergreifung hatte einen Erfolg: Der Souverän, das Deutsche Volk, geriet ob des Lärms, den wir erzeugten, in ungnädige Stimmung und fragte ärgerlich, was wir denn wollten. Für einen Augenblick hatten wir sein Ohr. Damals wußten wir nicht, wie die neue Ordnung sein sollte. Heute weiß ich es.

IV

Wer als DDR-Kind der BRD an­ge­schlos­sen wur­de – ob als Ein­zel­ner in der Zeit­span­ne 1949-89 oder als gan­zer Staats­bür­ger­ver­band am 3. Ok­to­ber 1990 – hat zwei gro­ße Be­lei­di­gun­gen, zwei un­säg­li­che Zu­mu­tun­gen in Ge­stalt ei­ner krän­ken­den Er­kennt­nis er­lebt: Ers­tens den Klas­sen­kampf, und zwei­tens den Ras­sen­kampf. Das hieß ei­ner­seits: Die Kom­mu­nis­ten hat­ten recht ge­habt, den Ka­pi­ta­lis­mus gab es wirk­lich, er war mehr als ei­ne ih­rer vie­len Pro­pa­gan­dalü­gen. An­de­rer­seits: Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ha­ben recht be­hal­ten: Den Ju­da­is­mus gibt es wirk­lich, Je­ru­sa­lem ist das neue Rom und hält die Völ­ker mit Ras­sis­mus nie­der. Ers­te­res nen­ne ich den Dutsch­ke-Ef­fekt, letz­te­res den Ho­yers­wer­da-Schock.

Wir Mitteldeutschen sehen uns heute als die Opfer sowohl von Klassenkämpfen als auch von Rassenkämpfen. Zusammen mit den Ostdeutschen sind wir Mitteldeutschen Opfer eines Neusprech-Anschlages der orwellisierten politisch-journalistischen BRD-Canaille, welche die Mitteldeutschen zu ‚Ostdeutschen‘ umlügt und die Ostdeutschen namenlos macht: die Vertreibung durch Sprachvertreibung vollendend.

Die DDR-Kinder der 68er Generation erlebten damals nur den Dutschke-Effekt; der Rest der Mitteldeutschen, der erst 1990 der BRD beitrat, erlebt heute millionenfach sowohl den Dutschke-Effekt als auch den Hoyerswerda-Schock, und beides gleichzeitig. Folglich ist ein nationales ’68 zu erwarten, wie Hamburgs Verfassungsschutzchef Ernst Uhrlau 1992 vorhergesagt hat, das ich aber schon im Juni 1987 angekündigt hatte (vgl. Münchner Merkur vom 2.6.87). Die Folgen werden die des Jahres 1968 um ein Vielfaches übertreffen, und 1968 ist nach Klaus Mehnert schon eine Weltrevolution gewesen. Diesmal aber wird das Resultat nicht nur die Vervollkommnung eines bestehenden Systems oder die Ersetzung durch ein anderes sein. Diesmal steht der Sturz der Systemherrschait überhaupt auf der Tagesordnung der Weltgeschichte. Die Herrschaft der Systeme wird abgelöst werden durch eine Ordnung der Welt, die aus reellen Völkerrechtssubjekten sich nach dem Grundsatz Ein-Volk-ein-Staat selbst erbaut.

Das Deut­sche Reich ist nur durch Er­neue­rung der Reich­s­idee wie­der­her­stell­bar. Die Er­neue­rung ei­ner sehr al­ten Idee ist ei­ne fun­da­men­ta­lis­ti­sche Kul­tur­re­vo­lu­ti­on. Die­se Kul­tur­fun­da­men­tal­re­vo­lu­ti­on ist oh­ne die Leh­ren aus ’68 und oh­ne die Er­geb­nis­se der 68er Theo­rie nicht prak­ti­zier­bar. Je­der 68er, der heu­te die west­li­che Wer­te­ge­mein­schaft be­jaht, ist ein Ver­rä­ter.

Der West-Im­pe­ria­lis­mus ist oh­ne Reich­ser­neue­rung nicht be­sieg­bar, denn er war von An­fang an ei­ne Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ge­gen das Reich. Je­der 89er, der die Re­na­tio­na­li­sie­rung der deut­schen Lan­de im Rah­men der west­li­chen Wer­te­ge­mein­schaft an­strebt und auf ei­ne fun­da­men­ta­lis­ti­sche, die Reichs­fun­da­men­te er­neu­ern­de Kul­tur­re­vo­lu­ti­on glaubt ver­zich­ten zu kön­nen, ist ein Narr.

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