Zerlegung der Lage

Alles beginnt mit der Lage, alles endet in der Lage, und alles unterbricht die Niederlage. Wir Deutschen, die Besiegten von 1945, sind die Vermißten der Geschichte. Ohnmächtig in der Niederlage liegend müssen wir aufstehen, wieder auf die Beine kommen. Wir müssen uns erheben. Aufstand ist geboten.

Alles beginnt in einer Lage, und jeder wird aus einer Lage in das Sein geworfen: kopfüber oder hintenunter, und die Glücklichen fallen gleich auf die Füße, sie werden in den Stand geboren, in den andere sich erst setzen müssen. Die Lage kann bequem oder ungemütlich sein, vornedran oder weitab vom Schuß. Aber keine Lage währet ewiglich. Wer aus seiner Lage sich nicht selbst erhebt, sich nicht in Stand setzt, den wirft sein Feind oder das Sein aus einer Lage in die andere.

Im Anfang war die Lage. Wer aus ihr sich zu erheben vermochte und auf die Beine kam, suchte Halt, fand den Standpunkt und strebte zu dem Stand, von dem aus er im Stande war, selber in Gang zu kommen und in den Gang der Welt, wo möglich, einzugreifen. Die Niederlage macht dem ein Ende.

Die totale Nieder-Lage unterbricht den Gang der eigenen Angelegenheiten, wirft uns aus dem Stand, raubt uns den Standpunkt und entreißt uns den Halt, woran wir uns mühsam aufgerichtet hatten. Das Standhalten der Standhaften war vergeblich, keine errungene und ausgebaute Stellung war mehr zu halten gewesen, die einst eigenen Angelegenheiten lagen uns plötzlich fern, sie wurden die Gelegenheiten der Fremden, die Beute der Sieger. Die Lage der Deutschen ist eine festgezurrte Niederlage. Zerlegung dieser Lage ist ihrer theoretischen Seite nach Lageanalyse, ihrer praktischen Seite nach die Erhebung aus der Lage. War diese Lage eine totale Niederlage, so stellt sich deren praktische Zerlegung dar als Total-Erhebung, als absoluter Aufstand. Er ist die Erlösung, die Selbsterhebung zur Absolution.

Wo ein Lagebegriff des Politischen, dort ist sein Sitzbegriff nicht fern, und als nächstliegende Form des politischen Kampfes erscheint das Aussitzen. Da man in dieser niederen Form des Politischen aber sowieso schon viel auszustehen hat, ständig irgendwelche Kräfte einem an den Beinen der politischen Sitzgelegenheit sägen, stellt sich bald die Frage nach der Zerlegung des Sitzbegriffes des Politischen durch seinen Standbegriff. Aus Sitz und Stimme sollen Stand und Ansehen werden. Seine Vorbedingung ist der Überblick, der aus der Lage kaum zu gewinnen ist und aus dem Sitz nur dann, wenn er thronartig hochsteht. Aus einem ansehnlichen Standbegriff des Politischen kommt man in Gang, und aus dem Gang und aus dem Eingriff in den Gang ist der Gangbegriff und der Eingreifbegriff des Politischen zu gewinnen.

Alle Fragen nach Lage, Sitz, Stand und Gang des Politischen fließen aus dem topographischen[1. die räumlichen Bedingungen betrachtend] Politikverständnis, das wesentlich griffiger ist als das doxographische[2. die überlieferten Tatsachen und Grundsätze betrachtend]. Diese örtliche Auffassungsweise des politischen Handelns betrachtet die Gelegenheit des eigenen wie des gegnerischen Lagers, aus der die Drohungs- wie die Bedrohungslage unmittelbar entspringt. Spitzt sich solche Lage zur Belagerung zu, steht am Ort des Geschehens die Frage zur Entscheidung, ob der Besitzer standhalten kann oder entsetzt werden muß, oder ob er dem Belagerer zu weichen und ihn als Besetzer zu dulden hat.

Wie Lage und Sitz leicht zur Belagerung und zur Besitzung führt, so gleitet der Blick ganz zwanglos hinüber zum möglichen Besitz. Der mögliche Besitz (wußte schon Thomas Hobbes), das ist die Macht. Die Macht ist keine blinde, böse und zerstörende Besitzgier, sondern als möglicher Besitz die Absehung vom tatsächlichen Besitz, die Befreiung vom Zwang zur jederzeitigen Tathaft. Besitz als solcher steht unter der Notwendigkeit der besetzenden Tat und ihrer besitzenden, bestehenden und innehabenden Dauer. Diese Notwendigkeit löst die Macht durch ihre Möglich-keit, was die machteigene Wirklichkeit erzeugt. Die bloße Notwendigkeit dieser Machtwirklichkeit ist der Wille und die bloße Möglichkeit der Macht ist die Gewalt. Die Gewalt ist das reine Mittel und damit tathafte Möglichkeit zur Verwirklichung der Notwendigkeit, zur Durchsetzung des Willens als Macht. Gewalt also ist Ermöglichung der Verwirklichung der Notwendigkeit. Durch die Gewalt wird der notwendige Wille mögliche Macht, die den mit Notwendigkeit gesetzten Willen durchsetzt und als wirkliche Macht durchgesetzt hat. Als durchgesetzter Wille kommt die Macht mit Notwendigkeit zu neuen Setzungen des Willens und muß zu demgemäßen Durchsetzungen mittels Gewalt schreiten, um im Machtzuwachs sich zu verwirklichen.

Ohne Macht und ohne Besitz gibt es keine Politik. Aber die Macht ist nur eine notwendige und keine hinreichende Bedingung für die Gegebenheit des Politischen. Jeder wahre Unterscheid von Freund und Feind, von Sicherung und Bedrohung, von Besitz und Nichtbesitz, von Stand und Ausstand, von Macht und Ohnmacht bezeichnet gewiß höchst wesentliche Unterschiede, politische Unterscheidungen aber sind es nicht. Freund und Feind sind so vorpolitisch wie die Lageanalyse oder das Gesetz; sie sind allesamt Gewalten, in denen die Naturaldifferenz waltet. Macht und Besitz sind Rohstoff der Politik, die selber erst beginnt, wo der Besitz mögliches Eigentum und damit ein Recht, also auch der mögliche Besitz mögliches Eigentum und daher ein Rechtsanspruch wird. Die unpolitische Macht wird mit dem Rechtsanspruch zur politischen Macht und daher zur Rechtsmacht. Politik beginnt also beim Recht und seinem Anspruch. Sie setzt sich fort bei der Person und ihren Möglichkeiten. Die Person ist der Besitzer, welcher Eigentümer ist: der Mensch als Rechts- und Politiksubjekt. Das politische Subjekt mitsamt seinen Fiktionen ist das Rechtssubjekt in seinem subjektiven Recht, welches das Recht verinnerlicht hat und es als Moralität abstrahlt. Im Reiche dieser Moralität werden aus Rechtsansprüchen Ansprüche der Persönlichkeit; aus dem politischen Kampf als dem Kampf gleicher Rechte, zwischen denen die materiale Gewalt entscheidet, wird der Kampf gleichberechtigter Personen, zwischen denen die moralische Gewalttätigkeit, Schlag um Schlag, den Ausschlag gibt.

Der Begriff der Lage koexistiert mit dem Begriff des Politischen. Die Zerlegung des Lagebegriffs führt zum Elementarbegriff der Niederlage, die durch Erhebung aufgehoben, aber nicht weiter zerlegt werden kann. Die bloße Niederlage ist so unpolitisch wie die reine Ohnmacht, die absolute Macht und der totale Sieg. Letzterer behält den Makel der Unvollkommenheit, wenn er sich nicht als Recht rechtfertigen kann. Daher wird der totale Sieg und alle aus ihm geschöpfte Rechtlosigkeit vom Sieger verrechtlicht. Resultat des Vernichtungskrieges war die bedingungslose Kapitulation. Deren Verrechtlichung durch ewige Verfassungsgrundsätze, UNO-Feindstaatenklausel, NATO, Atomwaffensperrvertrag und EG wird aber zum Ansatzpunkt jeder erfolgreichen deutschen Revisionspolitik, die als Wiederherstellung der unbeschränkten Souveränität, also mit der vollen Völkerrechtssubjektivität der Besiegten von 1945 enden muß. Weil der Sieger seinen Sieg durch Verrechtlichung zu verewigen sucht, verwandelt er selbst die totale Niederlage des Besiegten aus einer bloßen Elendslage in eine politische Lage, die auf politische Weise verändert werden kann. Jede politische Lage, auch die schlechteste, ist aber eine menschliche Lage.

Die Subjekte des europäischen Völkerrechts hatten totale Siege und totale Niederlagen vermieden. Deren Rechtlichkeit wäre kaum begründbar gewesen. „Jedes Volk sei Rechtssubjekt und anerkenne das feindliche Volk als ein Rechtssubjekt!“ ist oberstes Gebot des völkerrechtlichen Zustandes. Ohne Verletzung dieses Gebotes kann keine bedingungslose Kapitulation verlangt und erzwungen werden. Ist sie einmal erzwungen worden, gibt es keinen Halt mehr: Der Sieger kann die Regierung des besiegten Landes verhaften, dessen Kriegsgefangene zu entwaffneten Feinden erklären und dem Hungertod preisgeben, beliebig in die allgemeine Rechtsordnung des besiegten Landes eingreifen und die Zivilbevölkerung ganzer Provinzen vertreiben und um Millionen dezimieren. All dies folgt der Logik des Vernichtungskrieges, der kein Rechtserzwingungsmittel mehr ist, sondern das Mittel der Liquidation des feindlichen Völkerrechtssubjekts. Der Krieg hört auf, ein Clausewitzscher Krieg zu sein; es geht nicht mehr um die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern um eine Beendigung der Politik mittels militärischer Gewalt und moralischer Gewalttätigkeit. Dem Gegner soll kein fremder Wille aufgezwungen, er soll vom eigenen Willen endgültig befreit werden. Dieser Krieg wird dadurch in der Tat die absolute Befreiung der Besiegten; er wird der Krieg zur Abschaffung aller Kriege, weshalb er der Einführung einer Neuen-Welt-Ordnung dient und – solange noch mögliche Störer dieser Neuweltlichkeit vorhanden sind – auch nicht aufhören kann und schon garnicht durch Friedensvertrag zu beenden ist. Der unter der Losung „Krieg dem Kriege“ geführte Krieg darf nie enden.

Wie die mittelalterliche Fehde ist der Krieg in der europäischen Geschichte ein Rechtserzwingungsmittel. Dieser Krieg wagt das Leben der Menschen und Völker, um ihre Person zu wahren. Die Person ist die Ebenbildlichkeit Gottes am Menschen, sie ist die Charaktermaske der göttlichen Abstammung der Völker, durch die ihre Stimme hindurchtönt. Nur die Anerkennung des Krieges läßt die Völker den Frieden wiedergewinnen. Der Frieden aber ist ein Geschenk, das die Götter nur jenen Nachkommen gewähren, die ihnen Heimstätten bieten. Diese Heimstätten wollen aber geschützt sein vor den Verwüstungen des eifernden Wüstengottes, der sein Ich nur bestätigen kann in der Vernichtung der anderen Götter, in der Entgötterung der Welt. Vertreibung der Götter und der Menschen, Liquidierung der Staaten und der Kulte, Verwüstung der Welt: das ist ein und der selbe Vorgang.

Der Krieg gegen den Krieg ist Vernichtungskrieg im naturalen wie im formalen Sinne: Hungerblockade, Bombenkrieg und Nukleardrohung der Naturalform der Gewaltanwendung nach, Liquidation unterlegener Völkerrechtssubjekte der Verkehrsform nach. Der Krieg gegen den Krieg und für die neue Weltordnung muß natural- wie verkehrsförmiger Vernichtungslrrieg sein, weil die Kriegsführungsfähigkeit materialiter, als Volk in seinen Wohnungen und Werkstätten, verringert und im Idealfalle zur bloßen Bevölkerung vernichtet werden muß, als Subjekt des Völkerrechts aber liquidiert gehört, weil der Krieg aufhört, wenn keiner mehr oder nur noch einer dazu berechtigt ist. Je weniger Staaten, desto weniger Kriegsführungsberechtigte gibt es, Polizisten und Verbrecher bleiben übrig. Die Stunde der Weltinnenpolitik schlägt, dem Menschen als zoon politikón hat das letzte Stündlein geschlagen und übrig bleibt ein unpolitisches Tier (animal sociale) mit überflüssiger Großhirnwucherung.

Die Gegenbewegung zum Vernichtungskrieg ist der nationale Befreiungskrieg: Er vermehrt die Anzahl der Völkerrechtssubjekte und damit die möglichen Kriegsparteien. Der Triumph vieler Unabhängigkeitskriege und -bewegungen beendet das Zeitalter des Weltfriedens, das eine Zeit andauernden Weltpolizeieinsatzes war. Das Polizeiliche ist die Unschädlichmachung des Politischen, die Entpolitisierung der Völker, es ist die Entmenschung des Völkerrechts und die Verbrecherung der Welt, die insgesarnt unschädlich zu machen war. Dies schien nur in der Zweiten Systemzeit, die vom 8. Mai 1945 bis zum 9. November 1989 währte, vorübergehend zu gelingen, weil das Polizeiliche einen Weltmachtwillen ausdrückte, der als solcher die völkerrechtliche Weltordnung unterdrücken mußte. Während des sog. Ost-West-Konflikts hatte der Versuch, Weltpolitik durch Weltpolizei zu ersetzen, noch eine gewisse Folgerichtigkeit, weil der Weltpolizist ein Weltgefängnis hinter sich hatte. Ohne diese Rückendeckung ist der Weltpolizist eine schwache Figur. Absehbar ist, daß der US-Marshall dem SU-Gulag in den Orkus der Gegengeschichte nachfolgen wird. Die Götter Germaniens kehren zurück, sobald ihre Kränkung gesühnt und ihre Heimstatt entwüstet und wiedererrichtet ist.

Die Besiegten von 1945 sind also in Wahrheit die völlig Befreiten. Sie sind Schopenhauersche Idealexistenzen geworden, die aus der Knechtschaft des eigenen Willens Erlösten. Ihre Welt ist nicht mehr Wille und Vorstellung, sondern nur noch Vorstellung. Sie sind von der Notwendigkeit befreit, die als Zwang zum Willen alle Macht und Gewalt bewacht. Sie müssen nicht wollen und sie wollen auch nicht mehr müssen. Nun hat der Mensch zwar die Freiheit des Willens wie der Willenlosigkeit, aber der Willen hat nicht die Freiheit der Notwendigkeit, denn er ist die Notwendigkeit selber und als solche das Tor zu aller Möglichkeit und Wirklichkeit der Welt des Menschen. Die von der Notwendigkeit des Willens Befreiten geben der Not Kredit, ohne die Not zu wenden, weder als Wendigkeit noch als Abwendung. Die Leidenschaft der Willensbefreiten ist die Selbstemanzipation: das Sich-selbst-aus-der-Hand-Geben. Mit sich selber geben sie die Notwendigkeit des Willens wie den Willen der Notwendigkeit auf. Nichts wird mehr gewendet und schon gar nicht die Not. Die Not häuft sich an und man schenkt ihr ein anscheinend unbegrenztes Vertrauen. Die Not selber ist eine unantastbare Würde. Weil die Not nicht gewendet, sondern beschworen wird, hat sie eines Tages eine solche Macht, daß sie autonom wird, eigenen Willen setzen und mit Gewalt durchsetzen kann. Der Autonome ist die personifizierte Not der zur Notwendigkeit unfähigen Befreit-Besiegten von 1945.

Die Unterscheidung von Freund und Feind ist dann und nur dann ein politischer Unterschied, wenn der Freund meinen Anspruch als Anrecht anerkennt und der Feind denselben Anspruch als Unrecht kennt und als Anrecht verwirft. Die Lage ist nur dann eine politische Lage, wenn sie eine Rechtslage ist, die Lageanalyse nur dann eine politische Analyse, wenn sie eine Rechtslage zerlegt. Die Zerlegung der Lage ist die Vernichtung der Lage, nicht des Gelagerten. Liegt dieser in absoluter Nieder-Lage darnieder, kann Zerlegung seiner Lage nur Erhebung aus der Lage, nur Lageaufhebung sein. Die rechtliche Verankerung und politische Fesselung in der Niederlage macht diese politisch und öffnet dem Besiegten die Möglichkeiten der politischen Entfesselung. Verhindern kann das der Sieger bei für ihn sich verschlechternden Relationen der Naturalmacht nur durch rechtzeitige physische Vernichtung des Besiegten, was aber auch die gänzliche Entrechtung und Entpolitisierung nicht nur der Lage des Besiegten, sondern vor allem auch der Lage des Siegers bedeutet. Der Sieger ist dann so rechtlos und unpolitisch wie der Besiegte. Will der Sieger vermeiden, in diese Lage, die von Dritten ausbeutbar ist, zu kommen, muß er versuchen, die einzelnen Schritte der politischen Selbstentfesselung des Besiegten sich als Zugeständnis abkaufen zu lassen. Das Angebot der USA von „partnership in leadership“ an ihren Vasallen BRD war solch ein Versuch.

Der Begriff des Politischen ist das Recht, der Begriff der politischen Lage aber ist die Unterscheidung von Freund und Feind meines Rechts. Und auch die Geographie kann mir freundlich oder feindlich sein. Der allgemeine Begriff des Politischen ist substantiell und indifferent gegenüber dem Schicksal der Völker wie der Einzelnen, der besondere Begriff des Politischen der Lage ist topographisch und schicksalhaft, meint immer das eigene Geschick von Rechtssubjekten in der Beziehung zu anderen Subjekten an einem bestimmten Ort und in einer gewissen Zeit.

Im Lagebegriff des Politischen ist die Substanz das Subjekt.

Wie zerlegt man die deutsche Lage? Wie verwandelt man die deutsche Niederlage des 20. Jahrhunderts an dessen Ende in einen deutschen Sieg? Mit welchem geschichtlichen Zug kann das Deutsche Volk das 21. Jahrhundert eröffnen?

Die beiden Weltkriege waren Präventivkriege gegen den Reichsgedanken zum Schutze der imperialistischen Systeme in West und Ost. Hatte schon Bismarck bei der Gründung des Zweiten Reiches den sog. Kulturkampf gegen die katholisch-maßvollen Anhänger des Wüstengottes zu führen, so Hitler seit der Gründung des Dritten Reiches den sog. Rassenkampf gegen die judaistisch-maßlosen Auserwählten des Wüstengottes. Der Investiturstreit mit dem Papst, der Kulturkampf mit dem rheinisch-polnischen Katholizismus und der Rassen-Klassen-Kampf mit dem jüdischen Weltzentralrat bezeichnen Angriffe auf die ersten drei Reiche der Deutschen, deren fundamentale Herausforderung für die Diesseitigkeitsgötzen aller Systemzeiten im Abendland die theologische Transzendenz der deutschen Staatsidee war: Das Reich als Schwert Gottes, als Katechont und Wahrer der kosmischen Ordnung in Europa und auf dem Erdenrund. Von den Sternenmänteln der deutschen Kaiser bis zum gestirnten Himmel über Kants Königsberg war der deutsche Glaube immer kosmozentrisch und damit Haßobjekt aller anthropozentrischen Kulte einschließlich des Christentums. Nicht nur bezüglich der weltpolitischen Großlage verbessern sich ständig die Bedingungen der Wiedergeburt des Deutschen Reiches, sondern auch wegen des schnell wachsenden Verzweiflungsgrades aller diesseitigen und anthropozentrischen Religionen.

Wortergreifung ist immer die Vorbedingung der Machtergreifung. Aber keine Wortergreifung kann zur Machtergreifung führen, die nicht Machtbegreifung ist. Nur das Begreifen der Macht rechtfertigt das Ergreifen des Wortes. Alles wird darauf ankommen, daß unser Wille, unsere Gewalt und unsere Macht im gottgefälligen Raume des Rechts sich bewegen; dadurch werden sie politisch und folglich menschlich. Der rechtsetzende Wille ist der politische Wille, die rechtdurchsetzende Gewalt ist die politische Gewalt und die rechtswaltende Macht ist die politische Macht, also durchgesetzter politischer Wille.

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Der Gang der Geschichte

Der Gang der Weltgeschichte führt, Hegel zufolge, von China über Indien, Persien, Griechenland und Rom nach Deutschland. Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts scheint die Geschichte über England nach Amerika fortgelaufen und über den Pazifik hin wieder auf den chinesischen Kulturraum gestoßen zu sein. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend kann man aber den Eindruck gewinnen, daß das amerikanisch bestimmte 20. Jahrhundert nur eine Warteschleife im Gang der Weltgeschichte war, bevor sie sich von Deutschland aus auf den Weg nach Rußland macht und über die mongolischen Steppen zurück nach China kehrt.

Die Weltgeschichte ist der Gang des Geistes durch die Welt, die er durch Absehung seiner von sich selbst geschaffen hat. In dieser Welt sucht der Geist sich selbst, er sucht sich in Gestalten, die ihm entfremdet, weil entvollkommnet sind. Hier ist er also nicht absoluter Geist, sondern Weltgeist. Wird der Geist als Person gedacht und anerkannt, so ist der Gang der Geschichte der Gang Gottes durch die Welt, sein irdisches Dasein und seine Selbstauslegung in der Zeit. Zunächst (I) wollen wir uns das Wesen und den Gang der Geschichte vergegenwärtigen, wie ihn Hegel, der deutsche Aristoteles, gesehen hat. Anschließend (II) sei die geschichtsphilosophische Betrachtungsweise des Deutschen Idealismus auf die nachklassische Zeit Deutschlands angewandt und endlich (III) die künftige Ordnung Europas aus dem Geist seiner Völker entworfen.

I

Die Geschichte ist die Selbstauslegung des Geistes in der Zeit. Die Auslegung ist dem Ausgelegten gegenüber nachrangig. Das Selbst des Geistes ist er als absoluter Geist, die Zeitauslegung des Geistes ist er als Geschichte. Die Natur dagegen ist die Selbstauslegung des Geistes im Raum. Indem der Geist in Natur und Geschichte diese Arbeit der Selbstauslegung leistet, schöpft er zunehmend Gestalten, die ärmer an Eigensinn und reicher an geistigem Sinn, also geistreicher sind. Die Betrachtung des Ganges der Weltgeschichte ist ihre Vergeistigung und daher letztlich eine Theodizee, eine Rechtfertigung Gottes. In der Weltgeschichte selber liegt schon eine starke Aufforderung, sich mit ihr zu versöhnen, indem wir ihren Sinn erkennen und den darin manifestierten Geist erfassen.

Der Endzweck der Welt ist die Freiheit und in der Welt selber zu verwirklichen. Die Weltgeschichte geht auf geistigem Boden vor, die Entwicklung des Geistes ist ihre Substanz. Die Natur ist in der Geschichte nicht handelnd, sondern nur eine fremde Auslegung des Geistes, die in seine Zeitauslegung bisweilen einbricht oder auch auf sie überzugreifen scheint, aber wie ein Unwetter wieder verschwindet und geistig-substantiell folgenlos bleibt.

Ist das Wesen der Materie die Schwere, so das Wesen des Geistes die Freiheit; ist die Materie schwer, weil sie nach einem Mittelpunkt außer ihrer selbst drängt, also außereinander besteht und daher zusammengesetzt ist, so hat der Geist dagegen seinen Mittelpunkt in sich, hat die Einheit nicht außer sich, sondern er hat sie in sich gefunden. Der Geist ist in sich selbst und bei sich selbst. Die Materie hat ihre Substanz außer ihr; der Geist ist das Bei-sich-selbst-Sein. Dies eben ist die Freiheit. Dieses Beisichselbstsein des Geistes ist Selbstbewußtsein. Der Geist ist das Beurteilen seiner eigenen Natur. Die Weltgeschichte ist die Darstellung des Geistes, wie er sich das Wissen dessen, was er an sich ist, erarbeitet. Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zu dem Bewußtsein gekommen, daß der Mensch als Mensch frei ist, die Freiheit seine eigene Natur ausmacht. Dieses Prinzip auch in das weltliche Gemeinwesen einzubilden, das war eine schwere, lange Arbeit. Religion ist das Prinzip, also der bloße Anfang der Freiheit. Anwendung des zunächst religiösen Prinzips auf die Weltlichkeit ist der Verlauf der Geschichte. Sie ist Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, die zu ihrer Wirklichkeit wird.

Der Geist ist das Vollkommene und kann darum nichts als sich selbst, seinen eigenen Willen wollen. Der Geist als Einer, als ein Handelnder betrachtet, ist in sich vollkommener Besitzer seiner selbst, und als rechtmäßiger Besitzer ist der Geist Eigentümer seiner selbst und daher Gott. Gott regiert die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans, ist die Weltgeschichte. Nur das aus Gottes Plan Vollführte hat Wirklichkeit, das ihm Ungemäße ist nur faule Existenz. Es geht ums Erkennen der göttlichen Idee und um die Rechtfertigung der Wirklichkeit, wobei das Recht des Weltgeistes über alle besonderen Berechtigungen hinweggeht.

Die Leidenschaft ist das Betätigende, die Idee ist das Innere, der Staat ist das wirkliche sittliche Leben. In der Weltgeschichte kann nur von Völkern die Rede sein, die einen Staat bilden. Der Staat ist das Wahre, die Einheit des allgemeinen und subjektiven Willens. Der Staat ist die göttliche Idee, wie sie auf Erden vorhanden ist. Er ist so der näher bestimmte Gegenstand der Weltgeschichte überhaupt.

Der Geist der Familie ist ebenso ein substantielles Wesen als der Geist eines Volkes im Staate. Durch die Familiensittlichkeit (die Pietät) hat der Staat solche Individuen als Staatsangehörige, die schon für sich sittlich sind, denn als Personen sind sie dies nicht. Sie haben gelernt, sich als eins mit einem Ganzen zu empfinden. Aus patriarchalischen Verhältnissen entspringt die Theokratie, denn auf dieser Stufe ist die Familie noch nicht von der bürgerlichen Gesellschaft und vom Staate geschieden, so daß das Oberhaupt auch sein Priester ist.

Die Verfassung eines Volkes bildet mit seiner Religion, seiner Kunst und Philosophie eine Substanz, einen Geist. Der Staat ist eine individuelle Totalität. Die erste Produktion eines Staates ist herrisch und instinktartig. Aber auch Gehorsam und Gewalt, Furcht gegen einen Herrscher ist schon ein Zusammenhang des Willens. Schon in rohen Staaten muß auf die Partikularität Verzicht getan werden und ist der allgemeine Wille das Wesentliche. Ein Staat beginnt mit einem Königtum. Darauf tut das Besondere und Einzelne sich hervor in Aristokratie und Demokratie. Den Schluß macht die Unterwerfung dieser Besonderheit unter eine Macht, welche nur die monarchische sein kann. Es ist so ein erstes und ein zweites Königtum zu unterscheiden. Welche Verfassung eintritt, ist nicht Sache der Wahl; nur diejenige kann eintreten, die gerade dem Geiste des Volkes angemessen ist.

Der Staat ist die geistige Idee in der Äußerlichkeit des menschlichen Willens und seiner Freiheit. Das System der Freiheit ist die freie Entwicklung ihrer Momente als organischer Glieder, es ist ein gotischer Dombau. Das Sittliche ist die Einheit des subjektiven und allgemeinen Willens.

Das Wahre gelangt nicht nur zur Vorstellung und zum Gefühl, wie in der Religion, und zur Anschauung, wie in der Kunst, sondern auch zum denkenden Geist. Die Prinzipien des Staates müssen als an und für sich geltend betrachtet werden, und sie werden dies nur, insofern sie als Bestimmungen der göttlichen Natur selbst gewußt sind. Wie daher die Religion beschaffen ist, so der Staat und seine Verfas-sung; er ist wirklich aus der Religion hervorgegangen, und zwar so, daß der athenische, der römische Staat nur in dem spezifischen Heidentum dieser Völker möglich war, wie eben ein katholischer Staat einen anderen Geist und eine andere Verfassung hat als ein protestantischer.

Die geschichtlichen Taten und ihre Erzählung erscheinen zu gleicher Zeit. Die Entwicklung einer Sprache gehört aber noch nicht zur Geschichte der Völker, die sie sprechen. Die Sprache ist voreilig, sie treibt die Völker vorwärts und auseinander, bis sie entweder mit Staaten in Berührung kommen oder selber die Staatsbildung beginnen, so daß sie geschichtlich werden. Dabei ist jedes geschichtliche Volk von einem eigenen Prinzip – seinem besonderen Volksgeist – bestimmt. Dieser hat eine logische und eine empirische Seite. Das Logische dieses eigentümlichen Prinzips eines Volkes erscheint als seine bestimmte Besonderheit, die auf geschichtliche Weise zu zeigen, also zu erweisen ist. Die historische Nachweisbarkeit hängt jedoch vom logischen Vorweis ab. Das Prinzip eines Volkes ist sein Anfang; mit ihm hat es den Fang seiner Geschichte gemacht, ihre herstellungslogische Prozeßidee: den Vorausgang. Die Geschichte selber ist dann der Durchgang des ganzen Vorganges vom Vorausgang bis zum Ausgang. Das Prinzip, der Anfang eben, ist es, der den Durchgang der Geschichte bis zu ihrem Ausgang bestimmt. Der Gang ist das Prinzipielle, der Verlauf das Empirische an der Geschichte eines Volkes.

Der konkrete Volksgeist ist das zu Erkennende, das als Geist nur geistig, also durch Gedanken gefaßt werden kann. Der Volksgeist will sich selbst vollenden, also nicht nur sich zur Anschauung bringen, sondern zum expliziten Gedanken seiner selbst. Seine Vollendung ist sein Ende und der Anfang eines neuen Volksgeistes. Damit beginnt eine andere Epoche der Weltgeschichte.

Die Veränderung überhaupt ist Untergang und Aufgang, also beständiges Hervorgehen. Die geschichtlichen Veränderungen aber sind nicht bloß Verjüngungen, nicht bloß Rückgänge zu derselben Gestalt, sondern Verarbeitungen des Geistes, der durch jedes Erzeugnis seinen Stoff vervielfältigt. Der Geist schafft sich so eine unerschöpfliche Menge von Arbeitsaufgaben und Bearbeitungsstoffen.

Der Geist eines Volkes erfaßt sein Prinzip und erbaut aus diesem Anfang sich seine eigene Welt als Religion, Kultur, Gebräuche, Verfassung, Gesetze, alle sonstigen Einrichtungen und Taten. Der Einzelne inkorporiert sich dieser bereits fertigen und festen Welt seines Volkes. Ein Volk ist von sittlicher und kräftiger Natur, solange es sein Prinzip verwirklichen und die ihm gemäße Welt hervorbringen kann. Ist das Werk vollbracht, verschwindet aus dem ferneren Tun dieses Volkes das Interesse des Weltgeistes. Das Volk genießt sein Werk als seine Welt, die ihm zur Gewohnheit wird und aus der das höchste Interesse, der schöpferische Gegensatz, verschwunden ist. Sein Dasein wird langweilig, greisenhaft und weltgeschichtlich bedeutungslos. Dieses Schicksal des Volkes kann sich wenden, wenn es etwas Neues will, das von weltgeschichtlichem Interesse ist. Jenes Volk, das etwas wirklich Neues und damit in die weltgeschichtliche Arena zurückkehren will, muß sein Selbst, seine ganze bisherige Geschichte zum Opfer bringen. Das Opfer ist der Beginn des neuen Gemeinwesens, es gründet die geschichtlichen Subjekte. Das Opfer, das ein Volk darbringt, räumt ihm die Zeit seiner neuen Geschichte ein und zeitigt ihren Raum.

II

Das deutsche Volk hat nach der Auflösung des Ersten Reiches solch ein Neues gewollt und mit dem Zweiten Reich das protestantische Kaisertum geschaffen, das einen zweiten dreißigjährigen Krieg auf sich zog und damit seine weltgeschichtliche Bedeutung bewies. Die Entthronung des protestantischen Kaisers und die Verstümmelung seines Reiches haben die Märtyrer geschaffen, welche die legendären Grundlagen der neuen Ordnung eines Europas der freien Nationen bilden werden.

Das protestantische Kaisertum der Hohenzollern war in Deutschland aber nur als abstrakte Idee vorhanden, war wirklich nur im Prinzip, nur als Anfang. Die Bedingungen seines Entstehens, die geschichtliche Altlast des zugrundegegangenen Millenniums der deutschen Geschichte schwächte den Neuanfang. Österreich und damit das geschichtliche Denkmal des alten, katholischen Kaisertums war nicht überwunden und daher auch vom Zweiten Reich ausgeschlossen worden. Ebenso wurde kein Versuch gemacht, die Sezessionsstaaten des Alten Reiches – die Schweiz und die Beneluxländer – aufzunehmen. Es blieb somit nicht nur die Idee der Nation, sondern auch die des Reiches unverwirklicht, was sich zusammenfaßt im Nichtvorhandensein eines deutschen Königs. Weil nur Preußen, Sachsen usw. Königreiche waren, nicht aber der geschlossene Siedlungsraum des deutschen Volkes in Mitteleuropa zum Königreich Deutschland vereinigt wurde, mußte der Kaiser seinen Titel und die deutsche Nation ihre Reichsbildungspflicht gegenüber den Nachbarnationen verfehlen. Die Hohenzollern waren nicht Könige von Deutschland, also konnten sie nicht Kaiser von Europa werden.

An der Schwelle zum dritten Jahrtausend stellen sich Millenniumsfragen. Welchen Charakter soll das dritte Jahrtausend deutscher Geschichte haben? Was kennzeichnete die vergangenen zwei Jahrtausende? – Betrachten wir die Geschichte Deutschlands vom Jahre 9 bis zum Jahre 1990, so sehen wir sie in zwei Jahrtausende unterschieden. Die Zeit von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zum ersten Sachsenkaiser (919) ist dem Entstehen der deutschen Großstämme, der Herausbildung des Althochdeutschen als neuer gemeingermanischer Sprache und insgesamt der Volkwerdung der Deutschen gewidmet. Das Gemeinsame aller Germanen, ihr Gemeinschaftsunternehmen der südlich gerichteten Landnahme und des jahrhundertelangen Kampfes gegen Rom, besondert sich in den Frontstämmen am mittleren Abschnitt, was zur dauerhaften Verortung der allgemeinen Aufgabe in Mitteleuropa führt. Deutschland ist bis heute der Ort der germanischen Allgemeinheit, so daß Deutschfeindlichkeit und Antigermanismus zusammenfallen. Die Zeit vom ersten Sachsenkaiser bis zum letzten deutschen Kaiser (919-1919) umfaßt dann die Staatsgeschichte und damit die Nationwerdung des deutschen Volkes, die auch von Ludwig dem Deutschen (843) bis zu Adolf dem Österreicher (1945) datiert werden könnte. Das charakteristische Prinzip des Ersten Reiches tritt schon im Jahre 800 mit der vom Papst usurpierten Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom hervor, wo die deutsche Staatsgeschichte als Geschichte der Übergriffe der geistlichen Gewalt gegen die weltliche begann und erst 1806 endete. Vom Deutschen Idealismus ausgehend, beginnt die Geschichte der neuen Reichsidee, die in Bismarcks Gründung eines protestantischen Kaisertums ihren ersten Realisierungsversuch erlebte, der in einer Leidens- und Märtyrerzeit endete, einer weltweiten Deutschenverfolgung, die von 1914 bis 1990[1. Das erwies sich leider als eine viel zu optimistische Einschätzung.] dauerte.

III

Wie soll jetzt die deutsche Geschichte weitergehen und wie die europäische? Wie soll sich die geistige Macht entwickeln und wie die weltliche Macht?

Die deutsche Geschichte kann nur als Politik der schrittweisen Wiedervereinigungen aller Teile Deutschlands fortgesetzt werden. Die derzeitigen Regierungen in Deutschland allerdings wollen das Gegenteil, nämlich die Beendigungen der deutschen Geschichte und ihre Ersetzung durch EG-Geschichte. Sollte es gelingen, mit dem Einheitsmarkt und der EG als politischer Union ein neues Einheitsreich des karolingischen Typs auf die Beine zu stellen, ist dessen baldiger, von schweren sozialen Erschütterungen begleiteter Zerfall ebenso unausweichlich wie die Teilung des Reiches Karls des Großen es gewesen war.

Kern und Voraussetzung jeder echten Einigung Europas ist die Wiedervereinigung aller deutschen Stämme und Landschaften zu einem Königreich Deutschland. Die Wiedervereinigung des westlichen und mittleren Teiles begann, als die mitteldeutschen Flüchtlinge über Ungarn kamen und in Österreich wieder deutschen Boden betraten – eine Tatsache von höchster symbolischer Bedeutung. Die Wiedervereinigung sollte fortgesetzt werden durch eine Vereinigung Österreichs mit der Schweiz zu Bergdeutschland, dann mit den Beneluxländern und dem erweiterten Bundesdeutschland zum Königreich Deutschland. Dieses kann dann mit anderen europäischen Nationen je nach innerem Verwandtschaftsgrad Reichsbildungen der verschiedenen Formen eingehen. Entscheidend wird sein, daß die europäische Reichsbildung eine organische Völkerrechtsordnung darstellt und den Völkern Europas keine Einheitsgesellschaft aufzwingt, die ihre Souveränität zerstört.

Die künftigen deutschen Wiedervereinigungen sollen kein Anschluß und auch kein Beitritt sein, sondern wirkliche innere Vereinigungen der jeweiligen Landschaftsräson zu einem neuen Gesamtverstand Deutschlands. Deutschösterreich bewahrt nicht nur die Insignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, vor seinen Grenzen warten auch die südosteuropäischen Nationen, die dem Reich wieder angehören möchten – um ihres eigenen Wohles willen. Österreich bewahrt also das erste Jahrtausend deutscher Staatlichkeit, es überliefert die alte Reichsidee des katholischen Kaisertums durch sein bloßes Dasein. Die Schweiz dagegen hat Idee und Wirklichkeit der urgermanischen Landsgemeinde, die Einheit von Wehr- und Rechtsfähigkeit bewahrt, zudem Reste der burgundischen und norditalienischen Reichsangehörigkeiten. Ein einiges Bergdeutschland wird es nicht geben ohne die Wiederaneignung dieses partikularisierten deutschen Erbes. Die Österreichisierung der Schweiz ist ohne gleichzeitige Tellisierung Österreichs undenkbar.

Der Gegenbegriff zu Bergdeutschland ist Taldeutschland, dessen tiefste Gegend die Niederlande sind. Mit den Niederlanden ist Deutschland die Seemacht und die maritime Sichtweise insgesamt entfremdet worden, wodurch es Opfer des globalen Interventionismus maritimer Weltmächte werden konnte. Ferner ist die niederländische Sprache ein Alternativdeutsch, ein Platthochdeutsch, also ein Hochdeutsch, das nicht aus der mitteldeutschen Mundartengruppe entwickelt wurde, sondern aus der niederdeutschen. Die holländisch-flämische Sprache ist somit als gesamtdeutsches Kulturgut anzueignen, das von vornherein die mögliche Entwicklung einer hochdeutschen Sprache aus dem oberdeutschen Dialektkreis austariert.

Die Wiedervereinigung Berg- und Taldeutschlands vollzieht sich zuallererst auf geistigem Grunde, ist eine wechselseitige Anerkennung, Aneignung und anverwandelnde Verallgemeinerung der partikularen Prinzipien deutscher Siedlungsräume. Ihr spiritueller Kern kann nur die germanische Glaubensgemeinde in einer deutschen Reichskirche sein. Das Luthertum war nur die erste, christlich-traditionelle Fassung dieser germanisierten Kirche, deren philosophische Fassung der Deutsche Idealismus ist. Er bringt das geschichtliche Prinzip der Germanen – Freiheit und Treue – auf den Begriff.

Die künftigen Religionen der Deutschen mögen schwarzer Katholizismus, roter Protestantismus, grüne Naturfrömmigkeit und blasser Wissenschaftsglaube sein, – entscheidend ist ihre gemeinsame Verfassung als germanische Gemeinde. Jede künftige deutsche Glaubensgemeinde muß immer eine Landsgemeinde geistlicher Privateigentümer sein, also eine Versammlung solcher, die auf ihre Facon selig werden und also einen Glauben haben, der der ihrige ist. Dagegen hatten im Altertum die Menschen den Staatsgöttern zu opfern, wie sie dem Staat zu gehorchen hatten. Über die Götter selber konnte man sich lustig machen. In der germanischen Religiosität ist der Glaube des Einzelnen sakrosankt wie sein weltliches Privateigentum. Eine Pflicht zum öffentlichen Kultus gibt es nicht, aber Gotteslästerung ist ein Straftatbestand, der das geistige Privateigentum jedes Einzelnen ebenso beleidigt, wie der Satz vom Eigentum als Diebstahl jedes weltliche Privateigentum angreift.

Das künftige deutsche Reichskirchengesetz muß also ein germanisches Geistesverfassungsrecht sein, das zuvörderst den Glauben der Gläubigen, ihr geistliches Privateigentum, schützt. Jede Gemeinde ist dann freie Glaubensgemeinde und jedes weltliche Gemeinwesen ein Verein freier Menschen und keine Zwangsgemeinde. Damit erst ist die geistige Herrschaft der Antike beendet und jede Form des spirituellen Cäsarismus auch innerhalb des katholischen Glaubens überwunden und der Konzilsbewegung zum Sieg verholfen.

Die europäische Ordnungsaufgabe des wiedervereinigten deutschen Volkes besteht lediglich darin, daß Deutschland ein vorbildliches germanisches Gemeinwesen wird, also zu sich selbst kommt. Die anderen germanischen Nationen werden sich zu diesem geistigen, politischen und wirtschaftlichen Ordnungskern Europas in eine engere Beziehung setzen, die slawischen und romanischen Nationen in eine weitere oder nur andersartige Beziehung und dadurch ein völkerrechtliches Ordnungsgefüge herstellen, das sich fähig zeigt, gegen raumfremde Mächte ein Interventionsverbot durchzusetzen. Das Europäische Reich entsteht durch freiwillige Zuordnung der europäischen Nationen zum Kernvolk Europas, das aber selber erst wieder kernig werden und eine ganz neue innere Festigkeit gewinnen muß.

Instrumente dieser europäischen Völkerrechtsordnung wären die Freihandelszone (EFTA), die Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die europäische Außenpolitik (EAP) und für die germanischen Nationen außerdem noch der Währungsverbund sowie die sozial- und wirtschaftspolitische Union. Europas künftige Ordnung soll als Einheit des Mannigfaltigen, als Bau eines gotischen Domes ausgeführt sein und nicht als Tempel des Mammons.

Ein derart neugeordnetes Europa wird wieder Machtzentrum der Welt sein. Solch ein kommendes Machtzentrum kann aber ganz leicht Angriffsziel der ganzen Welt werden, wenn von ihm nicht rechtzeitig überzeugende Ideen der Weltordnung ausgehen. Als europäisches Weltordnungskonzept schlage ich daher eine Neuordnung der Welt nach Reichsprinzipien vor, die völkerrechtlich zu normieren sind und zugleich als Kategorien einer Sicherheitsordnung gelten. Grundidee dieser Neuordnung als Sicherheitsordnung ist die Einziehung globalstrategischer Wände in unseren Erdraum und ihre völkerrechtliche Normierung als tragende Teile des Bauwerks der Weltsicherheit.

Die globalstrategische Wand als völkerrechtliche Leitnorm der neuen Weltordnung ist aus mehreren Ordnungsbegriffen aufgebaut, die als völkerrechtliche Folgenormen zu fixieren sind: die Sicherheitszone, der Gestaltungsraum, der Subkontinent, die Einflußsphäre und der Konfliktraum von Mächten.

Unter Mächten seien verstanden Staaten, Nationalstaaten und Reiche. Fassen wir als Staat im äußeren Sinne jedes Rechtssubjekt, das das Recht zum Kriege hat, also von anderen Subjekten des Völkerrechts als ihresgleichen anerkannt ist, somit als formelles Völkerrechtssubjekt, so folgt, daß ein Nationalstaat ein reelles Völkerrechtssubjekt ist, dessen Naturalform oder Subjektsubstanz wirklich ein Volk ist, also die prozessierende Gemeinschaft von Abstammung, Sprache und Schicksal. Reiche hingegen sind Mächte, die aus einem reichsbildenden Volk und aus reichsangehörigen Völkern bestehen und also von einer Völkergemeinschaft bewohnt werden.

Reiche sind unterscheidbar nach der inneren Verfaßtheit ihrer Völkergemeinschaft. Besteht bloß der tatsächliche Unterschied von unterworfenen reichsangehörigen Völkern zum unterwerfenden reichsbildenden Volk, so handelt es sich um bloße Völkerreiche; typischerweise sind dies Großreiche, die im Innern als Einheitsreich verfaßt sind; deren Bewohnerschaft bildet ein explosives Völkergemisch, das durch Gewalt, Gleichmacherei und Primitivierung zusammengehalten werden muß. Reiche können aber auch als Staatenreiche verfaßt sein, worin die Einwohner im reichsbildenden Staat und in den reichsangehörigen Staaten organisiert sind. Die nächsthöhere Form des Reiches ist das Nationenreich, worin der reichsbildende Staat wie die reichsangehörigen Staaten organischer Nationalstaat (reelles Völkerrechtssubjekt) sind, keineswegs aber heterogene Staatsnation wie z.B. Frankreich oder Großbritannien. Die Sowjetunion war solch ein Nationenreich auf dem Papier. Denkbare Formen des Nationenreiches sind das Völkerfamilienreich, wie es dem Panslawismus vorschwebte, oder das Völkersippenreich, das hinter arischen Ordnungsideen aufleuchtete.

Alle Mächte haben das natürliche Bestreben, um sich herum eine Sicherheitszone zu legen, eine Einflußsphäre zu gewinnen, in einem Gestaltungsraum tätig zu sein und gegebenenfalls in einem begrenzten Konfliktraum ihre Interessen gegen fremde Ansprüche zu verteidigen.

Als völkerrechtlicher Gestaltungsraum Nordamerikas ist seit der Monroe-Doktrin Mittel- und Südamerika definiert; dieser Gestaltungsraum ist gewissermaßen senkrechter Natur, weil Subkontinent der gestaltenden Macht. Subkontinentale Gestaltungsräume sind richtige und daher haltbare Ordnungen, weil hierbei der nördliche Teil der Hemisphäre den südlichen führt, das Obere und das Untere im rechten Verhältnis zueinander stehen. Weltordnung wie Weltkarte sind dabei richtig ausgerichtet, nämlich genordet.

Die geostrategischen Achsen sind heute zu den Breitengraden hin verdreht; Nord-Süd ist eine Ordnungslinie, Ost-West aber eine Konfliktlinie. Die Verdrehung entstand durch die machtpolitische Ausschaltung Europas und die globalstrategische Degradierung Rußlands; erst die Afghanistan-Intervention hat Rußlands strategische Ordnungslinie sichtbar wiederhergestellt. Amerikas strategische Achse ist am extremsten ost-west-verdreht: nach Europa und Ostasien. Auch bei wohlgeordneten, subkontinentalen Gestaltungsräumen ist der ostasiatisch-pazifische Raum ein prädisponierter Konfliktraum, weil dort die derzeit niedergehende Welt und Großmächte mit aufstrebenden neuen Industriestaaten zusammentreffen und hier die Subkontinente geopolitisch nicht eindeutig sind.

Einflußsphären sind Einwirkungsmöglichkeiten einer Macht in das Gebiet anderer Mächte; diese Möglichkeiten sind auf ethnischen, sprachlichen oder kulturellen Verwandtschaften gegründet oder auch auf wirtschaftlichen Ausstrahlungen. So sind die baltischen Länder immer nordische Einflußsphäre geblieben, ebenso wie Elsaß-Lothringen deutsche Einflußsphäre. Das Österreich der Ära von Jalta bis Malta aber war etwas ganz Besonderes, nämlich eine doppelseitige Sicherheitszone für Rußland wie für die Westmächte und damit der historische Vorläufer zu der geostrategischen Wand Europa-Afrika.

In zehn Jahren spätestens[2. Klassischer Fall von revolutionärer Ungeduld.] wird Amerika, die derzeit (im Oktober 1990) einzige Weltmacht, dort angelangt sein, wo Rußland heute steht. Der Liberalismus Amerikas als älterer und erfolgreicherer Bruder des frühverstorbenen Kommunismus ist auch nur ein Kind des geistigen Cäsarismus. Die Sprößlinge dieser mumifizierten altrömischen Ideenfamilie haben den Völkern Europas tausend Jahre lang allerlei Geistesknechtschaft beschert. Aber dieses alte Abendland ist nun endlich in die ewige Nacht der Vergangenheit abgesunken.