Die Wertrevolution des Kapitals

  1. Das kapitalistische System ist von Beginn an ein Revolutionssystem. Jede Revolution ist die Umkehrung wesentlicher Verhältnisse im Gemeinwesen derart, daß neue und höherstehende Verhältnisse wesensbestimmend werden. Führt die Umkehrung zu alten und tieferstehenden sozialen Verhältnissen, dann liegt eine Konterrevolution vor. Es geschieht aber auch, daß Kräfte, die sich als Revolutionäre verstehen und versuchen, eine Revolution zustande zu bringen, aufgrund der ideologischen Verkürzungen ihrer Theorie und der Primitivität der vorhandenen materiellen Bedingungen nur eine Konterrevolution bewerkstelligen. Dies passierte den russischen Bolschewisten.
  2. Revolutionen im Kapitalismus betreffen die naturale oder die soziable Seite des Gemeinwesens, sie sind technischer oder sozialer Natur. Die ganze reelle Unterordnung der Produktion unter das Kapitalverhältnis besteht aus einer Reihe von technischen Revolutionen der Produktionsprozesse – ausgehend von einfacher Kooperation angeheuerter Massen von Arbeitern über deren Formen von Arbeitsteilung (heterogene und organische), Ausdifferenzierung der Werkzeuge, deren Kombination in der Werkzeugmaschine, die Weiterentwicklung der Werkzeugmaschine zur Kraft- und zur Kraftübertragungsmaschine, eine Geschichte technischer Revolutionen, die gegenwärtig bei der vollautomatisierten (arbeitsersetzenden) Fabrik als Normalform der Produktion angelangt ist und in die Robotik (den Arbeiterersatz) und in die Miniaturisierung bis zur Nanotechnik weiterläuft. Alle diese Prozeßinnovationen waren von Produktneuerungen begleitet, viele davon sog. Killerapplikationen, die sozialstrukturelle Umwälzungen zur Folge hatten und ganze Industrien verschwinden ließen. Diese sozialen Umkehrungen als Folge von technischen Revolutionen waren Revolutionen im Kapitalismus, aber keine Revolution gegen den Kapitalismus und über ihn hinaus.
  3. Auch die Verwertungskrisen des Kapitals, die periodisch auftreten und insgesamt zu Wertrevolutionen von Waren, Geldern und Kapitalien führen, sind Krisen im Kapitalismus und keine gegen ihn. Sie wirken wie Verjüngungskuren des Kapitals: ein großes gesellschaftliches Gesamtkapital wird mehr oder weniger stark verkleinert. Diese Verkleinerung ist dann zugleich eine Verjüngung, wenn die Profitmasse innerhalb gewisser Toleranzen gleich bleibt. Folglich fällt die konstante gesellschaftliche Masse des Gesamtprofits auf ein verkleinertes Gesamtkapital mit der Folge einer vergrößerten Rate des Profits. Das gesellschaftliche Gesamtkapital ist nicht nur verkleinert worden, sondern findet sich wahrhaft verjüngt wieder, weil es auch profitabler wurde und am Markt ein jugendliches Verhalten zeigt, lebhafter und unternehmungslustiger agiert.
  4. Für seine wiedergewonnene Wertabschöpfungskraft muß das gesellschaftliche Gesamtkapital den Preis einer teilweisen Selbstvernichtung entrichten. Dieses war in der Weltwirtschaftskrise von 1929-33 so und ist in der Globalwirtschaftskrise von 2008 ff. nicht anders. Der Unterschied ist nur, daß es damals noch mehr Welthaltigkeit und weniger Globalität gab. Der unmittelbare Auslöser der Wertrevolution des Kapitals ist selbstverständlich der Fall der allgemeinen Profitrate, der aus einer immer vorhandenen Tendenz zu einer akuten Realität wird. Diese Verwertungskrise des Kapitals ist die Eröffnungsphase seiner Wertrevolution. Zu den unmittelbarsten Folgen des Krisenbeginns gehört die sog. Deflation, also der Wertverfall und damit die Preissenkung der Waren und Dienstleistungen. Dies entfernt eine Reihe von Produzenten aus dem Markt und das führt zur sog. Inflation, also erneuten Preissteigerungen, die um so dramatischer ausfallen, je rabiater der Schnitt am gesellschaftlichen Gesamtkapital war. Der Konkurrenzkampf der Kapitalien in der Krise wird in erster Linie darum geführt, welche Einzelkapitalien mit der Vernichtung ihrer Existenz die Verkleinerung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals bewirken müssen.
  5. Ein Unterschied der Weltwirtschaftskrise 1929 von der Globalwirtschaftskrise 2008 besteht in Hinsicht auf die Modalabteilungen des Gesamtkapitals darin, daß die Krise damals als Börsenkrise, also im Handel mit Aktien, mit Anteilen an Realkapitalien, begann, diesmal aber mit dem Zusammenbruch oder der Verstaatlichung von Immobilienbanken eröffnete, die mit Fiktivkapitalien, also mit den bloß vorgestellten Marktwerten von Grundstücken, handeln. Darin spiegelt sich der Geist der Globalisierung als totalitäre Zerstörung der Welt und des Weltmarktes wider und von der technischen Seite her die Virtualität, auf die das globalisierende Wirtschaften als totalitäre Verabsolutierung der Freihandelsdoktrin sich stützt.
  6. Der ununterbrochene Strom der Einwanderung von Arbeitskräften war die Grundbedingung für die riesige Immobilien-Spekulationsblase, deren schließliches Platzen die gegenwärtige Globalkrise ausgelöst hat. Ein aggressiver Immigrationismus der Herrschenden, der jede Fremdenfeindlichkeit der Einheimischen streng unterdrückt hat, um als Folge der Einwanderung die permanenten Steigerungen der Immobilienpreise aufrechtzuerhalten, bildete die Grundlage der ganzen Kreditaufblähung. Die ging so weit, daß sie selbst Konsumkredite für eigenkapitallose amerikanische Hauserwerber einschloß. Alle Staaten, die zu den Gewinnern der Globalisierung gehören wollten, stützten ihre Konjunkturförderung auf das Fiktivkapital der ständig steigenden Immobilienpreise. Deren Kehrseite ist aber
    • der nachhaltige Kaufkraft- und Wohlstandsverlust für die proletarischen und subproletarischen Schichten einschließlich der mittleren Einkommensschichten dank steigender Wohnungsmieten und Hauspreise und
    • die Lohnsenkungen an den Immigrations-Arbeitsmärkten wegen ständig steigendem Arbeitskräfte-Angebot.

    Beide Folgen der durch Fiktivkapital gestützten Kreditüberdehnung beschleunigen die Tendenz zur Verelendung im Kapitalismus ungemein. Das Spekulantentum, die Wechselreiterei und der altbekannt Leibhaftige, der schachert und wuchert bis zum Pogrom, machen die kapitalistische Produktionsweise elend und schießen sie sturmreif. Zusammen verstärken sie die grundlegende Ursache aller kapitalistischen Krisen, nämlich den Gegensatz zwischen der gewachsenen Produktivkraft und der Konsumbeschränkung der Massen. Das Produktionsverhältnis wird von seinen irregulären Zirkulationsverhältnissen zunehmend gedrosselt und irgendwann auch erdrosselt.

  7. Es gibt kein Marktversagen. Die Krise ist der Beweis, daß der Markt funktioniert. Gleichwohl gibt es ein großes Verbrechen der Marktideologen, die Wirtschaft überhaupt als Marktwirtschaft zu bestimmen oder deren vollständige Durchsetzung in der sozialen Wirklichkeit zu verlangen, denn das ist die Aufforderung zum Selbstmord der Völker. Völker an sich sind schon immer eine Eigenwirtschaft und werden es bleiben. Den Markt, so sehr er sich auch marktschreierisch in den Vordergrund drängen mag, brauchen die Völker und ihre Eigenwirtschaften nur zur Ausgleichung von Überschüssen und Unterschüssen. Der Kern jeder Wirtschaft ist Eigenwirtschaft, die eine Marktwirtschaft als Hülle oder Rand oder Spielbein betreibt. Die gegenwärtige Globalwirtschaftskrise ist auch eine globale Ideologiekrise, die die falschen Begriffe der liberalistischen Vulgärökonomen zum Vorschein bringt.
  8. Der Finanzsektor ist keine Finanzindustrie, denn er produziert nichts. Daher kann es auch keine Finanzprodukte geben. Eine allgemeine Verteuerung der Waren und Dienstleistungen ist keine Inflation und ein Nachgeben der Preise auf breiter Front keine Deflation. Inflation ist die Vermehrung einer nicht goldgedeckten Währung bei gleichbleibendem Umfang der marktwirtschaftlichen Produktionen und Zirkulationen, Deflation ihre Verminderung. Eine Kapitalsammelstelle ist keine Investmentbank, weil keine Bank. Ein Bankkapital ist die Vereinigung von Geldhandlungskapital mit zinstragendem Kapital, seine Kernoperation die Verwandlung von zur Aufbewahrung eingesammeltem Geld in ausleihbares Kapital. Vereinigt sich diese Metamorphose von Geld in Kapital mit industriellem Kapital, kann man von Finanzkapital sprechen. Die Verschmelzung von Finanzkapital mit dem fiktiven Immobilkapital oder dem ebenso fiktiven Kapital, das im Preis von Staatsschuldpapieren steckt, bringt ein echtes Monopolkapital hervor, das auch im großen Stil Krieg führen kann, z.B. in Afghanistan oder im Irak.
  9. Die Globalwirtschaftskrise wird sich zur globalen Politik- und Ideologiekrise ausweiten. In deren Gefolge wird es den Völkern als den Subjekten der Geschichte und insbesondere der Revolutionen hoffentlich gelingen, den Kapitalismus und alle anderen Ausbeutungssysteme zu überwinden. Wünschenswert wäre die rasche vollständige Zerschlagung der totalitären Ideologie der Globalisierung und die Rückkehr zur Welthaltigkeit der sozialen Systeme. Die Weltwirtschaft ist das organische System der Nationalökonomien aller Völker.
  10. Es gibt im Gange der ökonomischen Gesellschaftsformationen keine plötzliche Gesamtbeseitigung der veralteten Gestalt durch die neue, sondern nur die schubweise Marginalisierung der antiquierten Form. Die Wertrevolutionen des Kapitals sind nicht die endgültige Weltrevolution gegen das Kapital. Letztere ist bei ihrem ersten unreifen Versuch von 1933-45 der vereinigten militärischen Konterrevolution der kapitalistischen und kommunistischen Mächte zum Opfer gefallen. Aber solch grundstürzende Revolution muß wiederholt werden, damit die Menschheit nicht den falschen Eindruck behält, dies sei bloß ein historischer Zufall gewesen.




Humankapital in Pisa-Land

Als Anfang dieses Jahres ein Philologen-Gremium den Ausdruck „Humankapital“ zum „Unwort des Jahres 2004“ erklärte, war die Schadenfreude bei allen Nicht-Ökonomen groß: Endlich ein Frontalangriff auf die Vorherrschaft der kapitalistischen Kategorien im öffentlichen Diskurs und endlich eine soziale Herabsetzung ihrer Verkünder, der Ökonomen. Bei denen stellte die FAZ vom 20.1.05 einen „Sturm der Entrüstung“ fest und bot zehn Lehrstuhlbesitzern das Empörungsforum. Deren Äußerungen illustrierten jedoch ungewollt die Richtigkeit des Marxschen Urteils über die akademischen Vulgärökonomen, die nur die Redensarten der praktischen Kapitalagenten pedantisieren, aber nicht den Begriff der Sache fassen und entfalten würden.

Ein Ordinarius schimpfte, die Unwortwahl sei „Pisa im Quadrat“ und das verunglimpfte Wort nur „Fachwort für Bildung und Ausbildung“. Diese Formel war der gemeinsame Nenner aller zehn Stellungnahmen. Professor Neumann (Bonn) immerhin gestand ein, seine Zunft verwende „eine Menge häßlicher Ausdrücke, man denke nur an ‚natürliche Arbeitslosigkeit’“, ohne daß ihm auffiel, daß Arbeitslosigkeit nicht natürlich, sondern gesellschaftlich bestimmt und der objektive Geist des kapitalistischen Systems ist. Professor Kleinhenz (Passau) verbietet noch ausdrücklich die „Bahnen marxistischer Kapitalismuskritik“, die er hinter der Unwortwahl vermutet; gegen deren „Gutmenschengehabe“ wettert Walter Krämer (Dortmund) wie alle neurechten Intellektuellen. Der Volkswirt Wolfgang Franz (Mannheim) erwähnt als einziger das Sachkapital und führt über die beiden elementaren Kapitalkategorien aus: „Ebenso wie in Sachkapital muß man in Humankapital investieren, also lernen, um sich es anzueignen, und leider unterliegt Humankapital auch einer Abschreibung, weil es auf Grund des technischen Fortschritts veraltet. Die Analogie ist natürlich nicht perfekt, es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen Humankapital und anderen Kapitalgütern: Humankapital ist untrennbar mit dem Menschen verbunden.“

Human- und Sachkapital sind dasselbe wie variables und konstantes Kapital bei Karl Marx. Beide sind zunächst Teile der Gesamtgeldmenge,

– die Arbeitskräfte und Produktionsmittel kaufen, die in Produktionsprozessen vernutzt werden,

– die in fertigen Waren oder Dienstleistungen wiedererscheinen,

– die am Markt in einer größeren Geldmenge zu realisieren sind,

und so fort ins Unendliche.

Ständig muß ein Geldzuwachs, der den berühmten Mehrwert verkörpert, aus diesem Gesamtprozeß ausgeschwitzt werden, damit man von einem Kapital reden kann, denn Kapital ist nicht in „Kapitalgütern“ vorhanden, sondern nur in diesem beständigen Kreislauf gegenwärtig.

Deshalb ist es Unsinn, die irgendwie qualifizierte menschliche Arbeitskraft (ein Wort, das vollständig zu vermeiden unseren Kapital-Ideologen doch tatsächlich gelingt) Humankapital zu nennen. Auch die Herstellung von Arbeitskraft in Erziehungs-, Bildungs- und Ausbildungsprozessen ist beileibe keine „Investition in das Humankapital“, sondern die Erzeugung des pädagogischen Gutes, eben der Arbeitskraft, und die ist, wie das Leben insgesamt, bekanntlich ein Selbstzweck. Und einer sogenannten Abschreibung von Humankapital unterliegt die menschliche Arbeitskraft erst recht nicht, weil sie das durch Fortpflanzung verewigbare höchste Gut mit vielgestaltigen und vermehrbaren Qualitäten ist, aber eben kein Kapital. Denn, das hat nur eine einzige Qualität: den immergleichen eindimensionalen Wert, der sich nur quantitativ unterscheiden kann und letztlich in Gelddifferenzen ausgedrückt werden muß.

Niemand kann „in Humankapital investieren“, auch nicht in Sachkapital. Nur Kapital (der ewige Kreislauf von Geld zu mehr Geld) kann angelegt werden: in materielle, ideelle und pädagogische Produktionen. Diese Sphären menschlicher Produktionen kann sich das Kapital formell und reell subsumieren, – aber ohne von diesem ganzen Reichtum der Menschenwelt am Ende etwas anderes zu haben als ein bloßes Mehr ihrer einen armseligen Wertdimension.

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