Das Gesetz des Nomadentums

Das Ge­setz, nach wel­chem die Moderne auf­ge­stie­gen und wie­der ab­ge­stie­gen ist, folgt der Lo­gik des No­ma­den­tums. Die­se Lo­gik – die No­ma­do­lo­gie – ist ei­ne Lo­gik der Ge­gen­ge­schich­te, ei­ne An­ti­his­to­rik. Die letz­te, sich stolz als ihr ei­ge­nes Pro­jekt pro­kla­mie­ren­de Mo­der­ne war ein Sieg des No­ma­den­tums über das Bau­ern­tum. Die­ser Zu­sam­men­hang, im Prin­zip seit ei­nem Jahr­hun­dert be­kannt, wird seit 1945 tot­ge­schwie­gen, weil ihn als ers­ter Adolf Wahr­mund, ein Klas­si­ker der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, in sei­nem Buch „Das Ge­setz des No­ma­den­th­ums und die heu­ti­ge Ju­den­herr­schaft“ von 1887 über­zeu­gend dar­ge­legt hat. Wahr­mund lie­fert dar­in ei­ne weit­hin plau­si­ble Er­schei­nungs­leh­re des No­ma­dis­mus in po­li­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und li­te­ra­ri­scher Hin­sicht. Sei­ne Schrift steht über dem Durch­schnitt der an­ti­se­mi­ti­schen Li­te­ra­tur, weil der Au­tor sein Schwer­ge­wicht auf den Be­griff des No­ma­dis­mus statt auf den des Se­mi­tis­mus oder Ju­da­is­mus legt. Das an­ti­se­mi­ti­sche Schrift­tum be­trach­tet in der Re­gel die mo­ra­li­sche Ver­werf­lich­keit der Ju­den vom Stand­punkt christ­li­cher und an­de­rer se­ßhaf­ter Völker, gibt aber kei­ne Dar­stel­lung der in­ne­ren Da­seins­rä­son ei­nes glo­bal um­her­schwei­fen­den ori­en­ta­li­schen No­ma­den­vol­kes aus den Ge­ge­ben­hei­ten die­ser Le­bens­wei­se.

Nomadismus und Moderne sind verschwistert. Modern ist alles, was beweglicher als früher ist ­kleiner, handlicher, leichter transportierbar. Die turanischen Viehnoma­den haben noch bis zum 13. Jahrhundert ihre Jurten auf Ochsenkarren gesetzt und befördert; danach wurde die leicht zerlegbare Scherengitter-Jurte eingeführt, deren Teile auf Zaumtiere gebunden werden und die den Ochsenkarren bäuerlicher Her­kunft überflüssig macht. Dadurch wurde der nomadisierende Stamm moderner, seine Bewegungen also leichter und schneller, die militärische Schlag­und Flieh­kraft größer. Die Literaturlage zum Problem des Viehnomadismus besagt, daß er eine bloße Sekundärerscheinung ist und keine eigene Entwicklungsstufe. Den Über­gang vom Jäger­und Sammlerdasein zum seßhaften Ackerbau nennt man neolithi­sche Revolution. Das Verhältnis des Nomadismus zum Ackerbau wäre folglich als „anti-neolithische Konterrevolution“ zu kennzeichnen. Als Jäger und Sammler sind die Menschen vorgeschichtlich, als Ackerbauern geschichtlich und als Nomaden ge­gengeschichtlich.

Die vor kurzem abgeschlagene Moderne dachte von 1789 und 1917 her endge­schichtlich und daher ebenfalls antihistorisch; sie war nicht der erste Nomaden­sturm, den Europa auszuhalten hatte, und sie wird nicht der letzte gewesen sein. Die symbolische Liquidierung von 2000 Jahren abendländischer Geschichte durch Wiedererrichtung des Judenstaates in Palästina war die größte Gegengeschichte, die die Welt gesehen hat. Bis zuletzt hat der Judenstaat versucht, den wiederaufge­nommenen Gang der Geschichte zu stoppen und die Einheit von West- und Mittel­deutschland zu verhindern. Die unmittelbare Aufgabe, vor der Europa jetzt wieder einmal steht, ist die Entsteppung und Entwüstung seiner alten Kulturlandschaften und die Auflösung der Massengesellschaft, d.h. die Rückverwandlung von Bevölke­rung in Volk.

Lo­gi­scher Ge­halt der jung­stein­zeit­li­chen Re­vo­lu­ti­on ist die Um­keh­rung ei­nes we­­sent­li­chen Ver­hält­nis­ses zwi­schen Mensch und Er­de. We­sent­li­ches Ver­hält­nis zwi­­schen Mensch und Er­de ist das Ar­beits­ver­hält­nis. Die Er­de als Gan­ze ist dem Men­­schen im­mer Her­stel­lungs­mit­tel. Im Ver­hält­nis zur mensch­li­chen Ar­beit kön­nen die Her­stel­lungs­mit­tel ent­we­der Ar­beits­ge­gen­stän­de oder Ar­beits­mit­tel sein. Die Er­d­o­ber­flä­che ist für den Jä­ger und Samm­ler Ar­beits­ge­gen­stand, dem er, als Er­geb­nis sei­nes Tuns, Beu­te und Fund ent­rei­ßt. Die Ar­beit liegt im Zer­tren­nen ei­nes na­tur­ge­­ge­be­nen Zu­sam­men­hangs, er ist ihr Ge­gen­stand. Die­ser Zu­sam­men­hang, die Er­de als Ar­beits­ge­gen­stand, be­steht für den Fi­scher wie für den Berg­mann. In der Jun­g­stein­zeit kehrt sich das Ver­hält­nis um, das mensch­li­che Ar­beit und Erd­ober­flä­che zu­ein­an­der ha­ben: Es voll­zieht sich die Ver­wand­lung der Er­de aus ei­nem Ar­beits­ge­­gen­stand in ein Ar­beits­mit­tel. Ih­re Lauf­bahn als Ar­beits­mit­tel be­ginnt die Er­de aber nicht in der Ge­stalt ei­nes ge­hand­hab­ten Werk­zeu­ges, son­dern als be­dien­te Ma­schi­­ne, als ein vor­ge­fun­de­ner und zu­nächst kaum ver­stan­de­ner Wirk­zu­sam­men­hang. Die neo­li­thi­sche Re­vo­lu­ti­on mün­det da­her auf zwang­lo­se Wei­se in die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, wel­che es end­lich schafft, im­mer mehr vor­han­de­ne Ma­schi­nen zu be­grei­fen und in zu­han­de­nen Ma­schi­nen ab­zu­bil­den.

Das Mittel, hat Hegel gesagt, ist würdiger als die endlichen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung es dient. Die Erde als Sammel-, Jagd­und Fischgrund sowie als mon­taner Ausbeutungsgegenstand ist schnell wieder vergessen, als Ackerboden hinge­gen gewinnt sie Wert und Würde. Der Acker ist der Boden der Geschichte und der Technik. In der Technik tritt uns die Geschichtsmächtigkeit des Ackers in frei be­weglicher Gestalt entgegen. Technik ist freie, zum Selbstzweck gewordene und da­her zum Leben erweckte Mittelhaftigkeit, sie ist die Würde des neuzeitlichen Men­schen. Technik ist das Gestelle, das die vorhandene Welt verstellt und eine dem Menschen zuhandene Welt erstellt. Technik ist nicht Natur, sondern nützliches Kunstwerk und damit Naturalform; sie ist naturalisierte Geschichte und humanisier­te Natur.

Technik und Macht sind eng verwandt. Als humanisierte Natur (Naturalform) ist Technik dinglich verwirklichte oder zeichenhaft dokumentierte Macht des Mittels, d.h. etwas Willenloses, das zu menschlichem Walten einlädt. Die Gewalt überhaupt ist Mittel schlechthin, weil niemand sie als Zweck setzt. Die Gewalt ist Gewalt und nicht Technik, weil sie durch den Zweck absolut vergewaltigt ist. Die Gewalt ist da­her völlig unfrei. Ferner ist die Gewalt gänzlich machtlos und zudem willenlos wie die Technik. Diese Unfreiheit und Machtlosigkeit der Gewalt ist eine Folge ihrer ab­soluten Zweckunterworfenheit, die nicht für die Technik gilt. In der Technik wird das Mittel frei, also Selbstzweck und damit lebendig. Leben als Selbstzweck ist aber schon der Acker, die vorhandene Maschine der neolithischen Revolution, dem die Technik entsprang.

Wille, Gewalt und Macht sind so verschwistert wie Technik und Macht. Wille ist set­zende Gewalt, Gewalt ist durchsetzender Wille, Macht ist durchgesetzter Wille und damit auch festgesetzte (sistierte) Gewalt. Macht ist nicht Besitz, sondern mögli­cher Besitz. Wer Macht besitzen will, will Möglichkeiten besitzen. In der Technik ha­ben die Menschen das zum Selbstzweck befreite Mittel schlechthin. Weil die Tech­nik, anders als die Gewalt, nicht bloßes Mittel ist, sondern das lebendige, freie Mit­tel, ist der technische Wille ein solcher zur reinen, willenlosen Macht, die sich durchsetzt mittels höherer, gewaltloser Gewalt: dem Zwang, der von den Sachen ausgeht.

Modernisierung ist Mobilisierung und daher Nomadisierung. Entnomadisierung ist Demobilisierung und neue, nachmoderne Verwurzelung. Wer neu verwurzeln will, muß die Methoden der Entwurzelung durchschaut haben. Adolf Wahrmund glaubte sie in den kapitalistischen Methoden der Mobilisierung allen Eigentums, besonders des Grundeigentums, zu erkennen. Er schlug dagegen ein Heimstättengesetz zum Schutze des Bauernstandes sowie „Sicherstellung eines eisernen Bestandtheiles des immobilen und mobilen Besitzes gegen Pfändung und Exekution“ (S.243) vor. Da es in den heutigen, spätkapitalistischen Ländern mehr Arbeitslose als Bauern gibt (und sogar mehr Studenten), sind alle Überlegungen zur Sicherstellung eines herkömmli­chen Standes vom Nomadensturm der Kapitalisierung überrollt. Vom Tiefpunkt der vollendeten Individualisierung aus kann der Neuaufbau einer ständischen Volksge­meinschaft nur radikal atomistisch beginnen und vom Personenstand des Einzelnen ausgehen. Der alte Ständestaat hat der modernen Entwurzelung nicht wehren kön­nen; der neue Ständestaat muß jeden Einzelnen in den Stand des unveräußerlichen Grundbesitzes setzen und die alten Geburtsstände in lebensgeschichtlich durchlau­fene Aufgabenstände verwandeln. So wie es vom berufsständischen Denken her immer noch selbstverständlich ist, daß ein Geselle über dem Lehrling steht, so muß wieder erkannt werden, daß ein Rekrut vom Aufgabenstand her einen höheren Rang hat als ein Wirtschaftsführer oder Reserveleutnant. Und wie der Kriegerstand über dem Wirtschaftsstand steht, so der geistige Mensch über dem Krieger. Der wirkliche Mensch kommt in die Lage, sich ernähren, verteidigen und ausrichten zu müssen; gelingt ihm das, gewinnt er in jeder dieser Lagen seinen Stand. Reine Wirtschaftsmenschen sind existentielle Krüppel wie bloße Intellektuelle oder Politi­ker.

Weide­und Viehwirtschaft ist die organische Ergänzung des seßhaften Ackerbaus. Der Hirt kann nur der Knecht des Bauern sein. Ein reaktionärer Umsturz („an­ti-neolithische Konterrevolution“) führt zur Freiheit des Knechtes, der aus seiner ei­genen Domestikation zusammen mit dem domestizierten Vieh, das er dem Bauern gestohlen hat, in die Verwilderung des Nomadenlebens flieht. Das Herr-Knecht-Verhältnis ist aufgehoben und durch das Hirt-Vieh-Verhältnis ersetzt, wobei Viehhaftigkeit nicht nur Tieren, sondern auch Menschen zukommt, von denen Hirten leben. Der Nomade steht nicht in einem menschlichen Verhältnis zur Natur, sondern in einem tierischen (symbiotischen) Verhältnis zum Vieh. Der Hirt lebt fast arbeitslos von seiner Herde (daher meist flötenspielend dargestellt), er ist angeeig­netes Organ der Herde: ihr Großhirn. Die Vermenschung der Herde ist nur um den Preis der Entmenschung der Erde zu haben. Dem Nomaden ist die Erde nicht mehr Mittel menschlicher Arbeit, nicht mehr vorhandene Maschine, die in Ehrfurcht und mit Sorgfalt bedient wird, sondern bloßer Gegenstand der Abweidung durch Freßau­tomaten, also durch Vieh. Die Erde ist dem Nomaden aber auch nicht Arbeitsge­genstand, sondern bloßer Energieträger, Viehfutter eben.

Der zum Nomaden emanzipierte Bauernknecht steht sittlich nicht nur tief unter dem Ackerbauern, sondern auch deutlich unter dem vorgeschichtlichen Menschen, dem Jäger, Sammler, Fischer und Bergmann. Weil der Nomadismus eine gegenge­schichtliche Bewegung, ist der scheinbare Aufstieg des Viehnomaden zum militä­risch-politischen Völkernomaden, der seßhafte Ackerbauern überfällt und ausraubt oder auf Dauer sich zu ihrem (theokratischen) Hirten aufschwingt, in Wahrheit der 1502weitere sittliche Abstieg des nomadisierenden Menschen. Der Völkernomade ist vom Viehhirten zum Vieh abgesunken. Denn die Völker, von denen er lebt, sind die Steppe, auf der er reitet, und die Früchte der Seßhaften, die er verzehrt, sind das Gras, das er frißt. Die nomadische Unterwerfung bäuerlicher Völker macht den sieg­reichen Nomaden zum Vieh, das abgrast. Diese Völkernomaden mögen sich Golde­ne Horde nennen oder auserwähltes Volk, ihre Selbstverviehung ist durch ihr ab­grasendes Verhalten in allen Lebensbereichen der heimgesuchten Völker gegeben, die dadurch versteppt und letztlich verwüstet werden, denn „einen Vorzug des Men­schen vor dem Vieh gibt es nicht“ (Pred. 3,19).

Der Hir­ten­stab Abra­hams und des Bi­schofs von Rom sind no­ma­di­sches Ur­sym­bol und ein­zi­ges, äu­ßerst pri­mi­ti­ves Ar­beits­mit­tel des Hir­ten. Die­ser Ste­cken und Stab des Vieh­hir­ten wie des See­len­hir­ten ist Macht­sym­bol der No­ma­den­herr­schaft, zu­gleich ein In­diz für die Staats­theo­rie des ara­bi­schen Ge­schichts­schrei­bers Ibn Khal­dun (1332­1406), der die Rei­che aus no­ma­di­scher Er­obe­rung ent­ste­hen sah. Die Mas­sen­me­di­en sind die mo­der­nen Hir­ten­stä­be elek­tro­nisch ge­steu­er­ter Men­­schen­her­den. Nicht nur die Hir­ten­stä­be ent­wi­ckel­ten sich seit dem bau­ern­feind­li­chen Um­sturz der an­ti-neo­li­thi­schen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on, auch die ideo­lo­gi­sche Rech­t­­fer­ti­gung der no­ma­di­schen Welt­zer­stö­rung hat sich mo­der­ni­siert. Mu­ß­te man einst noch die Uhr im Pra­ger Ju­den­ghet­to rück­wärts lau­fen las­sen, um das ge­gen­ge­­schicht­li­che Ziel des No­ma­dis­mus, das in der Tat ort­los, al­so uto­pisch ist, zu ver­an­­schau­li­chen, so hat der Pro­fes­sor Ein­stein mit sei­ner Re­la­ti­vi­tät von Raum und Zeit die­ses Ideo­lo­gem in ei­ne viel ele­gan­te­re For­mel ge­bracht, und der Pro­fes­sor Freud hat gar das Un­be­wu­ß­te dem Reich der No­ma­den un­ter­wor­fen, in­dem er den Va­ter­­mord (= Bau­ern­mord) der re­bel­li­schen Brü­der­hor­de (= Hü­te­jun­gen) als ge­mein­­men­sch­li­ches Ver­hal­ten be­haup­te­te.

Das „lie­be Vieh“ des Bau­ern, das do­mes­ti­ziert ist, ver­wil­dert un­ter dem Ste­cken und Stab des No­ma­den, der es ent­do­mes­ti­ziert und ver­her­det. Die Ent­wick­lung des No­ma­dis­mus ist nicht nur Mo­der­ni­sie­rung von Hir­ten­stab und Hir­ten­ideo­lo­gie, son­­dern auch die Her­den wer­den im­mer be­weg­li­cher: erst dum­mes Vieh, dann klu­ge un­glück­li­che Völ­ker, schlie­ß­lich Wa­ren­mas­sen, Geld­her­den, Ka­pi­tal­strö­me, Ar­beits­­mi­gran­ten und In­for­ma­ti­ons­flu­ten. Ka­pi­ta­lis­mus ist Ver­her­dung des Ka­pi­tals, und So­zia­lis­mus ist Ver­her­dung der Ar­beits­kräf­te; bei­de Sys­te­me be­ha­gen dem No­ma­­den. Und in bei­den Sys­te­men hat die Fi­gur des Kopf­no­ma­den bes­te Aus­brei­tungs­­­mög­lich­kei­ten. Der Kopf des Men­schen wird von sei­nem Kör­per, auf dem er thront, er­nährt. Je­des ent­wi­ckel­te Volk leis­tet sich für sei­ne all­ge­mei­nen An­ge­le­gen­hei­ten ei­ne be­stimm­te Zahl von Köp­fen in Ge­stalt be­son­ders qua­li­fi­zier­ter Fach­und Füh­­rungs­kräf­te. Die Ab­wei­dung die­ser lei­ten­den Stel­lun­gen durch In­tel­li­genz­no­ma­den fremd­völ­ki­scher Her­kunft wirkt auf das heim­ge­such­te Volk wie ein Hirn­tu­mor. Ra­ti­o­na­lis­mus und Auf­klä­rung sind das Le­bens­ele­ment des In­tel­li­genz­no­ma­den, die Ver­vie­hung des Wis­sens und die Ver­her­dung der Wis­sen­schaft­ler im Wis­sen­schafts­­­be­trieb der Mo­der­ne, die­ser geis­ti­gen Wüs­te, sind das Er­geb­nis des kopf­no­ma­di­­schen Be­falls.

Häu­fig wird die Fra­ge ge­stellt: Wo­her stammt der mo­der­ne Dua­lis­mus, der die ob­jek­ti­ve Na­tur und die mensch­li­chen Din­ge von­ein­an­der trennt? Die Ant­wort lau­tet, daß die­ser Dua­lis­mus aus der Mo­der­ne stammt, und die­se aus dem Tri­umph des No­ma­den. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist we­ni­ger als ein blo­ßer Ge­gen­stand der Er­kennt­nis, denn das ist sie schon dem vor­ge­schicht­li­chen Men­­schen. Die wis­sen­schaft­lich-mo­der­ni­sier­te Na­tur ist nicht ob­jek­ti­viert, son­dern res­­sour­ci­siert. Sie ist Fut­ter­re­ser­voir von in­for­ma­ti­ons­fres­sen­den Wis­sen­schaft­ler­her­­den ge­wor­den, die Schaft­ler­wis­sen aus­schei­den. Die­se mo­der­ne Na­tur ist ent­­­menscht, weil der Mensch kein mensch­li­ches Ver­hält­nis, kein Her­r­-K­necht-Ver­hält­nis zu ihr hat, nicht mehr ihr Knecht ist, der sie be­dient, son­dern der No­ma­de, der sie raz­zi­iert. Die Na­tur der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft ist nicht Ge­­gen­stand der Er­kennt­nis, son­dern Roh­stoff in­for­ma­ti­ons­fres­sen­der Au­to­ma­ten. We­­der der Hirt noch sei­ne Her­de kann je­mals Herr der Na­tur wer­den; ein mensch­li­ches und da­her hilf­rei­ches Ver­hält­nis kann die Na­tur nur zu ih­rem Knecht ge­win­nen, der weiß, daß sie im­mer ei­ne vor­han­de­ne Ma­schi­ne blei­ben wird, die in De­mut zu be­­die­nen ist.

Der christ­li­che Glau­be hat der Ge­fähr­dung des Abend­lan­des durch das No­ma­den­­tum zwei Jahr­tau­sen­de lang Vor­schub ge­leis­tet. Im Chris­ten­tum sind die Sym­bo­lik der Macht­in­si­gni­en, die Me­ta­pho­rik der Spra­che und die Fak­ti­zi­tä­ten der Of­fen­ba­­rung bis heu­te no­ma­disch. Die Bi­bel war die gro­ße Pro­pa­gan­da­schrift der no­ma­di­­schen Le­bens­wei­se, aber die Evan­ge­li­en ent­hal­ten die Be­schrei­bung ei­nes be­deu­­ten­den Pro­tes­tes ge­gen die Mo­ral des No­ma­dis­mus. Die­ses Auf­be­geh­ren bleibt, wie je­der Pro­tes­tan­tis­mus, zu­gleich ge­bun­den an den Ge­gen­stand sei­ner Ab­scheu. Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Hes­sen und Nas­sau be­kennt sich so­gar aus­drück­lich zum Ju­­da­is­mus. „Um­kehr und neue Ein­sicht ver­pflich­ten die Kir­che zu be­zeu­gen, daß die blei­ben­de Er­wäh­lung der Ju­den und Got­tes Bund mit ih­nen Wur­zel des christ­li­chen Glau­bens ist.“ (FR, 23.5.91) Die Bi­bel pro­pa­giert den No­ma­dis­mus und ist zu­gleich das un­über­trof­fe­ne Lehr­buch des An­ti­se­mi­tis­mus für al­le se­ßhaf­ten, bäu­er­lich ge­­präg­ten Völ­ker.

Es beginnt mit dem Sündenfall. Zum Essen vom Baume der Erkenntnis werden die ersten Menschen durch ein Tier verlockt, das auf der Erde kriecht. Danach fangen sie sofort zu produzieren an, naheliegenderweise Kleidung. Vom Nomadengott Jah­we (Herrn Zebaoth) wird die arme Schlange daraufhin „verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde“ (Gen 3,14). Der Acker wird verflucht, soll dem ar­men Bauern Mühsal bereiten sein Leben lang und trotzdem nur Dornen und Disteln tragen (Gen 3,17). Kain, Evas Erstgeborener, wird Ackermann, Kains jüngerer Bru­der (und damit sein Knecht) Abel dagegen Schäfer, also Kains Hirtenjunge. Was von nomadenfreundlichen Theologen als Kains Brudermord gelesen wird, ist vom bäuerlichen Standpunkt aus Abels Rebellion und Hinrichtung. Der Schäfer Abel durchbricht das Vorrecht des Bauern Kain, Gott zu opfern von den Früchten des Feldes, mit dem blutigen Opfer eines seinem Bruder und Vorgesetzten gestohlenen Tieres, wobei die Nomadenbibel nun sogleich auch noch behauptet, daß dieses Die­besgut ein gottgefälligeres Opfer sei als die im Schweiße von Kains Angesicht er­zeugten Feldfrüchte. Abels Hinrichtung ist Vorwand zur erneuten Verfluchung des Bauern und seines Ackers durch den Nomadengott Jahwe. Die Vertreibung und Flucht des Bauern wird angekündigt und wahr gemacht (Gen 4,11-16). Gleichwohl wird in Genesis 4,20-21 attestiert, daß Viehnomaden und Flötenspieler Kains Nach­kommen sind.

Ur­vä­ter des jü­di­schen No­ma­den­vol­kes sind Abra­ham, Isaak, Ja­kob und Jo­seph. Von Abra­ham an ha­ben sie nicht nur Vieh­no­ma­dis­mus ge­trie­ben, son­dern im gro­ßen Um­fang or­ga­ni­sier­tes Ver­bre­chen. Der Pa­te ist Jah­we. Als Abra­ham in des­sen Or­ga­­ni­sa­ti­on, den „Bun­d“, auf­ge­nom­men wird, in­dem er be­weist, daß er für den Chef sei­nen ein­zi­gen Sohn Isaak schlach­ten wür­de (Gen 22,2-17), ist Abra­ham schon be­währ­ter (be­trü­ge­ri­scher) Zu­häl­ter sei­ner Frau Sa­rah und er­folg­rei­cher Er­pres­ser von Kö­ni­gen (Gen 12,10-20; Gen 20). Jah­we ver­hei­ßt Abra­ham (ali­as Ab­ram) nicht nur ein­fach das ge­lob­te Land zwi­schen Nil und Eu­phrat als Vieh­wei­de, son­dern als Völ­ker­step­pe mit zehn na­ment­lich ge­nann­ten Völ­kern zur Ab­wei­dung (Gen 15, 18-21). Der jü­di­sche Fried­hof schlie­ß­lich, den Abra­ham im Land Ka­na­an er­wirbt, dient nicht, wie die arg­lo­sen He­thi­ter mei­nen, der Pie­tät für sei­ne ver­stor­be­ne Frau Sa­rah, son­dern als Ziel­mar­kie­rung der künf­ti­gen Er­obe­rung Ka­na­ans (Gen 23). Da­her kommt es, daß ra­bia­te An­ti­se­mi­ten so gern jü­di­sche Fried­hö­fe zer­stö­ren.

Bei Isaaks beiden Söhnen Esau und Jakob, den Enkeln des Zuhälters Abraham, wird die Familiengeschichte theologisch wieder interessant, denn der Nomadengott Jah­we kündigt Isaaks Frau Rebekka an: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweier­lei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen über­legen sein, und der Ältere wird dem jüngeren dienen.“ (Gen 25,23) Esau, der Erst­geborene, wird Jäger, Jakob, der Nachgeborene, „blieb bei den Zelten“ (Gen 25,27) und damit Nomade. Jakob (das bedeutet: der Hinterlistige) stiehlt seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen (Gen 27,36), der auch besser als zum rauhen Jäger Esau zu dem glatten Nomaden Jakob paßt, dem segensreich verheißen wird: „Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.“ (Gen 27,29) Dies ist das Ausbeutungsgebot des Völkernomaden.

Inzwischen war Isaak zu Abimelech, dem König der Philister, gezogen und betrog ihn auf die gleiche Weise wie sein Vater Abraham: er gab seine Frau als seine Schwester aus; Zuhälterei mit anschließender moralischer Erpressung bleibt also Spezialität der Familie, die auf diese Weise reich und mächtig wird, so mächtig, daß die Philister sie schließlich ausweisen und König Abimelech danach noch einen Rückversicherungsvertrag mit dem Nomadenstamm für ratsam hält (Gen 26).

Stammhalter Jakob betrügt seinen Schwiegervater, den Aramäer Laban, und wird „über die Maßen reich“ (Gen 30.31). Nach geglückter Flucht empfiehlt sich ein neu­er Name. „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel“, sagt der oberste, diesmal inkognito bleibende Chef der Organisation, bevor Israel (alias Jakob) als sein bester Mann von dannen humpelt (Gen 32,29-33), um mit seiner Mischpoche das Blutbad von Sichem (Gen 34) anzurichten. Nicht umsonst sieht bäuerliche Vor­stellung den Teufel als hinkendes Mischwesen aus Ziegenbock und Mensch.

In den Jahren 1730 bis 1580 v. Chr. halten semitische Stämme aus Syrien und Pa­lästina Ägypten besetzt. Sie nennen sich Hyksos, Beherrscher fremder Länder. In dieser Zeit der Fremdherrschaft wird Josef, Jakobs Lieblingssohn, von seinen Brü­dern nach Ägypten verkauft, wo er zum höchsten Funktionär des Fremdherrschers aufsteigt. Josef wird der erste jüdische Kommunist: er erfindet die Zentralverwal­tungswirtschaft und damit die allgemeine reale Staatssklaverei, also die Gesamt­enteignung des Volkes von Geld, Vieh, Land und Leib mittels mehrjähriger Hun­gersnot (Gen 47,13-26). Aus der Befreiung Ägyptens von Fremdherrschaft folgt der Exodus des jüdischen Hilfsvolkes.

Im fünften Buch Moses, dem Deuteronomium, offenbart sich die ganze Wahrheit des Nomadismus in ihrer strengsten Konsequenz: dem Völkermordgebot. So wie der Viehnomade seine Böcke und Schafe nicht nur friedlich-flötenspielend hütet, sondern ­alles hat seine Zeit ­auch melkt, schert und schlachtet, so darf selbst­verständlich auch der Völkerhirt die ihm anheimgegebenen Völker schlachten, also jeden Mann, jede Frau und jedes Kind töten: dies ist der „Bann“ der Nomadenbibel, das Völkermordgebot[1. Da nahmen wir … alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrigbleiben. Nur das Vieh raubten wir für uns …. “ (5. Mose 2,34) „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er aus­rottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Je­busiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir da­hingibt, daß du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben …. “ (7,1-2) „Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird.“ (7,16) „Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander.“ (7,22)] das gelegentlich, wenn Völkerherden den Viehherden bloß Platz machen müssen, damit Acker in Viehweide verwandelt werden kann, zum Ver­treibungsgebot[2.“Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übriglaßt, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Lande, in dem ihr wohnt.“ (4. Mose 33,55)] abgemildert ist.

Die religiöse Verehrung des Völkermordes ist die niederste Form des Absoluten, nämlich das absolute Böse in einem realmetaphysischen Sinne. Es existiert in der Geschichte als geschichtszerstörende Kraft. Diese Kraft ist bei Kant „das radikal Bö­se in der menschlichen Natur“ als Freiheit, die sich vom kategorischen Imperativ emanzipiert hat. Zu Kants Zeiten war das absolute Böse als deuteronomistisches Völkermordgebot der mosaischen Religion, das damals sich in Frankreich im terreur austobte, bekannter als heute, weil man noch die Bibel las; heute ist das Absolute Böse in passiver Form als Holocaust-Kult im Umlauf, der seine Glaubwürdigkeit beim auserwählten Volk aus dem Wissen um die Grundform des aktiven Völker­mordgebotes bezieht, das im fünften Buch Moses nur gelegentlich zum Vertrei­bungsgebot abgemildert ist.

Das Böseste, das wir uns vorstellen können, ist Völkermord. Aber das absolute Böse geht darüber noch hinaus: es ist jenes Böse, das böser nicht gedacht werden kann. Und Böseres als das mosaische Völkermordgebot, das bei Mitleid oder sonstiger un­vollständiger Ausführung sein auserwähltes Volk selber mit Vertreibung und Völ­kermord bedroht[3. „Und nur wenige werden übrigbleiben von euch, die ihr zuvor zahlreich gewesen seid wie die Sterne am Himmel, weil du nicht gehorcht hast der Stimme des HERRN, deines Gottes. Und wie sich der HERR zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen, und ihr werdet herausgerissen werden aus dem Lande, in das du jetzt ziehst, es einzunehmen. (5. Mose 28,62-63], kann von Menschen nicht erdacht werden.

Vor diesem geistigen Hintergrund ist alle Judenverfolgung tätige Beihilfe zur mosai­schen Religionspropaganda, der sich Adolf Hitler (als Vierteljude verdächtigt) zwei­felsfrei schuldig gemacht hat. Die Judenfrage zum Rasseproblem zu erklären, ver­harmlost das absolut Böse, eine Erscheinung der Freiheit des menschlichen Geistes, zum biotechnisch lösbaren Problem. Viel grundsätzlicher ist in seiner berühmten Abhandlung „Zur Judenfrage“ von 1843 der reinrassige Semit Karl Marx das Prob­lem angegangen, in der er die Verschacherung der Welt durch die bürgerliche Ge­sellschaft als Selbstverjudung der Christen anprangert. Die Judenfrage ist hier Kritik des verabsolutierten Gesellschaftsprinzips, also der Moderne schlechthin, und an­sonsten eine unreife Fassung der Kapitalismus-Frage.

Das Absolute Böse ist der Beitrag des Nomadentums zur Geistesgeschichte der Menschheit. Damit ist auch das Urteil über die Sittlichkeit der Moderne als dem Sys­tem der Beweglichkeit gefällt, denn das Absolute Böse ist nichts anderes als die ab­solute Beweglichkeit in allen ethischen Fragen.

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aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618




1789 und die Revolutionen der Neuzeit


Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten;
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.Schiller

Das Jahr 1789 steht für ein Ereignis, das allgemein als Revolution angesehen wird und besonders als Selbstbefreiung des französischen Volkes gilt. Die Selbstbefreiung eines Volkes kann aber sehr verschiedenes bedeuten: die selbst vollzogene Befreiung von einem fremden Herrn in Gestalt einer auswärtigen Vesatzungsmacht, die Befreiung des Selbst von einem das Selbst fesselnden Laster oder einer schlechten Gewohnheit wie z.B. Unterwürfigkeit, oder einem Charakterfehler wie z.B. knechtische Gesinnung, oder schließlich die Befreiung des Volkes von seinem Selbst, also der Selbstmord oder die Selbstflucht. Es sei somit näher betrachtet, in welchem Sinne das französische Volk im Jahre 1789 sich selbst befreit hat.

Ein Vorurteil in des Wortes schlimmster Bedeutung, nämlich ein schädliches, falsches und dummes Klischee, kann sich nur dann festsetzen, wenn Freund und Feind aus ihm Nutzen ziehen und keiner es in Frage stellt. Die Standesrevolte von 1789 gilt heute bei Revolutionsbefürwortern wie bei Revolutionsgegnern gleichermaßen als Revolution.

1789 war alles andere als eine Revolution; es hat die gesellschaftliche Struktur Frankreichs primitivisiert. Als typisch welscher Umsturz hat es zu unzähligen blutigen Verbrechen wie zu jenem politischen Kauderwelsch von den globalen Menschenrechten geführt, das die Nächstenliebe in die Fernstenliebe pervertierte und noch heute der ideologischen Massenmanipulation die Grundvokabeln liefert.

Bis heute herrscht in den kapitalistischen Staaten die Kampfideologie des Großbürgertums: die Aufklärung. Sie stellt die französischen Ereignisse als Revolution dar, weil sie als eigener Sieg erscheinen soll, der eine künftige, die Grenzen der Aufklärung überschreitende Revolution überflüssig mache. Die aufklärungskritischen Antirevolutionäre aber profitieren ebenfalls von 1789, weil es abschreckt und ihre Überzeugung von der prinzipiellen Schlechtigkeit und Vermeidbarkeit jeder Revolution rechtfertigt.

Es ist ziemlich aus der Mode gekommen, über die Revolution in konstruktiver Absicht, d.h. als Planung einer solchen, nachzudenken. Ereignisse wie Lenins Oktoberputsch von 1917 wurden zur Revolution gekürt, weil sie ausreichende Ähnlichkeiten mit 1789 aufweisen. Dabei ist jeder, der nur einige Kenntnis der Marx-Engelsschen Revolutionstheorie hat, sich darüber im Klaren, daß 1917 eine klassische Konterrevolution war. Aber kein Historiker hat eine Theorie der Revolution, die doch erst die unabhängigen Maßstäbe zur Beurteilung besagter Ereignisse liefern könnte.

Welcher Begriff der Revolution kann gefaßt und zu einer Theorie entfaltet werden? – Revolution kann als Vollendung einer geschichtlichen Kreisbewegung im Sinne des Wiedererreichens eines Ausgangspunktes begriffen werden, als Umsturz oder Umwälzung, schließlich auch als Umkehrung der zentralen Verhältnisse einer Gesellschaft. Nur der Begriff der Umkehrung der Verhältnisse kann zu einer Theorie der Revolution entfaltet werden, weil die Kreisbewegung ahistorisch bleibt und jeder Umsturz immer eine gesellschaftliche Figuration vom Sockel holt, aber der Sockel bestehen bleibt als niedrigerer Zustand nach dem Umsturz.

Als am 17. Juni 1789 der Dritte Stand der Generalstände Frankreichs sich zur französischen Nation erklärte, hat ein Teil gegen das Ganze rebelliert; es war eine Standesrevolte, aber keine Aufhebung der Stände. Die Standesrevolte hatte eine doppelte Stoßrichtung: Erstens revoltierten die Vertreter des Dritten Standes gegen die Vertretenen, ihre Wähler (den Dritten Stand selber), indem sie deren Weisungen (das imperative Mandat) für null und nichtig erklärten, zweitens aber revoltierten die Vertreter eines Teils gegen die Gesamtvertretung, die Generalstände. Die Diktatur des Dritten Standes, welche eine Diktatur seiner Vertreter war, der Lenin später seine Diktatur des Proletariats nachbilden wird, die ebenfalls eine Vertreterdiktatur war, hat alle in einen Stand bzw. eine Klasse gezwungen, sie nach einem Besonderen gleichgemacht, anstatt jedes Besondere der Gesellschaft, alle Stände, Klassen und Schichten, demselben Einzelnen, dem Monarchen, unterzuordnen und damit das gleiche Verhältnis aller Besonderen wie aller Einzelnen zum Allgemeinen herzustellen. Diese Revolution war in Deutschland schon mit der Reformation geistig vollzogen worden, in der Freiheit eines Christenmenschen und seiner Unmittelbarkeit zu Gott, und die Erbauer Preußens vom großen Kurfürsten bis zum großen Friedrich brauchten den Protestantismus nur ins Politische zu wenden.

Die Kassierung des imperativen Mandats durch den Dritten Stand und die Bestätigung dieses Übergriffs auf die Wählermitbestimmung durch den König am 27. Juni 1789 enthält den Kern der gallischen Revolte. Es war eine Entrechtung der Wähler durch die Gewählten, die sich als Erwählte statt als Weisungsempfänger aufführten. Am 17. Juni hatte sich der Dritte Stand als Nationalversammlung dekretiert; einen legitimen historischen Sinn bekommt dieser Akt nur, wenn man ihn ernst nimmt und anerkennt, daß der Dritte Stand in Frankreich tatsächlich eine eigene Nation war, nämlich die gallisch-römische. Folglich bleibt nur übrig, die privilegierten Stände als fränkisch-germanische Nationalität aufzufassen. Sieht man die Standesrevolte von 1789 auf diese Weise, als Befreiungsschlag der gallisch-römischen Nationalität des westfränkischen Reiches, als völkische Resurrektion der Gallier und staatliche Restauration des römischen Galliens, werden die antigermanisch-rassistischen Aspekte der Geschichte Frankreichs vom Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg, von den Hugenottenverfolgungen und der Verwüstung der Pfalz über den Terreur, den Völkermord in der Vendée, die Pariser Kommune, das Versailler Diktat bis hin zu dem zivilistischen Kriegsverbrechen der Resistance erkennbar.

Die meisten Nationen, die sich befreit haben, begegnen anderen Nationalitäten verfolgend oder proselytisch, wobei die Gallo-Romanen ihre Version des Vulgärlateins zum Staatskult erhoben haben; so heißt es z.B. in einem Sicherheitsbericht vom Januar 1794: „Föderalismus und Aberglaube sprechen Bretonisch; Auswanderung und Haß auf die Republik sprechen Deutsch; die Konterrevolution spricht Italienisch und der Fanatismus spricht Baskisch.“

Die Neuzeit hat zwei große Revolutionen erlebt: die Staatlichkeit und die Demokratie. Allerdings ist die Demokratisierung einer Polis etwas grundlegend anderes als die Demokratisierung eines Staates. Im Staat ist jeder Volksgenosse Bürger, in der Polis jeder Bürger Volksgenosse. Im Staat sind alle politisch frei, in der Polis nur einige. Auch als Demokratie vertritt die Polis grundsätzlich nur jenen Teil ihrer Lebensgemeinschaft, welcher Bürgerrecht hat. Die klassische Antike faßt die Volksgemeinschaft als Kulturkreis (z.B. als griechische oder hellenische Welt) und die Bürgerschaften in ihr als politische Partikularitäten. Die klassische Neuzeit hingegen begreift die Volksgemeinschaft als eine Bürgerschaft und damit als politische Totalität. Der abendländische Kulturkreis aber als Pluralität solcher Totalitäten wird Raum des Völkerrechts, der sich konkretem Ordnungsdenken öffnet.

Staatlichkeit und Demokratie als die beiden Revolutionen des gesellschaftlichen Systems der Neuzeit hängen innerlich zusammen; erst die geglückte Staatlichkeit ermöglicht eine gelingende Demokratie.

Der erste Schritt jener politischen Revolution, die in der Herstellung neuzeitlicher Staatlichkeit liegt, ist die Umkehrung der Vorrechtsverhältnisse. Die umgekehrten Vorrechtsverhältnisse sind das Allgemeinrechtsverhältnis. So wie das einfache Rechtsverhältnis überhaupt die Selbstdefinition bestimmter Eigentumsgrößen eines Eigentümers in dem einzelnen Besitztum eines fremden Besitzers ist, so definiert sich unter Vorrechtsverhältnissen jede beliebige Eigentumsgröße einer jeden Person in tendenziell allen Besitztümern aller anderen Personen. In einer Vorrechtsgesellschaft ist jeder privilegiert, weil jedes Recht gegenüber allen anderen Rechten als Vorrecht auftritt, nämlich als Eigentum, das jedes andere Recht zum Besitz und damit zum naturalen Ausdruck seiner Größe herabsetzt. Der Übergang vom privilegierten zum allgemeinen Rechtsverhältnis ist die erste wirkliche Revolution im Sinne einer Umkehrung, die etwas grundlegend Neues hervorbringt: nicht mehr jedes Recht definiert sich in allen, sondern alle in einem.

Das Allgemeinrechtsverhältnis stellt jedem Eigentümer denselben Besitzer als naturales Ausdrucksmittel seiner Rechte Gegenüber: den allgemeinen Machthaber. Die durch die Umkehrung der Vorrechtsverhältnisse in das Allgemeine Rechtsverhältnis gezeugte Allgemeine Person ist der persönliche Absolutismus, ein Vorstaat, worin der Staat noch in seinem Keim, der natürlichen Person des Monarchen, verborgen liegt. Die Allgemeine Person wird Staat, wenn sie sich aus einer natürlichen Person in eine juristische Person verwandelt, also der Monarch sich eine Beamtenschaft zulegt, welche die Mitgliedschaft eines Staatsvereins ausmacht, an dessen Spitze, als Vorsitzender des Staatsvereins und damit erster Diener des Staates, der Monarch steht. Daß der Monarch der Souverän des Landes sei, reicht nicht hin für den Staatscharakter seines Gemeinwesens; er muß erstes Mitglied im Staatsdienerverein sein. Weil Friedrich der Große diesen Springpunkt begriffen hatte, gelang ihm die erste, die staatliche Revolution der Neuzeit in Vollendung.

Der Staat – die allgemeine Person als juristische und somit als Verein – verwandelt durch sein bloßes Dasein das allgemeine Rechtsverhältnis in ein staatsbürgerliches Verhältnis; die schon durch den persönlichen Absolutismus des Herrschers von privilegierten Rechtssubjekten (staatsfreien Personen) zu Privatpersonen herabgesetzten Untertanen werden jetzt noch weniger, nämlich Staatsbürger. Damit ist der Staatsverband oder staatsbürgerliche Verband und zugleich die berühmte Unterscheidung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft gegeben.

So wie die Beamten die einfachen Mitglieder des als Staat fungierenden Vereins sind, dessen Vorsitzender der Monarch, so sind die Bürger die einfachen Mitglieder des Staatsverbandes, dessen Vorstand der Staatsverein ist.

Der Staat als Staat erfüllt seine klassischen Funktionen (Rechtsmaß, Eigentumsvorstellung, Gesetzgebung, Rechtsprechung, Exekutive, Weltstaat, Machtreserve). Der Staat als Demokratie hingegen ist ein Herrschaftsprozeß, worin er nicht mehr öffentlich-rechtliches Medium der Verträge in der bürgerlichen Gesellschaft ist, sondern Ausgangs- und Endpunkt einer Vertragsfigur, deren Zweck vermehrte Staatlichkeit ist, d.h. öffentlich-rechtlicher Machtzuwachs.

Die Demokratisierung des Staates ist die zweite politische Revolution der Neuzeit: die Umkehrung des Staates vom Mittel des Rechtsverkehrs zu seinem Zweck, dessen Selbstzweck der staatliche Machtzuwachs ist. Dieser epochale Vorgang fällt zusammen mit der Vergesellschaftung des Staates und der Durchstaatlichung der bürgerlichen Gesellschaft, weil die öffentlichen Rechte, die den Staat ausmachen, im Prozeß der Demokratisierung in die Hände der Privaten und damit in die Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft fallen. Aber ebenso fallen immer mehr Privatrechte in die öffentliche Hand.

Die demokratische Revolution des Staates wurde in Deutschland im 19. Jahrhundert gründlich ins Werk gesetzt und im Dritten Reich ins Extrem getrieben. Besonders vermied man hier, den Akt der Staatsgründung mit dem der Konstitution eines Volkes zu verwechseln, wie es Rousseau unterlief. Überhaupt haben es die Franzosen aufgrund der in ihren sogenannten Revolutionen aufbrechenden und etatistisch wieder unterdrückten Volkstumskämpfe immer nur zu einer Staatsnation gebracht, niemals aber, wie die kontinentalgermanischen Völker, zu einem echten Nationalstaat. Die Franzosen vor 1789 waren kein Volk, sondern nur eine Bevölkerung, die durch Sprache, ethnisch basierte Ständeordnung und absoluten Monarchen in eine Staatsnation, ein politisches Kunstvolk, verwandelt waren.

Die französische Staatsnation war ein staatsgeborenes Volk, der deutsche Nationalstaat dagegen ein volksgeborener Staat.

Der Hinrichtungstag Ludwigs XVI. (21.1.1793) war der Todestag dieser französischen Staatsnation. Schon anderthalb Jahrhunderte früher hatte Thomas Hobbes den Begriff des Volkes scharf im Sinne der Staatsnation gefaßt und von der bloßen Menge unterschieden: „Das Volk ist eine Einheit mit einem Willen und ist einer Handlung fähig; all das kann von einer Menge nicht gesagt werden. Das Volk herrscht in jedem Staate, selbst in der Monarchie; denn da äußert das Volk seinen Willen durch den eines Menschen. Die Menge besteht dagegen aus den Bürgern, d.h. aus den Untertanen. In der Demokratie und Aristokratie sind die Bürger die Menge, und die Versammlung ist das Volk; in der Monarchie sind die Untertanen die Menge, und… der König ist das Volk.“ Ist das Volk nicht versammelt, schläft es politisch; hat es einen absoluten Monarchen, ist es ständig in ihm versammelt und existent, aber nur in ihm. Alle Untertanen sind aufgelöste Menge, die keine handlungsfähige Person mehr ist. Aus der Menge aber kann durch Versammlung ein neues Volk geboren werden; in dieser Menge „hat jeder ein gleiches, d.h. natürliches Recht, mit jedwedem zu verschiedenen Zeiten und an beliebigen Orten zusammenzukommen, ja sogar, wenn er es vermag, die Herrschaft an sich zu reißen“. Die politische Entmachtung, der Masse durch ihre Vereinzelung ermöglicht also die Geburt eines neuen Volkes aus jeder beliebigen Teilmenge, die durch Versammlung wieder Volk wird und sich, wenn das Kräfteverhältnis es zuläßt, die ganze Macht des Monarchen auf Grund des Naturrechts aneignen kann; „sie wiegeln dabei unter dem Vorwand, daß es das Volk sei, die Bürger gegen den Staat, d.h. die Menge gegen das Volk auf.“ (De cive, 1642) Tötet dieses neue Volk den absoluten Monarchen, so tötet es das alte Volk, das er allein personifiziert hatte.

Die These, daß 1789 keine Revolution, sondern der Befreiungsschlag des gallo-römischen Volkes und der Tod der französischen Staatsnation war, hat große theoretische Vorzüge. Erstens brauchen die römisch-republikanischen Phrasen und Kostüme der 1789er nicht als historische Selbsttäuschung interpretiert, sondern können als einfacher Wesensausdruck des handelnden Volkes aufgefaßt werden. Zweitens werden die Bluträusche der gallischen Geschichte verständlich, weil Volkstumskämpfe, die zu Rassenkonflikten ausarten, in der Regel sehr blutig sind. Drittens erinnert des Abbe Sieyes berühmte Unterscheidung der politisch berechtigten Aktivbürger von den bloß mit Zivilrechten versehenen Passivbürgern unmittelbar an Romulus und Remus, an die Patrizier und Plebejer des alten Rom; Royalist wurde ein Schimpfwort in Paris wie rex in Rom, die Stadt herrschte über die Provinzen und schließlich über den Erdkreis, nachdem die Republik ihre Proskriptionen erlebt und ihren Cäsar gefunden hatte. Selbst die Trikolore symbolisiert die Gefangennahme Frankreichs durch die Stadt Paris.

1917 war so wenig eine Revolution wie 1789. Das Blutbad und die soziostrukturelle Primitivisierung (z.B. Verbot der sozialen Verbände) war noch größer. Hat 1789 in einer cäsaro-papistischen Diktatur des antiken Gesellschaftstyps geendet, so 1917 in einer altorientalischen Despotie mit pharaonischer Zwangswirtschaft. 1917 ff. war ein Amoklauf der nichtrussischen Völker Rußlands (angeleitet vom internationalen Volk) gegen das reichsbildende Volk, der an Brutalität selbst den Mongolensturm übertroffen hat.

Die Franzosen, sagt Hegel, sind in ihrem Innersten außer sich. 1789 waren sie in sich gegangen, sind dabei außer sich geraten und als politisches Volk auseinandergebrochen. Die römischen Gallier wurden 1871 zum zweiten Mal geschichtlich von den Germanen besiegt, aber im Gegensatz zum ersten Mal nicht unterworfen, was zur Resurrektion eines französischen Volkes nötig gewesen wäre. Das französische Volk hat 1789 sich von sich selbst befreit, es hat Selbstmord begangen, indem der fränkische Reiser vom gallischen Stamm geschlagen wurde. Die neugallische Volkssubstanz blutete in Verdun aus, was in der schmachvollen Niederlage von 1940 offenbar, mit der Erklärung zum Mitsieger von 1945 verhöhnt und in der Unfähigkeit, ein unterwerfungswilliges Westdeutschland zu dominieren, von der Nachkriegsgeschichte testiert wurde.

Es war also nichts mit der sogenannt Großen Französischen Revolution! – „Denn“, sagt Hegel, „es ist ein falsches Prinzip, daß die Fesseln des Rechts und der Freiheit ohne die Befreiung des Gewissens abgestreift werden, daß eine Revolution ohne Reformation sein könne.“ Eine Reformation aber ist eine Kulturrevolution, die allen politischen und ökonomischen Umkehrungen der gesellschaftlichen Struktur vorangehen muß.

Alle Völker, die den Weg von 1789 gingen, haben ihr Selbst verloren. Sie sind in das Verhängnis der doppelten Emanzipation geraten: der Selbstemanzipation und der Judenemanzipation. Mit der Selbstemanzipation unterlief ihnen das Sich-selbst-aus-der-Hand-geben, mit der Judenemanzipation haben sie ein gastweises Fremdvolk aus ihrer Hand und Hausherrengewalt entlassen und sich damit dem Fremdvolk in die Hand gegeben. Wer den Gast in seinem Hause gleichstellt, wird ihm früher oder später unterstellt.

* * *

aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618




Zur Lehre vom Gemeinwesen

Es kann nicht im Interesse des deutschen Geistes sein, sich in den Kampf, der zwischen den Ideologen der Gesellschaft und denen der Gemeinschaft tobt, hineinziehen und von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Ganz im Gegenteil muß uns daran gelegen sein, diesen Kampf zu beenden und die Kombattanten zur geordneten Gefolgschaft zu zwingen, indem sie zu einer systematischen Lehre vom Gemeinwesen vereinigt werden. Zeigt sich die reichsbildende Kraft einer Nation darin, daß sie die benachbarten Völker dazu anhalten kann, untereinander Frieden zu halten, so zeigt sich das geistige Reich dieser Nation in ihrer Fähigkeit, den Fanatismus inhaltlicher und methodischer Einseitigkeiten zu vermeiden und entgegengesetzte Standpunkte als bloße Momente des größeren Ganzen zu erkennen. Ein reichsbildendes Volk ist ein ordnungsbildendes Volk.

Die deutsche Ordnung wiederherzustellen und einen Neuen Deutschen Idealismus als Weltphilosophie neu zu gründen, sei die Lehre vom Gemeinwesen ein Beitrag. In diesem Kapitel wird der Begriff der Gemeinde als Baustein der Gemeinwesen analysiert und (I) als weltliche, (II) als geistliche und (III) als übergreifende Gemeinde skizziert. Erst die übergreifende Gemeinde ist die wirkliche Gemeinde, die das Weltliche ins Geistige und das Geistige ins Weltliche transzendiert. Die Gemeinde ist zunächst ein ganz irdisches Verhältnis der Menschen; dann aber zeigt sich, daß in der Gemeinde der Geist gegenwärtig ist, der sich als Geist Gottes offenbart. Gott ist das Gemeinwesen. Gott ist das wirkende Wesen, das die Gemeinden zusammenhält.

I

Alle Gemeinwesen sind eine Ansammlung von Gemeinden, die zur Teilung einer Gesamtaufgabe und zur Verteilung von Teilaufgaben, somit zu einem Lebenszusammenhang, gefunden haben. Auch bei hochbesonderter Aufgabenteilung bleibt der Baustein des Gemeinwesens die Gemeinde. Das Gemeinwesen ist immer Gesellschaft und Gemeinschaft zugleich, in reiferen Zuständen auch vergesellschaftete Gemeinschaft und vergemeinschaftete Gesellschaft. Die Gemeinde als Elementarform jedes Gemeinwesens ist Dorf und Stadt, später dann verstädtertes Dorf und verdörflichte Stadt, samt Gemarkung. Die Gemeinde ist nur eine solche, wenn sie sich versammelt. Der Gemeindeort ist zunächst bloß Versammlungsort, z.B. als Thingplatz. Erst das Zusammenwohnen macht den Gemeindeort zur Gemeindesiedlung. Der Gemeindeort, ob nun Ansiedlung oder bloße Stätte der Begegnung, sei es einzelner Gemeindemitglieder oder der versammelten Gemeinde als ganzer, ist Kern des Gemeindegebiets. Die Gemeinde ist also nicht nur ein Versammlungsort, sondern zugleich ein Versammlungsgebiet. Die Versammlung selber begründet einen Personenverband aus den Ansässigen eines bestimmten Gebietes: eine Gebietskörperscbaft. Ein Gemeinwesen ist, räumlich betrachtet, ein Verbund von Gebietskörperschaften, also ein Gemeindeverband, inhaltlich aber eine Versammlung von Versammlungen. So wie jede regelmäßige Versammlung etwas ist, das die Versammelten zu tun pflegen, ist die Versammlung selber eine Pflege: ein Kult. Die Versammlung von Versammlungen ist dann ein Kultverband. Mit ihm bildet und pflegt das Gemeinwesen das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Gemeinden, sein praktischer Zweck ist der Krieg.

An den Grenzen der Gemeinden bilden sich Stätten ihrer Begegnung, die sich einerseits zu Kultstätten des Kultverbandes, andererseits zu Austauschstätten entwickeln. Aus den Stätten entsteht Gemeinschaft und Gesellschaft, entsteht Staat und Stadt. Die Kultstätte, der religiös-militärische Platz, ist Keim des Staates; die Austauschstätte, der Marktplatz, kann sich zur Stadt entwickeln.

Die europäische Stadt ist eine Marktansiedlung. Burg- oder Kirchenansiedlungen wurden nur zu Städten, wenn sie zugleich Austauschstätten waren und Marktrechte erhielten. Das Dorf hingegen ist eine Ansiedlung im Herstellungsraum, eine Produktionsansiedlung. Moderne Gemeinden sind Gebietskörperschaften, in denen der alte prägende Gegensatz von Stadt, Land und Dorf zur Regionalstruktur eingeebnet erscheint. Gleichwohl bleibt jede Regionalstruktur ein Geflecht aus Gemeinden und jede Gemeinde aus ihren Bestimmungen her analysierbar-. Versammlungsgebiet mit Versammlungsort, der bloße Stätte, aber auch Ansiedlung sein kann, die entweder an der Austauschstätte oder im Herstellungsraum liegt. Die moderne Gemeindeansiedlung ist immer eine dörflichstädtische Mischsiedlung (D,S). Als Gebietskörperschaft ist die moderne Gemeinde Kommune und insoweit Einheit von gemischter Ansiedlung und unbesiedeltem Land (D,S,L), eine Dorf-Stadt-Land-Triade, die sich zur Dyade von Ansiedlung und Nicht-Siedlung vereinfacht. In einem dreistufigen Verwaltungsaufbau vereinen sich alle Kommunen r in allen Regionen q aller Staaten p (als den souveränen Gebietskörperschaften) zur Formel des Gemeinwesens p(D,S;L)q,r.

Siedlung ist die Bewohnung eines Raumes in der Zeit. Insoweit ist der Begriff der Siedlung von dem des Versammlungsraumes und daher des Gemeindegebietes ununterschieden. Ansiedlung ist die Bewohnung eines Ortes, also einer Konkretion von Raum und Zeit, worin Raum gezeitigt und Zeit eingeräumt ist. Ist Siedlung die noch nicht unterschiedene Einheit von Dorf, Stadt und Land, so Ansiedlung entweder Dorf oder Stadt oder beides in bestimmtem Verhältnisse, niemals aber Land als Nicht-Siedlung. Unter einem Wohnsitz sei verstanden die Einzelniederlassung einer Arbeitskraft-Produktionsstätte, sei es die bloße Reproduktionsstätte eines Einzelnen oder die vollständige Herstellungs-, Versorgungs- und Entsorgungseinheit für menschliche Arbeitskraft, wie das eine mindestens drei Generationen umfassende Großfamilie darstellt. Wohnsitze sind somit über den besiedelten Raum eines Gemeindegebietes verstreut oder in Ansiedlungen gehäuft.

Dem Mythos ist das Dorf eine Gründung der Frau, die Stadt eine des Mannes. Das Dorf als Ansiedlung, als Bewohnung eines Ortes, liegt in oder an einem Herstellungsraum, ist aber auch schon in sich selber eine Produktionsstätte, die Menschen erzeugt; das Dorf vereinigt in sich Zeugung, Aufziehung und Züchtigung, also Leben und Arbeiten, Tun und Handeln, Brauch und Gebrauch, Mühe und Freude, Fasten und Feiern. Ein Bauerndorf liegt in seiner Gemarkung, im agrarischen Herstellungsraum; ein Fischerdorf an dem Gewässer, das den Gegenstand seiner extraktiven Tätigkeit bildet. Traditionelle europäische Dörfer sind diese doppelten Herstellungsräume, nämlich in sich selbst die Produktionsstätte der menschlichen Arbeitskraft, die in oder an einem Produktionsraum liegt, in welchem die Produktionsmittel für diese Arbeitskraft, also die Lebensmittel oder Konsumgüter, hergestellt werden. Die Stadt als Marktansiedlung beginnt sich zu verdörflichen mit der Ansiedlung selber, die ja stets innerer Herstellungsraum des Menschen ist. Gleichwohl bleibt der Markt als ständige Austauschstätte und Keim der Vergesellschaftung mehrerer Gemeinden der eigentliche Anlaß und ständige Bestimmungsgrund für die menschliche Ansiedlung an diesem Ort. – Das Bauerndorf dagegen beginnt zu verstädtern und die dörfliche Gemeinschaft sich zu vergesellschaften, sobald der erste Handwerker oder Arzt oder Krämer sich im Dorf niederläßt und Anlässe für Austauschakte schafft. Ambulante Händler oder wandernde Handwerker allerdings haben noch nicht diese Wirkung, die beginnende Verstädterung des Dorfes hängt an der dauerhaften Niederlassung der Fremden.

Mit den oben gesetzten kommunalwissenschaftlichen Kategorien betrachtet ist eine Fabrik die Gemarkung eines Arbeiterdorfes (oder mehrerer). Städtische Wohnviertel sind dann pädagogische Dörfer, d.h. sie produzieren Arbeitskraft, die teils städtisch, also in Austauschstätten, und teils dörflich, also in Herstellungsräumen, verbraucht wird.

Bei den kommunalen Verkehrswegen für Güter, Menschen und Nachrichten ist zwischen Marktstraßen, Dorfstraßen und Feldwegen zu unterscheiden. Marktstraßen führen zu Austauschstätten, Feldwege zu Produktionsstätten und in Dorfstraßen enden beide. Städtische Dorfstraßen, die Wege in Wohnsiedlungen, sind darüber hinaus die Feldwege der pädagogischen Gemarkung und die Marktstraßen für die Ware Arbeitskraft wie für jene Waren, die ihr als Produktionsmittel dienen. Die wirklichen Verkehrswege sind selbstredend alles zugleich, denn der Weg durchs 1448Feld dient dem Spaziergänger als Dorfstraße, dem Feldbebauer als Feldweg und dem Erntewagen als Marktstraße, falls die Feldfrüchte unmittelbar vermarktet und nicht weiterverarbeitet werden. Ein herkömmliches Handwerkerhaus hat nicht nur alle drei Verkehrswege unter seinem Dach, sondern vereint auch den Herstellungsraum der Güter mit dem Lebensraum der Hersteller und der Austauschstätte für ihre Kunden.

Felder sind Herstellungsgebiete in einem Herstellungsraum und durch Feldwege verbunden. Feldweg ist ein Lastenaufzug in einem Fabrikationsgebäude. Die Gasse ist eine Feldwegansiedlung. Eine Handwerkergasse oder eine reine Wohngasse verdorft eine Stadt, aber verstädtert kein Dorf. Die Umgassung von Marktansiedlungen ist die Fortführung jeder städtischen Siedlungsgeschichte in die Verdorfung. Die ursprünglichen Handwerkerhäuser in den Gassen sind deutlich als ackerlose Kleingehöfte zu erkennen. Kirchhofansiedlungen sind im Unterschied zu Städten keine Ansiedlungen an einem leeren und immer wieder zu leerenden Marktplatz, sondern Feldrandsiedlungen am zentralen Anbaugebiet des Gemeinschaftsbewußtseins mit seinem Bewußtseinsgehöft (der Kirche) in der Mitten. Kirch- und Klostergassen, die zu Kirchhöfen und Klöstern führen, ändern nichts am dörflichen Charakter dieser Ansiedlungen.

Gott ist Geist. Der Geist ist das Absolute, das in sich Vollkommene und daher außer sich allmächtig. Der Geist vermag alles das außer sich zu vollbringen, was er in sich zuvor vollendet hat. Schafft er aber dies allseitig und absolut Vollendete, das er selber ist, so schafft er nichts außer sich selber. Aus seiner inneren Vollkommenheit folgt die äußere Allmacht; sie ist seine einzige Unvollkommenheit. Denn der Geist, der Geist bleibt, also absolut vollkommen bleibt, ist weltunfähig. Als Vollkommener ist er natürlich fähig, sich in dieser Unvollkommenheit festzuhalten: in seiner Weltunfähigkeit. Denn könnte er sich nicht in dieser Unfähigkeit festhalten, gäbe es nicht die immanente Entwicklung des Geistes, seine vorweltliche Logik. Dann wäre der Geist vor der Erschaffung der Welt auch unfähig gewesen, sich Gedanken zu machen.

Der Geist ist das In-sich-Vollkommene. Wie aber vollbringt er Taten? Wie schöpft er die Welt? Indem er von seiner Absolutheit abstrahiert, von einer seiner Vollkommenheiten absieht. Der Geist erschafft die Welt durch Absehen von sich selbst. Da der Geist das In-sich-Vollkommene ist, jedes Vollkommene aber ein Vollendetes, macht sich jedes Beginnen, jedes Schöpfen nur aus Entvollung des Kommenden, aus Entvollkommnung. Wer die reine Vollkommenheit wahrnehmen könnte, sähe in der Welt nur den Geist, hinter dem sie selber verschwände. Der Geist als Einer ist ein Einzelner, der handelt, indem er denkt. Denkt der Geist nur Vollkommenes, denkt der Geist nur sich selbst. Sein Gedanke ist dann logisch. Der logische Gedanke kann nur andere logische Gedanken hervorbringen, aber kei1449ne Welt schöpfen. Die Logik ist die Gedankenwelt ohne die Weltgedanken. Das System der Weltgedanken ist unlogisch, aber schöpferisch. Es schöpft aus unlogischen Logiken, aus der jeweils eigenen Logik der Sache selber. In den Sachen west ein Stück Welt, das durch die bestimmte Art von Entvollkommnung, von Selbstabsehung des Geistes, geschöpft wurde.

Der Geist als der Eine, der handelt, indem er denkt, ob nun logischmetaphysisch oder unlogisch-weltschöpferisch, wird herkömmlich als Gott benannt. Sicher ist Gott Geist, aber nicht jeder Geist schon Gott. Der Geist weht wo er will. Der Geist ist der absolute Stoff, die Substanz Gottes, seine Natur“, aber nicht er selbst. Gott ist aller Geist als eigenvergemeinschafteter Besitzer seiner selbst. Gott ist Eigentümer allen Geistes, er ist aller Geist und besitzt nichts anderes. Geist ist die Substanz der Person Gottes; kein ungeistiger Besitz an ihm ist denkbar. Der Geist als der Vollkommene und Allmächtige bleibt der absolut Arme; auch nachdem er die Welt geschöpft hat besitzt er nichts von ihr außer sich selber, nichts außer Geist. Insofern die Menschen allen Geist als Besitz Gottes, als einziges Material und Leben seiner Person anerkennen, ist Gott Eigentümer des Geistes, sein rechtmäßiger Besitzer. Wer Gott den Geist streitig macht, verletzt seine Person und mit Seiner Person jede Person. Wer das Gottesrecht verletzt, verletzt das Recht überhaupt und damit auch das Menschenrecht.

Als am Geist Teilhabende sind alle Menschen in Gott vergemeinschaftet. Wer den Geist als Privateigentum sieht und nicht als Eigentum Gottes anerkennt, verletzt das innere Rechtsgefüge auch jeder menschlichen Gemeinschaft. Gott für tot erklären heißt, die Gemeinschaft der Menschen mit der Ewigkeit und dem Kosmos aufzukündigen und jede irdische Menschenvergemeinschaftung dem Untergange zu weihen. Der nicht empfangene, sondern selbstzugesprochene Geist löst sich selber auf, weil die Reste der Vollkommenheit sich in selbstzufriedene Weltlichkeit verflüchtigen. Auch diese totale Weltlichkeit erweist sich dann als unsolide und erscheint immer unwirklicher; die Welt wird erst Wille und Vorstellung, am Ende subjektlose Fiktion.

Gott ist Geist, aber als Geist noch nicht Gott. Der Geist bedarf zu seiner Gottwerdung des Menschen, aber nicht des Menschen als Mensch, sondern des Menschen als Person. Der Geist wird Gott, wenn die Menschen nicht nur sich selber als Personen anerkennen, sondern auch allen Geist, der sie von außen erreicht und von innen zu ihnen spricht. Der Geist wird Gott, wenn die Menschen ihn als Teil des höchsten Wesens begreifen, als Besitz eines Höheren, dessen Gnade sie daran teilhaben läßt. Der inner- und außerweltliche Geist könnte sich auch selber vergöttlichen; er müßte nur sich als Person und somit als Eigentümer seiner selbst begreifen. Die Vergesellschaftung mit den Menschen könnte der selbstkonstituierte Gott dann herstellen, indem er sie als fremde Personen seiner Person entgegensetzt. Die Gottwerdung des Geistes hängt untrennbar an der Personwerdung des Menschen. Ohne Gott kann der Mensch nicht Person werden, und ohne Person zu sein kann der Mensch nicht Mensch bleiben, sondern sinkt unaufhaltsam in seine besondere Tierhaftigkeit zurück. An beider Personhaftigkeit hängt also die Gemeinschaft der Menschen mit Gott, und umgekehrt. Im Menschen schaut Gott die eigene Unvollkommenheit an. Da nur der vorweltliche Geist als Vollkommenheit bestimmt worden war und alle Weltwerdung an der. Entvollkommnung, an der Selbstabsehung des Geistes, an seiner Entgeistigung hing, ist die vorweltliche Vollkommenheit, also der reine Geist selber, nur die Voraussetzung der Weltwerdung, die Welt als Entgeistigung mitsamt ihrer Menschentierwelt aber die Voraussetzung der Existenz Gottes.

Der Mensch ist die Krone der weltlichen Unvollkommenheit, ein endlicher Weltgeist, entstanden aus der Absehung vom ewigen Geist. Als geistiges Wesen ist der Mensch ein Fremdling in der Welt als einer Schöpfung der Entgeistigung wie auch ein Fremder gegenüber dem ewigen Geist, der sich mit der Schöpfung der Welt nur wenig vergeben hat. Aber als Fremder angesichts dieses fremden, unverständlichen Geistes macht der Mensch diesen Fremden nicht zu seinesgleichen, sondern zu seinem Anderen und damit zur Person. Indem der Mensch den ewigen Geist als Person anerkennt, macht er ihn zu Gott.

Daß der Mensch Gott schuf, indem er allen Geist einer überirdischen Person als unverletzlichen Körper, als ihren Privatbesitz, an dem nur die Gnade dieses höchsten Wesens ihn teilhaftig werden läßt, zuschrieb, – dies ist eine gesicherte geschichtliche Tatsache. Der Mensch hat seine Rechtspflichten gegenüber Gott erfüllt, solange er den ewigen Geist als Person anerkannte. Aber wie für die Rechtsverhältnisse unter Menschen gilt auch für das Verhältnis des Menschen zu seinem Gotte der Grundsatz, daß sie sich nur anerkennen als wechselseitig sich Anerkennende. Und so gesichert die menschliche Anerkennung Gottes, so ungesichert ist die Anerkennung des Menschen durch den ewigen Geist. Die unvermeidliche Ungewißheit, ob der Gott, den der Mensch durch seine Anerkennung geschaffen hat, nun seinerseits den Mensch als Person und damit als sein begriffliches Ebenbild anerkennt, bewegt die Glaubensgeschichte als Folge von Beglaubigungen, die von den Naturerscheinungen über die Mysterien, die Wunder, die Offenbarungen bis hin zur innerlichen Gewißheit reichen.

Noch vor allen Freund-Feind-Bestimmungen ist die Glaubensfrage eine solche von Leben oder Tod. Schließlich gibt es nicht nur die Unvollkommenheit der Menschen, sondern auch unverschuldete Schicksale der Völker von wahrlich monströser Ungerechtigkeit. Da kann schon, bei der begrenzten Leidensfähigkeit der geplagten Menschheit, der Zweifel aufsteigen, ob Gott anwesend, geschäftsfähig oder vielleicht gar der vollkommene Betrüger ist. Schließlich hängt von der Personwerdung, von der Anerkennung des Menschen durch Gott, nicht nur die politische und historische Rechtsfähigkeit der Völker ab, sondern auch die Menschwerdung der Welt und damit das Heil der Menschen in der Welt. Ganz zu schweigen vom ewigen Heil. Im Anfang war die Tat. Die Tat ist das Verlöschen des Geistes. Durch die Tat selber wird der Geist, der verlöscht, qualifiziert und allgemein als Tatkraft bestimmt. So wie die vom Menschen gemachte Welt sich als Darstellung seiner Tatkraft erweist, so ist die Welt überhaupt Darstellung des Geistes, der vor der Schöpfung über den Wassern schwebte. Brauchte er die Liebe der Menschen zu sich? Schuf er darum das Unvollkommene, die Welt und ihre Menschen? Bedurfte er ihrer Werke?

Die Werkheiligkeit ist der Versuch, Gott unter Kontrahierungszwang zu stellen. Wenn der Einzelne wie die Gemeinde Werke vollbringt, die von der Lehre als gottgefällig deklariert sind, ist Gott – wie ein Unternehmen für öffentliche Dienstleistungen – zum Vertrage und damit zur Lieferung des vom Dogma ausgewiesenen Heiles gezwungen. Die protestantische Gnadenheiligkeit befreit Gott von diesem Kontrahierungszwang, gibt ihm über seinen Besitz, den Geist, das volle Eigentumsrecht, das durch noch so große Frömmigkeit und asketisch-heilige Werke nicht zum Vertrag, nicht zur Veräußerung von Nutzungsrechten am göttlichen Geist, damit am Heil, gezwungen werden kann. Der göttliche Wille bleibt souverän und wird nicht an Priester-Notare überantwortet.

Im Gemeinwesen der Deutschen mischen sich Katholizismus und Protestantismus, die Heiligkeit der Werke und die Heiligkeit der Gnaden sind im deutschen Volksgeist legiert. Daß in Deutschland die Protestanten wirtschaftlich erfolgreicher sind und auch alle großen Denker stellen, liegt nicht daran, daß Protestanten mehr tun, sondern daran, daß sie mehr unterlassen, insbesondere heilige Werke. Das Unterlassen der heiligen Werke und Vertrauen auf die Gnade Gottes ist ein Freilassen des Geistes, daß jedem puritanischen und calvinistischen Heilsbeweis, der durch Welterfolg zu erbringen ist, überlegen ist. Im Protestantismus ist der Geist wirklich frei, weil Gott und Mensch von der Beweislast befreit sind und weder ein Werkbeweis noch ein Erfolgsbeweis des Heils nötig ist. Andererseits tragen viele Ereignisse d er deutschen Zeitgeschichte den katholischen Zug der Werkheiligkeit; Hitlers selbstloser Kreuzzug gegen den Bolschewismus und das Weltjudentum war durch modern-egoistische Vorwände nur mühsam getarnt (z.B. durch Landnahmepläne im Osten); der eigentliche Zweck lag im Seelenheil der Deutschen: sie hatten ihr heiliges Werk zu erfüllen und – die europäischen Völker vor den Mächten der Finsternis zu schützen.

III

Die Grenze aller menschlichen Gemeinwesen lag schon immer am Horizont, wo sich Himmel und Erde berührten. Dort begann der Unsterblichen Reich. Und an markanten Punkten des Horizonts, auf umnebelten oder besonnten Berggipfeln, lagen auch die Austauschstätten zwischen dein irdischen und dem überirdischen Gemeinwesen, – der Gemeinde der Sterblichen und den Unsterblichen. Ihr jeweiliger Olymp erschien den Völkern als erste Stätte des Austausches, daher als Beginn der Stadt und der Gesellschaft.

Beginn des Staates und der Gemeinschaft sind die im Siedlungsraum liegenden Heiligtümer, Kultstätten, Orakel. Hier handelt es sich um gesinnungsproduzierende Dörfer; deren Gemarkung ist die Gemeinde, das gemeindeüberfassende Gemeinwesen oder gar der von einer internationalen Reputation aufgespannte Kulturkreis. Die Transzendenz der Gemeinwesen ist raum- und zeitgreifend, aber immer auch übergreifend. Was von den historischen Gemeinwesen letztlich bedeutsam bleibt ist, wie weit sie den ewigen Geist enthüllt und Gott durch ihre Anerkennung geschaffen haben.

Der orientalische Weg der Gottwerdung beginnt mit exklusiven Nationalgöttern und endet in der politisch-religiösen Despotie. Der griechische Weg verbindet die verschiedenen Gemeindegötter zu einer organischen Götterwelt. Er führt zum freien Aufbau von innen her, zur Systematisierung einer reichhaltigen Welt des Geistigen und Göttlichen und damit auch zur Hierarchie in der Transzendenz des gesamtgriechischen Gemeinwesens.

Eine christliche Gemeinde soll die Kirche im Dorf lassen. Denn ein Kirchengebäude ist keine Gemeinde und auch kein Dorf und keine Stadt, sondern ein Gemeindeort, und zwar eine Kultstätte. Klöster hingegen sind richtige Dörfer, in denen geistige Kinder gezeugt und aufgezogen werden und die ein geistliches Feld bearbeiten. Insofern sind sie Ansiedlungen im Herstellungsraum, auch wenn sie inmitten einer Stadt liegen.

Der Gott, als in seiner Gemeinde anwesend, ist heiliger Geist. Heilig ist dieser Geist, weil er, bei Strafe des Untergangs, nicht angetastet werden darf. Kein Gemeinwesen kann überleben ohne ein Heiliges, Nichtanzutastendes. Der Einzelne braucht dieses Heilige, um in Eigenvergemeinschaftung seine gesellschaftlichen Rollen zu einem Selbst zu verschmelzen, soll seine Seele keinen Schaden nehmen. Das Heiligtum eines Gemeinwesens ist der Herstellungsraum seines Gemeinschaftsgefühls und daher die Seele des Ganzen. Die Gemeinde braucht ihre Wodanseiche, der Gemeindeverbund seinen heiligen Hain, Völker ihren Nationalgott und Völkergemeinschaften ihr Heiliges Reich. Das Heilige Reich Europas ist immer Deutschland gewesen; wurde ihm die Gefolgschaft verweigert oder gar frevelnd die Hand erhoben, es zu schänden und zu zerstören, erkrankte die abendländische Gemeinschaft an ihrer Seele: Europa zog sich in einem Anfall schwerster politischer Depression aus seiner universellen Weltstellung zurück und wurde der Spielball minderwertiger, raumfremder Mächte, politischer wie geistiger.

Einst hat die althochdeutsche Sprache sich aus dem Gemeingermanischen entwickelt; Begriff des Deutschen ist es seitdem, das Gemeinschaftsunternehmen der germanischen Volksgeister zu sein und damit die Vernunft der europäischen Staaten, ihre gemeinsame Zielrationalität, zu verkörpern. Europa wieder herstellen heißt zuvörderst, seine Heiligtümer wieder aufzurichten. Der Gott des Abendlandes muß sich wieder zum obersten Herrn der Welt erheben und die Götter des Orients unterwerfen. Das Heilige Deutsche Reich zu erneuern setzt voraus, daß das Allerheiligste des deutschen Volksgeistes restauriert wird: der Deutsche Idealismus.

***




Vergemeinschaftung der Gesellschaft

Wo vollkommene Gemeinschafts­zerstörung statt­gefunden hat, dort blühen die Menschenrechte. Menschen­rechte sind das Armen­recht des atomisierten Individuums. Der ver­einzelte Mensch, wie er heute zum Pathos­träger der Zeit, zum Souverän und zur Quelle aller Rechte gemacht wird, ist aber ein bloßes Exemplar seiner Gattung, ein Mensch an sich und damit jeder Mensch. Aber der Mensch an sich, ohne jede weitere Be­stimmung, ist bloß eine besondere Tier­art mit auffällig entwickeltem Großhirn. Die Menschen­rechte sind die Rechte dieser besonderen Tiere. Folge­richtig hat unsere Zeit, in der die Menschen­rechts­ideologie eine fast totale Herr­schaft ausübt, als eigene geistige Leistung die Pro­klamation der all­gemeinen Tier­rechte hervorgebracht, welche in der Tat die Verallgemeinerung des Gedankens, dem Menschen kämen schon als Menschen bestimmte Rechte zu, darstellt. Die entgegengesetzte Auffassung, daß dem Menschen nur dank seiner Gottesebenbildlichkeit Rechtsfähigkeit zukomme, ist selbstredend viel vornehmer; ihr zufolge ist der Mensch Rechtssubjekt, weil er Person ist, also Charaktermaske Gottes.

Zugegebenermaßen paßt die göttliche Auffassung vergangener besserer Tage des politischen Denkens nicht zu unserer bestialischen Gegenwart, deren adäquater Rechtsgedanke das Menschenrechtsdogma in seiner tierischen Verallgemeinerung ist. Was aber hat dies alles nun mit Gemeinschaft und Gesellschaft zu tun?

Eine Weltgemeinschaft der Menschenrechtsbesitzer wäre die totale Gesellschaft. Diese Art von Gemeinschaft ist der denkbar höchste Grad von Gemeinschaftszerstörung. Die Europäische Gemeinschaft z.B. ist der Versuch, eine europäische Einheitsgesellschaft zu schaffen.

Konservative Zeitkritiker lesend, riskiert man leicht eine mittelschwere Depression: die Gesellschaft hat Volk und Staat und fast alle sonstigen Gemeinschaften aufgefressen, und kein Hoffnungsschimmer ist weit und breit zu erspähen. – Dagegen soll hier gezeigt werden, wie der Übergang zu neuer Gemeinschaftlichkeit auf der Grundlage verallgemeinerter Gesellschaftlichkeit der Verhältnisse sich vollzieht. Das klassische Werk zu diesem Thema, “Gemeinschaft und Gesellschaft” von Ferdinand Tönnies, läßt uns bei dieser Frage nämlich völlig im Stich. Die Schilderung der organisch-substantiellen Grundlagen von Gemeinschaft gelingt Tönnies sehr überzeugend; in der Beschreibung von Gesellschaft lehnt Tönnies sich an “Das Kapital« von Marx an und bescheinigt jeder konsequenten Gesellschaftlichkeit letztlich die Zerstörung aller Gemeinschaften, auch der Völker (womit er ganz nebenbei der Marxschen Verelendungsthese eine viel prinzipiellere Fassung gibt) und stellt endlich fest, daß es Zeiten der Gemeinschaft wie Zeiten der Gesellschaft gäbe, ohne doch den Übergang der einen in die andere zu beschreiben. Die große Dialektik von Gesellschaft und Gemeinschaft, in der die Durchsetzung der einen die andere erzeugt und umgekehrt, ist bislang noch unbegriffen.

Unter den großen Begriffen der Speziellen Soziologie Stände, Schichten, Klassen und Kasten – sind die beiden ersten reine Gemeinschaftskategorien und nur die Klasse ein reiner Gesellschaftsbegriff. Auch in der angeblich nichtständischen Gesellschaft gibt es natürlich zahlreiche Standesunterschiede, wenn auch nicht solche von Geburt aus. Mit der Vollendung der Geburt beginnt die Rechtsfähigkeit eines Menschen, sagt das Bürgerliche Gesetzbuch. Spätestens dann ist er in den Stand gesetzt, Rechte zu haben. Der Stand des Kindes ist ein unmündiger Personenstand. Insoweit sein Stand als Person ein untergeordneter ist, eine eingeschränkte und abhängige Rechtssubjektivität, lebt das Kind in Gemeinschaft mit seinen Vormündern. Aber diese durch Bluts- und Liebesbande zusammengehaltene Gemeinschaft ist dazu bestimmt, sich in die bürgerliche Gesellschaft aufzulösen, in der das Kind für sich ganz allein sein wird, was es in seiner Familiengemeinschaft bloß an sich war, nämlich ein Rechtssubjekt.

Eine Gesellschaft im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches ist eine durch Vertrag begründete Zweckgemeinschaft mehrerer Personen. Die bürgerliche Gesellschaft dagegen ist keine Zweckgemeinschaft, sondern die allgemeine Vereinzelung aller Rechts-, Wirtschafts- und Gesinnungssubjekte durch ihre Zwecke, die nur zu erreichen sind, indem ein jeder sich jeweils fremden Zwecken unterwirft. In der bürgerlichen Gesellschaft sind alle Partner aller Verträge, Verkäufe und Kommunikationen Gegner; bei zentralen Faktorgütern stehen sich Käufer und Verkäufer als feindliche Klassen gegenüber, das Feilschen um die realen Austauschgrößen hat sich vom allgemeinen Klassenkampf zu einem mit besonderen Kampfverbänden geführten Verteilungskampf verschärft.

Der Staat ist nicht der Gegenbegriff zur Gesellschaft, sondern zur bürgerlichen Gesellschaft. Staat und bürgerliche Gesellschaft zusammen bilden den staatsbürgerlichen Verband, welcher ein Subjekt in der Weltgesellschaft der Staatsverbände darstellt. Im Staatsverband ist ein Staat mit seiner bürgerlichen Gesellschaft vergemeinschaftet. Der Bürger als Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft ist Vereinzelter, als Staatsbürger aber Vergemeinschafteter. Der Staatsbürger ist Verbandsgenosse des Staatsverbandes, dessen Vorstand der Staat ist, welcher in sich juristische Person ist und die Haushaltsgemeinschaft des Staatsdienervereins bildet.

So wie die juristische Staatsperson eine Haushaltsvergemeinschaftung der Staatsdiener darstellt, so die natürliche Privatperson eine Individualvergemeinschaftung seiner sozialen Rollen, seiner einzelnen Rechts-, Wirtschafts- und Gesinnungsgüter zu einem menschlichen Selbst. Das jeweilige Ich in der Fülle gesellschaftlicher Transaktionen integriert sich nicht ohne weiteres zu einem Selbst, zu einer Gemeinschaft des Bürgers mit sich. Mißlingt diese Einzelvergemeinschaftung, dann wiederholt sich der gesellschaftliche Interessengegensatz im Individuum, der entselbstete, pluralistisch-ichsüchtige Bürger zerfällt beständig in ein Ich und ein Nicht-Ich und spielt Gesellschaft in seinem Inneren.

Auffälliger und heute schon als Normal-Anomie hingenommen ist dieses Gesellschaftsspiel innerhalb juristischer Personen, besonders innerhalb des Staates. Der als Parteienstaat westlichen Typs schizophren gewordene Staatsdienerverein spielt Klassenkampf, indem er als Arbeitnehmer gegen sich als Arbeitgeber verhandelt. Der Parteienstaat ist die entselbstete Ichsucht und normierte Schizophrenie einer juristischen Person. In seiner vollentwickelten Fäulnis hat der Parteienstaat keine Staatsbürger mehr, sondern nur noch Parteienbürger, deren Seelenleben sich in einer Verinnerlichung des Parteienstreites erschöpft.

Jeder Parteienstaat ist stolz darauf, in seiner bürgerlichen Gesellschaft zu leben. Ein gesunder Staat dagegen lebt zwar in Gesellschaft, aber nie in seiner bürgerlichen Gesellschaft. Ein Staat hat in der Staatengesellschaft zu leben. Die Staatengesellschaft ist nicht nur keine bürgerliche Gesellschaft, sondern eine höchst unbürgerliche Gesellschaft.

Die Ideologen der totalen Vergesellschaftung neigen dazu, die Subjekte der bürgerlichen Gesellschaft als Opfer mißlungener Sozialisation vornehmlich in der Familie darzustellen. Ihre sog. Gesellschaftskritik ist Familienkritik, also Gemeinschaftsschelte. Alle bürgerliche Gesellschaft besteht aus Gemeinschaftstrümmern, speist sich aus dem fortwährenden Verfall, ja dem Abfall des Zersetzungsprozesses der Familien. Aber die Familiengemeinschaft ist um ihrer selbst willen da und nicht zum Zwecke irgendwelcher Sozialisationsarbeit. Wenn sie trotzdem die Bürgergesellschaft mit ihren Zerfallsprodukten düngt, äußert sich darin der Kreislauf der menschlichen Natur wie in der Regenwolke der Kreislauf der klimatischen Natur. Die Sozialisationstechniker sind die Regenmacher der bürgerlichen Gesellschaft. Ihr Lieblingsparadigma war im 18. Jahrhundert der Vertrag und ist heute der Markt.

Der zum kapitalistischen Weltwirtschaftssystem sich entfaltende Markt als Paradigma der Gesellschaftlichkeit, also des “Sozialismus” im wörtlichen Sinne, ist bislang immer nur von der Seite der fortschreitenden Selbstentfremdung, somit als Vergesellschaftungsprozeß, gesehen worden, was auf einer vulgären Rezeption der Marx-Engelsschen Ökonomie beruht. Die Rückseite der mit dem System der ökonomischen Kategorien voranschreitenden Vergesellschaftung ist die Vergemeinschaftung, und zwar jener Subjekte, die auf dem Markt durch Verträge sich vergesellschaftet haben.

Produzenten von Gütern und Diensten stellen diese als Werte und somit als Waren und Dienstleistungen her, weil sie vereinzelte Privatproduzenten sind, die für vereinzelte Privatproduzenten arbeiten. Die jeweilige Wertgröße vergesellschaftet ihre Privatarbeiten. Im preislich realisierten Wert erst erweist sich, welcher Arbeitsertrag und welcher Arbeitsaufwand dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprach; aber in ihm drückt sich auch aus, welche Gesamtsumme von Durchschnittsarbeiten einer bestimmten Art benötigte Arbeit war und welche Differenz als über oder Unterproduktion anzusehen ist. Der statistisch feststellbare Durchschnitt von Produktivität und Intensität der Arbeit eines Gewerbezweiges ist als nachträgliche Marktfeststellung eine gesellschaftliche, die zahlungsfähige Nachfrage aber eine gemeinschaftliche Tatsache, denn sie geht auf ein Gesamtbedürfnis.

Es gibt die Nutzungsgemeinschaft an dem Gesamtprodukt einer bestimmten Branche, die zugleich eine Nachfragergesellschaft ist, der die Anbietergesellschaft der Produzenten gegenübersteht. Als private Anbietet und Nachfrager bilden Produzenten wie Konsumenten zwei Klassen der bürgerlichen Gesellschaft; als Anbieter und Nachfrager wie als Produzenten zuvor und als Konsumenten danach bilden sie aber zugleich eine Branchengemeinschaft, die nicht nur eine Interessengemeinschaft an einem Branchengut, sondern auch eine Wertgemeinschaft ist. Denn bezüglich der zu realisierenden bzw. einzulösenden Wertsumme gilt für Anbietet wie für Nachfrager das Prinzip mitgefangen-mitgehangen.

Am Branchenmarkt erst zeigt sich, ob die von den Privaten geleisteten Durchschnittsarbeiten insgesamt benötigte Arbeiten sind, ob also die Anbietergemeinschaft auf ein gleichgroßes zahlungsfähiges Bedürfnis der Nachfragergemeinschaft trifft oder nicht. Beide Teilgemeinschaften der Branchengemeinschaft, die Anbieter- wie die Nachfragergemeinschaft, werden zur ökonomischen Schicksalsgemeinschaft: die Anbieter eine unglückliche bei Überproduktion und eine glückliche bei Unterproduktion, die Nachfrager haben das umgekehrte Schicksal. Bei den Nachfragern als der Nutzungsgemeinschaft des Branchengutes kann zudem das zugrundelegende Bedürfnis wie die ihm anhaftende Zahlungswilligkeit mehr oder weniger elastisch sein.

Die nächste Stufe nach der Wertvergemeinschaftung in einem Branchenmarkt ist die allgemeine Marktvergemeinschaftung aller Warenbesitzer in der allgemeinen Ware, im Geld. Geld setzt voraus einen gemeinschaftlichen Definitionsakt aller Warenbesitzer: Die Waren stellen ihre Werte jetzt 1. einfach dar, weil in einer einzigen Ware, und 2. einheitlich, weil in, derselben Ware. Ihre Wertform ist einfach und gemeinschaftlich, daher allgemein.” (MEW 23.79) Geld ist also keineswegs bloß ein systemisches und also rein gesellschaftliches Segment moderner kapitalistischer Länder, sondern durchaus auch Gemeinschaftsträger. Ansonsten wäre dem Phänomen BRD, diesem Staate De-Mark, worin so einiges faul war, niemals eine historische Existenzfrist eingeräumt gewesen.

Aber nicht nur Geld als Geld, sondern auch das Geld als Kapital hat die Fähigkeit zur Vergemeinschaftung. Das variable Kapital, wenn es sich durch gesellschaftliche Transaktionen aus der Geld- in die Humanform verwandelt hat, bildet aus den vorher privat vereinzelten Arbeitern eine Betriebsgemeinschaft. Ihr Zweck ist die Kooperation und die betriebliche Arbeitsteilung. Aus der Gemeinschaft des Produktionsprozesses resultiert die erkenntnistheoretische Prozeßlogik. Deren gegenständliches Substrat oder den materialisierten Geist liefert das konstante oder Sachkapital, das die Betriebsgemeinschaft zur Nutzungsgemeinschaft an Produktionsmitteln macht.

Neben der betrieblichen gibt es die gesellschaftliche Arbeitsteilung, worin die Teilprodukte, durch Kauf und Verkauf vermittelt, zu einem Endprodukt gelangen. In ihm findet die Arbeitsgesellschaft ihre Produktgemeinschaft. Dagegen ist eine Betriebsgemeinschaft immer eine Prozeßgemeinschaft.

Konkurrierende Branchenkapitalien unterliegen im Phänomen des Extramehrwerts einer Vorteilsvergemeinschaftung. In der allgemeinen Konkurrenz haben die Einzelkapitale eine Akkumulationsgemeinschaft, im Konjunkturzyklus eine Umschlagsgemeinschaft und im jährlichen Gesamtprodukt eine Reproduktionsgemeinschaft. In der Kategorie des Profits liegt eine Mehrwertgemeinschaft des Sach- mit dem Humankapital vor, im allgemeinen oder Durchschnittsprofit aber eine Mehrwertanteilsgemeinschaft aller Kapitalien. Die Krise ist eine Risikogemeinschaft, und die Existenz des Handelskapitals stellt eine Kommerzvergemeinschaftung aller Einzelkapitale dar. Kapitalzins und Unternehmergewinn bilden eine Profitgemeinschaft, und das fiktive Kapital ist nur eine Erscheinung der Zinsvergemeinschaftung mit dem realen Leihkapital. Bankkapital ist eine Funktionsgemeinschaft von zinstragendem und Geldhandelskapital, Finanzkapital eine solche von Bank- und Industriekapital. Im Monopolkapital endlich liegt die Faktorengemeinschaft von Finanzkapital und Grundeigentum vor.

Die Produktionsfaktoren als Einkommensquellen sind Einkommensgemeinschaften, eine Einkommensart aus einer bestimmten Einkommensquelle begründet eine Klassengemeinschaft und gegebenenfalls ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl. Im Klassenkampf entsteht eine Kampfzielgemeinschaft, das Verteilungsschema der Produktionsfaktoren ist eine Faktorenzirkulationsgemeinschaft. Das vom Staat über das Verteilungsschema gelegte Transfersystem bildet eine Steuergemeinschaft. Aktien”gesellschaften” gar sind unlösliche Kapitalgemeinschaften; ihre gesellschaftliche Sphäre ist die Börse, in der aber kein reelles Kapital in den Verkehr kommt, sondern fiktionalisiertes. Wo Marx Vergesellschaftung sagt, ist häufig Vergemeinschaftung gemeint. Ein falsches Wort kann den stärksten Begriff verdecken. Die Vergesellschaftung des Kapitals ist eigentlich bloß seine Verwandelung in eine marktgängige Ware, also Kapitalmarkt oder Sozialismus des Kapitals. Marx hat die Mehrwertanteilsgemeinschaft, den allgemeinen Profit, den “Kommunismus der Kapitalisten” genannt.

Kommunismus im nachkapitalistischen Sinne ist eine ökonomische Gesellschaftsform, deren große Wirtschaftssubjekte fiktionalisierte Kapitalgemeinschaften sind, die ihre gesamte Dividende in die Kapitalgemeinschaft eingemeinden können und nicht in die Gesellschaft der Aktienbesitzer ausschütten müssen.

Abschließend seien noch jene Gemeinschaften betrachtet, denen nach herrschender Lehre der Neuzeit die äußere wie innere Souveränität zugesprochen wird: die Völker. Wenn eine Staatsmacht über ein gesellschaftliches Verteilungsschema ein Transfersystem legt, erzeugt sie ein formelles Volkswirtschaftssubjekt, eine Nationalökonomie aus einer bloßen Staatsnation von Steuerzahlern. Decken sich aber die Grenzen des der Steuerpflicht unterworfenen Verteilungsschemas mit den Wirtschaftsgrenzen eines Volkes, also einer prozessierenden Gemeinschaft von Abstammung, Sprache und Schicksal, dann hat der Staat ein wirkliches Volkswirtschaftssubjekt, eine reelle Nationalökonomie, geschaffen.

Ein Volk als Person, eine reelle Nation also, ist die Wiedervereinigung der juristischen mit der natürlichen Person als einer eigenvergemeinschafteten. Ein Volk ist das ganze Selbst, der Gesamtbesitzer der Nation, die Nation aber ist das Volk als Gesamteigentümer. Nur die Nation, nur das reelle Völkerrechtssubjekt, kann Gesamteigentümer der fiktionalisierten Kapitalgemeinschaften sein. Ein ganzes, ungeteiltes Volk ist der einzig wahre Kommunismus. Es hat soviele Kommunismen wie Völker in der Geschichte, und jeder Kommunismus muß sich verwirklichen, denn jedes Volk ist eine besondere Weltanschauung Gottes. Was Gott an der Welt geschaut hat, inspiziert auch der Weltgeist.

* * *

aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618




Wesen und Verfall Amerikas

Amerika werde, so hat Hegel zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorhergesagt, sich gegen Europa wenden, sobald seine kontinentale Landnahme beendet sei und die offene Westgrenze am Stillen Ozean ihren natürlichen Abschluß finde. Hegels Vorhersage [1. „Amerika ist … das Land der Zukunft, in welchem sich in vor uns liegenden Zeiten, etwa im Streite von Nord- und Südamerika, die weltgeschichtliche Wichtigkeit offenbaren soll; es ist ein Land der Sehnsucht für alle die, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt”, schreibt Hegel in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (Werke 12, ed. Moldenhauer/Michel, S. 114); in seiner „Ästhetik” (ed. Bassenge, 2. Bd., S. 423) spekuliert Hegel über ein in Zukunft mögliches Epos, das „den Sieg dereinstiger amerikanischer lebendiger Vernünftigkeit” den Triumph Amerikas über Europa erzählen könnte. „Denn in Europa ist jetzt jedes Volk von dem anderen beschränkt und darf von sich aus keinen Krieg mit einer anderen europäischen Nation anfangen; will man jetzt über Europa hinausschicken, so kann es nur nach Amerika sein.”] hat sich erfüllt. Heute ist Europa amerikanisiert, nachdem es in zwei Weltkriegen nur von Deutschland und seinen Verbündeten verteidigt wurde – vergeblich, weil England und Frankreich, die außereuropäisch ausgerichteten Kolonialmächte am Westrand unseres Erdteils, sich zu Brückenköpfen Amerikas herabwürdigten.

Gleich nach der Landung auf Sizilien die Staatsverwaltung zu zerstören und die Mafia wieder an die Macht zu bringen – das war Amerikas Eröffnungszug bei der Eroberung Europas. Die Erzwingung einer zweiten Systemzeit, also die Restauration des Parteiensystems in liberaler und bolschewistischer Variante, war der nächste Schritt zur Ersetzung europäischer Staatlichkeit durch Klassenherrschaft, wobei anfangs noch nachvollziehbare Gesellschaftsklassen, dann die politische Klasse und endlich die Klasse der Lumpen, das organisierte Verbrechen, zur Herrschaft kamen. Fast überall in Europa mehren sich die Anzeichen für Regierungskriminalität, die Macht liegt anscheinend in den Händen einer Koalition aus politischer und krimineller Klasse. Solche Verhältnisse sind aber zutiefst amerikanisch.

Das politische Denken ist am Ausgang des 20. Jahrhunderts im Umbruch von der Utopie zum Topos. Aus Nirgendwo kehren wir heim zum Gemeinplatz. Das Nirgendwo ist das Überall der nomadischen Weltbemächtigung, das ubi bene ibi patria jener Drittweltler, die – die Einheitswelt preisend – unter dem Banner der Menschenrechte jedes wohlwirtschaftende Kulturvolk abweiden wollen.

Das Nirgendwo ist überall; als politische Macht will es überall sein und überall herrschen: Es ist Globalinterventionist und Globalimperialist. Diese Macht ist utopische Macht schlechthin, die die Macht der Utopie entfaltet. Die Utopie als Macht ist die Macht der Entortung, die an zeitweisen Hauptlagerplätzen sich sammelt. Derzeitiger Hauptlagerplatz der nomadischen Weltherrschaft ist Amerika. In seiner Wirtschaft dominiert nicht das herstellende Kapital (als Mittel des Unternehmers), sondern das abgrasende Kapital (als Gegenstand des Spekulanten).

Die gegenständliche Kapitalauffassung ist außergeschichtlich und extraktiv-nomadisch; sie ist amerikanisch-jüdisch. Die mittelhafte Kapitalauffassung ist technisch-geschichtlich und seßhaft-herstellend; sie ist deutsch-germanisch. Als Militärmacht ist der nomadische Utopismus ein See- und Lufthüpfer, ein Wüstensturm, ein Waldentlauber und Feldvergifter, seine Taktik ist der Überfall. Die topische, fest verortete Militärmacht hingegen gründet auf dem Heer.

Seemächte wie Amerika sind nie fest begründet; sie schwimmen. So kann es mehrere Landmächte von Weltrang nebeneinander geben, aber immer nur eine Weltseemacht. Das Land gibt Maß, das Meer verführt zur Maßlosigkeit. Jede Seemacht hat das utopische Wesen des Weltmeeres an sich. Diese Mächte neigen außerdem zum parasitären Schiffsnomadismus, der früher oder später auf Grund läuft oder versenkt wird, wodurch die utopische Macht den ihr bestimmten Boden findet: den Meeresboden.

Seemächte sind Imperialisten. Sie bilden unheilige Reiche, weil das Meer keine Heiligtümer kennt, weder Balken hat noch die Himmelssäule trägt. Kein Götterhain und kein heiliger Berg finden sich in diesem Element, keine Ordnung und kein Recht vermögen im Wasser zu wurzeln. Das flüssige Element, wo es nicht im Boden versickert, sondern zur Ungeheuerlichkeit des Meeres sich versammelt, rechtfertigt kein Zutrauen, sondern stetes Mißtrauen im Bewußtsein von der Allgegenwärtigkeit der Gefahr. Dem Meere darf man so wenig vertrauen wie der Seemacht.

Das Meer schafft keinen Glauben, sondern neben seeräuberischer Grausamkeit die Frömmelei wie die Heuchelei. Im anglo-amerikanischen Falle wird sie überwölbt vom kalvinisch-puritanischen Utopismus der Erfolgsheiligkeit, also vom Wahne der Erringbarkeit ewigen Heils im Jenseits durch anschlußvermehrende Gesellschaftstätigkeit im Diesseits. Englands Verschwinden als Welt- und Seemacht kann mit Einschränkungen als paradigmatisch gelten für den Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika.

Amerika ist eine ganz besonders utopische Macht, deren Projektionen sich nicht in denen einer klassischen Seemacht erschöpfen; Amerika beschränkt sich nicht auf Krieg, Handel und Piraterie, nicht auf Globalstrategie und ozeanischen Größenwahn, der die Küsten fremder Erdteile als militärisch zu besetzende Gegenküste betrachtet. Erst im Krieg der Sterne, im kosmischen Utopismus von der Schiffahrt im All findet Amerika seinen vollen Wesensausdruck.

Daß Amerika wurde, was es ist, hat mehrere Ursachen. Vor allem ist es Neue Welt und damit der Abfall von der Alten Welt. Amerika ist der Abfall von Europa, versetzt mit Nomaden. Es ist ein Bevölkerungsamalgam aus Philistern und den Vertriebenen des Paradieses, aus entwurzelten Europäern der Unterschicht und aus Ostjuden. Weil aber die größte Einwanderergruppe der Vereinigten Staaten von Amerika nicht die Engländer, sondern die Deutschen sind (28 v.H.), ist der Aufstieg der utopischen Macht der Neuen Welt eine deutsche Schuld gegenüber der Geschichte, die mit zwei verlorenen Weltkriegen und einer gewonnenen Nachkriegszeit noch nicht getilgt ist, sondern erst mit der Europäisierung Amerikas.

Europa muß sich jetzt entamerikanisieren, seine Geschichtsfähigkeit wiederherstellen und die Macht der Utopie brechen, indem es die utopische Macht beseitigt. Die USA sind überwindbar durch Verortung seiner Einwohner in national homogenen Siedlungsräumen, worin sie sich sprachlich und sittlich neu einvolken und zu ihren europäischen Muttervölkem besondere Beziehungen herstellen können.

Es sollte also in Nordamerika nicht nur ein französisches Quebec und ein englisches Neu-England, sondern vor allem Deutschamerika als größten der neuen Volksstaaten sowie bedeutende neu-skandinavische Länder geben. Mit großer Wahrscheinlichkeit, schon auf Grund des Druckes nichteuropäischer Bevölkerungen, werden die wiedereuropäisierten Nationalstaaten Nordamerikas es sich wünschen, in die Weltordnung des Europas der Völker eingegliedert zu werden.

Wenn Deutschland nicht den europäisch-nationalstaatlichen Entwicklungsgang für Amerika erzwingt, werden die USA weiterhin den amerikanischen Weg in Europa und dem Rest der Welt durchsetzen; dann wird Europa auf amerikanische Weise und gemeinsam mit Amerika enden: entweder in einem blutigen Rassenkrieg, gleichzeitig auf beiden Seiten des atlantischen Ozeans, oder in einer stehengebliebenen Gesellschaft des indischen Typs, worin Klassen- und Rassengegensätze sich zu einem Kastensystem verfestigt haben. Die Dekonstruktion Amerikas mitsamt seiner Rekonstruktion ist also nicht nur eine Frage von Sein oder Nichtsein für Deutschland und das Europa der Völker, nicht nur eine allgemeine Entscheidung zwischen Chaos und Ordnung in der Welt und im irdisch zugänglichen Weltraum, sondern auch die Wegscheide von Erstarrung und Entwicklung.

Die Zusammensetzung der amerikanischen Ideologie ist eine verteufelte Mixtur aus Puritanismus, Alttestamenterei, Neuweltlichkeit, Gesellschaftsabsolutismus, Wild -West – Mythos sowie Missionarismus aus Unterlegenheitsgefühl (wie beim Polonismus und beim Panslawismus der Russen und Serben). Die Ideologie des Amerikanismus ist noch um einige Säuregrade schärfer als der Panslawismus, weil der Amerikanismus über den puritanischen Biblismus das menschheitsfeindliche Auserwähltheitsideologem in sich aufgesogen hat.

Die Pilgerväter waren, als sie nach Amerika auswanderten, Träger einer am europäischen Religionsgeschmack gescheiterten Extremsekte der kalvinistischen Reform. Der Kalvinismus war seinerseits schon ein gescheiterter Reformversuch des katholischen Glaubens, der in die Verabsolutierung der Gesellschaft sich verrannt hatte.

Der Puritanismus ist ein mit Engländern aufgeführter jüdischer Fundamentalismus, der schließlich den bloß ideologischen Juden, den Schiffs- und Kapitalnomaden vom WASP-Typ, entgleiten und in die Hände wirklicher Juden fallen mußte. Jetzt, zum schlechten Anfang vom guten Ende der utopischen Weltmacht, wedelt der Schwanz Israel mit dem Hund USA, der apokalyptische Wüstensturm Jahwes treibt atomare Brandschatzung bei allen Kulturvölkern rund um den Globus. Diese Form nomadischen Gelderwerbs ist jedoch sehr instabil; sie wird bald untergehen, denn die staatliche Nukleardrohung ist mit sehr viel mehr Risiko behaftet als der erwartbare private Nuklearterrorismus.

Scheitert der Vertrag über die Nichtweiterverbreitung der Atomwaffen am Schwarzmarkt, dann ist die außenpolitische Hauptwaffe gegen die Wiederauferstehung des Deutschen Reiches stumpf geworden. Die Verbilligung und Verbreitung taktischer und partisanentaktischer Atomwaffen bei kleinen und existenzbedrohten Mächten, insbesondere aber ihre Popularisierung bei den nationalen Befreiungsbewegungen der staatslosen Völker, die der amerikanische Totalitarismus als Un-Völker behandelt, wird die weltpolitische Blockade gegen Deutschland beenden, weil es als Atom- und Atomordnungsmacht nötig sein wird. Nichtdiskriminierende Atomwaffenverfügung und die ABC-Waffe als allgemeines Wahrzeichen souveräner Völker wird alle disziplinfähigen und technisch hochentwickelten Mächte zur Wahrung der Ordnung in diesem Zustand der Völkerfreiheit unentbehrlich machen. Die Achsenmächte Deutschland – Japan werden zumindest die technischen Führungsmächte einer Welt sein, in der das Prinzip Ein -Volk – ein – Staat mit allen waffentechnischen Freiheiten durchgesetzt ist, mitsamt der nur völkerrechtlich zu ordnenden Gefahren, die aus diesen Freiheiten erwachsen.

Das katholische Dogma hatte die Bibel und besonders das Alte Testament weitgehend vergessen gemacht; eine Europäisierung des Christentums, dieser morgenländischen Religionsvariante, durchgesetzt zu haben, das war unbestreitbares, geistesgeschichtliches Verdienst der Katholischen Kirche. Mit den Übersetzungen der Bibel in die europäischen Volkssprachen durch die protestantischen Reformer drang die Barbarei und der Größenwahn des semitischen Originals in das religiöse Bewußtsein der Europäer ein.

Wo nun die germanische Reform der katholischen Kirche, anders als bei Luther, mißlang, wie in den westeuropäischen Reformvarianten Anglikanismus, Puritanismus und Kalvinismus, dort blieb ein verstümmelter Katholizismus übrig, der die Werkheiligkeit durch die Erfolgsheiligkeit ersetzt hatte und der die Entgemeinschaftung, die Vereinzelung und schließlich das Unheilige Reich, den frömmelnden Imperialismus und globalen Interventionismus, hervortrieb.

In den westlichen Reformversuchen des kalvinischen Typs wurde nämlich das Moment der Gesellschaftlichkeit am menschlichen Gemeinwesen verabsolutiert und der gesellschaftliche Erfolg oder Mißerfolg des Einzelnen zum Beweis seines ewigen Heils oder seiner ewigen Verdammnis genommen. Die gewaltsame Durchsetzung dieser Weltanschauung in ihren religiösen, weltpolitischen und gesellschaftspolitischen Gestalten machte den Weg frei zur Verwandlung der Welt in einen Abfallhaufen. Mittels Kapitalismus und Demokratie werden alle hergebrachten Ordnungen zerstört, die Völker in den Abfallhaufen der Weltbevölkerung und die Volkswirtschaften in den Abfallhaufen der Weltressourcenbewirtschaftung verwandelt.

Kapitalismus und Demokratie haben eine ungebremste Zerstörungskraft, wenn sie nicht von Denkfiguren, die ihnen wesensfremd sind, beschränkt werden und ihre atomistisch-quantitative Eigenart ungestört entfalten können. Diese atomistische Weltsicht konzentriert sich dann ganz und gar auf die Währungseinheiten, in denen Kapitalien und ihre Gewinne, und auf die Stimmenzahlen, in denen demokratische Herrschaftspotentiale und ihre Machtzuwächse gemessen werden. Demokratie und Kapitalismus haben dieses atomistische Quantitätsdenken gemein; es endet in der Zerstörung aller Güter und aller Völker durch ihre Verwandlung in Währungseinheiten und in Stimmbürger. Die Einheitswährung für alle Weltkapitalien und das Einheitsstimmrecht für alle Mitbürger der Weltbevölkerung sind die logische Endstufe der kapitalistisch-demokratischen Denkfigur. In ihr ist eine Demokratie um so berechtigter, je größer die Zahl ihrer Stimmbürger, weshalb Demokratie auch nicht Herrschaft eines Volkes über sich selbst bedeutet, sondern Zerstörung aller wirklichen Völker, die dann sämtlich nur noch als Minderheit angesehen werden (wie heute etwa das Burenvolk), deren Herrschaft über sich selbst unstatthaft sei und sanktioniert werden müsse.

In Amerika ist diese Schreckliche Neue Welt wirklich geworden. Dem Schrecken ohne Ende folgt in der Regel ein Ende mit Schrecken. Dieser größte Schrecken steht der USA noch bevor. Der sittliche und wirtschaftliche Niedergang wird solange anhalten, wie man diesem größten Schrecken aus dem Wege zu gehen versucht: dem Rassenkrieg als Bürgerkrieg. Der rechte Zeitpunkt für eine Kantonalisierug der USA ist anscheinend schon versäumt.

Das beste Ende der USA wäre ihre Europäisierung, wäre die Zerlegung der totalitären Einheitsgesellschaft vom individuell-liberalistischen Typus in souveräne Volksstaaten, d. h. in reelle Nationen nach dem Grundsatz Ein – Volk – ein – Staat. Das schlechteste Ende der USA wäre der Rassenkrieg, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, natürlich-rassisch definierte Neuvölker ausschmelzen würde und keinen geschichtlich-kulturellen Anschluß an die Muttervölker brächte. Vom Ende der USA erleben wir heute einen schlechten Anfang: Der demokratische Kapitalismus scheint weltweit zu triumphieren.

Gleichzeitig unternehmen seit einigen Jahren amerikanische und kanadische Denker den Versuch einer geistigen Selbstheilung ihres Halbkontinents. Gesammelt haben sie sich unter dem Schlagwort des Kommunitarismus, also dem der Gemeindlichkeit, der kommunalen Gemeinschaft. Sie berufen sich auf den Geist der Gemeinschaft jener frühen Kommunen der Pioniere aus der Landnahmezeit.

Der Kanadier Charles Taylor bemängelt das Defizit an Repräsentation in der liberalen Demokratie und postuliert im Anschluß an Herder, Humboldt und Hamann den Primat des Metaphorischen im Gemeinwesen, das er als sprachlich zum Ausdruck findende Menschenvergemeinschaftung auffaßt. Er wendet sich philosophisch gegen den Falsifikationismus wie gegen das materielle Sender-Empfänger-Modell der Sprache, die ihm eine Findungsgemeinschaft ist, ein ununterbrochenes Zur-Sprache-Finden. Den dinglichen Wirklichkeitsbezug der Sprache sieht er durch die menschliche Aktivität gewährleistet. Daran ist soviel richtig, daß die Spracherzeugung ganz wie jede Menschen- und Volkserzeugung einer Zeugungslogik folgt, die immer eine Gemeinschaftslogik ist, aus der die Herstellungslogik der dinglichen Güter sich ableitet.

Andere Namen der kommunitaristischen Debatte sind Alsdair MacIntyre, William Sullivan, Michael Sandel, Robert Bellah und Michael Walzer. Ihre gemeinsame Überzeugung ist es, daß das Wesen der ungelösten Gegenwartsfragen in den westlich geprägten Ländern nur durch Rückbesinnung auf den Begriff der Gemeinschaft in den Blick zu bekommen sei. Der Gegenwart attestieren sie, eine Periode beschleunigter Vereinzelung zu sein, welche immer destruktivere Folgen zeitige und die amerikanischen Institutionen schwäche und zersetze. „Die Amerikaner“, schreiben Bellah u. a., „haben die Logik der Ausbeutung so ziemlich bis zum Äußersten getrieben. Es hat den Anschein, daß das nicht nur zum Scheitern auf höchsten Ebenen führt…, sondern auch zum persönlichen und familiären Zusammenbruch im Leben unserer Bürger. Die Zeit ist reif für ein neues Paradigma, dessen Grundmuster auf Kultivierung und nicht auf Ausbeutung zielt. „Es komme auf die Wiedergewinnung von Sinn und Zielen im Zusammenleben der Amerikaner an. „Was über lange Zeit als Idealismus abgetan worden ist, scheint heutzutage der einzig mögliche Realismus zu sein …” (FR 28. l. 92).

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In den Begriffen Hegels heißt das, die Amerikaner in ihrer derzeitigen individualistischen Verfassung verharren auf den Entwicklungsstufen des abstrakten Rechts und der Moralität, die Hochebene der Sittlichkeit bleibt für sie unerreichbar. Auf der Stufe der Moralität ist das Recht verinnerlicht und insoweit nicht mehr abstrakt, dafür aber den wilden Wünschen dieser Innerlichkeit ausgeliefert. Erst in der Familie sind diese Wünsche sittlich, weil das Individuum in dieser durch Liebe gestifteten Gemeinschaft aufgehoben ist, hier seinen individuellen Betätigungsdrang sowohl ausleben als auch einem sittlichen Ziel, dem Gemeinschaftsziel des Familienwohls, unterordnen kann. Daß es eine Familie in diesem europäischen Sinne in Amerika nicht gibt, sondern lediglich private Gesellschaftsverträge, zeigt schon die Tatsache, daß ein amerikanischer Farmer seinem mitarbeitenden Sohne Arbeitslohn zahlt; sobald zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern Vertragsverhältnisse eintreten, ist die Ehe realiter geschieden und die Familie aufgelöst.

Der amerikanische Liberalismus denkt das Individuum, wie William Sullivan in seinem Buch Reconstructing Public Philosophy (Berkeley 1982) ausführt, als von seinen Leidenschaften getrieben, in Furcht vor Mißgeschick und im Streben nach Bequemlichkeit, so daß alle menschlichen Beziehungen seiner Persönlichkeit äußerlich bleiben, im abstrakten Recht, also unsittlich. Dadurch würden Gemeinschaftsbeziehungen (die Sullivan Werte nennt) aufgelöst und in reine Machtbeziehungen verwandelt. Dem entspreche ein Begriff vom Wissen als der Auflösung komplexer Ganzheiten in einfache Elemente, weshalb der Liberalismus dem modernen Glauben an die Wissenschaft als einer Macht der Analyse und Rekombination zu Kontrollzwecken eng verbunden sei. In dieser sozialen Anwendung sei die Vernunft instrumentell geworden, ein Mittel zur Befriedigung individueller Wünsche, und Politik zum Machtkampf entartet. Weil aber die Vernunft kein Mittelbegriff, sondern ein Zielbegriff, und die Politik kein Machtbegriff, sondern ein Rechtsbegriff ist, folgt aus Sullivans Analyse sowohl die Unvernunft als auch die Politikunfähigkeit des Liberalismus im allgemeinen und Amerikas im besonderen.

Sullivan resümiert: „The whole liberal construction of an analytic science, an individualistic motivation, and an instrumental, utilitarian politics, which has seemed a complete and objectiveley secured – almost self-evident – view of human affairs, is now at sea.”[2. Übersetzung durch die Redaktion: „Die ganze liberale Konstruktion einer analytischen Wissenschaft, einer individualistischen Motivation und einer instrumentellen, nützlichkeitsorientierten Politik, die eine umfassende und objektiv gesicherte – beinahe sich selbst beweisende – Auffassung von den menschlichen Angelegenheiten zu sein schien, ist nun ins Schwimmen geraten.”] (p.28) – Amerika schwimmt, es ist „at sea”, d. h. grundlegend verwirrt. Die Dynamik des Zersetzungsprozesses weist Sullivan zufolge in Richtung der Auflösung aller sozialen Bindungen und im Extremfall zurück zum Naturzustand des Kampfes aller gegen alle; „the near desperation of the proponents of philosophic liberalism is understandable” [3. Die schiere Verzweiflung der Vertreter des philosophischen Liberalismus ist verständlich] (p. 58). Die Vorherrschaft der liberalen Ideologie in der öffentlichen Debatte verschlimmere das Problem: Die marktzentrierte Gesellschaft der Konkurrenz und der Erfolgsheiligkeit habe die liberale Errungenschaft der Sicherheit des Einzelnen und der allgemeinen Wohlfahrt unterhöhlt, und zwar durch nichts anderes als das Wirken des Liberalismus selber. Sullivan hält dagegen, daß der Einzelne und der Bürger nur zusammen mit dem commonwealth, dem Gemeinwesen, gedacht werden und ein menschliches Zusammenleben ohne die stabilisierenden Effekte einer lebendigen Gemeinschaft und ohne religiöse Lebensformen nicht gelingen könne.

In den Theorien der nordamerikanischen Kommunitaristen zeigen sich schon die religiösen Sollbruchstellen im vorhersehbaren Staatsuntergang der USA. Hauptunterschiede lassen sich zwischen klassisch-aristotelischer, katholisch-aristotelischer, deutsch-idealistischer und modern-judaistischer Denkrichtung ausmachen. Alle nicht-judaistischen Denker sind Modernismus-Kritiker, der amerikanische Jude Michael Walzer dagegen trägt den Gesellschaftstotalitarismus, die Einwanderungsideologie und den Kult der Moderne in die kommunitaristische Debatte hinein. Er meint, daß sich die politischen Ideen der Moderne aus einem Überlieferungsstrom herleiteten, der sich bis zu den Ursprüngen der jüdischen Religion zurückverfolgen lasse, und er meint dies völlig zu Recht. Die moderne Freiheitsidee sei nichts weiter als eine interpretierende Fortschreibung der Exoduserzählung der hebräischen Bibel, und der Gesellschaftsvertrag des Aufklärungsdenkens sei nach dem Muster der israelitischen Vorstellung vom Bunde Gottes mit seinem Volk entworfen. Daraus folgt für Walzer das Konzept einer interpretativen Moral für die Welt der Gegenwart[4. Ein Vertreter der interpretativen Moral ist der polnische Jude Andrzej Szczypiorski. In der Tiefdruck-Beilagc der FAZ vom 31.3.92 behauptet er, es gebe keine verbrecherischen Anschauungen, sondern nur verbrecherische Taten, und alles sei eine Frage der Interpretation. Insbesondere seien die kommunistischen Anschauungen nicht verbrecherisch, sondern auch edel“, weil der Kommunismus Gleichheit vertreten und nationale Begrenzungen verworfen habe. Da nun aber sowieso alles eine Frage der Interpretation sein soll, kommt es gar nicht mehr darauf an, ob Verbrechen begangen wurden oder nicht, sondern ob etwas als Verbrechen interpretiert werden kann. Umgekehrt ist dann ein dokumentierter siebenfacher Völkermord keineswegs ein Verbrechen, wenn der Interpret der Anschauung ist, das sei Gottes Gebot zur Einnahme des Gelobten Landes.] insgesamt, also ihre Talmudisierung. Damit stellt er den derzeitigen Geisteszustand der amerikanisierten Welt – die ewige Interpretation einer ruhelosen Wanderung – als erstrebenswertes Ziel dar; folglich ist Walzers Denken nicht kritisch, sondern affirmativ. Walzers Dreh, sein Denken doch noch als kommunitaristisch-gemeinschaftsbildend darzustellen, besteht darin, die liberalen Gesellschaften des Westens, also den Gesellschaftstotalitarismus selber, als Wert von gemeinschaftsstiftender Kraft auszugeben, der in ständiger Interpretation seiner ahasverischen Wanderungsgeschichten zu überliefern sei. Eine solch interpretative Erkenntnistheorie anzuerkennen hieße, den Talmudisten einen ewigen Sieg im Weltbewußtseinskrieg zuzugestehen.

Sind die Kommunitaristen noch insgesamt als Kritiker amerikanischer Zustände anzusehen, so die Kontraktualisten (z.B. Nozik, Rawls) als deren offene Affirmatoren. Jedes absolute Vertragsdenken kommt zum Ideal des Minimalstaates und endet vor dem Problem, der verelendeten Masse, der anschwellenden Sozialklientel, eine Form der Subsistenz zu gewähren, die nicht in food stamps, sondern in Geldzahlungen besteht, so daß bei ihnen über die Geldillusion und die (minimalisierte) Zugehörigkeit zur Konsumentenklasse eine kontraktualistische Ethik, also der freie Warenerwerb, zumindest formell aufrechtzuerhalten ist.

In Amerika hat der Klassenkampfgedanke nie wirklich Fuß fassen können, weil der Rassenkampf um diesen riesigen Raum sinnlich faßbar blieb: gegen Indianer, Neger und nichteuropäische Einwanderer. Umgekehrt kann der Rassenkampf aus dogmatischen Gründen völlig verneint werden (wie dies in der ehemaligen Sowjetunion tatsächlich der Fall gewesen war), er wird trotzdem mit Macht wieder hervorbrechen, denn jedes geschichtliche Klassenkampfkonzept im Sinne des Gesellschaftstotalitarismus bleibt auf den natürlichen Unterschied der Menschen angewiesen, um zwischen ihnen einen Unterscheid treffen zu können. Als Warenbesitzer und damit als Teilnehmer der bürgerlichen Gesellschaft unterscheiden sie sich nicht, vielmehr gleichen sie sich, denn am Markt ist eine Ware wie die andere und geringe Wertgröße des Warenindividuums ist durch Warenmasse aufzuwiegen. Der Kampf der Warenklassen gegeneinander wird zwar um die Maximierung der Wertgrößen geführt, dient also der Bestimmung des realen Tauschverhältnisses und seiner Normen, kann sich aber nicht an den identischen Verkehrsformen der Waren ausrichten, sondern allein an ihren nichtidentischen Naturalformen. Eine dieser Naturalbestimmungen an den Gütern und Vorgängen ist die Rasse, aber auch die Menschlichkeit, die Schönheit, die Natürlichkeit und Umweltverträglichkeit, der Artenschutz, die Haltbarkeit, die technische Reife, die Pflegebedürftigkeit oder die Humanisierung der Arbeitsplätze. Weltgeschichtlich ist denn auch Klassenideologie von Rassenideologie wiederholt abgelöst worden.

Der größte Teil der US-Bevölkerung wurde gebildet – ganz im Gegensatz zur ehemaligen SU-Bevölkerung – aus der Addition von Individuen, die, eines nach dem anderen, durch den Filter der Einwanderungsbehörden der großen Hafenstädte hindurchgegangen sind. Diese Individuen waren entwurzelt und, was das Entscheidende ist, sie hatten sich in einem Willensakt selbst entwurzelt. In Amerika bevorzugen sie zwar die Nachbarschaft von Einwanderern gleicher oder verwandter Volkszugehörigkeit, bilden also mehr oder weniger scharf abgegrenzte nationale Ghettos, die aber bislang nicht die Kraft haben, zu dem Boden eine ausschließliche Bindung, eine Heimatbindung eben, zu entwickeln. Solange die Nachkommen der ehemaligen Einwanderer auch in Amerika entwurzelt leben, ohne eine besondere, stammesmäßig und völkisch definierte Beziehung zu dem Land, auf dem sie siedeln, zu einer besonderen Heimat von fremdausschließender Kraft, behält Amerika den Charakter eines Einwanderungslandes. In diesem Sinne bedeutet ein Einwanderungsland immer Heimatlosigkeit in dem Land, in dem man wohnt und dessen Bürger man ist.

Nur ein Einwanderungsland konnte die formelle Staatsnation erfinden, also die abstruse Vorstellung entwickeln, man werde durch einen behördlichen Akt, durch die Erlaubnis, innerhalb eines Territoriums sich niederzulassen, zu einem Volksgenossen. Die entsprechenden Vorstellungen im Frankreich von 1789 ff. sind amerikanischer Import durch freimaurerische Ideenhändler.

Amerika behandelt die Gesellschaft als eine Ansammlung von Gruppen, den Staat aber als Summe einzelner Bürger. Der amerikanische Staat ist somit eine Einrichtung des abstrakten, äußerlichen Rechts, die aus Bürgern als Trägern von Menschenrechten besteht, und die amerikanische Gesellschaft ist das Kampffeld der Gruppenbelange. Beide sind vorsittliche Erscheinungen, die es bestenfalls zur Moralität bringen. Die Existenzmöglichkeit der USA bleibt erhalten, solange die scharfe Scheidung von Staat und Volk beibehalten werden kann. Schon ein souveräner Volksstaat Quebec könnte die Staatsräson der USA, wonach Volksgruppen immer nur freiwillige Gesellschaftsverbände sein dürfen, ins Wanken bringen. Der amerikanische Staat ist utopische Macht und der Versuch, die unsittliche Idee der über die Völker sich erhebenden Staatssouveränität zu verwirklichen. Das Experiment USA kann schon heute als gescheitert gelten. Die tatsächliche Selbstzerstörung des US-Staates bedarf einerseits stärkerer Stöße als der Zerfall des SU-Staates, wird andererseits aber aller Wahrscheinlichkeit nach weit schmerzhafter und blutiger verlaufen, weil der Liberalismus, im Unterschied zu seinem kleinen radikalen Bruder, dem Bolschewismus, noch nicht einmal zu einer Scheinlösung der Nationalitätenfrage gekommen ist.

Das Einwanderungsland USA, das seine eigene Entstehungsbedingung der Welt als Doktrin aufzwingt, ist der Todfeind aller gewachsenen Völker, weil seine Doktrin auf nichts anderes als auf den Volkstod dieser Völker zielt. Zu diesem Zweck hat die amerikanische Gesetzgebung schon im 19. Jahrhundert die Selbstbefreiung vom Vaterland, die Entvaterlandung der in Amerika anlandenden Einwanderer, zum Naturrecht eines jeden Menschen auf diesem Erdball deklariert: „Expatration is a natural and inherent right of all people“[5. „Die Entvaterlandung ist für jedermann ein natürliches und angeborendes Recht.&rbquo;] (Act of Congress of July 27, 1868). Diese amerikanische Vernichtungsstrategie gegen die wirklichen Völker, geführt im Namen demokratisierter Massen, hat heute den Höhepunkt seiner Angriffslust erreicht: Ein europäisches Land nach dem anderen definiert die amerikanisierte Weltmeinung zum Einwanderungsland um. Unter ihrem allgegenwärtigen Zwang wagt es keine europäische Regierung, das Jus sanguinis ihrer Staatsangehörigen zu verteidigen; stattdessen wird die Politik des amerikanischen Immigrationismus vollzogen, und zwar ohne die Qualifikationsanforderungen der wirklichen Einwanderungsländer. Ergebnis ist das Einströmen der Minderwertigen dieser Welt nach Europa. Das heißt nichts anderes als die Erklärung eines völkischen Vernichtungskrieges: unconditional surrender (bedingungslose Kapitulation) für alle reellen Nationen der Welt, die noch keine amerikanisierte Einzelwillensnation sind.

Die natürlichen Völker der Welt täten gut daran, die amerikanische Todesdrohung ernst zu nehmen. Wie die verblichene SU-Macht, so wollte auch die US-Macht zuerst die Weltrevolution, dann die Revolution in einem Land („Sozialismus in einem Land“) und schließlich deren Export in möglichst alle anderen Länder, damit ein sozialistisches bzw. immigrationistisches Weltsystem entstehe.

* * *




Der Gang der Geschichte

Der Gang der Weltgeschichte führt, Hegel zufolge, von China über Indien, Persien, Griechenland und Rom nach Deutschland. Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts scheint die Geschichte über England nach Amerika fortgelaufen und über den Pazifik hin wieder auf den chinesischen Kulturraum gestoßen zu sein. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend kann man aber den Eindruck gewinnen, daß das amerikanisch bestimmte 20. Jahrhundert nur eine Warteschleife im Gang der Weltgeschichte war, bevor sie sich von Deutschland aus auf den Weg nach Rußland macht und über die mongolischen Steppen zurück nach China kehrt.

Die Weltgeschichte ist der Gang des Geistes durch die Welt, die er durch Absehung seiner von sich selbst geschaffen hat. In dieser Welt sucht der Geist sich selbst, er sucht sich in Gestalten, die ihm entfremdet, weil entvollkommnet sind. Hier ist er also nicht absoluter Geist, sondern Weltgeist. Wird der Geist als Person gedacht und anerkannt, so ist der Gang der Geschichte der Gang Gottes durch die Welt, sein irdisches Dasein und seine Selbstauslegung in der Zeit. Zunächst (I) wollen wir uns das Wesen und den Gang der Geschichte vergegenwärtigen, wie ihn Hegel, der deutsche Aristoteles, gesehen hat. Anschließend (II) sei die geschichtsphilosophische Betrachtungsweise des Deutschen Idealismus auf die nachklassische Zeit Deutschlands angewandt und endlich (III) die künftige Ordnung Europas aus dem Geist seiner Völker entworfen.

I

Die Geschichte ist die Selbstauslegung des Geistes in der Zeit. Die Auslegung ist dem Ausgelegten gegenüber nachrangig. Das Selbst des Geistes ist er als absoluter Geist, die Zeitauslegung des Geistes ist er als Geschichte. Die Natur dagegen ist die Selbstauslegung des Geistes im Raum. Indem der Geist in Natur und Geschichte diese Arbeit der Selbstauslegung leistet, schöpft er zunehmend Gestalten, die ärmer an Eigensinn und reicher an geistigem Sinn, also geistreicher sind. Die Betrachtung des Ganges der Weltgeschichte ist ihre Vergeistigung und daher letztlich eine Theodizee, eine Rechtfertigung Gottes. In der Weltgeschichte selber liegt schon eine starke Aufforderung, sich mit ihr zu versöhnen, indem wir ihren Sinn erkennen und den darin manifestierten Geist erfassen.

Der Endzweck der Welt ist die Freiheit und in der Welt selber zu verwirklichen. Die Weltgeschichte geht auf geistigem Boden vor, die Entwicklung des Geistes ist ihre Substanz. Die Natur ist in der Geschichte nicht handelnd, sondern nur eine fremde Auslegung des Geistes, die in seine Zeitauslegung bisweilen einbricht oder auch auf sie überzugreifen scheint, aber wie ein Unwetter wieder verschwindet und geistig-substantiell folgenlos bleibt.

Ist das Wesen der Materie die Schwere, so das Wesen des Geistes die Freiheit; ist die Materie schwer, weil sie nach einem Mittelpunkt außer ihrer selbst drängt, also außereinander besteht und daher zusammengesetzt ist, so hat der Geist dagegen seinen Mittelpunkt in sich, hat die Einheit nicht außer sich, sondern er hat sie in sich gefunden. Der Geist ist in sich selbst und bei sich selbst. Die Materie hat ihre Substanz außer ihr; der Geist ist das Bei-sich-selbst-Sein. Dies eben ist die Freiheit. Dieses Beisichselbstsein des Geistes ist Selbstbewußtsein. Der Geist ist das Beurteilen seiner eigenen Natur. Die Weltgeschichte ist die Darstellung des Geistes, wie er sich das Wissen dessen, was er an sich ist, erarbeitet. Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zu dem Bewußtsein gekommen, daß der Mensch als Mensch frei ist, die Freiheit seine eigene Natur ausmacht. Dieses Prinzip auch in das weltliche Gemeinwesen einzubilden, das war eine schwere, lange Arbeit. Religion ist das Prinzip, also der bloße Anfang der Freiheit. Anwendung des zunächst religiösen Prinzips auf die Weltlichkeit ist der Verlauf der Geschichte. Sie ist Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, die zu ihrer Wirklichkeit wird.

Der Geist ist das Vollkommene und kann darum nichts als sich selbst, seinen eigenen Willen wollen. Der Geist als Einer, als ein Handelnder betrachtet, ist in sich vollkommener Besitzer seiner selbst, und als rechtmäßiger Besitzer ist der Geist Eigentümer seiner selbst und daher Gott. Gott regiert die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans, ist die Weltgeschichte. Nur das aus Gottes Plan Vollführte hat Wirklichkeit, das ihm Ungemäße ist nur faule Existenz. Es geht ums Erkennen der göttlichen Idee und um die Rechtfertigung der Wirklichkeit, wobei das Recht des Weltgeistes über alle besonderen Berechtigungen hinweggeht.

Die Leidenschaft ist das Betätigende, die Idee ist das Innere, der Staat ist das wirkliche sittliche Leben. In der Weltgeschichte kann nur von Völkern die Rede sein, die einen Staat bilden. Der Staat ist das Wahre, die Einheit des allgemeinen und subjektiven Willens. Der Staat ist die göttliche Idee, wie sie auf Erden vorhanden ist. Er ist so der näher bestimmte Gegenstand der Weltgeschichte überhaupt.

Der Geist der Familie ist ebenso ein substantielles Wesen als der Geist eines Volkes im Staate. Durch die Familiensittlichkeit (die Pietät) hat der Staat solche Individuen als Staatsangehörige, die schon für sich sittlich sind, denn als Personen sind sie dies nicht. Sie haben gelernt, sich als eins mit einem Ganzen zu empfinden. Aus patriarchalischen Verhältnissen entspringt die Theokratie, denn auf dieser Stufe ist die Familie noch nicht von der bürgerlichen Gesellschaft und vom Staate geschieden, so daß das Oberhaupt auch sein Priester ist.

Die Verfassung eines Volkes bildet mit seiner Religion, seiner Kunst und Philosophie eine Substanz, einen Geist. Der Staat ist eine individuelle Totalität. Die erste Produktion eines Staates ist herrisch und instinktartig. Aber auch Gehorsam und Gewalt, Furcht gegen einen Herrscher ist schon ein Zusammenhang des Willens. Schon in rohen Staaten muß auf die Partikularität Verzicht getan werden und ist der allgemeine Wille das Wesentliche. Ein Staat beginnt mit einem Königtum. Darauf tut das Besondere und Einzelne sich hervor in Aristokratie und Demokratie. Den Schluß macht die Unterwerfung dieser Besonderheit unter eine Macht, welche nur die monarchische sein kann. Es ist so ein erstes und ein zweites Königtum zu unterscheiden. Welche Verfassung eintritt, ist nicht Sache der Wahl; nur diejenige kann eintreten, die gerade dem Geiste des Volkes angemessen ist.

Der Staat ist die geistige Idee in der Äußerlichkeit des menschlichen Willens und seiner Freiheit. Das System der Freiheit ist die freie Entwicklung ihrer Momente als organischer Glieder, es ist ein gotischer Dombau. Das Sittliche ist die Einheit des subjektiven und allgemeinen Willens.

Das Wahre gelangt nicht nur zur Vorstellung und zum Gefühl, wie in der Religion, und zur Anschauung, wie in der Kunst, sondern auch zum denkenden Geist. Die Prinzipien des Staates müssen als an und für sich geltend betrachtet werden, und sie werden dies nur, insofern sie als Bestimmungen der göttlichen Natur selbst gewußt sind. Wie daher die Religion beschaffen ist, so der Staat und seine Verfas-sung; er ist wirklich aus der Religion hervorgegangen, und zwar so, daß der athenische, der römische Staat nur in dem spezifischen Heidentum dieser Völker möglich war, wie eben ein katholischer Staat einen anderen Geist und eine andere Verfassung hat als ein protestantischer.

Die geschichtlichen Taten und ihre Erzählung erscheinen zu gleicher Zeit. Die Entwicklung einer Sprache gehört aber noch nicht zur Geschichte der Völker, die sie sprechen. Die Sprache ist voreilig, sie treibt die Völker vorwärts und auseinander, bis sie entweder mit Staaten in Berührung kommen oder selber die Staatsbildung beginnen, so daß sie geschichtlich werden. Dabei ist jedes geschichtliche Volk von einem eigenen Prinzip – seinem besonderen Volksgeist – bestimmt. Dieser hat eine logische und eine empirische Seite. Das Logische dieses eigentümlichen Prinzips eines Volkes erscheint als seine bestimmte Besonderheit, die auf geschichtliche Weise zu zeigen, also zu erweisen ist. Die historische Nachweisbarkeit hängt jedoch vom logischen Vorweis ab. Das Prinzip eines Volkes ist sein Anfang; mit ihm hat es den Fang seiner Geschichte gemacht, ihre herstellungslogische Prozeßidee: den Vorausgang. Die Geschichte selber ist dann der Durchgang des ganzen Vorganges vom Vorausgang bis zum Ausgang. Das Prinzip, der Anfang eben, ist es, der den Durchgang der Geschichte bis zu ihrem Ausgang bestimmt. Der Gang ist das Prinzipielle, der Verlauf das Empirische an der Geschichte eines Volkes.

Der konkrete Volksgeist ist das zu Erkennende, das als Geist nur geistig, also durch Gedanken gefaßt werden kann. Der Volksgeist will sich selbst vollenden, also nicht nur sich zur Anschauung bringen, sondern zum expliziten Gedanken seiner selbst. Seine Vollendung ist sein Ende und der Anfang eines neuen Volksgeistes. Damit beginnt eine andere Epoche der Weltgeschichte.

Die Veränderung überhaupt ist Untergang und Aufgang, also beständiges Hervorgehen. Die geschichtlichen Veränderungen aber sind nicht bloß Verjüngungen, nicht bloß Rückgänge zu derselben Gestalt, sondern Verarbeitungen des Geistes, der durch jedes Erzeugnis seinen Stoff vervielfältigt. Der Geist schafft sich so eine unerschöpfliche Menge von Arbeitsaufgaben und Bearbeitungsstoffen.

Der Geist eines Volkes erfaßt sein Prinzip und erbaut aus diesem Anfang sich seine eigene Welt als Religion, Kultur, Gebräuche, Verfassung, Gesetze, alle sonstigen Einrichtungen und Taten. Der Einzelne inkorporiert sich dieser bereits fertigen und festen Welt seines Volkes. Ein Volk ist von sittlicher und kräftiger Natur, solange es sein Prinzip verwirklichen und die ihm gemäße Welt hervorbringen kann. Ist das Werk vollbracht, verschwindet aus dem ferneren Tun dieses Volkes das Interesse des Weltgeistes. Das Volk genießt sein Werk als seine Welt, die ihm zur Gewohnheit wird und aus der das höchste Interesse, der schöpferische Gegensatz, verschwunden ist. Sein Dasein wird langweilig, greisenhaft und weltgeschichtlich bedeutungslos. Dieses Schicksal des Volkes kann sich wenden, wenn es etwas Neues will, das von weltgeschichtlichem Interesse ist. Jenes Volk, das etwas wirklich Neues und damit in die weltgeschichtliche Arena zurückkehren will, muß sein Selbst, seine ganze bisherige Geschichte zum Opfer bringen. Das Opfer ist der Beginn des neuen Gemeinwesens, es gründet die geschichtlichen Subjekte. Das Opfer, das ein Volk darbringt, räumt ihm die Zeit seiner neuen Geschichte ein und zeitigt ihren Raum.

II

Das deutsche Volk hat nach der Auflösung des Ersten Reiches solch ein Neues gewollt und mit dem Zweiten Reich das protestantische Kaisertum geschaffen, das einen zweiten dreißigjährigen Krieg auf sich zog und damit seine weltgeschichtliche Bedeutung bewies. Die Entthronung des protestantischen Kaisers und die Verstümmelung seines Reiches haben die Märtyrer geschaffen, welche die legendären Grundlagen der neuen Ordnung eines Europas der freien Nationen bilden werden.

Das protestantische Kaisertum der Hohenzollern war in Deutschland aber nur als abstrakte Idee vorhanden, war wirklich nur im Prinzip, nur als Anfang. Die Bedingungen seines Entstehens, die geschichtliche Altlast des zugrundegegangenen Millenniums der deutschen Geschichte schwächte den Neuanfang. Österreich und damit das geschichtliche Denkmal des alten, katholischen Kaisertums war nicht überwunden und daher auch vom Zweiten Reich ausgeschlossen worden. Ebenso wurde kein Versuch gemacht, die Sezessionsstaaten des Alten Reiches – die Schweiz und die Beneluxländer – aufzunehmen. Es blieb somit nicht nur die Idee der Nation, sondern auch die des Reiches unverwirklicht, was sich zusammenfaßt im Nichtvorhandensein eines deutschen Königs. Weil nur Preußen, Sachsen usw. Königreiche waren, nicht aber der geschlossene Siedlungsraum des deutschen Volkes in Mitteleuropa zum Königreich Deutschland vereinigt wurde, mußte der Kaiser seinen Titel und die deutsche Nation ihre Reichsbildungspflicht gegenüber den Nachbarnationen verfehlen. Die Hohenzollern waren nicht Könige von Deutschland, also konnten sie nicht Kaiser von Europa werden.

An der Schwelle zum dritten Jahrtausend stellen sich Millenniumsfragen. Welchen Charakter soll das dritte Jahrtausend deutscher Geschichte haben? Was kennzeichnete die vergangenen zwei Jahrtausende? – Betrachten wir die Geschichte Deutschlands vom Jahre 9 bis zum Jahre 1990, so sehen wir sie in zwei Jahrtausende unterschieden. Die Zeit von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zum ersten Sachsenkaiser (919) ist dem Entstehen der deutschen Großstämme, der Herausbildung des Althochdeutschen als neuer gemeingermanischer Sprache und insgesamt der Volkwerdung der Deutschen gewidmet. Das Gemeinsame aller Germanen, ihr Gemeinschaftsunternehmen der südlich gerichteten Landnahme und des jahrhundertelangen Kampfes gegen Rom, besondert sich in den Frontstämmen am mittleren Abschnitt, was zur dauerhaften Verortung der allgemeinen Aufgabe in Mitteleuropa führt. Deutschland ist bis heute der Ort der germanischen Allgemeinheit, so daß Deutschfeindlichkeit und Antigermanismus zusammenfallen. Die Zeit vom ersten Sachsenkaiser bis zum letzten deutschen Kaiser (919-1919) umfaßt dann die Staatsgeschichte und damit die Nationwerdung des deutschen Volkes, die auch von Ludwig dem Deutschen (843) bis zu Adolf dem Österreicher (1945) datiert werden könnte. Das charakteristische Prinzip des Ersten Reiches tritt schon im Jahre 800 mit der vom Papst usurpierten Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom hervor, wo die deutsche Staatsgeschichte als Geschichte der Übergriffe der geistlichen Gewalt gegen die weltliche begann und erst 1806 endete. Vom Deutschen Idealismus ausgehend, beginnt die Geschichte der neuen Reichsidee, die in Bismarcks Gründung eines protestantischen Kaisertums ihren ersten Realisierungsversuch erlebte, der in einer Leidens- und Märtyrerzeit endete, einer weltweiten Deutschenverfolgung, die von 1914 bis 1990[1. Das erwies sich leider als eine viel zu optimistische Einschätzung.] dauerte.

III

Wie soll jetzt die deutsche Geschichte weitergehen und wie die europäische? Wie soll sich die geistige Macht entwickeln und wie die weltliche Macht?

Die deutsche Geschichte kann nur als Politik der schrittweisen Wiedervereinigungen aller Teile Deutschlands fortgesetzt werden. Die derzeitigen Regierungen in Deutschland allerdings wollen das Gegenteil, nämlich die Beendigungen der deutschen Geschichte und ihre Ersetzung durch EG-Geschichte. Sollte es gelingen, mit dem Einheitsmarkt und der EG als politischer Union ein neues Einheitsreich des karolingischen Typs auf die Beine zu stellen, ist dessen baldiger, von schweren sozialen Erschütterungen begleiteter Zerfall ebenso unausweichlich wie die Teilung des Reiches Karls des Großen es gewesen war.

Kern und Voraussetzung jeder echten Einigung Europas ist die Wiedervereinigung aller deutschen Stämme und Landschaften zu einem Königreich Deutschland. Die Wiedervereinigung des westlichen und mittleren Teiles begann, als die mitteldeutschen Flüchtlinge über Ungarn kamen und in Österreich wieder deutschen Boden betraten – eine Tatsache von höchster symbolischer Bedeutung. Die Wiedervereinigung sollte fortgesetzt werden durch eine Vereinigung Österreichs mit der Schweiz zu Bergdeutschland, dann mit den Beneluxländern und dem erweiterten Bundesdeutschland zum Königreich Deutschland. Dieses kann dann mit anderen europäischen Nationen je nach innerem Verwandtschaftsgrad Reichsbildungen der verschiedenen Formen eingehen. Entscheidend wird sein, daß die europäische Reichsbildung eine organische Völkerrechtsordnung darstellt und den Völkern Europas keine Einheitsgesellschaft aufzwingt, die ihre Souveränität zerstört.

Die künftigen deutschen Wiedervereinigungen sollen kein Anschluß und auch kein Beitritt sein, sondern wirkliche innere Vereinigungen der jeweiligen Landschaftsräson zu einem neuen Gesamtverstand Deutschlands. Deutschösterreich bewahrt nicht nur die Insignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, vor seinen Grenzen warten auch die südosteuropäischen Nationen, die dem Reich wieder angehören möchten – um ihres eigenen Wohles willen. Österreich bewahrt also das erste Jahrtausend deutscher Staatlichkeit, es überliefert die alte Reichsidee des katholischen Kaisertums durch sein bloßes Dasein. Die Schweiz dagegen hat Idee und Wirklichkeit der urgermanischen Landsgemeinde, die Einheit von Wehr- und Rechtsfähigkeit bewahrt, zudem Reste der burgundischen und norditalienischen Reichsangehörigkeiten. Ein einiges Bergdeutschland wird es nicht geben ohne die Wiederaneignung dieses partikularisierten deutschen Erbes. Die Österreichisierung der Schweiz ist ohne gleichzeitige Tellisierung Österreichs undenkbar.

Der Gegenbegriff zu Bergdeutschland ist Taldeutschland, dessen tiefste Gegend die Niederlande sind. Mit den Niederlanden ist Deutschland die Seemacht und die maritime Sichtweise insgesamt entfremdet worden, wodurch es Opfer des globalen Interventionismus maritimer Weltmächte werden konnte. Ferner ist die niederländische Sprache ein Alternativdeutsch, ein Platthochdeutsch, also ein Hochdeutsch, das nicht aus der mitteldeutschen Mundartengruppe entwickelt wurde, sondern aus der niederdeutschen. Die holländisch-flämische Sprache ist somit als gesamtdeutsches Kulturgut anzueignen, das von vornherein die mögliche Entwicklung einer hochdeutschen Sprache aus dem oberdeutschen Dialektkreis austariert.

Die Wiedervereinigung Berg- und Taldeutschlands vollzieht sich zuallererst auf geistigem Grunde, ist eine wechselseitige Anerkennung, Aneignung und anverwandelnde Verallgemeinerung der partikularen Prinzipien deutscher Siedlungsräume. Ihr spiritueller Kern kann nur die germanische Glaubensgemeinde in einer deutschen Reichskirche sein. Das Luthertum war nur die erste, christlich-traditionelle Fassung dieser germanisierten Kirche, deren philosophische Fassung der Deutsche Idealismus ist. Er bringt das geschichtliche Prinzip der Germanen – Freiheit und Treue – auf den Begriff.

Die künftigen Religionen der Deutschen mögen schwarzer Katholizismus, roter Protestantismus, grüne Naturfrömmigkeit und blasser Wissenschaftsglaube sein, – entscheidend ist ihre gemeinsame Verfassung als germanische Gemeinde. Jede künftige deutsche Glaubensgemeinde muß immer eine Landsgemeinde geistlicher Privateigentümer sein, also eine Versammlung solcher, die auf ihre Facon selig werden und also einen Glauben haben, der der ihrige ist. Dagegen hatten im Altertum die Menschen den Staatsgöttern zu opfern, wie sie dem Staat zu gehorchen hatten. Über die Götter selber konnte man sich lustig machen. In der germanischen Religiosität ist der Glaube des Einzelnen sakrosankt wie sein weltliches Privateigentum. Eine Pflicht zum öffentlichen Kultus gibt es nicht, aber Gotteslästerung ist ein Straftatbestand, der das geistige Privateigentum jedes Einzelnen ebenso beleidigt, wie der Satz vom Eigentum als Diebstahl jedes weltliche Privateigentum angreift.

Das künftige deutsche Reichskirchengesetz muß also ein germanisches Geistesverfassungsrecht sein, das zuvörderst den Glauben der Gläubigen, ihr geistliches Privateigentum, schützt. Jede Gemeinde ist dann freie Glaubensgemeinde und jedes weltliche Gemeinwesen ein Verein freier Menschen und keine Zwangsgemeinde. Damit erst ist die geistige Herrschaft der Antike beendet und jede Form des spirituellen Cäsarismus auch innerhalb des katholischen Glaubens überwunden und der Konzilsbewegung zum Sieg verholfen.

Die europäische Ordnungsaufgabe des wiedervereinigten deutschen Volkes besteht lediglich darin, daß Deutschland ein vorbildliches germanisches Gemeinwesen wird, also zu sich selbst kommt. Die anderen germanischen Nationen werden sich zu diesem geistigen, politischen und wirtschaftlichen Ordnungskern Europas in eine engere Beziehung setzen, die slawischen und romanischen Nationen in eine weitere oder nur andersartige Beziehung und dadurch ein völkerrechtliches Ordnungsgefüge herstellen, das sich fähig zeigt, gegen raumfremde Mächte ein Interventionsverbot durchzusetzen. Das Europäische Reich entsteht durch freiwillige Zuordnung der europäischen Nationen zum Kernvolk Europas, das aber selber erst wieder kernig werden und eine ganz neue innere Festigkeit gewinnen muß.

Instrumente dieser europäischen Völkerrechtsordnung wären die Freihandelszone (EFTA), die Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die europäische Außenpolitik (EAP) und für die germanischen Nationen außerdem noch der Währungsverbund sowie die sozial- und wirtschaftspolitische Union. Europas künftige Ordnung soll als Einheit des Mannigfaltigen, als Bau eines gotischen Domes ausgeführt sein und nicht als Tempel des Mammons.

Ein derart neugeordnetes Europa wird wieder Machtzentrum der Welt sein. Solch ein kommendes Machtzentrum kann aber ganz leicht Angriffsziel der ganzen Welt werden, wenn von ihm nicht rechtzeitig überzeugende Ideen der Weltordnung ausgehen. Als europäisches Weltordnungskonzept schlage ich daher eine Neuordnung der Welt nach Reichsprinzipien vor, die völkerrechtlich zu normieren sind und zugleich als Kategorien einer Sicherheitsordnung gelten. Grundidee dieser Neuordnung als Sicherheitsordnung ist die Einziehung globalstrategischer Wände in unseren Erdraum und ihre völkerrechtliche Normierung als tragende Teile des Bauwerks der Weltsicherheit.

Die globalstrategische Wand als völkerrechtliche Leitnorm der neuen Weltordnung ist aus mehreren Ordnungsbegriffen aufgebaut, die als völkerrechtliche Folgenormen zu fixieren sind: die Sicherheitszone, der Gestaltungsraum, der Subkontinent, die Einflußsphäre und der Konfliktraum von Mächten.

Unter Mächten seien verstanden Staaten, Nationalstaaten und Reiche. Fassen wir als Staat im äußeren Sinne jedes Rechtssubjekt, das das Recht zum Kriege hat, also von anderen Subjekten des Völkerrechts als ihresgleichen anerkannt ist, somit als formelles Völkerrechtssubjekt, so folgt, daß ein Nationalstaat ein reelles Völkerrechtssubjekt ist, dessen Naturalform oder Subjektsubstanz wirklich ein Volk ist, also die prozessierende Gemeinschaft von Abstammung, Sprache und Schicksal. Reiche hingegen sind Mächte, die aus einem reichsbildenden Volk und aus reichsangehörigen Völkern bestehen und also von einer Völkergemeinschaft bewohnt werden.

Reiche sind unterscheidbar nach der inneren Verfaßtheit ihrer Völkergemeinschaft. Besteht bloß der tatsächliche Unterschied von unterworfenen reichsangehörigen Völkern zum unterwerfenden reichsbildenden Volk, so handelt es sich um bloße Völkerreiche; typischerweise sind dies Großreiche, die im Innern als Einheitsreich verfaßt sind; deren Bewohnerschaft bildet ein explosives Völkergemisch, das durch Gewalt, Gleichmacherei und Primitivierung zusammengehalten werden muß. Reiche können aber auch als Staatenreiche verfaßt sein, worin die Einwohner im reichsbildenden Staat und in den reichsangehörigen Staaten organisiert sind. Die nächsthöhere Form des Reiches ist das Nationenreich, worin der reichsbildende Staat wie die reichsangehörigen Staaten organischer Nationalstaat (reelles Völkerrechtssubjekt) sind, keineswegs aber heterogene Staatsnation wie z.B. Frankreich oder Großbritannien. Die Sowjetunion war solch ein Nationenreich auf dem Papier. Denkbare Formen des Nationenreiches sind das Völkerfamilienreich, wie es dem Panslawismus vorschwebte, oder das Völkersippenreich, das hinter arischen Ordnungsideen aufleuchtete.

Alle Mächte haben das natürliche Bestreben, um sich herum eine Sicherheitszone zu legen, eine Einflußsphäre zu gewinnen, in einem Gestaltungsraum tätig zu sein und gegebenenfalls in einem begrenzten Konfliktraum ihre Interessen gegen fremde Ansprüche zu verteidigen.

Als völkerrechtlicher Gestaltungsraum Nordamerikas ist seit der Monroe-Doktrin Mittel- und Südamerika definiert; dieser Gestaltungsraum ist gewissermaßen senkrechter Natur, weil Subkontinent der gestaltenden Macht. Subkontinentale Gestaltungsräume sind richtige und daher haltbare Ordnungen, weil hierbei der nördliche Teil der Hemisphäre den südlichen führt, das Obere und das Untere im rechten Verhältnis zueinander stehen. Weltordnung wie Weltkarte sind dabei richtig ausgerichtet, nämlich genordet.

Die geostrategischen Achsen sind heute zu den Breitengraden hin verdreht; Nord-Süd ist eine Ordnungslinie, Ost-West aber eine Konfliktlinie. Die Verdrehung entstand durch die machtpolitische Ausschaltung Europas und die globalstrategische Degradierung Rußlands; erst die Afghanistan-Intervention hat Rußlands strategische Ordnungslinie sichtbar wiederhergestellt. Amerikas strategische Achse ist am extremsten ost-west-verdreht: nach Europa und Ostasien. Auch bei wohlgeordneten, subkontinentalen Gestaltungsräumen ist der ostasiatisch-pazifische Raum ein prädisponierter Konfliktraum, weil dort die derzeit niedergehende Welt und Großmächte mit aufstrebenden neuen Industriestaaten zusammentreffen und hier die Subkontinente geopolitisch nicht eindeutig sind.

Einflußsphären sind Einwirkungsmöglichkeiten einer Macht in das Gebiet anderer Mächte; diese Möglichkeiten sind auf ethnischen, sprachlichen oder kulturellen Verwandtschaften gegründet oder auch auf wirtschaftlichen Ausstrahlungen. So sind die baltischen Länder immer nordische Einflußsphäre geblieben, ebenso wie Elsaß-Lothringen deutsche Einflußsphäre. Das Österreich der Ära von Jalta bis Malta aber war etwas ganz Besonderes, nämlich eine doppelseitige Sicherheitszone für Rußland wie für die Westmächte und damit der historische Vorläufer zu der geostrategischen Wand Europa-Afrika.

In zehn Jahren spätestens[2. Klassischer Fall von revolutionärer Ungeduld.] wird Amerika, die derzeit (im Oktober 1990) einzige Weltmacht, dort angelangt sein, wo Rußland heute steht. Der Liberalismus Amerikas als älterer und erfolgreicherer Bruder des frühverstorbenen Kommunismus ist auch nur ein Kind des geistigen Cäsarismus. Die Sprößlinge dieser mumifizierten altrömischen Ideenfamilie haben den Völkern Europas tausend Jahre lang allerlei Geistesknechtschaft beschert. Aber dieses alte Abendland ist nun endlich in die ewige Nacht der Vergangenheit abgesunken.